Autor: Sophie

Best of 2018

Das Jahr nähert sich dem Ende; es ist somit Zeit für die obligatorische Rückschau auf das im Jahr gelesene. Was hat besonderen Eindruck hinterlassen? Was wird über das Jahr 2018 hinaus im Kopf bleiben und weiterhin Schatten werfen? Ich habe mir elf Bücher herausgepickt, die mich auf ganz unterschiedliche Weise angesprochen und/oder durchgerüttelt haben. Zwei Dinge werden mir bei der Zusammenstellung klar. 1) Ich habe in diesem Jahr, ohne das zu forcieren, ziemlich viele sehr gute Bücher von Autorinnen gelesen. 2) Es waren in diesem Jahr insbesondere persönliche Geschichten, literarisch aufbereitet, die mich packen konnten und erreicht haben. Es geht oft um Menschen, die Haarsträubendes, Besonderes, Erschütterndes erlebt haben und diese Erlebnisse umwandeln in Sprache, in Erzählung, in Melodie. Das imponiert mir. Immer wieder. Aber nun zu den Büchern, die sich alle auch ausnehmend gut als Geschenke eignen, logisch! Claudia Rankine: Citizen Citizen beschreibt, mal essayistisch, mal lyrisch, mal in Form von Textcollagen einen Kampf, der nicht enden will. Aber er macht ihn in einer offenherzigen, berührenden und poetischen Art sichbar. Er adressiert ganz klar …

Gastbeitrag: Die Kamera war schuld. #dbp18

In diesem Jahr wurden erstmals offiziell fünf Lesekreise ausgewählt, die den Deutschen Buchpreis mit Diskussionen und Beiträgen begleiten durften. Nun ist der Buchpreis zwar offiziell verliehen – das Gespräch über die jeweiligen Bücher darf und kann aber ungehindert weitergehen. Es ging bei der Auswahl der Literaturkreise ziemlich international zu, von Bremerhaven über Washington D.C. nach Lübeck. Und weil ich zufällig in der letztgenannten Stadt lebe, bot sich an, Beiträge dieses Lesekreises (“Klappentext” mit Namen) auch auf meinem Blog zur Verfügung zu stellen. Dieses Mal geht es um Gert Loschütz’ Roman Ein schönes Paar. Samstagabend Ende Oktober Klappentext trifft sich zur Besprechung von Gert Loschütz‘ Roman „Ein schönes Paar“, einem der Titel der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2018. Tradition geworden ist es bei den Treffen, für den gemeinsamen Abend kulinarische Referenzen zur Lektüre anzubieten. Es gibt diesmal ostdeutsche Hallorenkugeln, westdeutsches Gemüse und italienischen Wein. Nach dem Tod seiner Eltern begibt sich der Journalist und Fotograf Philip auf Spurensuche, um die rätselhafte und tragische Beziehung seiner Eltern zu begreifen. Herta und Georg stammen aus der DDR, siedeln …

Francis Nenik – Reise durch ein tragikomisches Jahrhundert

Dass über Hasso Grabners Leben nicht schon diverse Biographien und wendungsreiche Biopics für die Leinwand existieren, wird nur durch einen allzu menschlichen, wenn auch bedauerlichen Umstand erklärlich: das Vergessen. Dass ein Mensch oder ein Werk dem gesellschaftlichen Vergessen zum Opfer fällt, hat in der Regel viele Gründe. Gut nur, dass man dieses Vergessen auch wieder rückgängig machen kann. Wüsste man nicht, dass Hasso Grabner keine Erfindung ist, man könnte Neniks Buch für einen gelungenen Schelmenroman halten. Im Mittelpunkt ein Protagonist, der von den historischen Wendungen des 20. Jahrhundert mal hier hin, mal dorthin getrieben wird und wie durch ein Wunder dem berühmten Lauf der Geschichte immer wieder ein Schnippchen schlägt, abseitige Pfade erschließt, unverschämtes Glück hat. Grabner, geboren 1911 in Leipzig, absolviert eine Buchhändlerlehre, an die er mehr zufällig gerät, weil er sich in ein Gespräch einmischt. Mit 18 schließt er sich dem kommunistischen Jugendverband an, verteilt einschlägige politische Schriften und gerät nach 1933 durch seine illegale Arbeit ins Visier der erstarkenden Nationalsozialisten. Es folgt nach einer Veurteilung ein Gefängnisaufenthalt, danach landet Grabner im KZ …

