Autor: Sophie

Isabel Bogdan – Laufen

Eine Frau läuft. An der Alster entlang und überholt von passionierten Langstreckenläufern mit Tracking-Gadgets versucht sie, in der Bewegung den Verlust zu begreifen, den sie gerade erlitten hat. Laufen ist ein Bewusstseinsstrom und die Rückeroberung eines Lebens. Laufen, so heißt es immer wieder, ordnet die Gedanken. Ein absichtsloses Spazieren ebenso wie die Fortbewegung im Laufschritt. Die Bewegung gibt den Rhythmus vor und Gedanken können ungehindert fließen. Von Ordnung ist in den Gedanken von Isabel Bogdans Protagonistin zunächst wenig zu spüren. Es ist lange her, dass sie zuletzt gelaufen ist. Jetzt versucht sie das Laufen zu nutzen, um mit sich selbst in inneren Dialog zu treten. Unlängst hat ihr Partner sich das Leben genommen. Alles ist überschattet von dieser Katastrophe, die zu viele Fragen hinterlassen hat, um sie jemals zu beantworten. Die Protagonistin wusste von seiner Depression, deren Ausmaß als Krankheit sie erst wirklich zu begreifen beginnt, als es zu spät ist. Sie macht sich Vorwürfe. Das Leid des Partners nicht bemerkt zu haben, keine ausreichende Stütze gewesen zu sein. Sie ist wütend, dass er sie …

Mareike Fallwickl – Das Licht ist hier viel heller

In Das Licht ist hier viel heller erzählt Mareike Fallwickl von Macht und ihrem Missbrauch, von Grenzverletzungen und Selbstverliebtheit, von Schönheitsidealen und Rollenbildern. Es ist ein Roman, in dem zeitgenössische Debatten kulminieren. Maximilian Wenger ist ein ziemlich toller Hecht. Der potenteste Fisch im Teich, Bestsellerautor und Lebemann; nur vorübergehend in einer Sinn- und Schaffenskrise. Seine letzten Romane sind gescheitert, Literaturblogger*innen haben ihn verhöhnt, das Feuilleton höflich ignoriert. Zu allem Überfluss hat seine Frau ihn wegen seiner Affären für einen jüngeren Fitness-Guru aus der Schweiz verlassen. Es könnte besser laufen, aber Wenger wäre nicht Wenger, wenn er nicht trotzdem unerschütterlich an die eigene Grandiosität glauben würde; selbst dann noch, als seine Schwester Elisabeth ihm in Tupperdosen das Essen vorbeibringt. Als er plötzlich Briefe von einer Frau erhält, die an seinen Vormieter adressiert sind, beginnt etwas ins Rollen zu geraten. In abwechselnden Kapiteln erzählt der Roman nicht nur von Wengers spektakulärem Comeback auf Kosten einer Fremden, sondern auch von dessen Kindern Zoey und Spin. Die haben seit jeher von ihren Eltern nicht viel gesehen. Der Vater als …

Frank Rudkoffsky – Fake

Max ist ein Schreikind. Nach seiner Geburt beginnt für Sophia und Jan ein Leben auf Zehenspitzen, jede ruhige Minute ist ein Geschenk, jede Stunde Schlaf eine Seltenheit. Sophia hat vorübergehend ihren guten Job bei Daimler aufgegeben, Jan ist freier Journalist mit zu wenig Aufträgen. Das Internet wird für beide der Ort, an dem sonst Verschwiegenes schließlich sichtbar wird. Was treibt einen Internet-Troll an? Was veranlasst Menschen, ein ganzes Leben oder eine lebensbedrohliche Krankheit zu erfinden? Das Internet im Allgemeinen und soziale Medien im Speziellen bieten zahllose Möglichkeiten, mit Identitäten und Biographien zu spielen. Manchmal ist es bereits die Liebe zum Spiel allein, die als Antrieb für Lügengeschichten dient. Manchmal ist es aber auch eine Lebenssituation, die so ohnmächtig macht, dass sie mit Macht und Kontrolle kompensiert werden muss. Als Sophia Max bekommt, ändert sich ihr Leben schlagartig. Max ist das Zentrum ihrer Welt, sein exzessives Schreien raubt ihr den letzten Nerv. Erst sind es nur kleine Sticheleien in Internetforen für Eltern, die Sophia aus Wut über Besserwisserinnen und Übermütter absetzt. Stück für Stück aber wird …

