Alle Artikel in: Sachbuch

Francis Nenik – Reise durch ein tragikomisches Jahrhundert

Dass über Hasso Grabners Leben nicht schon diverse Biographien und wendungsreiche Biopics für die Leinwand existieren, wird nur durch einen allzu menschlichen, wenn auch bedauerlichen Umstand erklärlich: das Vergessen. Dass ein Mensch oder ein Werk dem gesellschaftlichen Vergessen zum Opfer fällt, hat in der Regel viele Gründe. Gut nur, dass man dieses Vergessen auch wieder rückgängig machen kann. Wüsste man nicht, dass Hasso Grabner keine Erfindung ist, man könnte Neniks Buch für einen gelungenen Schelmenroman halten. Im Mittelpunkt ein Protagonist, der von den historischen Wendungen des 20. Jahrhundert mal hier hin, mal dorthin getrieben wird und wie durch ein Wunder dem berühmten Lauf der Geschichte immer wieder ein Schnippchen schlägt, abseitige Pfade erschließt, unverschämtes Glück hat. Grabner, geboren 1911 in Leipzig, absolviert eine Buchhändlerlehre, an die er mehr zufällig gerät, weil er sich in ein Gespräch einmischt. Mit 18 schließt er sich dem kommunistischen Jugendverband an, verteilt einschlägige politische Schriften und gerät nach 1933 durch seine illegale Arbeit ins Visier der erstarkenden Nationalsozialisten. Es folgt nach einer Veurteilung ein Gefängnisaufenthalt, danach landet Grabner im KZ …

Garrard Conley – Boy Erased

Man mag es kaum glauben, aber auch im Jahr 2018 gibt es in Deutschland noch immer Konversionstherapien. Selbsternannte Heiler*innen haben sich darauf spezialisiert, Homosexuelle von ihrer vermeintlichen Erkrankung zu befreien, obwohl längst klar ist, dass Homosexualität keine Krankheit darstellt. Schon 1990 wurde Homosexualität aus dem Diagnosekatalog der Weltgesundheitsorganisation gestrichen. Insbesondere im evangelikalen Umfeld lässt man sich davon wenig beeindrucken. Der Verein Wüstenstrom titelt beispielsweise auf seiner Webseite: “Heute gibt die Schwulenbewegung (und zunehmend die Gesellschaft als Echo) das Denkverbot: lebe es aus, einen anderen Weg ist nicht denkbar. Wer anders denkt wird mundtot gemacht.” Schwulsein gilt in diesen Kreisen vor allem als Ausdruck eines unbewältigten Konflikts oder eines schwelenden Kindheitstraumas. So erlebt es auch Garrard Conley bei der christlichen Ex-Gay Organisation Love in Action. Homosexualität ist eine Strafe und eine Sünde, so der tiefe Glaube vieler christlicher Gemeinden. Conley wächst in den Südstaaten im Umfeld missionarischer Baptisten auf. Sein Vater ist Prediger und ein bekanntes Gesicht in der Kleinstadt, die Unfehlbarkeit der Bibel für die Gemeinde eine unverrückbare Tatsache. Eine wesentliche Säule der missionarischen Baptisten …

Maggie O’Farrell – Ich bin, ich bin, ich bin

Ist es die Endlichkeit, die einem Leben überhaupt erst Bedeutung und Sinn verleiht? Und wie oft sind wir dem eigenen Ende bislang entgangen, womöglich ohne es zu wissen? Maggie O’Farrell schildert Episoden ihres Lebens, in denen eben dieses Leben gefährdet war. Für wenige Sekunden und Minuten oder über lange Phasen der Krankheit. Gefährdet durch Dritte, den eigenen Leichtsinn oder den Zufall. Am Ende steht, trotz aller Konfrontation mit dem Tod, das Leben. Mit acht Jahren erkrankt Maggie O’Farrell an Enzephalitis. Sie kann nicht mehr laufen, nicht mehr sprechen, sich nicht mehr orientieren. Die Ärzte prognostizieren ein Leben als Pflegefall; vorausgesetzt es gibt ein Weiterleben. Entgegen aller Befürchtungen kämpft sich O’Farrell nicht nur aus dem Rollstuhl, sie lernt auch das Sprechen und das Schreiben wieder neu, macht unter massiv erschwerten Bedingungen am Ende einen regulären Schulabschluss. Es ist ihre erste, bewusste Begegnung mit dem Tod und der eigenen Endlichkeit. Es hätte dort schon vorbei sein können. Zu früh, zu schnell. Sie erinnert sich heute bruchstückhaft an die Hochphasen ihrer Krankheit, eingesperrt in den eigenen Körper und …

