Alle Artikel in: Sachbuch

Carolin Emcke – Ja heißt ja und …

Emckes neues Buch, das aus einem kreisenden und suchenden Monolog für die Bühne entstanden ist, wird vorrangig als Beitrag zur #MeToo-Debatte gewertet. Tatsächlich geht es zwar um sexuelle Gewalt und wie das Sprechen darüber möglich ist in einer Gesellschaft, die lieber so wenig wie möglich über Themen wie diese spricht – es geht aber auch um viel grundsätzlichere Fragen des Miteinanders und der Kommunikation. Wahrnehmung, schreibt Emcke, muss man üben. Viel zu oft setzen wir eigene Erfahrungen absolut, ohne darüber nachzudenken, dass sie immer nur einen Ausschnitt aus dem widerspiegeln, was insgesamt passiert. Um etwas für möglich zu halten, muss ich mir zunächst einmal darüber im Klaren sein, dass es passiert. Und ich muss dieses Bewusstsein immer wieder schärfen, Wahrnehmung trainieren. Was auf den ersten Blick vielleicht unterkomplex klingt, ist für die meisten Menschen im täglichen Leben schon eine veritable Herausforderung. Oft genug werden Erfahrungen anderer unter der Prämisse abgewertet, man habe das selbst noch nie erlebt (implizite Schlussfolgerung: Dann muss diese geschilderte Erfahrung entweder ein bedauerlicher Einzelfall oder gar komplett erlogen sein). Emcke schildert …

Verlosung: Mein Deutschbuch

Als ich im letzten Jahr gefragt wurde, ob ich Lust hätte, an einem Cornelsen-Buchprojekt teilzunehmen, das sich mit der Liebe zur deutschen Sprache beschäftigt, musste ich nicht so lange überlegen. Sprache ist mein Werkzeug, Sprache ist mein Hobby und geschriebene Sprache ist oft mein Notausgang. Einige Monate sind seit dieser ursprünglichen Anfrage nun vergangen, mittlerweile ist das Buch fertig. Weniger als klassisches Schulbuch konzipiert, sondern mehr als Einblick in die Vielfalt der Auseinandersetzung mit Sprache. Was lässt sich mit Sprache alles machen? Neben mir werden der Poetry Slammer Philipp Herold und die Indieband Treptow in diesem Buch ausführlich porträtiert. Wir alle haben eine Leidenschaft für Sprache und wir nutzen sie in ganz unterschiedlicher Weise. Für Wortkunst, Musik, Literaturbetrachtung. Das Buch enthält ein ausführliches Porträt jedes Protagonisten – sehr wertschätzend und pointiert geschrieben von Harald Willenbrock -, Fotos, Texte der Porträtierten (in meinem Fall Rezensionen zu Clemens Setz, Andrea Gerk und Richard McGuire) und Antworten auf drängende Fragen. Was an der deutschen Sprache toll ist, wie ein Deutschunterricht aussehen müsste, der Spaß macht, welche Worte der …

Adélaïde Bon – Das Mädchen auf dem Eisfeld

Adélaïde ist neun Jahre alt, als sie von einem Fremden im Treppenhaus ihres Wohnhauses missbraucht wird. Er lockt sie unter einem Vorwand zu sich und vergeht sich an dem Mädchen, das weder begreift, was im Moment selbst mit ihr geschieht noch die Chance bekommt, im unmittelbaren Anschluss an das Verbrechen dessen Tragweite zu erkennen. Es dauert über zwanzig Jahre, bis sie versteht und mit der Aufarbeitung beginnen kann. Sie hat ihn angesehen und mit dem Kopf genickt wie diese kleinen Hunde auf der Hutablage hinten im Auto. Ich bin lieb, ich bin hübsch, ich mag das, du bist mein Freund, du magst meinen dicken Po, du tust mir gut, ich bin eine Naschkatze, ich sage niemandem was davon, es ist unser Geheimnis, versprochen, ich sage niemandem was. Worte, die er ihr eingeredet hat und an die sie sich nicht erinnert, genauso wenig wie an das, was er ihr angetan hat. Das Mädchen auf dem Eisfeld Ein Tag im Mai verändert das Leben von Adélaïde grundlegend. Obwohl sie ihren Eltern davon erzählt und die Polizei eine …

