Autor: Sophie

Bitte übernehmen Sie, Robert Seethaler!

Gerade ist sein neues Buch Das Feld erschienen. Ich freue mich sehr, dass Autor und Schauspieler Robert Seethaler die Zeit gefunden hat, an meiner Interviewreihe teilzunehmen. Das Schreiben begann für mich … wie für die meisten Kinder in der Grundschule. Bei mir war es eine Schule für Sehbehinderte, dementsprechend ging alles ein bisschen langsamer. Ein Buch muss … gar nichts. En Buch kann und darf. Wenn ich keine Bücher schreiben würde, könnte ich … vielleicht Bilder malen. Ein Kindheitstraum von mir war … keine dicke Brille mehr tragen zu müssen. Wenn ich nicht schlafen kann … starre ich gegen die Decke. Völlig unterschätzt wird … die Wirkung von Stille. Wenn ich Musik höre ,… geschieht das meist unfreiwillig, also geht sie mir auf die Nerven. Ich erfülle folgendes Autorenklischee: Ich kenne diese Klischees nicht. Eine meiner seltsamsten Angewohnheiten ist es … Beim Denken und reden vor vielen Leuten die Augen zu schließen. Literatur kann … einschläfern und aufwecken. Spaß machen und zum Heulen bringen. Verblöden und den Horizont erweitern. Robert Seethaler, geboren 1966 in Wien, …

Kurz und knapp rezensiert im Juni!

Nach einer längeren Blogpause geht es im Juni um die Toten und ihr Resüme, pointierte Cartoons zu Kultur- und Literaturbetrieb, Utopien und eine unverzeihliche Grenzüberschreitung. Mit Der Trafikant (ab Herbst übrigens im Kino) und Ein ganzes Leben hat Robert Seethaler bereits feinsinnige, sprachlich sehr elegante Romane geschrieben; sein neuester Wurf ist ein Chor verschiedener Stimmen “vom Feld”. Auf dem Feld werden die Toten der Kleinstadt begraben und blicken nun nach ihrem Dahinscheiden auf ihre Leben zurück. Was ist geblieben, nachdem alles zu Ende war? Gewöhnlich können wir unser Leben nur betrachten, während wir noch Teil davon sind. Wir können nicht einfach aus uns selbst und dem Alltag heraustreten. Seethalers Erzählmodus erlaubt die Außenperspektive – schließlich sind alle Berichtenden bereits tot und wissen darum. Zentrum ihrer aller Leben ist “Paulstadt”. Sie sind Gemüsehändler, unglückliche Ehepaare, Verlassene, korrumpierte Lokalpolitiker, ein wahnhafter Pfarrer, ein Postbote. Stück für Sück setzt Seethaler die Kleinstadt mittels ihrer Einwohner zusammen, die mal ernüchtert und mal befriedet auf ihr Dasein zurückblicken. Dabei geraten nicht alle Kapitel gleichermaßen plastisch, immer aber sind sie empathisch …

Clemens Setz – Bot

Ich sitze vor dem Monitor und “fahre” via Google Street View durch die menschenleeren Straßen der Kleinstadt Namie in der Präfektur Fukushima. Nach dem Tsunami und dem Reaktorunglück 2011 wurde die Stadt großteils evakuiert. Hier und da sieht man noch verwaiste Baumaschinen, Getränkeautomaten, am Ende einer baumgesäumten Straße einen angebundenen Hund. Sicher wird er abgeholt, ist er da nur “zwischengeparkt”, während ihm die Sonne auf den Pelz brennt. Das Google-Auto ist in einen schmalen, unbefestigten Weg eingebogen, eine Sackgasse, wie sich herausstellt. Dort steht ein Mann am Wegesrand, der skeptisch auf das Auto blickt. Auf jeder neuen Aufnahme ist er wieder zu sehen, immer ein Stückchen weiter vor dem Wagen. Je näher man ihm kommt, desto weiter scheint er weg zu sein. Warum ich das schreibe? Clemens Setz made me do it! Bot. Gespräch ohne Autor ist zuallererst ein formales Experiment. Weil ein herkömmlicher Interviewband gescheitert ist, entscheiden sich Clemens Setz und Angelika Klammer für eine alternative Lösung. Statt tatsächlich auf die gestellten Fragen zu antworten, überlässt Clemens Setz der Interviewerin seine persönlichen Aufzeichnungen über …

Kathrin Weßling – Super, und dir?

