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Maggie O’Farrell – Ich bin, ich bin, ich bin

Ist es die Endlichkeit, die einem Leben überhaupt erst Bedeutung und Sinn verleiht? Und wie oft sind wir dem eigenen Ende bislang entgangen, womöglich ohne es zu wissen? Maggie O’Farrell schildert Episoden ihres Lebens, in denen eben dieses Leben gefährdet war. Für wenige Sekunden und Minuten oder über lange Phasen der Krankheit. Gefährdet durch Dritte, den eigenen Leichtsinn oder den Zufall. Am Ende steht, trotz aller Konfrontation mit dem Tod, das Leben.

Mit acht Jahren erkrankt Maggie O’Farrell an Enzephalitis. Sie kann nicht mehr laufen, nicht mehr sprechen, sich nicht mehr orientieren. Die Ärzte prognostizieren ein Leben als Pflegefall; vorausgesetzt es gibt ein Weiterleben. Entgegen aller Befürchtungen kämpft sich O’Farrell nicht nur aus dem Rollstuhl, sie lernt auch das Sprechen und das Schreiben wieder neu, macht unter massiv erschwerten Bedingungen am Ende einen regulären Schulabschluss. Es ist ihre erste, bewusste Begegnung mit dem Tod und der eigenen Endlichkeit. Es hätte dort schon vorbei sein können. Zu früh, zu schnell. Sie erinnert sich heute bruchstückhaft an die Hochphasen ihrer Krankheit, eingesperrt in den eigenen Körper und zur Untätigkeit verdammt. Aber sie erinnert sich klar an einen Abend im Krankenhaus, an dem eine Schwester vor der Zimmertür einem kleinen Mädchen erklärt, dass das Mädchen im Zimmer, Maggie O’Farrell, bald sterben muss.

Der Schmerz glich nichts, was ich bis dahin kannte oder seither kennengelernt habe. Er war randlos, er war vollkommen, wie ein Ei in seiner Schale vollkommen ist. Und er war raumgreifend, ein Usurpator; ich wusste, er wollte das Ruder übernehmen, mich aus mir verdrängen wie ein böser Geist, ein Dämon.

Es folgen weitere Episoden ihres Lebens, jedes Kapitel ist überschrieben mit dem Ort der Gefahr an oder in ihrem Körper. Mit sechzehn springt sie leichtsinnig von einer Klippe ins Meer und ertrinkt fast, später kostet sie die komplizierte Geburt ihres Kindes beinahe das Leben. Das Zusammentreffen mit einem Mann, der kurz nach ihrer Begegnung eine Frau in O’Farrells Alter ermordet, überlebt sie wie durch ein Wunder. In China kämpft sie gegen einen bösartigen Parasiten, der ihren Körper auszehrt bis aufs Letzte. Im Indischen Ozean gerät sie in einen Strömungskanal, der sie aufs offene Meer hinaustreibt. Aber nicht immer sind es so offensichtliche Gefahren, in denen die Bedrohung des Lebens bereits in der Situation selbst spürbar ist. Manchmal sind es auch nur wenige Minuten, Sekunden vielleicht. Momente, in denen die Mutter die kleine Tochter, die unbemerkt aus dem Auto gestiegen ist, nur um wenige Zentimeter verfehlt, als sie den Kofferraum zuschlägt. Momente, in denen das Kind unbedarft auf die Straße und beinahe vor ein Auto taumelt. Augenblicke, in denen wenige Zentimeter darüber entschieden haben, von einem vorbeirasenden LKW nicht erfasst zu werden.

Ich wusste in diesem Moment, vielleicht zum ersten Mal, dass ich eines Tages sterben würde, dass irgendwann nichts mehr da sein würde von mir, meinen Fäustlingen, meinem Atem, meinen Locken, meiner Mütze. Diese Gewissheit hatte ich bis dahin noch nie empfunden. Mein Tod erschien mir wie eine Person, die dicht neben mir stand.

Verändern diese “Schrecksekunden” unser Leben? Wird es kostbarer, zerbrechlicher? Steht am Ende der Gleichung ein “Jetzt erst recht” oder ein “Ganz vorsichtig ab jetzt“? O’Farrells Schilderungen sind eindringlich, berührend und von einer beeindruckenden Stärke gezeichnet. Zu keinem Zeitpunkt geraten ihre Kapitel pathetisch oder gar kitschig. Viel mehr schlagen sie einen kraftvollen, klaren Ton an; nicht gebrochen durch die Widrigkeiten, aber sich der Zerbrechlichkeit bewusst, die in jedem Moment liegt. Fast jedes Kapitel ein kleiner Essay über das Leben und den Tod, darüber wie nah sie beide einander sind. Hin und wieder liest man Bücher, von denen man unbedingt anderen erzählen will. Bücher, die man gern verteilen würde an alle, die so zufällig des Weges kommen. Ich bin, ich bin, ich bin ist so ein Buch.

Maggie O’Farrell: Ich bin, ich bin, ich bin. Aus dem Englischen von Sabine Roth. Piper Verlag. 256 Seiten. 22,00 €.

3 Kommentare

  1. Juliana sagt

    Da kann ich mich Sonja nur anschließen. Es ist eines dieser Bücher, an denen ich sonst womöglich vorbeigehen würde. In letzter Zeit ist es mir aber hin und wieder an verschiedenen Orten begegnet und deine Besprechung hat meine Neugierde zusätzlich verstärkt. Ich behalte es auf jeden Fall im Hinterkopf!

    Viele Grüße
    Juliana

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