Connie Palmen – Die Sünde der Frau

In ihren vier Kurzessays beleuchtet Connie Palmen das Leben von vier Frauen, die sich alle in ähnlicher Weise nicht nur von den Erwartungen ihres Umfelds an das Frausein gelöst, sondern auch eine neue Person erschaffen haben, um ihren Wurzeln zu entkommen. Marilyn Monroe, Patricia Highsmith, Marguerite Duras und Jane Bowles wuchsen vaterlos in schwierigen Verhältnissen auf – und erschufen sich jeweils selbst als Kunstwerk neu. Auf der Rückseite des ausnehmend schön gestalteten Büchleins steht: Vier Frauen, vier Tragödien. Der Begriff “tragisch” wird heute inflationär verwendet, im Falle Connie Palmens darf man davon ausgehen, dass sie ihn nicht gedankenlos verwendet. Eine tragische Figur zu sein, bedeutet schuldlos schuldig zu werden, hineingeworfen zu werden in Umstände, die letztlich mittels komplizierter Verwicklungen zum Untergang führen. Schuldig geworden sind Monroe, Highsmith, Duras und Bowles vor allem an sich selbst. Ihnen allen gemein ist ein hohes Maß an Selbstzerstörung, ein unerbittlicher Umgang mit dem eigenen Ich. Sie waren Trinkerinnen, tablettenabhängig, depressiv, verzweifelt auf der Suche nach dem wahren Selbst hinter der Kunstfigur. Sie alle gaben sich neue Namen, um die …

Claudia Rankine – Citizen

Schwarz zu sein, bedeutet auch in der Gegenwart noch beschämend häufig, aufgrund dieses eigentlich bedeutungslosen Merkmals ausgegrenzt, diskriminiert und erniedrigt zu werden. “Der Schwarze” ist, wie viele rassistische oder antisemitische Stereotypen, nicht viel mehr als eine Konstruktion, die über Jahrhunderte hinweg tradiert worden ist. Tradiert von denen, die die Macht dazu hatten. Tradiert von denen, die sich ihrer selbst so wenig sicher waren, dass sie andere Menschen abwerten mussten, um sich ihres eigenes Wertes zu versichern. Bis heute. “Othering” wird der Prozess genannt, der das Fremde in Abgrenzung zum Eigenen definiert und hervorhebt. Claudia Rankine beschreibt in ihrem 2014 im Original erschienenen lyrischen Essay (oder ihrer essayistischen Lyrik?) die zerstörerische Kraft von Mikroaggression und offenem Rassismus. Rassismus muss nicht intendiert sein, um rassistisch zu sein. Grenzüberschreitende, abwertende Kommunikation kann auch im Alltag stattfinden, zwischen Tür und Angel. Dort, wo man sie nicht erwartet. Dort, wo sie schlimmstenfalls vielleicht sogar positiv gemeint ist, aber implizit eine Herabwürdigung des Gegenübers darstellt. Claudia Rankine stammt ursprünglich aus Jamaika und ist schwarz. Es wäre schön, wenn das nicht von …

Mareike Nieberding – Ach, Papa

Mit dem Erwachsenwerden verändert sich in der Regel auch die Beziehung zu den eigenen Eltern. Sie sind nicht mehr Felsen in der Brandung, nicht mehr die leuchtenden Vorbilder, die sie einst waren. Viel eher transformiert der eigene Abnabelungsprozess die Eltern zu ganz normalen Menschen mit einer eigenen Geschichte. Sie haben plötzlich Stärken und Schwächen, sie werden fehlbar, manchmal auch zu einer Negativfolie, an der man sich abarbeitet. Mareike Nieberding war immer ein Papa-Kind, aber nach ihrem Auszug reißt die Kommunikation insbesondere zu ihrem Vater ab. Ein gemeinsamer Ausflug soll ausloten, ob und wie beide wieder zueinander finden können. Meine eigene Geschichte ist eine vaterlose. Wo bei Mareike Nieberding ein kräftiger Kerl für sie in die Bresche springt, den MitschülerInnen schon seiner körperlichen Präsenz wegen für respekteinflößend halten, ist bei mir eine Leerstelle, die nie gefüllt wurde. Schon vor diesem Hintergrund interessierte mich, wie andere Vater-Tochter-Beziehungen gelebt und gerettet werden, wenn sie zu zerbrechen drohen. Wahrscheinlich gehört es zu den gängigen Erfahrungen, von den Eltern wenig zu wissen. Obwohl man einen Haufen Zeit miteinander verbringt, weiß …

Franziska Seyboldt – Rattatatam, mein Herz

2016 schrieb Franziska Seyboldt in der taz über ihre Angststörung, seit 2017 schreibt sie dort in einer eigenen Kolumne (Psycho) über psychische Erkrankungen. Es waren ehrliche, nahbare und offene Artikel darüber, wie es ist, mit krankhafter Angst zu leben. Wie es ist, wenn sich vor lauter Panik das Blickfeld verengt, das Herz rast und im Inneren bloß noch Alarmglocken schrillen: alle Zeichen auf Flucht. Aus diesen Artikeln ist nun ein Buch entstanden, das nicht etwa Ratgeber sein will oder Selbsthilfebuch. Es enthält keine Meditationsübungen oder Listen zum Abhaken, nicht die eine Lösung. Dafür aber charmant selbstironische Schilderungen darüber, wie es sich anfühlt, wenn die Angst einem im Nacken sitzt. Für Nicht-Betroffene ist es vermutlich unvorstellbar, in einer alltäglichen Situation von Panik überwältigt zu werden. Binnen Sekunden rast der Puls ohne Geschwindigkeitslimit, im Hals schwillt ein Kloß zu unnatürlicher Größe, die Hände werden schwitzig, die Wahrnehmung verändert sich. Plötzlich ist die Welt eng und bedrohlich, alles zum Ersticken nah, zu laut und gleichzeitig hinter einer schlierigen Milchglasscheibe. Von außen ist an diesen Situationen nichts Besonderes zu …

