Klassiker, Kultur, Rezensionen
Kommentare 4

Bodo Wartke feat. Sophokles: Antigone

Wer Klassiker liest oder im schulischen Kontext lesen muss, hat nicht selten Berührungsängste. Je älter der Text, desto schwieriger der Zugang. Wer kein geübte*r Leser*in ist, hadert bisweilen auch mit einer Sprache, die weit entfernt ist vom eigenen Alltagsgebrauch; ganz abgesehen von kulturellen oder religiösen Referenzen, die damals verständlich waren und heute Fußnoten brauchen. Klavierkabarettist Bodo Wartke dachte sich Ähnliches, als in der Oberstufe König Ödipus auf dem Lehrplan stand – und schrieb Sophokles‘ Tragödie später einfach neu, mit großem Erfolg. Es wurde ein 1-Personen-Theaterstück mit zeitgenössischen Anspielungen, vielen Reimen und einem erleichterten Zugang für alle, die sich zuvor die Zähne am Text ausgebissen haben.

Mit Antigone gibt es jetzt gewissermaßen das Sequel. Wie schon 2013 mit König Ödipus habe ich mich hingesetzt und sowohl Sophokles‘ wie auch Wartkes Antigone gelesen. Die Geschichte ist schnell umrissen: Die Brüder Eteokles und Polyneikes (Söhne des Ödipus, Brüder von Antigone und Ismene) geraten über die Thronfolge Thebens in Streit. Ödipus hatte verfügt, dass zuerst der eine und nach einem Jahr der Regentschaft schließlich der andere über die Stadt regieren soll. Als Eteokles seinen Platz nicht räumen will, zieht Polyneikes mit dem Heer der Sieben gegen die Stadt und seinen Bruder in die Schlacht. Die Brüder töten sich im Gefecht und während Eteokles ein angemessenes Begräbnis erhält, verfügt Kreon, der nun die Herrschaft übernommen hat, Polyneikes dürfe als Verräter nicht bestattet werden.

Nun ist es ein göttliches Gesetz, dass die Toten bestattet gehören, ganz gleich, was sie im Leben taten – also setzt sich Antigone über Kreons Verfügung hinweg und bestattet ihren Bruder. Kreon ist erbost und will an Antigone ein Exempel statuieren: Wenn er als König seine Anordnungen nicht einmal im nächsten Kreis durchsetzt, droht das Chaos. Und in Theben hat es in der Vergangenheit schließlich Chaos (Pest, Sphinx usw.) genug gegeben (ha, ein Reim!). Kreon verurteilt Antigone, die ihre Tat zu keinem Zeitpunkt leugnet und von deren Richtigkeit überzeugt ist, zum Tod. Sie soll vor der Stadt in ein Felsengrab eingemauert werden. Versuche ihn umzustimmen scheitern zunächst: weder sein Sohn Haimon (Verlobter von Antigone) noch der Chor stoßen zu Kreon vor (Reim II), erst der Seher Teiresias hat schließlich Erfolg. Wie es sich für antike Tragödien gehört natürlich viel zu spät.

Wartkes Bearbeitung setzt nun an vielen Stellen an, um das Stück zu beleben. Wie es ihm eigen ist, wird hemmungslos gereimt, aber nicht nur das: Er integriert zwei Sprecher ins Stück (verkörpert von Wartke und seiner famosen Bühnenpartnerin Melanie Haupt), die am Rande der Handlung stehen und eine Beobachterposition einnehmen. Sie kommentieren immer wieder das Geschehen, ordnen es in einen größeren erzählerischen Kontext oder sind selbst erschrocken und überrascht angesichts der Geschehnisse – sie bilden gleichsam die Verkörperungen der Leser- und Zuhörerschaft. Obwohl Wartkes Stück nur Antigone heißt, besteht es auf der Handlungsebene aus zwei Stücken. Die Bearbeitung umfasst auch Sophokles‘ Ödipus auf Kolonos, das gewissermaßen die Vorgeschichte zu dem enthält, was in Antigone relevant wird. Das Stück einfach einzuarbeiten und damit einen größeren Handlungsbogen zu spannen, ist ein cleverer Schachzug. Selbst ein kurzer Rekurs auf König Ödipus ist in Form eines Lieds enthalten. Am Ende ist also die ganze Geschichte für jeden nachvollziehbar und verständlich, selbst wenn er oder sie von den Vorgeschichten und vergangenen Verstrickungen nichts weiß.

Apropos Lied: Da Wartke bekanntlich nicht nur antike Stücke umschreibt, enthält auch Antigone eine ganze Menge Liedgut, das sowohl der Auflockerung als auch der Zusammenfassung einzelner Handlungsstränge dient. So kann man den ,Chor‘ der antiken Tragödie auch wörtlich verstehen. Es werden etwa Theseus Heldentaten besungen, der Streit zwischen Kreon und Haimon in eine Art Rap-Battle gefasst, Ödipus‘ Tod beklagt oder mit der Ukulele die Freilassung von Antigone gefordert. Das ist musikalisch erstaunlich vielseitig, mal zurückgenommen und mal ein bisschen Showbusiness. Wartke baut immer wieder humorvolle Zitate der Popkultur ein, etwa wenn er bei der Schlacht zwischen Theben und dem Heer der Sieben im Stück eine Hintergrundmusik wählt, die an Seven Nation Army von den White Stripes erinnert. Das mag nicht jedem sofort auffallen, aber wer es bemerkt, der hat vermutlich Spaß daran – ich hatte ihn. Kürzlich fragte mich im Buchladen eine junge Kundin nach Antigóne. Auch darum kümmert sich das Stück, indem es kurz aus der Handlung ausschert und Kreon mit Antigone über die Aussprache ihres Namens debattieren lässt. Das ist witzig gemacht und beruhigt vermutlich die, die sich unsicher darüber waren.

Die große Qualität von Wartkes Bearbeitung ist, dass er keine Berührungsängste angesichts des Ursprungstextes hatte. Es wird nichts inhaltlich verändert, aber auch nichts mit Samthandschuhen angefasst. Es darf gelacht werden. Komplizierte Monologe über religiöse Stätten oder Anrufungen unbekannter Götter weichen greifbaren Charakteren und einem nachvollziehbaren Konflikt. Worum geht es denn eigentlich? Im Abspann der DVD (die ich unbedingt dazu empfehlen möchte, weil auf der Bühne selbst Sachen eingearbeitet wurden, die in der reinen Textfassung nicht vorkommen) beantworten Wartke und sein Team die Frage eindeutig: Es geht um zivilen Ungehorsam. Um den Widerstand gegen politische Entscheidungen, so sie dem Gemeinwohl zuwiderlaufen und allenfalls Einzelnen dienen. Antigone tut, was ihrer moralischen Überzeugung entspricht und im Übrigen auch der der meisten Thebaner: sie begräbt einen Toten. Auch wenn ihr Onkel Kreon störrisch auf seiner Meinung beharrt und sie despotisch durchzusetzen versucht. So gesehen erhält das Stück einen brandaktuellen Anstrich.

Melanie Haupt und Bodo Wartke verkörpern zu zweit 22 Rollen auf einer Bühne, die mit ausgesprochen minimalistischem Dekor auskommt. Rollenwechsel werden angezeigt durch die Verwendung von Accesoires oder schlicht durch eine glänzende schauspielerische Leistung. Ich bin sehr froh, dass es Bearbeitungen wie diese gibt. Alle Informationen zu kommenden Auftritten sowie die Textfassung und die DVD gibt es hier.

Weitersagen

4 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.