Marlene Beckmann ist Anfang dreißig und macht “Karriere” bei einem Start-Up-Unternehmen, das verzichtbaren Nonsens verkauft. Als Volontärin ist sie für die “Influencer-Relations” verantwortlich. Sie fühlt sich gut. Oder sollte sich gut fühlen. Ihr Arbeitsleben diffundiert immer weiter in ihr Privatleben hinein, bis beide notgedrungen ineinander aufgehen. Alles ist cool, alles ist Selbstoptimierung. Es läuft für Marlene, abwärts. Man kann heute alles werden, wenn man es nur will. Wenn es nicht klappt, hat man nicht genug gewollt, nicht genug gegeben, von sich und allem, was man hat. Der Arbeitsplatz ist ein Ort der Selbstverwirklichung, an dem man für alles dankbar zu sein hat. Für die Chancen und für das Glück, ganz egal, wie sinnlos die Tätigkeiten sind, mit denen man seinen Tag füllt. Immer positiv denken, immer happy sein, selbst wenn man eigentlich längst auf dem Zahnfleisch kriecht. Per Fitnessapp die eigene körperliche Leistungsfähigkeit tracken, sich auf Facebook als strahlende Gewinnerin präsentieren und von allen für sein geiles Leben bejubelt werden – Marlene tut alles, damit sich ihr Leben nach der Erfüllung anfühlt, die man ihr …

Kurz und knapp rezensiert im April!

Im April geht es um das Erkenntnispotential von Bestsellern, eine Kulturgeschichte der Angst und das plötzliche Einbrechen einer Erkrankung, nach der nichts mehr ist wie es war. Bestseller sind die Bücher, die sich am besten verkaufen. So weit, so simpel. Beststeller sind die Bücher, denen es gelingt, eine große Zahl von Menschen thematisch oder stilistisch anzusprechen. Da wird es schon interessanter. Muss das zwingend bedeuten, dass Bestseller ein um Ecken, Kanten und Tiefe gebrachtes Massenprodukt sind? Was viele Leser*innen anspricht, darf natürlich nicht zu experimentell und kapriziös sein, das steigert nur das Risiko, Menschen auf dem Weg zu verlieren. Die Losung aber, dass Beststeller dem kulturell Anspruchsvollen grundsätzlich nichts zu sagen hätten, geht nicht auf. Wenn man sie am Ende schon selbst nicht lesen will, kann man in ihnen wenigstens nach den Spuren kultureller und gesellschaftlicher Trends suchen, wie Jörg Magenau das in seinem kurzweilig geschriebenen Bestseller-Potpourri tut. Er begegnet dabei dem jüngeren Trend  zur Selbstoptimierung genauso wie dem Bedürfnis nach “phantastischen Gegenwelten” angesichts von Waldsterben und Anti-AKW-Bewegung. Manch ein Buch erlebt seinen größten Erfolg …

Die Buchmacher 2018!

Mit den ersten Sonnenstrahlen des Frühlings waren in diesem Jahr zum vierten Mal die Buchmacher zu Gast in der Lübecker Petrikirche. Wie immer gab es eine Menge zu sehen: vom politischen und historischen Sachbuch über Lesebühnenliteratur und Kinderbücher bis zur gehobenen Belletristik war für jeden Geschmack etwas vertreten. Mit dem frischgebackenen Prix Goncourt-Preisträger Éric Vuillard hatte die kleine Messe in diesem Jahr sogar einen Stargast auf “der Tagesordnung”. Zwei Tage im April sind mittlerweile verlässlich für Die Buchmacher* reserviert. Wer nicht nach Leipzig konnte oder wollte, wem Frankfurt zu turbulent ist und alles andere sowieso zu weit, wenn man auch einfach an die Ostsee fahren kann, der ist seit 2015 in Lübeck eigentlich richtig gut beraten. Kleine Indieverlage stellen seitdem sich und ihr Verlagsprogramm in den Mauern der Petrikirche interessierten Leser*innen vor, animieren zum Entdecken, laden zu Gesprächen ein. Zwei Tage lang ist das ein fröhliches Getümmel aus Literaturliebhaber*innen, Buchhändler*innen, Autor*innen und Neugierigen, die sich mal angucken wollen, was denn “unabhängige Verlage” eigentlich so machen. Man findet ihre Bücher selten auf Beststellerlisten oder als Stapelware …

Connie Palmen – Die Sünde der Frau

In ihren vier Kurzessays beleuchtet Connie Palmen das Leben von vier Frauen, die sich alle in ähnlicher Weise nicht nur von den Erwartungen ihres Umfelds an das Frausein gelöst, sondern auch eine neue Person erschaffen haben, um ihren Wurzeln zu entkommen. Marilyn Monroe, Patricia Highsmith, Marguerite Duras und Jane Bowles wuchsen vaterlos in schwierigen Verhältnissen auf – und erschufen sich jeweils selbst als Kunstwerk neu. Auf der Rückseite des ausnehmend schön gestalteten Büchleins steht: Vier Frauen, vier Tragödien. Der Begriff “tragisch” wird heute inflationär verwendet, im Falle Connie Palmens darf man davon ausgehen, dass sie ihn nicht gedankenlos verwendet. Eine tragische Figur zu sein, bedeutet schuldlos schuldig zu werden, hineingeworfen zu werden in Umstände, die letztlich mittels komplizierter Verwicklungen zum Untergang führen. Schuldig geworden sind Monroe, Highsmith, Duras und Bowles vor allem an sich selbst. Ihnen allen gemein ist ein hohes Maß an Selbstzerstörung, ein unerbittlicher Umgang mit dem eigenen Ich. Sie waren Trinkerinnen, tablettenabhängig, depressiv, verzweifelt auf der Suche nach dem wahren Selbst hinter der Kunstfigur. Sie alle gaben sich neue Namen, um die …