Lena Grossmüller – Reiseführer des Zufalls

Wenn es heute heißt, man solle jeden Tag ausschöpfen und jeden Tag genießen, verträgt sich das nur bedingt mit planlosen Dahintreiben oder genussvollem Nichtstun. Auch beim Reisen gibt es ungeschriebene Regeln: Touristenattraktionen besuchen oder eben gerade nicht. Die Zeit engmaschig verplanen, um die richtigen Instagramfotos schießen zu können. Allein reisen, weil das der Selbstfindung dient. Wenige Reisende überlassen sich absichtslos dem Zufall. Lena Grossmüller liefert für alle Zuffallsaspiranten einen Reiseführer und Essayband in Personalunion, ein Plädoyer für Entdeckungen, die man nicht beabsichtigt. Ich gebe zu – ich bin keine Fernreisende. Überhaupt reise ich selten. Da bietet es sich an, dass Lena Grossmüllers Reiseführer des Zufalls auch überall dort Anwendung finden kann, wo man eine Haustür hinter sich zuschlägt und unbekanntes Gebiet betritt. Das Credo lautet eben diesmal nicht: YOLO. Es lautet nicht: Nimm, was du kriegen kannst und pack auch noch was für später ein. Es lautet: Geh halt los, ohne etwas zu erwarten. Und damit sind sowohl Erwartungen an den Ort der Reise als auch an den Reisenden selbst gemeint. Nicht, dass man sich …

Anne Ameri-Siemens – Ein Tag im Herbst

Der »Deutsche Herbst« jährt sich in diesem Jahr zum vierzigsten Mal. Im September 1977 wird Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer von der RAF entführt, etwas über vier Wochen später die Lufthansamaschine »Landshut« in Zusammenarbeit mit palästinensischen Terroristen. Ziel ist es, die Inhaftierten in Stuttgart Stammheim aus dem Gefängnis freizupressen. Während die Passagiere der Landshut schließlich von der seinerzeit  jungen Spezialeinheit GSG9 befreit werden können, wird Schleyer von der RAF in einem Waldstück erschossen. Die Bundesregierung hatte sich geweigert, Schleyer gegen die Gefangenen auszutauschen. Anne Amerie-Siemens, die den Deutschen Herbst nicht bewusst erlebt hat, begibt sich mithilfe zahlreicher Zeitzeugen auf Spurensuche und schlägt auch implizit einen Bogen zur terroristischen Gefährdung heute. Terror ist keine Erfindung der letzten Jahre und ganz sicher nichts, auf das radikale Islamisten ein Monopol besäßen. Vom rechts- bis zum linksextremen Lager gibt es in der Geschichte zahlreiche Beispiele für terroristische Aktionen, die Rote Armee Fraktion, hervorgegangen aus einem radikalisierten Teil der 68er-Studentenbewegung, ist eines davon. Seit ihrer Gründung im Mai 1970 hat sie die junge Bundesrepublik entscheidend geprägt und dazu beigetragen, die Gräben …

Andrea Gerk – Lob der schlechten Laune

Wohin mit schlechter Laune in einer Gesellschaft, die positives Denken zur Grundvoraussetzung erfüllten Lebens macht? Überall solle man glücklich sein, konstruktiv, begeistert, voller Tatendrang, das Leben genießen. Ist schlechte Laune also immer ein destruktives Element? Und was ist das überhaupt, »schlechte Laune«? Andrea Gerk hat eine kleine Kulturgeschichte dieser unterschätzten Stimmungslage geschrieben, die implizit auch eine Kritik am Optimismuswahn unserer Zeit ist. Schlechte Laune gilt in diesen Tagen als ein Umstand, den man so schnell wie möglich beseitigen muss. Das Leben ist zu kurz, um mies drauf zu sein. Wie einem das gelingt, verraten unzählige Ratgeber aus dem Bereich optimistischen Lebensführung. Wenn einem das nicht gelingt, ist man wahrscheinlich ein unverbesserlicher, ineffizienter Stinkstiefel, der im Jammertal ganz selbstverantwortlich Rast macht. Was schlechte Laune ist, variiert je nach Definition. Eine kleine Verstimmung ohne akuten Auslöser, ein Leiden an der Verfasstheit der Welt, die so viel besser sien könnte als sie ist, ein eruptives Gebrodel im Inneren. Weltschmerz, Ärger, Wut, Enttäuschung. Andrea Gerk präsentiert einen launigen Querschnitt durch die Niederungen seelischen Missbehagens. Mittels vieler Beispiele aus Literatur …