#buchpreisbloggen. Eva Schmidt: Die untalentierte Lügnerin

Maren kehrt nach einem gescheiterten Schauspielstudium und einem anschließenden Klinikaufenthalt zu ihrer Mutter und ihrem Stiefvater zurück. Konflikte, die unausgesprochen unter der Oberfläche schwelen, lassen die familiäre Fassade Stück für Stück auseinanderbrechen. Marens Freundin Lisa habe sich immer gewünscht, in einem so schönen Haus am See zu wohnen, heißt es im Roman. Maren habe es gut. Wie sie da so lebe zwischen Loungesesseln, teurem Sekt und bodentiefen Fenstern mit Blick auf die idyllische Natur. Innerhalb von Marens Familie ist wenig idyllisch. Ihre Mutter Vera ist eine erfolglose aber vielbeschäftigte Künstlerin mit eigenem Atelier, die für ihre Tochter wenig Wärme und Fürsorge erübrigen kann. Ihr Stiefvater Robert ist ein unangenehm diffuser Charakter, der immer wieder zwischen Unterstützung und Grenzüberschreitung changiert. Er bietet Maren eine seiner Wohnungen an, lässt sie einziehen, als die Spannungen mit der Mutter unerträglich werden, taucht immer wieder auf mit Geschenken und Geschichten, die die Beziehung zwischen ihm und Vera in einem anderen Licht erscheinen lassen. Sie sollte duschen. Stattdessen setzte sie sich neben die leicht geöffnete Terrassentür, trank Tee und rauchte. Wünschte …

Johannes Böhme über “Das Unglück schreitet schnell”.

In seinem bedrückenden Tatsachenroman Das Unglück schreitet schnell rekonstruiert Johannes Böhme ein Stück Familien- und Kriegsgeschichte. Hermann Bartens ist der erste Mann von Johannes’ Großmutter. Viel Zeit haben beide nicht miteinander, bevor der Krieg ausbricht. Aus dem Feld schreibt er Briefe nach Hause, immer um Fassung bemüht und die Grauen aussparend, die sich um ihn herum abspielen und die er selbst anrichtet. Aus Stalingrad kehrt er nicht mehr nach Hause zurück. Ich habe mit Johannes Böhme über sein Buch gesprochen. Was hat für dich den Anstoß gegeben, dieses Buch zu schreiben? Der erste Anstoß war ein Leseerlebnis, das schon etwas zurückliegt. Ich habe als ich 2015 in Paris gelebt habe, HHhH (Himmlers Hirn heißt Heydrich) von Laurent Binet gelesen. Das Buch erzählt die Ermordung Reinhard Heydrichs, die “Blonde Bestie”, den Gestapo-Chef und Organisator des Holocausts, durch zwei tschechoslowakische Widerstandskämpfer. Binet verbindet diese Geschichte eines Attentats mit Reflexionen über historische Wahrheit, mit seinen eigenen Beobachtungen über Prag, Tschechien, die Slowakei und irgendwie hatte ich damals das Gefühl, dass genau so eine zeitgemäße Art und Weise aussieht, …

Carolin Emcke – Ja heißt ja und …

Emckes neues Buch, das aus einem kreisenden und suchenden Monolog für die Bühne entstanden ist, wird vorrangig als Beitrag zur #MeToo-Debatte gewertet. Tatsächlich geht es zwar um sexuelle Gewalt und wie das Sprechen darüber möglich ist in einer Gesellschaft, die lieber so wenig wie möglich über Themen wie diese spricht – es geht aber auch um viel grundsätzlichere Fragen des Miteinanders und der Kommunikation. Wahrnehmung, schreibt Emcke, muss man üben. Viel zu oft setzen wir eigene Erfahrungen absolut, ohne darüber nachzudenken, dass sie immer nur einen Ausschnitt aus dem widerspiegeln, was insgesamt passiert. Um etwas für möglich zu halten, muss ich mir zunächst einmal darüber im Klaren sein, dass es passiert. Und ich muss dieses Bewusstsein immer wieder schärfen, Wahrnehmung trainieren. Was auf den ersten Blick vielleicht unterkomplex klingt, ist für die meisten Menschen im täglichen Leben schon eine veritable Herausforderung. Oft genug werden Erfahrungen anderer unter der Prämisse abgewertet, man habe das selbst noch nie erlebt (implizite Schlussfolgerung: Dann muss diese geschilderte Erfahrung entweder ein bedauerlicher Einzelfall oder gar komplett erlogen sein). Emcke schildert …

Kurz & knapp, Teil 2/19.

Im zweiten Teil Kurz & knapp für dieses Jahr geht es um traumatisierende Gewalt, Herkunft, Alltagsrassismus, Verschwörungstheorien und gute Kurzgeschichten. aufgeschrieben ist ein vielstimmiges Gespräch über Gewalt und Trauma. Über das, was davon bleibt, vom “Ich”, das lange sexualisierter Gewalt – z.B. in organisierten Strukturen – ausgesetzt ist. Der Text ist dicht, drückend, in Bewegung, bildhaft und verschlungen. Man begibt sich in ihn hinein wie in einen zeitlosen Raum. H.C. Rosenblatt betreibt seit langsam Ein Blog von Vielen, zu dem u.a. auch ein Podcast gehört. Er erzählt vom Leben mit dissoziativer Identitätsstruktur, vom Überleben, vom Kampf um Autonomie und dem normierenden Blick der anderen. aufgeschrieben ist ein Destillat dieser Themen, ein Ringen um Worte für das Unaussprechliche, der Versuch, sich schreibend zu erfahren. Es gibt keine Handlung im klassischen Sinne, sondern die Perspektiven verschiedener Persönlichkeiten, die alle jeweils Teile des Traumas tragen und verkörpern. Ein wichtiges Buch über ein Thema, das breitere Aufmerksamkeit und mehr Bereitschaft zur Auseinandersetzung verdient. H.C. Rosenblatt: aufgeschrieben. edition assemblage. 96 Seiten. 15,00 €. Der Platz erschien im Original bereits 1984. …

Lübecks Buchmacher 2019!

