Alle Artikel in: Romane

Rezensionen zu zeitgenössischen Romanen

Reso Tscheischwili – Die Himmelblauen Berge

Ein Autor will in einem Verlagshaus sein Manuskript unterbringen. Was wie ein ganz alltäglicher Vorgang anmutet, wird bald zu einer absurden Posse über Bürokratie und Unbeweglichkeit. Reso Tscheischwilis Satire Die Himmelblauen Berge ist ein georgischer Klassiker, der nun erstmalig auf Deutsch erschienen ist. Eigentlich will Sosso bloß seinen Roman Die Himmelblauen Berge oder Tian Shan veröffentlichen lassen. Er bittet dafür um die Begutachtung seines Manuskripts und gerät in die gleichgültig mahlenden Getriebe eines Ortes, an dem nichts ist wie es scheint. Vor dem “pseudoklassischen Gerbäude aus den Dreißigerjahren” wird Motoball gespielt (auf knatternden Motorrädern sitzend spielt man sich den Ball hin und her), “hitzegeplagte” Autofahrer schauen mit “kühler Gleichgültigkeit” zu. Im Inneren des Gebäudes bröckelt der Putz von den Wänden. Sosso betritt, scheinbar nach längerer Abwesenheit, das Verlagshaus – in dem wenig von verlegerischem oder intellektuellem Esprit zu spüren ist – und bringt sein Manuskript unter die Leute. Mit Fortschreiten des Buches wird es gänzlich in seine Einzelteile zerlegt werden, einer liest den Anfang, der nächste zwei Drittel vom Schluss, ein anderer die Mitte, von …

Emma Glass – Peach

Es gibt Bücher, nach denen man sich selbst versehrt fühlt. Wie eine klaffende, pulsierende Wunde. Verstört. Mitgerissen von einem unaussprechlichen Unglück. Dieses ist so eins. Emma Glass hat mit Peach einen Debütroman geschrieben, der sämtliche Schmerzgrenzen überschreitet in seiner Kompromisslosigkeit. Ein surrealer Trip voller Gewalt und der klägliche Versuch, sich ihrer Spuren zu entledigen. Nichts für zarte Gemüter, nichts für schwache Nerven. Schon die ersten Sätze von Peach lassen erahnen, dass hier nicht konventionell und glatt erzählt wird. Viel eher liest sich der erste Absatz wie eine ins Stocken geratene Maschine, atemlos, ein schmerzerfülltes Stakkato voller Alliterationen und Assonanzen. Man strauchelt. Irgendetwas ist mit Peach geschehen. Sie ist ein junges Mädchen, ihre Knöchel sind aufgeschürft, sie spürt Schmerzen und Blut zwischen ihren Beinen, ihr Körper summt wie unter Strom. Irgendwie stolpert sie nach Hause, ihre Eltern bemerken nichts. Sie sind anzüglich, körperlich wie Teenager, die einander keine Sekunde unberührt lassen können. Gerade ist ein Baby geboren worden. Es heißt Baby. Und es ist süß, im wahrsten Sinne des Wortes. Mehrfach im Roman wird es wortwörtlich …

Claudia Rankine – Citizen

Schwarz zu sein, bedeutet auch in der Gegenwart noch beschämend häufig, aufgrund dieses eigentlich bedeutungslosen Merkmals ausgegrenzt, diskriminiert und erniedrigt zu werden. “Der Schwarze” ist, wie viele rassistische oder antisemitische Stereotypen, nicht viel mehr als eine Konstruktion, die über Jahrhunderte hinweg tradiert worden ist. Tradiert von denen, die die Macht dazu hatten. Tradiert von denen, die sich ihrer selbst so wenig sicher waren, dass sie andere Menschen abwerten mussten, um sich ihres eigenes Wertes zu versichern. Bis heute. “Othering” wird der Prozess genannt, der das Fremde in Abgrenzung zum Eigenen definiert und hervorhebt. Claudia Rankine beschreibt in ihrem 2014 im Original erschienenen lyrischen Essay (oder ihrer essayistischen Lyrik?) die zerstörerische Kraft von Mikroaggression und offenem Rassismus. Rassismus muss nicht intendiert sein, um rassistisch zu sein. Grenzüberschreitende, abwertende Kommunikation kann auch im Alltag stattfinden, zwischen Tür und Angel. Dort, wo man sie nicht erwartet. Dort, wo sie schlimmstenfalls vielleicht sogar positiv gemeint ist, aber implizit eine Herabwürdigung des Gegenübers darstellt. Claudia Rankine stammt ursprünglich aus Jamaika und ist schwarz. Es wäre schön, wenn das nicht von …