Margarete Stokowski – Die letzten Tage des Patriarchats

Von ihren Gegnern und Feinden wird sie gern in vermeintlich ganz sachlicher Absicht „Kreischkowski“ genannt. Das soll wohl das Narrativ der hysterischen Feministin bedienen, die völlig von Sinnen ist, bisweilen gar unzurechnungsfähig. Wer Margarete Stokowskis Kolumnen liest – Die letzten Tage des Patriarchats versammelt ausgewählte Texte aus den Jahren 2011 bis 2018 – gelangt allerdings zu dem Schluss, dass es um die Zurechnungsfähigkeit der Kolumnistin eigentlich ziemlich gut bestellt ist. Geschrien wird übrigens auch nicht. Es hält sich ja hartnäckig das Gerücht, feministisches Engagement sei nicht mehr nötig. Wir lebten in der besten aller Welten – jetzt mal gleichberechtigungstechnisch gesprochen -, Frauen haben alles erreicht. Oder können alles erreichen, so theoretisch. Das heißt nicht unbedingt, dass das gern gesehen wird, wenn sie es tun. Aber sie könnten. Margarete Stokowski greift in ihren Kolumnen immer wieder aktuelle Debatten auf – #metoo, die Kölner Silvesternacht, die Ehe für alle, Sexismus, Rassismus, Frauenkörper und ihre Objektifizierung in Werbung und Boulevardmedien. Sie tut das immer mit Leichtigkeit und einer Ironie, die regelmäßig zu Missverständnissen bei denen führt, die Ironie …

Francis Nenik – Reise durch ein tragikomisches Jahrhundert

Dass über Hasso Grabners Leben nicht schon diverse Biographien und wendungsreiche Biopics für die Leinwand existieren, wird nur durch einen allzu menschlichen, wenn auch bedauerlichen Umstand erklärlich: das Vergessen. Dass ein Mensch oder ein Werk dem gesellschaftlichen Vergessen zum Opfer fällt, hat in der Regel viele Gründe. Gut nur, dass man dieses Vergessen auch wieder rückgängig machen kann. Wüsste man nicht, dass Hasso Grabner keine Erfindung ist, man könnte Neniks Buch für einen gelungenen Schelmenroman halten. Im Mittelpunkt ein Protagonist, der von den historischen Wendungen des 20. Jahrhundert mal hier hin, mal dorthin getrieben wird und wie durch ein Wunder dem berühmten Lauf der Geschichte immer wieder ein Schnippchen schlägt, abseitige Pfade erschließt, unverschämtes Glück hat. Grabner, geboren 1911 in Leipzig, absolviert eine Buchhändlerlehre, an die er mehr zufällig gerät, weil er sich in ein Gespräch einmischt. Mit 18 schließt er sich dem kommunistischen Jugendverband an, verteilt einschlägige politische Schriften und gerät nach 1933 durch seine illegale Arbeit ins Visier der erstarkenden Nationalsozialisten. Es folgt nach einer Veurteilung ein Gefängnisaufenthalt, danach landet Grabner im KZ …

Garrard Conley – Boy Erased

Man mag es kaum glauben, aber auch im Jahr 2018 gibt es in Deutschland noch immer Konversionstherapien. Selbsternannte Heiler*innen haben sich darauf spezialisiert, Homosexuelle von ihrer vermeintlichen Erkrankung zu befreien, obwohl längst klar ist, dass Homosexualität keine Krankheit darstellt. Schon 1990 wurde Homosexualität aus dem Diagnosekatalog der Weltgesundheitsorganisation gestrichen. Insbesondere im evangelikalen Umfeld lässt man sich davon wenig beeindrucken. Der Verein Wüstenstrom titelt beispielsweise auf seiner Webseite: “Heute gibt die Schwulenbewegung (und zunehmend die Gesellschaft als Echo) das Denkverbot: lebe es aus, einen anderen Weg ist nicht denkbar. Wer anders denkt wird mundtot gemacht.” Schwulsein gilt in diesen Kreisen vor allem als Ausdruck eines unbewältigten Konflikts oder eines schwelenden Kindheitstraumas. So erlebt es auch Garrard Conley bei der christlichen Ex-Gay Organisation Love in Action. Homosexualität ist eine Strafe und eine Sünde, so der tiefe Glaube vieler christlicher Gemeinden. Conley wächst in den Südstaaten im Umfeld missionarischer Baptisten auf. Sein Vater ist Prediger und ein bekanntes Gesicht in der Kleinstadt, die Unfehlbarkeit der Bibel für die Gemeinde eine unverrückbare Tatsache. Eine wesentliche Säule der missionarischen Baptisten …

Maggie O’Farrell – Ich bin, ich bin, ich bin

Ist es die Endlichkeit, die einem Leben überhaupt erst Bedeutung und Sinn verleiht? Und wie oft sind wir dem eigenen Ende bislang entgangen, womöglich ohne es zu wissen? Maggie O’Farrell schildert Episoden ihres Lebens, in denen eben dieses Leben gefährdet war. Für wenige Sekunden und Minuten oder über lange Phasen der Krankheit. Gefährdet durch Dritte, den eigenen Leichtsinn oder den Zufall. Am Ende steht, trotz aller Konfrontation mit dem Tod, das Leben. Mit acht Jahren erkrankt Maggie O’Farrell an Enzephalitis. Sie kann nicht mehr laufen, nicht mehr sprechen, sich nicht mehr orientieren. Die Ärzte prognostizieren ein Leben als Pflegefall; vorausgesetzt es gibt ein Weiterleben. Entgegen aller Befürchtungen kämpft sich O’Farrell nicht nur aus dem Rollstuhl, sie lernt auch das Sprechen und das Schreiben wieder neu, macht unter massiv erschwerten Bedingungen am Ende einen regulären Schulabschluss. Es ist ihre erste, bewusste Begegnung mit dem Tod und der eigenen Endlichkeit. Es hätte dort schon vorbei sein können. Zu früh, zu schnell. Sie erinnert sich heute bruchstückhaft an die Hochphasen ihrer Krankheit, eingesperrt in den eigenen Körper und …

