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Ottessa Moshfegh – Eileen

Eileen ist jung und lebt in X-Ville, einer namenlosen Kleinstadt irgendwo in den Vereinigten Staaten, es ist 1964. Ihre Mutter ist tot, ihr Vater ein paranoider Trinker. In der Verwaltung einer Jugendstrafanstalt verdient sie ein bisschen Geld und hofft darauf, die Tristesse dieses Lebens bald hinter sich zu lassen und aus ihrem ganz persönlichen Gefängnis auszubrechen. Alles, was sie braucht, ist ein kleiner Stoß in die richtige Richtung.

Eileen ist ein Mauerblümchen. Eine verschämte junge Frau, deren Zurückhaltung vor allem aus Angst entspringt. Alles ist ihr peinlich, insbesondere ihr eigener Körper und seine Funktionen. Sie fantasiert sich zwar in romantische Liebschaften mit einem Wärter des Jugendgefängnisses, in dem sie arbeitet, würde ihm aber niemals ernsthafte Avancen machen. Eileens Zuhause ist hoffnungslos zerrütet. Ihr Vater, ein ehemaliger Polizist versinkt in Alkohol und paranoiden Verschwörungstheorien über kriminelle Machenschaften und Netzwerke in der Stadt. Regelmäßig besorgt Eileen ihm den Nachschub – und fantasiert darüber, wie ihr Vater zufällig zu Tode kommen könnte. Wie ihn einer der Eiszapfen treffen könnte, die sich formschön am Rande des Vordachs gebildet haben. In ihren Fantasien und Tagträumen kommen die Wünsche zum Ausdruck, von deren Erfüllung sie in ihrer Wirklichkeit meilenweit entfernt ist. Eileen ist niemand, der die Initiative ergreift. Über ihre Arbeit und das Umfeld, in dem sie sie erledigt, macht sie sich wenig Gedanken. Die Jungen, die inhaftiert werden, müssen schlimme Kriminelle sein, viel weiter reicht ihre Einordnung der Umstände nicht. Diese festgefügten Strukturen und Denkmuster beginnen aufzubrechen, als eine Frau namens Rebecca den Dienst im Gefängnis antritt. Sie ist mondän und unkonventionell. Und sie ist alles, was Eileen gern wäre.

Das war das Bild, das ich damals von meiner Anatomie hatte: ein Gehirn wie verknotete Wolle, der Rumpf ein hohles Gefäß, als Unterleib ein unbekanntes, fremdes Land.

Ottessa Moshfegh erzählt im Grunde eine traurige, trostlose Geschichte von Ohnmacht, Elend und Einsamkeit. Das Besondere daran ist ihr Tonfall, der seine Schärfe und Unerbittlichkeit aus der Retrospektive gewinnt. Zwar ist Eileen Erzählerin ihrer eigenen Geschichte, jedoch sind seit den geschilderten Ereignissen viele Jahre vergangen. Eileen ist erwachsen, eine alte Frau, die mit der Weisheit der Erfahrung und trockenen Humor auf sich selbst zurückblickt. Obwohl sie ihre eigene Naivität, ihre Sehnsucht nach Anerkennung und Beziehung zu anderen offen schildert, kommentiert sie sie auch, belächelt sie. Aus dieser Art des Erzählens spricht eine Stärke und Widerstandsfähigkeit, von der man ahnt, dass sie auch aus den Geschehnissen gewachsen ist. Als das passiert, was schließlich Eileens Befreiung aus ihren erbärmlichen Lebensumständen ermöglicht – vielleicht sogar erzwingt – kann von dieser Zähigkeit zunächst noch keine Rede sein. Da geht es Eileen vor allem darum, Rebecca zu beeindrucken. Vor Rebecca als kühne, unkonventionelle Rebellin dazustehen, zu der die Ereignisse sie am Ende machen werden.

Aber ganz ehrlich: Selbst in diesen dunkelsten Augenblicken war die Vorstellung, dass jemand meinen nackten Leichnam untersuchen würde, schlimm genug, um mich am Leben zu halten. So sehr schämte ich mich meines Körpers. Auch die Idee, dass mein gewaltsames Ende keine Auswirkungen haben würde, beunruhigte mich. Dass ich mir das Hirn wegpusten könnte, und die Leute würden sagen: “Was soll’s. Komm, wir gehen was essen.”

Eileen erzählt implizit natürlich viel über die Frauenbilder der Zeit und ihre unmittelbare Wirkung auf eine junge Frau, die sich auf der Suche nach Halt und Geborgenheit bis zur Unkenntlichkeit verstellt und verbiegt. Wer bin ich und wie darf ich sein? Was wird von mir erwartet? Fragen, die sich allen, aber Eileen sicher unter deutlich erschwerten Bedingungen stellen. Dem Roman gelingt es, neben seinen pointierten und durchaus witzigen Schilderungen, eine immer größere Spannung aufzubauen. Etwas wird passieren, das streut die alte Eileen immer wieder ein. Es läuft auf einen Höhepunkt zu, der in Befreiung und Begreifen mündet, der beinahe eine Metamorphose ist. Und diese Spannung hält bis zuletzt. Eileen hatte mich, von der ersten Seite an. Durch die Sprache, durch diesen Kontrast zwischen tiefer Hilflosigkeit und angedeutetem Ausbruch. Ottessa Moshfegh ist eine Entdeckung!

Ottessa Moshfegh: Eileen. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. liebeskind Verlag (hier abgebildet ist die Lizenzausgabe der Büchergilde Gutenberg). 336 Seiten. 22,00 €.

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