Autor: Sophie

Kurz & knapp, Teil 2/19.

Im zweiten Teil Kurz & knapp für dieses Jahr geht es um traumatisierende Gewalt, Herkunft, Alltagsrassismus, Verschwörungstheorien und gute Kurzgeschichten. aufgeschrieben ist ein vielstimmiges Gespräch über Gewalt und Trauma. Über das, was davon bleibt, vom “Ich”, das lange sexualisierter Gewalt – z.B. in organisierten Strukturen – ausgesetzt ist. Der Text ist dicht, drückend, in Bewegung, bildhaft und verschlungen. Man begibt sich in ihn hinein wie in einen zeitlosen Raum. H.C. Rosenblatt betreibt seit langsam Ein Blog von Vielen, zu dem u.a. auch ein Podcast gehört. Er erzählt vom Leben mit dissoziativer Identitätsstruktur, vom Überleben, vom Kampf um Autonomie und dem normierenden Blick der anderen. aufgeschrieben ist ein Destillat dieser Themen, ein Ringen um Worte für das Unaussprechliche, der Versuch, sich schreibend zu erfahren. Es gibt keine Handlung im klassischen Sinne, sondern die Perspektiven verschiedener Persönlichkeiten, die alle jeweils Teile des Traumas tragen und verkörpern. Ein wichtiges Buch über ein Thema, das breitere Aufmerksamkeit und mehr Bereitschaft zur Auseinandersetzung verdient. H.C. Rosenblatt: aufgeschrieben. edition assemblage. 96 Seiten. 15,00 €. Der Platz erschien im Original bereits 1984. …

Lübecks Buchmacher 2019!

Bereits ein halbes Jahrzehnt wird Lübeck im April zum Schauplatz guter Literatur. Ich habe mich wieder dort umgesehen und neben einigen Fotos auch Buchtipps von den Verleger*innen und Verlagsmitarbeiter*innen mitgebracht. Es ist schön und erfreulich, etwas wachsen und gedeihen zu sehen. Das kann dieser Tage die frühlingshafte Flora sein oder auch am letzten Wochenende die Lübecker Buchmachermesse. Mit 31 teilnehmenden Verlagen war die längst flügge gewordene Indie-Messe so groß und vielseitig wie in keinem der vorangegangenen Jahre. Verlage wie Elif, cass, hochroth oder Schruf & Stipetic gaben 2019 ihr Debüt bei den Buchmachern und erweiterten das Spektrum um Lyrik, japanische und auch osteuropäische Literatur. Auch das ein Verdienst dieser Messe: Man kann jedes Jahr etwas Neues sehen, andere Entdeckungen machen und noch unbekanntes Gelände der deutschen Verlagslandschaft erschließen. Einige der Verlage hatten bereits Bücher norwegischer Autor*innen im Gepäck; die Frankfurter Buchmesse wird in diesem Jahr Norwegen als Gastland begrüßen und wirft ihre Schatten voraus. Nicht nur die schiere Anzahl der teilnehmenden Buchmacher*innen hat sich vergrößert, die Lesungen und Vorstellungen im Rahmen der Messe nehmen zu. …

Kurz & knapp rezensiert, Teil 1/19.

Es hat sich wieder so einiges auf meinem Schreibtisch angesammelt, von dem ich erzählen wollte. Allein Zeit und Worte fehlten mir. Deshalb jetzt: Ein frühlingshaft belebender Mix aus Romanen & Graphic Novel. Die Geschichte des männlichen Genies ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Im Rampenlicht der kluge, erfinderische Mann, dessen Geisteskraft ihn längst in unerreichbare Höhen katapultiert hat; in seinem Rücken die Frau, die ihm denselbigen frei hält. Auch wenn dieses Narrativ zunehmend hinterfragt wird, hat es lange Zeit erheblichen Einfluss darauf ausgeübt, was wir von weiblichen Perspektiven und Errungenschaften wissen. Liv Strömquist bricht in I’m every woman mit eben diesen Erzählungen, die die Frau zu einer Marginalie – oder schlimmer: zur zerstörerischen Furie – umdeuten. Anders als in Der Ursprung der Welt oder der Ursprung der Liebe geschieht das im aktuellen Band auf etwas losere, schlaglichtartige Weise. Es werden die unsäglichsten Lover der Geschichte gekürt, mit dabei Pablo Picasso (auf den auch Hannah Gadsby in ihrem Bühnenprogramm Nanette sehr ausführlich zu sprechen kommt), Albert Einstein und Edvard Munch. Strömquist zeichnet an gegen queerfeindliche und biologistische …

Das Thema ist Kassengift: Anselm Neft im Interview.