Bereits ein halbes Jahrzehnt wird Lübeck im April zum Schauplatz guter Literatur. Ich habe mich wieder dort umgesehen und neben einigen Fotos auch Buchtipps von den Verleger*innen und Verlagsmitarbeiter*innen mitgebracht. Es ist schön und erfreulich, etwas wachsen und gedeihen zu sehen. Das kann dieser Tage die frühlingshafte Flora sein oder auch am letzten Wochenende die Lübecker Buchmachermesse. Mit 31 teilnehmenden Verlagen war die längst flügge gewordene Indie-Messe so groß und vielseitig wie in keinem der vorangegangenen Jahre. Verlage wie Elif, cass, hochroth oder Schruf & Stipetic gaben 2019 ihr Debüt bei den Buchmachern und erweiterten das Spektrum um Lyrik, japanische und auch osteuropäische Literatur. Auch das ein Verdienst dieser Messe: Man kann jedes Jahr etwas Neues sehen, andere Entdeckungen machen und noch unbekanntes Gelände der deutschen Verlagslandschaft erschließen. Einige der Verlage hatten bereits Bücher norwegischer Autor*innen im Gepäck; die Frankfurter Buchmesse wird in diesem Jahr Norwegen als Gastland begrüßen und wirft ihre Schatten voraus. Nicht nur die schiere Anzahl der teilnehmenden Buchmacher*innen hat sich vergrößert, die Lesungen und Vorstellungen im Rahmen der Messe nehmen zu. …

Kurz & knapp rezensiert, Teil 1/19.

Es hat sich wieder so einiges auf meinem Schreibtisch angesammelt, von dem ich erzählen wollte. Allein Zeit und Worte fehlten mir. Deshalb jetzt: Ein frühlingshaft belebender Mix aus Romanen & Graphic Novel. Die Geschichte des männlichen Genies ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Im Rampenlicht der kluge, erfinderische Mann, dessen Geisteskraft ihn längst in unerreichbare Höhen katapultiert hat; in seinem Rücken die Frau, die ihm denselbigen frei hält. Auch wenn dieses Narrativ zunehmend hinterfragt wird, hat es lange Zeit erheblichen Einfluss darauf ausgeübt, was wir von weiblichen Perspektiven und Errungenschaften wissen. Liv Strömquist bricht in I’m every woman mit eben diesen Erzählungen, die die Frau zu einer Marginalie – oder schlimmer: zur zerstörerischen Furie – umdeuten. Anders als in Der Ursprung der Welt oder der Ursprung der Liebe geschieht das im aktuellen Band auf etwas losere, schlaglichtartige Weise. Es werden die unsäglichsten Lover der Geschichte gekürt, mit dabei Pablo Picasso (auf den auch Hannah Gadsby in ihrem Bühnenprogramm Nanette sehr ausführlich zu sprechen kommt), Albert Einstein und Edvard Munch. Strömquist zeichnet an gegen queerfeindliche und biologistische …

Das Thema ist Kassengift: Anselm Neft im Interview.

Unlängst ist sein Roman “Die bessere Geschichte” erschienen, der sich mit institutionellem Missbrauch beschäftigt. Ich habe mit Anselm Neft über das Thema Missbrauch im Roman gesprochen, über gesellschaftliche Debatten und den Tatort am Sonntag. Dein Roman steht jetzt seit vier Wochen in den Buchläden – wie waren die Reaktionen bislang? Gab es Überraschungen für dich? Ich bin tatsächlich überrascht darüber, wie positiv die Reaktionen sind. Fast täglich meldet sich eine begeisterte Leserin oder ein begeisterter Leser. Ich freue mich sehr darüber, andererseits frage ich mich manchmal, ob ich etwas falsch gemacht habe. Ich hatte mit mehr Widerstand und Widerspruch, auch mit Wut gerechnet. Offenbar renne ich nur eine offene Tür ein – und das schmeichelt meinem Autoren-Ego nur bedingt. Ein Buch über institutionellen, sexuellen Missbrauch zu schreiben, ist eine Sache. Ihn bei einem Verlag unterzubringen vermutlich noch eine andere, obwohl er sehr linear erzählt ist. Bist du da auf Schwierigkeiten oder Vorbehalte gestoßen? Ja. Zum einen bin ich von mehreren Leuten, die es wissen sollten, darauf hingewiesen worden, dass das Thema Kassengift sei und für …