Alle Artikel in: Kurz & Knapp

Kurz und knapp rezensiert im Oktober!

Der Oktober bringt zwei Graphic Novels mit starken weiblichen Protagonistinnen, ein düsteres Märchen vom Ende der Welt und einen Blick in das Innenleben einer Trollfabrik. Es gehört zu den erfreulichen Begleiterscheinungen der Debatten über die Marginalisierung weiblicher, queerer Perspektiven oder beschränkender Geschlechterstereotype, dass immer mehr Erzählungen aus solchen Blickwinkeln sichtbar werden. Bei Reprodukt sind in diesem Herbst gleich zwei Titel erschienen, die starke weibliche Hauptfiguren haben. Pirouetten von Tillie Walden dreht sich vor allem autobiographisch um das Suchen und Finden der eigenen Identität vor dem Hintergrund einer Sportart, die nach sehr starren, stereotypen Regeln funktioniert. Aufgewachsen in einer Familie, in der die Mutter keinen verlässlichen Ankerpunkt für Tillie bietet, beginnt sie früh mit dem Eiskunstlauf. Insbesondere wegen ihrer ersten Trainerin, deren Fürsorge für sie ein Ersatz ist für die desinteressierte Mutter, bleibt sie dabei. Je älter sie wird, desto mehr beginnt Tillie zu hinterfragen, was der Eiskunstlauf ihr wirklich bedeutet. Sie erzählt vom Erwachsenwerden, einem traumatischen Übergriff, von ihrem Coming-Out und den Schwierigkeiten, die ein Sport bedeutet, der, was Auftreten und Aussehen betrifft, für Frauen …

Kurz und knapp rezensiert im September.

Im September gibt es eine bunte Mischung aus Erzählungen, Wiederentdeckungen und einen “Meister” des packenden, psychologischen Krimis, der mich kalt ließ. Dennis Lehane gilt vielerorts als Meister seines Fachs, er lieferte die Buchvorlagen zu Mystic River und Shutter Island, er weiß psychologische Spannung aufzubauen und zu händeln. Sagt man so. Nun mag es sein, dass ich nur deshalb angesichts des neuen Romans nicht in Begeisterungsstürme ausbreche, weil ich seltener Krimis lese. Vielleicht liegt es aber auch ein bisschen am Roman selbst, der mit seinen über 500 Seiten eher ausladend geraten ist und sich absurd viel Zeit lässt, um in die Gänge zu kommen. Bis Seite 150 macht er diverse Handlungsstränge auf, es geht um Angstzustände der Protagonistin, um Journalismus angesichts verheerender Katastrophen, irgendwie auch um Public Shaming und eine gescheiterte Beziehung. Es passiert viel, aber nichts, was mich wirklich an den Roman bindet. Ich lese ihn am Ende irgendwie auch, weil ich wissen will, wann denn nun endlich der Betrug ins Spiel kommt, von dem auf dem Buchrücken die Rede ist. Es dauert lange. Als …

Kurz und knapp rezensiert im Juli!

Im Juli sitzen zwei Soldaten in einem Boot, steht eine Dorfgemeinschaft vor einschneidenden Veränderungen, erzählt von Schirach wieder Kriminalgeschichten und findet ein Schreibender zu sich selbst. Nichts in Sicht ist ein Klassiker der Nachkriegsliteratur. Gelobt von Größen wie Gottfried Benn oder Siegfried Lenz, von Reich Ranicki geadelt als “zeitgeschichtliches und künstlerisches Dokument”. Anlässlich von Rehns 100. Geburtstag (am 18.September) veröffentlicht der Verlag eine Neuausgabe mit einem Nachwort von Ursula März. Was geschieht nun also in diesem Klassiker? Ein amerikanischer Pilot und ein deutscher U-Boot Matrose treiben gemeinsam in einem Schlauchboot auf dem Atlantik. Der Zweite Weltkrieg ist noch nicht vorüber, sie müssten Feinde sein, aber bilden eine Schicksalsgemeinschaft. Einer von ihnen ist schwer verletzt, die Entzündung in seinem Armstumpf schreitet rasend voran. Sie haben nichts außer Whiskey, Schokolade und Zigaretten. Umgeben von Wasser drohen sie zu verdursten. Und es ist “nichts in Sicht”, keine Rettung, kein Land, kein Mensch. Jens Rehn beschreibt das Vegetieren, das einsame Dahinsiechen in so messerscharfer Sprache, dass man unweigerlich glaubt, mit in diesem Boot zu sitzen. So intim, so unerträglich, …

Kurz und knapp rezensiert im Juni!