Unlängst ist sein Roman “Die bessere Geschichte” erschienen, der sich mit institutionellem Missbrauch beschäftigt. Ich habe mit Anselm Neft über das Thema Missbrauch im Roman gesprochen, über gesellschaftliche Debatten und den Tatort am Sonntag. Dein Roman steht jetzt seit vier Wochen in den Buchläden – wie waren die Reaktionen bislang? Gab es Überraschungen für dich? Ich bin tatsächlich überrascht darüber, wie positiv die Reaktionen sind. Fast täglich meldet sich eine begeisterte Leserin oder ein begeisterter Leser. Ich freue mich sehr darüber, andererseits frage ich mich manchmal, ob ich etwas falsch gemacht habe. Ich hatte mit mehr Widerstand und Widerspruch, auch mit Wut gerechnet. Offenbar renne ich nur eine offene Tür ein – und das schmeichelt meinem Autoren-Ego nur bedingt. Ein Buch über institutionellen, sexuellen Missbrauch zu schreiben, ist eine Sache. Ihn bei einem Verlag unterzubringen vermutlich noch eine andere, obwohl er sehr linear erzählt ist. Bist du da auf Schwierigkeiten oder Vorbehalte gestoßen? Ja. Zum einen bin ich von mehreren Leuten, die es wissen sollten, darauf hingewiesen worden, dass das Thema Kassengift sei und für …

Verlosung: Mein Deutschbuch

Als ich im letzten Jahr gefragt wurde, ob ich Lust hätte, an einem Cornelsen-Buchprojekt teilzunehmen, das sich mit der Liebe zur deutschen Sprache beschäftigt, musste ich nicht so lange überlegen. Sprache ist mein Werkzeug, Sprache ist mein Hobby und geschriebene Sprache ist oft mein Notausgang. Einige Monate sind seit dieser ursprünglichen Anfrage nun vergangen, mittlerweile ist das Buch fertig. Weniger als klassisches Schulbuch konzipiert, sondern mehr als Einblick in die Vielfalt der Auseinandersetzung mit Sprache. Was lässt sich mit Sprache alles machen? Neben mir werden der Poetry Slammer Philipp Herold und die Indieband Treptow in diesem Buch ausführlich porträtiert. Wir alle haben eine Leidenschaft für Sprache und wir nutzen sie in ganz unterschiedlicher Weise. Für Wortkunst, Musik, Literaturbetrachtung. Das Buch enthält ein ausführliches Porträt jedes Protagonisten – sehr wertschätzend und pointiert geschrieben von Harald Willenbrock -, Fotos, Texte der Porträtierten (in meinem Fall Rezensionen zu Clemens Setz, Andrea Gerk und Richard McGuire) und Antworten auf drängende Fragen. Was an der deutschen Sprache toll ist, wie ein Deutschunterricht aussehen müsste, der Spaß macht, welche Worte der …

Anselm Neft – Die bessere Geschichte

Tilman Weber ist sensibler als seine Altersgenossen und wird nicht selten von ihnen dafür verspottet. Nachdem seine Mutter sich das Leben genommen hat, wächst er allein bei seinem Vater auf. Der kümmert sich zwar bestens um Tilmans Bildung, dafür weniger um dessen Ängste und Nöte. Als eine neue Frau mit reformpädagogischen Neigungen in sein Leben tritt, reift der Entschluss, den dreizehnjährigen Tilman in der „Freien Schule Schwanhagen“ unterzubringen – einer „Art Terrorzelle“ aus der Sicht konservativer Lehrkräfte. Alles ist anders an der FSS nahe der Ostsee. Die Kinder und die Lehrkräfte sollen keine Opponenten sein, sondern auf Augenhöhe Erfahrungen austauschen. An einem Ort, wo das klassische Machtgefälle zwischen Schülern und Lehrern aufgelöst werden soll, etabliert es sich hinter der Fassade reformerischen Glanzes auf viel perfidere Weise neu. Die fiktive “Freie Schule Schwanhagen”, von Anselm Neft nach dem Vorbild der Odenwaldschule konzipiert, besteht aus verschiedenen Häusern, denen jeweils eine Lehrkraft vorsteht und dessen Bewohnern sie in besonderer Weise Förderung ermöglicht. Der Unterricht wird frei gestaltet, die Schüler sollen sich ausprobieren. Jeder so wie er kann und …

Verlosung: “Der verlorene Sohn” im Kino.

Im letzten Jahr habe ich Garrard Conleys autobiographischen Bericht Boy Erased gelesen, nun kommt die Verfilmung unter dem eingedeutschten Titel Der verlorene Sohn mit Nicole Kidman, Russell Crowe und Lucas Hedges in den Hauptrollen in die Kinos. [unbezahlte Werbung] Conley schildert in Boy Erased den Weg von seinem Coming Out hin zu einer sogenannten “Konversionstherapie”, die von dem Gedanken getragen ist, Homosexualität sei eine heilbare Krankheit, vergleichbar etwa mit einer Alkoholabhängigkeit. Wer das will, kann davon ablassen, kann sich entscheiden. Aber er muss alles dafür aufgeben, was ihn ausmacht. Conleys Buch gehörte zu den berührendsten und beklemmendsten, die ich im letzten Jahr gelesen habe. Umso mehr freue ich mich, dass ich jetzt die Möglichkeit habe, nicht nur zwei Mal das Buch, sondern auch je zwei Freikarten für die Verfilmung zu verlosen, die am 21. Februar in deutschen Kinos anläuft. Im letzten Jahr habe ich geschrieben: “Boy Erased ist nicht nur der eindrucksvolle, berührende Weg Conleys zu sich selbst, es ist auch ein erschütterndes Dokument menschlicher Verblendung und Gewalt. Was die Teilnehmer*innen dieser Konversionstherapien vor dem …