Connie Palmen – Die Sünde der Frau

In ihren vier Kurzessays beleuchtet Connie Palmen das Leben von vier Frauen, die sich alle in ähnlicher Weise nicht nur von den Erwartungen ihres Umfelds an das Frausein gelöst, sondern auch eine neue Person erschaffen haben, um ihren Wurzeln zu entkommen. Marilyn Monroe, Patricia Highsmith, Marguerite Duras und Jane Bowles wuchsen vaterlos in schwierigen Verhältnissen auf – und erschufen sich jeweils selbst als Kunstwerk neu. Auf der Rückseite des ausnehmend schön gestalteten Büchleins steht: Vier Frauen, vier Tragödien. Der Begriff “tragisch” wird heute inflationär verwendet, im Falle Connie Palmens darf man davon ausgehen, dass sie ihn nicht gedankenlos verwendet. Eine tragische Figur zu sein, bedeutet schuldlos schuldig zu werden, hineingeworfen zu werden in Umstände, die letztlich mittels komplizierter Verwicklungen zum Untergang führen. Schuldig geworden sind Monroe, Highsmith, Duras und Bowles vor allem an sich selbst. Ihnen allen gemein ist ein hohes Maß an Selbstzerstörung, ein unerbittlicher Umgang mit dem eigenen Ich. Sie waren Trinkerinnen, tablettenabhängig, depressiv, verzweifelt auf der Suche nach dem wahren Selbst hinter der Kunstfigur. Sie alle gaben sich neue Namen, um die …

Claudia Rankine – Citizen

Schwarz zu sein, bedeutet auch in der Gegenwart noch beschämend häufig, aufgrund dieses eigentlich bedeutungslosen Merkmals ausgegrenzt, diskriminiert und erniedrigt zu werden. “Der Schwarze” ist, wie viele rassistische oder antisemitische Stereotypen, nicht viel mehr als eine Konstruktion, die über Jahrhunderte hinweg tradiert worden ist. Tradiert von denen, die die Macht dazu hatten. Tradiert von denen, die sich ihrer selbst so wenig sicher waren, dass sie andere Menschen abwerten mussten, um sich ihres eigenes Wertes zu versichern. Bis heute. “Othering” wird der Prozess genannt, der das Fremde in Abgrenzung zum Eigenen definiert und hervorhebt. Claudia Rankine beschreibt in ihrem 2014 im Original erschienenen lyrischen Essay (oder ihrer essayistischen Lyrik?) die zerstörerische Kraft von Mikroaggression und offenem Rassismus. Rassismus muss nicht intendiert sein, um rassistisch zu sein. Grenzüberschreitende, abwertende Kommunikation kann auch im Alltag stattfinden, zwischen Tür und Angel. Dort, wo man sie nicht erwartet. Dort, wo sie schlimmstenfalls vielleicht sogar positiv gemeint ist, aber implizit eine Herabwürdigung des Gegenübers darstellt. Claudia Rankine stammt ursprünglich aus Jamaika und ist schwarz. Es wäre schön, wenn das nicht von …

Mareike Nieberding – Ach, Papa

Mit dem Erwachsenwerden verändert sich in der Regel auch die Beziehung zu den eigenen Eltern. Sie sind nicht mehr Felsen in der Brandung, nicht mehr die leuchtenden Vorbilder, die sie einst waren. Viel eher transformiert der eigene Abnabelungsprozess die Eltern zu ganz normalen Menschen mit einer eigenen Geschichte. Sie haben plötzlich Stärken und Schwächen, sie werden fehlbar, manchmal auch zu einer Negativfolie, an der man sich abarbeitet. Mareike Nieberding war immer ein Papa-Kind, aber nach ihrem Auszug reißt die Kommunikation insbesondere zu ihrem Vater ab. Ein gemeinsamer Ausflug soll ausloten, ob und wie beide wieder zueinander finden können. Meine eigene Geschichte ist eine vaterlose. Wo bei Mareike Nieberding ein kräftiger Kerl für sie in die Bresche springt, den MitschülerInnen schon seiner körperlichen Präsenz wegen für respekteinflößend halten, ist bei mir eine Leerstelle, die nie gefüllt wurde. Schon vor diesem Hintergrund interessierte mich, wie andere Vater-Tochter-Beziehungen gelebt und gerettet werden, wenn sie zu zerbrechen drohen. Wahrscheinlich gehört es zu den gängigen Erfahrungen, von den Eltern wenig zu wissen. Obwohl man einen Haufen Zeit miteinander verbringt, weiß …