Nach einer längeren Blogpause geht es im Juni um die Toten und ihr Resüme, pointierte Cartoons zu Kultur- und Literaturbetrieb, Utopien und eine unverzeihliche Grenzüberschreitung. Mit Der Trafikant (ab Herbst übrigens im Kino) und Ein ganzes Leben hat Robert Seethaler bereits feinsinnige, sprachlich sehr elegante Romane geschrieben; sein neuester Wurf ist ein Chor verschiedener Stimmen “vom Feld”. Auf dem Feld werden die Toten der Kleinstadt begraben und blicken nun nach ihrem Dahinscheiden auf ihre Leben zurück. Was ist geblieben, nachdem alles zu Ende war? Gewöhnlich können wir unser Leben nur betrachten, während wir noch Teil davon sind. Wir können nicht einfach aus uns selbst und dem Alltag heraustreten. Seethalers Erzählmodus erlaubt die Außenperspektive – schließlich sind alle Berichtenden bereits tot und wissen darum. Zentrum ihrer aller Leben ist “Paulstadt”. Sie sind Gemüsehändler, unglückliche Ehepaare, Verlassene, korrumpierte Lokalpolitiker, ein wahnhafter Pfarrer, ein Postbote. Stück für Sück setzt Seethaler die Kleinstadt mittels ihrer Einwohner zusammen, die mal ernüchtert und mal befriedet auf ihr Dasein zurückblicken. Dabei geraten nicht alle Kapitel gleichermaßen plastisch, immer aber sind sie empathisch …

Kurz und knapp rezensiert im April!

Im April geht es um das Erkenntnispotential von Bestsellern, eine Kulturgeschichte der Angst und das plötzliche Einbrechen einer Erkrankung, nach der nichts mehr ist wie es war. Bestseller sind die Bücher, die sich am besten verkaufen. So weit, so simpel. Beststeller sind die Bücher, denen es gelingt, eine große Zahl von Menschen thematisch oder stilistisch anzusprechen. Da wird es schon interessanter. Muss das zwingend bedeuten, dass Bestseller ein um Ecken, Kanten und Tiefe gebrachtes Massenprodukt sind? Was viele Leser*innen anspricht, darf natürlich nicht zu experimentell und kapriziös sein, das steigert nur das Risiko, Menschen auf dem Weg zu verlieren. Die Losung aber, dass Beststeller dem kulturell Anspruchsvollen grundsätzlich nichts zu sagen hätten, geht nicht auf. Wenn man sie am Ende schon selbst nicht lesen will, kann man in ihnen wenigstens nach den Spuren kultureller und gesellschaftlicher Trends suchen, wie Jörg Magenau das in seinem kurzweilig geschriebenen Bestseller-Potpourri tut. Er begegnet dabei dem jüngeren Trend  zur Selbstoptimierung genauso wie dem Bedürfnis nach “phantastischen Gegenwelten” angesichts von Waldsterben und Anti-AKW-Bewegung. Manch ein Buch erlebt seinen größten Erfolg …

Kurz und knapp rezensiert im Dezember!

Die Weihnachtstage sind so schnell vorübergegangen wie sie gekommen sind. Bis die Silvesterfeiern allerorts das neue Jahr einläuten, habe ich nochmal vier Bücher für euch, die ich im Dezember gelesen habe. Es geht um die Welt und unsere Zukunft, eine späte Rache, Lügen, die außer Kontrolle geraten und einen Unfall, der Leben verändert. Während vielerorts noch darüber gestritten wird, ob Flüchtlinge eine Gefahr für den Zusammenhalt der Gesellschaft darstellen und ob die Rückkehr zu nationaler Unabhängigheit nicht all unsere Probleme lösen könnte; während noch debattiert wird, ob der Klimawandel real ist und wie man Arbeitslose motivieren könnte, etwas zu leisten, finden ganz nebenbei die großen Umwälzungen statt. Philipp Blom beleuchtet in seinem Essay u.a. die wahrscheinlichen Folgen des voranschreitenden Klimawandels – Migration, unbewohnbare oder gänzlich verschwundene Gebiete – sowie die gravierenden Veränderungen des Arbeitslebens durch die Digitalisierung. Der Begriff der Arbeit und ihren Stellenwert werden wir überdenken müssen angesichts einer immer rasanter fortschreitenden Technisierung. Das Ziel heißt nicht mehr quasi Vollbeschäftigung, kann nicht mehr Vollbeschäftigung heißen, wenn Maschinen immer mehr Tätigkeiten übernehmen. Wir können nicht …

Kurz und knapp rezensiert im November!

Im November geht es um ein außergewöhnliches Talent, außergewöhnliche Taten und die Rückschau auf ein Leben. Die Lebensgeschichte von William James Sidis hat in diesem Herbst gleich zwei Autoren zu ihren Romanen inspiriert. Neben Morten Brask schreibt auch der deutsche Autor Klaus Cäsar Zehrer über die »wahre Geschichte« eines Wunderkindes, das bereits im Kleinkindalter diverse Fremdsprachen beherrschte, inklusive einer selbst erfundenen, und mit elf Jahren in Harvard Vorlesungen über höhere Mathematik hielt. William James Sidis wird ein IQ zwischen 250 und 300 nachgesagt, sein Geist ist darauf ausgelegt, komplexe Probleme zu lösen. Sidis ist vor allem das Ergebnis eines Erziehungsexperiments, an dessen Ende, wäre es nach seinem Vater Boris Sidis gegangen, ein Patentrezept für Genies gestanden hätte. Leider entwickelt sich nicht alles wie gewünscht. William schert aus, er fällt in Ungnade, weil er zwar hervorragend denken, aber kaum mit anderen interagieren kann. Die Zwischentöne menschlichen Umgangs sind ihm fremd, Humor versteht er nicht. Klaus Cäsar Zehrer erzählt diese Geschichte breit von ihrem Beginn als Idee und Theorie bis zum bitteren Ende, mit viel Einfühlungsvermögen, gefällig, …

Kurz und knapp rezensiert im September!