Adélaïde Bon – Das Mädchen auf dem Eisfeld

Adélaïde ist neun Jahre alt, als sie von einem Fremden im Treppenhaus ihres Wohnhauses missbraucht wird. Er lockt sie unter einem Vorwand zu sich und vergeht sich an dem Mädchen, das weder begreift, was im Moment selbst mit ihr geschieht noch die Chance bekommt, im unmittelbaren Anschluss an das Verbrechen dessen Tragweite zu erkennen. Es dauert über zwanzig Jahre, bis sie versteht und mit der Aufarbeitung beginnen kann. Sie hat ihn angesehen und mit dem Kopf genickt wie diese kleinen Hunde auf der Hutablage hinten im Auto. Ich bin lieb, ich bin hübsch, ich mag das, du bist mein Freund, du magst meinen dicken Po, du tust mir gut, ich bin eine Naschkatze, ich sage niemandem was davon, es ist unser Geheimnis, versprochen, ich sage niemandem was. Worte, die er ihr eingeredet hat und an die sie sich nicht erinnert, genauso wenig wie an das, was er ihr angetan hat. Das Mädchen auf dem Eisfeld Ein Tag im Mai verändert das Leben von Adélaïde grundlegend. Obwohl sie ihren Eltern davon erzählt und die Polizei eine …

Gastbeitrag: Alina Bronskys ‘Scherbenpark’

Im letzten Herbst war ich für eine Doppelstunde in der TMS Bad Oldesloe, um angehenden Abiturient*innen etwas über das Schreiben von Rezensionen und das Literaturbloggen zu erzählen. Einige Schüler*innen haben daraufhin selbst Rezensionen geschrieben. Eine davon ist die von Merle Stoltenberg, die sich mit Alina Bronskys Scherbenpark beschäftigt hat. Manchmal denke ich, ich bin die Einzige in unserem Viertel, die noch vernünftige Träume hat. Ich habe zwei, und für keinen brauche ich mich zu schämen. Ich will Vadim töten. Und ich will ein Buch über meine Mutter schreiben. Alina Bronsky: Scherbenpark Die ersten Sätze aus dem Debütroman „Scherbenpark“ von Alina Bronsky beschreiben schon im Wesentlichen, um was es in dem Buch geht. Der Roman ist aus der Sicht der 17-jährigen russlanddeutschen Sascha Naimann geschrieben, die in einem riesigen Hochhauskomplex, genannt „Solitär“, wohnt. Ein Komplex, der hauptsächlich von Familien mit Migrationshintergrund bewohnt wird und wohl ohne Probleme als sozialer Brennpunkt bezeichnet werden kann. Die perspektivlosen Jugendlichen ertränken ihre Probleme mit Alkohol und Drogen in einem Park nahe des Solitärs, der von den Jugendlichen selbst als Scherbenpark …

Jan Drees – Sandbergs Liebe

Als die Dating-App Kristian Sandberg mit Kalina verknüpft, deutet wenig auf die Katastrophe hin, die das zufällige Aufeinandertreffen im digitalen Raum zur Folge haben wird. Rückwirkend gelesen gibt der Roman kleine Leuchtsignale: Sandbergs Zahnschmerzen sind gerade mittels provisorischer Füllung zum Schweigen gebracht worden, aus den Kopfhörern dringt das Album Borderline eines Kölner Produzentenduos. Jan Drees erzählt davon, was Menschen sich antun können im Namen von Liebe und Gemeinsamkeit und er beleuchtet die fatalen Folgen emotionaler Gewalt. Kristian ist ein mitteljunger Literaturagent auf der Suche nach einer tragfähigen, innigen Beziehung. Kalina ist Zahnärztin und, so scheint es auf den ersten Blick, eine aktive und feinfühlige Frau. Ein bisschen mystisch vielleicht, geheimnisvoll. Sie verabreden sich zum Essen, reden offen und lange. Die Anziehung, die beide füreinander empfinden, lässt sie schnell näher zusammenrücken und schon nach kurzer Zeit sagt Kalina zu Kristian: „Du darfst nie wieder gehen.“ Beide sind sie Versehrte, Bindungstraumatisierte, die im anderen etwas suchen, das sie nicht aus eigener Anschauung kennen: Geborgenheit, Akzeptanz, tiefe Verbundenheit, Liebe. Sie spielen, was es bedeutet, sich einem anderen Menschen …