Gastbeitrag: Aufbruch in eine reduzierte Welt. #dbp18

In diesem Jahr wurden erstmals offiziell fünf Lesekreise ausgewählt, die den Deutschen Buchpreis mit Diskussionen und Beiträgen begleiten durften. Nun ist der Buchpreis zwar offiziell verliehen – das Gespräch über die jeweiligen Bücher darf und kann aber ungehindert weitergehen. Es ging bei der Auswahl der Literaturkreise ziemlich international zu, von Bremerhaven über Washington D.C. nach Lübeck. Und weil ich zufällig in der letztgenannten Stadt lebe, bot sich an, Beiträge dieses Lesekreises (“Klappentext” mit Namen) auch auf meinem Blog zur Verfügung zu stellen. In diesem Beitrag schildern Michael Stein und Andreas Mroß ihre Leseeindrücke zu Gianna Molinaris Hier ist noch alles möglich. Eine reduzierte Geschichte, nüchtern und trocken erzählt, führt die Leser*innen in eine teils groteske und absurde Welt. Gepaart mit einem erwartungsvollen Versprechen auf etwas Überraschendes, ja vielleicht sogar Großes („Hier ist noch alles möglich“) wird eine kurze Episode aus dem Leben der Protagonistin erzählt. Die Erzählerin, die alle Brücken in ihr bisheriges Leben als Bibliothekarin abgebrochen hat, heuert als Nachtwache auf einem Fabrikgelände an und erhält die Erlaubnis, dort in einem Raum zu wohnen. …

Kurz und knapp rezensiert im November!

In diesem Monat geht es um Ängste und deren Überwindung, das Känguru, das Schlechte und eine besondere Art der Erinnerung. Nachdem Was man von hier aus sehen kann im Jahr 2017 ein unerwartet großer Publikumserfolg wurde, hat Dumont sich entschieden, auch ältere Werke von Mariana Leky, im Design an den Bestseller angepasst, neu aufzulegen. 2004 erschien der Debütroman Erste Hilfe, der in Tonfall und Stil schon viel von dem erkennen lässt, was Leky später ausmachen wird. Im Mittelpunkt stehen Sylvester, die Erzählerin und Matilda, die eines Tages plötzlich von Panik überfallen wird, als sie versucht, eine Straße zu überqueren. Was, wenn sie plötzlich mitten auf der Straße verrückt wird? Was ist, wenn alle das sehen? Matildas Angst wird so übermächtig, dass sie kaum aus dem Haus gehen kann und auf Anraten ihrer mindestens ähnlich neurotischen Freunde professionelle Hilfe sucht. Wer bei Leky völlig realistische Schilderungen eines Lebens mit krankhafter Angst erwartet, sucht an der falschen Stelle. Erste Hilfe ist naiv erzählt, verspielt, humorvoll angesichts der schwierigen Lage. Ähnlich wie auch Was man von hier aus …

Kurz und knapp rezensiert im Oktober!

Der Oktober bringt zwei Graphic Novels mit starken weiblichen Protagonistinnen, ein düsteres Märchen vom Ende der Welt und einen Blick in das Innenleben einer Trollfabrik. Es gehört zu den erfreulichen Begleiterscheinungen der Debatten über die Marginalisierung weiblicher, queerer Perspektiven oder beschränkender Geschlechterstereotype, dass immer mehr Erzählungen aus solchen Blickwinkeln sichtbar werden. Bei Reprodukt sind in diesem Herbst gleich zwei Titel erschienen, die starke weibliche Hauptfiguren haben. Pirouetten von Tillie Walden dreht sich vor allem autobiographisch um das Suchen und Finden der eigenen Identität vor dem Hintergrund einer Sportart, die nach sehr starren, stereotypen Regeln funktioniert. Aufgewachsen in einer Familie, in der die Mutter keinen verlässlichen Ankerpunkt für Tillie bietet, beginnt sie früh mit dem Eiskunstlauf. Insbesondere wegen ihrer ersten Trainerin, deren Fürsorge für sie ein Ersatz ist für die desinteressierte Mutter, bleibt sie dabei. Je älter sie wird, desto mehr beginnt Tillie zu hinterfragen, was der Eiskunstlauf ihr wirklich bedeutet. Sie erzählt vom Erwachsenwerden, einem traumatischen Übergriff, von ihrem Coming-Out und den Schwierigkeiten, die ein Sport bedeutet, der, was Auftreten und Aussehen betrifft, für Frauen …

Lübecks Prosa

Seit Mai 2017 liegt in der Lübecker Dr-Julius-Leber-Straße 42 eine kleine Oase. Die Straße gehört sonst nicht unbedingt zu den kopfsteingepflasterten Flaniergässchen wie Lübeck ja einige hat. Etwas grau ist sie und durch das im oberen Drittel gelegene Stadtteilbüro durchweht von einem Hauch kommunaler Bürokratie. Wer diese Straße entlang geht, der hat in der Regel ein festes Ziel vor Augen, stadtin- oder auswärts. Seit nicht ganz eineinhalb Jahren kann das Ziel nun auch Prosa – Der Buchladen heißen – der Name ist Programm. Prosa ist von übersichtlicher Größe, die bekanntlich im Falle eines Buchladens praktisch nichts über seine inneren Werte aussagt. Betritt man den Laden, wird zweierlei sehr schnell deutlich: 1) Hier wird handverlesen, was den Sprung in die Regale meistert, 2) Frontalpräsentation von Büchern ist eine Verführungskunst. Kein Buch bei Prosa dreht den Kund*innen den Rücken zu, jedes Cover kommt in seiner ganzen Breite zur Geltung. Und jaja, don’t judge a book by it’s cover, ich weiß, trotzdem bleibt das Auge immer wieder hängen, an diesem und jenem. Man geht aufmerksamer die Regale entlang, …

Kurz und knapp rezensiert im September.