In der neuesten Ausgabe meines Kurzformates geht es um ein Panorama des 20. Jahrhunderts, den Kampf zwischen Wahn und Wirklichkeit und den Versuch, sich freizuschreiben von einem alles verschlingenden Erlebnis. Lübeck kennt sich aus mit kaputten Familien. Im Mittelpunkt dieses wagemutigen Panoramas steht einerseits ein Familienfluch, weitergegeben durch die Linie der Töchter, andererseits das 20. Jahrhundert. Prominent als Knotenpunkt vertreten ist Lübeck, pittoreske Hansestadt mit weit zurückreichender Geschichte. Svealena Kutschke hat sich viel vorgenommen mit ihrem Roman, begleitet drei Generationen der Familie Hinrichs durch Kaisertreue, Meuterei, Goldene Zwanziger, Weimarer Republik und Nationalsozialismus bis in die 90er Jahre. »Stadt aus Rauch« spielt mit folkloristischen Elementen wie dem Roggenbuk, lässt den Teufel immer wieder am Rande der Szenerie auftreten und Weichen stellen, gibt Unerklärliches zu Protokoll und greift aber auch immer wieder ganz handfeste politische und historische Ereignisse auf, in die sich die Familie als Zeitgenossen zwangsläufig verstrickt. Bei dieser Überfülle an Handlungssträngen und Ideen droht der Roman sich desöfteren zu verzetteln und zu zerfasern. Er will viel, das Große im Kleinen aufscheinen lassen, Lübecks Geschichte erzählen …

Kurz und knapp rezensiert im Juni!

Im Juni geht es um feministische Essays, ein ungewöhnliches Zoo-Exponat und die russische Schwermut aus französischer Feder. Rebecca Solnits Essayband beginnt mit einer exemplarischen Partysituation: ein Mann belehrt Solnit, ungefragt und zunächst ohne es zu wissen, über ihr eigenes Buch. Es bedarf einiger Anstrengung, um ihn davon zu unterrichten, dass das Buch, aus dessen Besprechung er so übereifrig zitiert, von der Frau stammt, die ihm gegenüber steht. Gelesen hat er es selbst noch nicht. Worum es aber geht: mit dem 2/5-Wissen glänzen und das Revier abstecken. Von da aus reißt Rebecca Solnit mit ihren Essays zahlreiche feministische Themen an: die Marginalisierung von weiblichen Stimmen in Machtpositionen (verbunden mit der Schwierigkeit, als Frau überhaupt in solche Positionen zu gelangen), die Häufigkeit von Gewalt gegen Frauen, insbesondere in Form von Vergewaltigung, Machtverschiebungen und -differenzen und die eheliche Gleichstellung von Homosexuellen. Solnit ist eine scharfe Beobachterin, die klug und differenziert argumentiert und eigene, auch unkonventionelle Gedanken entwickelt. Am Ende steht eine anregende Sammlung ganz verschiedener Texte zu den Themen Feminismus und Gleichberechtigung, die offen zutage treten lassen, was …

Kurz und knapp rezensiert im April

Nicht zu jedem Roman kann man sich in epischer Breite auslassen. Ein guter Grund für die überfällige Reanimation des Kurz & Knapp-Formats. Truman Capote – Handgeschnitzte Särge Mit Kaltblütig (1966) begründete Capote das Genre des Tatsachenromans. An diesen furiosen Erfolg konnte er nicht mehr anknüpfen, viel mehr kann man hier einen veritablen Karriereknick verorten. Handcarved Coffins, das Kein & Aber als eigenständiges Büchlein herausgebracht hat, erschien erstmals 1980 in der Textsammlung Music for Chameleons. Auch hier ist Capote auf der Spur skurriler Morde, die sich jedes Mal durch die Zusendung handgeschnitzter Miniatursärge mit einer Fotografie des Opfers ankündigen. Im Gegensatz zu Kaltblütig ist die Provenienz dieses Kriminalfalls unklar; ob er tatsächlich auf Tatsachen beruht, konnte nie letztgültig festgestellt werden. Obwohl Capote bis zu seinem Tod darauf bestand, dass es sich um eine wahre Begebenheit handelt (dem Text vorangestellt ist die Versicherung Tatsachenbericht eines amerikanischen Verbrechens) spricht vieles dafür, dass es sich um ein Potpourri aus verschiedenen Kriminalfällen handelt – mehr dazu hier. Auch stilistisch wählt Capote einen neuen Ansatz, indem er die Geschichte als Drama …