Reso Tscheischwili – Die Himmelblauen Berge

Ein Autor will in einem Verlagshaus sein Manuskript unterbringen. Was wie ein ganz alltäglicher Vorgang anmutet, wird bald zu einer absurden Posse über Bürokratie und Unbeweglichkeit. Reso Tscheischwilis Satire Die Himmelblauen Berge ist ein georgischer Klassiker, der nun erstmalig auf Deutsch erschienen ist. Eigentlich will Sosso bloß seinen Roman Die Himmelblauen Berge oder Tian Shan veröffentlichen lassen. Er bittet dafür um die Begutachtung seines Manuskripts und gerät in die gleichgültig mahlenden Getriebe eines Ortes, an dem nichts ist wie es scheint. Vor dem “pseudoklassischen Gerbäude aus den Dreißigerjahren” wird Motoball gespielt (auf knatternden Motorrädern sitzend spielt man sich den Ball hin und her), “hitzegeplagte” Autofahrer schauen mit “kühler Gleichgültigkeit” zu. Im Inneren des Gebäudes bröckelt der Putz von den Wänden. Sosso betritt, scheinbar nach längerer Abwesenheit, das Verlagshaus – in dem wenig von verlegerischem oder intellektuellem Esprit zu spüren ist – und bringt sein Manuskript unter die Leute. Mit Fortschreiten des Buches wird es gänzlich in seine Einzelteile zerlegt werden, einer liest den Anfang, der nächste zwei Drittel vom Schluss, ein anderer die Mitte, von …

Emma Glass – Peach

Es gibt Bücher, nach denen man sich selbst versehrt fühlt. Wie eine klaffende, pulsierende Wunde. Verstört. Mitgerissen von einem unaussprechlichen Unglück. Dieses ist so eins. Emma Glass hat mit Peach einen Debütroman geschrieben, der sämtliche Schmerzgrenzen überschreitet in seiner Kompromisslosigkeit. Ein surrealer Trip voller Gewalt und der klägliche Versuch, sich ihrer Spuren zu entledigen. Nichts für zarte Gemüter, nichts für schwache Nerven. Schon die ersten Sätze von Peach lassen erahnen, dass hier nicht konventionell und glatt erzählt wird. Viel eher liest sich der erste Absatz wie eine ins Stocken geratene Maschine, atemlos, ein schmerzerfülltes Stakkato voller Alliterationen und Assonanzen. Man strauchelt. Irgendetwas ist mit Peach geschehen. Sie ist ein junges Mädchen, ihre Knöchel sind aufgeschürft, sie spürt Schmerzen und Blut zwischen ihren Beinen, ihr Körper summt wie unter Strom. Irgendwie stolpert sie nach Hause, ihre Eltern bemerken nichts. Sie sind anzüglich, körperlich wie Teenager, die einander keine Sekunde unberührt lassen können. Gerade ist ein Baby geboren worden. Es heißt Baby. Und es ist süß, im wahrsten Sinne des Wortes. Mehrfach im Roman wird es wortwörtlich …

Claudia Rankine – Citizen

Schwarz zu sein, bedeutet auch in der Gegenwart noch beschämend häufig, aufgrund dieses eigentlich bedeutungslosen Merkmals ausgegrenzt, diskriminiert und erniedrigt zu werden. “Der Schwarze” ist, wie viele rassistische oder antisemitische Stereotypen, nicht viel mehr als eine Konstruktion, die über Jahrhunderte hinweg tradiert worden ist. Tradiert von denen, die die Macht dazu hatten. Tradiert von denen, die sich ihrer selbst so wenig sicher waren, dass sie andere Menschen abwerten mussten, um sich ihres eigenes Wertes zu versichern. Bis heute. “Othering” wird der Prozess genannt, der das Fremde in Abgrenzung zum Eigenen definiert und hervorhebt. Claudia Rankine beschreibt in ihrem 2014 im Original erschienenen lyrischen Essay (oder ihrer essayistischen Lyrik?) die zerstörerische Kraft von Mikroaggression und offenem Rassismus. Rassismus muss nicht intendiert sein, um rassistisch zu sein. Grenzüberschreitende, abwertende Kommunikation kann auch im Alltag stattfinden, zwischen Tür und Angel. Dort, wo man sie nicht erwartet. Dort, wo sie schlimmstenfalls vielleicht sogar positiv gemeint ist, aber implizit eine Herabwürdigung des Gegenübers darstellt. Claudia Rankine stammt ursprünglich aus Jamaika und ist schwarz. Es wäre schön, wenn das nicht von …