Im September gibt es eine bunte Mischung aus Erzählungen, Wiederentdeckungen und einen “Meister” des packenden, psychologischen Krimis, der mich kalt ließ. Dennis Lehane gilt vielerorts als Meister seines Fachs, er lieferte die Buchvorlagen zu Mystic River und Shutter Island, er weiß psychologische Spannung aufzubauen und zu händeln. Sagt man so. Nun mag es sein, dass ich nur deshalb angesichts des neuen Romans nicht in Begeisterungsstürme ausbreche, weil ich seltener Krimis lese. Vielleicht liegt es aber auch ein bisschen am Roman selbst, der mit seinen über 500 Seiten eher ausladend geraten ist und sich absurd viel Zeit lässt, um in die Gänge zu kommen. Bis Seite 150 macht er diverse Handlungsstränge auf, es geht um Angstzustände der Protagonistin, um Journalismus angesichts verheerender Katastrophen, irgendwie auch um Public Shaming und eine gescheiterte Beziehung. Es passiert viel, aber nichts, was mich wirklich an den Roman bindet. Ich lese ihn am Ende irgendwie auch, weil ich wissen will, wann denn nun endlich der Betrug ins Spiel kommt, von dem auf dem Buchrücken die Rede ist. Es dauert lange. Als …

Kurz und knapp rezensiert im Juli!

Im Juli sitzen zwei Soldaten in einem Boot, steht eine Dorfgemeinschaft vor einschneidenden Veränderungen, erzählt von Schirach wieder Kriminalgeschichten und findet ein Schreibender zu sich selbst. Nichts in Sicht ist ein Klassiker der Nachkriegsliteratur. Gelobt von Größen wie Gottfried Benn oder Siegfried Lenz, von Reich Ranicki geadelt als “zeitgeschichtliches und künstlerisches Dokument”. Anlässlich von Rehns 100. Geburtstag (am 18.September) veröffentlicht der Verlag eine Neuausgabe mit einem Nachwort von Ursula März. Was geschieht nun also in diesem Klassiker? Ein amerikanischer Pilot und ein deutscher U-Boot Matrose treiben gemeinsam in einem Schlauchboot auf dem Atlantik. Der Zweite Weltkrieg ist noch nicht vorüber, sie müssten Feinde sein, aber bilden eine Schicksalsgemeinschaft. Einer von ihnen ist schwer verletzt, die Entzündung in seinem Armstumpf schreitet rasend voran. Sie haben nichts außer Whiskey, Schokolade und Zigaretten. Umgeben von Wasser drohen sie zu verdursten. Und es ist “nichts in Sicht”, keine Rettung, kein Land, kein Mensch. Jens Rehn beschreibt das Vegetieren, das einsame Dahinsiechen in so messerscharfer Sprache, dass man unweigerlich glaubt, mit in diesem Boot zu sitzen. So intim, so unerträglich, …

Garrard Conley – Boy Erased

Man mag es kaum glauben, aber auch im Jahr 2018 gibt es in Deutschland noch immer Konversionstherapien. Selbsternannte Heiler*innen haben sich darauf spezialisiert, Homosexuelle von ihrer vermeintlichen Erkrankung zu befreien, obwohl längst klar ist, dass Homosexualität keine Krankheit darstellt. Schon 1990 wurde Homosexualität aus dem Diagnosekatalog der Weltgesundheitsorganisation gestrichen. Insbesondere im evangelikalen Umfeld lässt man sich davon wenig beeindrucken. Der Verein Wüstenstrom titelt beispielsweise auf seiner Webseite: “Heute gibt die Schwulenbewegung (und zunehmend die Gesellschaft als Echo) das Denkverbot: lebe es aus, einen anderen Weg ist nicht denkbar. Wer anders denkt wird mundtot gemacht.” Schwulsein gilt in diesen Kreisen vor allem als Ausdruck eines unbewältigten Konflikts oder eines schwelenden Kindheitstraumas. So erlebt es auch Garrard Conley bei der christlichen Ex-Gay Organisation Love in Action. Homosexualität ist eine Strafe und eine Sünde, so der tiefe Glaube vieler christlicher Gemeinden. Conley wächst in den Südstaaten im Umfeld missionarischer Baptisten auf. Sein Vater ist Prediger und ein bekanntes Gesicht in der Kleinstadt, die Unfehlbarkeit der Bibel für die Gemeinde eine unverrückbare Tatsache. Eine wesentliche Säule der missionarischen Baptisten …