Mareike Fallwickl – Dunkelgrün, fast schwarz

Es ist ein bisschen wie in »Das zweite Gesicht« mit Elijah Wood und Macaulay Culkin. In einer asymmetrischen Jungenfreundschaft ist einer zurückhaltend und still, der andere findet Spaß an Gemeinheit und Macht. Raf und Motz sind sehr jung, als sie sich kennenlernen und fortan jede freie Minute miteinander verbringen. Raf ist ein Draufgänger und in späteren Jahren ein Weiberheld, Motz ist allenfalls sein Schatten. Als Johanna schließlich zu ihnen stößt, verändert das nicht nur die Beziehungskonstellation, es verändert Leben. Es gibt Bücher, die sind außerordentlich unbequem und in diesem körperlich spürbaren Mangel an Komfort liegt ihre größte Kraft. Dunkelgrün, fast schwarz erzählt von einer fatalen Beziehungsgeschichte und davon, was Menschen einander wissentlich und willentlich antun können. Als Raf und Motz (eigentlich Raffael und Moritz) sich kennenlernen, steht schnell fest, wer der Anführertyp von beiden ist. Raf schreckt scheinbar vor nichts zurück und hat bereits im Kindesalter Spaß daran, seine Macht  anderen gegenüber auszuspielen. Wie ein Detektor macht er die Schwachstellen seiner Mitmenschen ausfindig, um genüsslich in ihnen herumzubohren. Er liebt das Extrem und die Provokation, …

Alexander Pechmann – Sieben Lichter

Im Juni 1828 läuft in der irischen Hafenstadt Cove ein Schiff ein, auf dem sich Grausames abgespielt hat. Große Teile der Mannschaft sind brutal ermordet worden, der Kapitän flüchtig. Glaubt man den Schilderungen der Überlebenden, muss er für das Massaker verantwortlich sein, doch es bleiben Zweifel. Alexander Pechmann hat eine wahre Geschichte zur Grundlage für eine Schauergeschichte genommen, die sich liest, als stamme sie aus der Zeit klassischer Abenteuerromane. Als die Mary Russell in den Hafen von Cove einläuft, hat sich ein grausames Verbrechen auf ihr ereignet. Durch Zufall erfahren der prominente Theologe und Arktisforscher William Scoresby und dessen Schwager, der die »Watson«-Erzählerrolle in der Geschichte ausfüllt, von dem Unglück und beginnen, unabhängig von den offiziellen Ermittlungen des Coroners Nachforschungen anzustellen. Scoresbys Prominenz öffnet ihm viele Türen und so befragen beide die Überlebenden der Katastrophe, von ihr gleichermaßen angelockt und abgestoßen. Zunächst scheint alles klar zu sein. Kapitän William Stewart ist flüchtig, einiges, u.a. sein unberechenbares Verhalten, scheint dafür zu sprechen, dass er auf See verrückt geworden ist. Aber ist es tatsächlich so einfach? Stewart …

Franziska Seyboldt – Rattatatam, mein Herz

2016 schrieb Franziska Seyboldt in der taz über ihre Angststörung, seit 2017 schreibt sie dort in einer eigenen Kolumne (Psycho) über psychische Erkrankungen. Es waren ehrliche, nahbare und offene Artikel darüber, wie es ist, mit krankhafter Angst zu leben. Wie es ist, wenn sich vor lauter Panik das Blickfeld verengt, das Herz rast und im Inneren bloß noch Alarmglocken schrillen: alle Zeichen auf Flucht. Aus diesen Artikeln ist nun ein Buch entstanden, das nicht etwa Ratgeber sein will oder Selbsthilfebuch. Es enthält keine Meditationsübungen oder Listen zum Abhaken, nicht die eine Lösung. Dafür aber charmant selbstironische Schilderungen darüber, wie es sich anfühlt, wenn die Angst einem im Nacken sitzt. Für Nicht-Betroffene ist es vermutlich unvorstellbar, in einer alltäglichen Situation von Panik überwältigt zu werden. Binnen Sekunden rast der Puls ohne Geschwindigkeitslimit, im Hals schwillt ein Kloß zu unnatürlicher Größe, die Hände werden schwitzig, die Wahrnehmung verändert sich. Plötzlich ist die Welt eng und bedrohlich, alles zum Ersticken nah, zu laut und gleichzeitig hinter einer schlierigen Milchglasscheibe. Von außen ist an diesen Situationen nichts Besonderes zu …

Jürgen Bauer – Ein guter Mensch

Der südafrikanischen Metropole Kapstadt geht nach einer anhaltenden Dürre das Wasser aus. Sollte der Regen weiterhin ausbleiben, so der Spiegel, könnte die Stadt schon in diesem Jahr das Wasser abdrehen und rationieren. Eine Zukunft, in der extreme Klimabedingungen ebenso wie profitorientierte Unternehmen den Zugang zu Wasser erschweren und gigantische Fluchtbewegungen auslösen, ist keine, die man sich erst mühsam aus den Fingern saugen müsste. Wasser als Ressource ist ebenso wenig unendlich und selbstverständlich wie jede andere. Aber sie ist überlebenswichtig. Jürgen Bauers Roman Ein guter Mensch spielt zu einer Zeit, in der die prophezeiten Klimakatastrophen schließlich  Realität geworden sind. Seit Jahren hat es nicht geregnet. Manchmal wirbelt Asche durch die vor Hitze flirrende Luft und kündet von einem Brand, ausgelöst vielleicht durch eine unbedacht ins Unterholz geworfene Zigarette oder einen fanatischen Gegner der Regierungspolitik. Ein winziger Funke genügt, um einen Feuersturm zu entfachen, im knochentrockenen Gelände der Region ebenso wie in der aufgeriebenen, verzweifelten Bevölkerung. Wasser gibt es nur noch auf Zuteilung. Die Mengen sind kaum ausreichend. In gigantischen Flüchtlingscamps werden Menschen versorgt, die sich ein …