Alle Artikel in: Romane

Rezensionen zu zeitgenössischen Romanen

Miku Sophie Kühmel – Kintsugi

Max, Reik, Tonio und Pega fahren für ein Wochenende ins ländliche Brandenburg. Was eigentlich als harmonische Zusammenkunft anlässlich Max und Reiks langjähriger Partnerschaft gedacht ist, wird zu einer Kette von Ereignissen, die die Koordinaten für alle verändert. Kintsugi steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2019. Sie könnten auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein. Max als ordnungsliebendes Kind einer Hippiekommune, Reik als weltberühmter Künstler aus problematischem Elternhaus, Tonio als Sohn italienischer Immigranten und Pega, Tonios Tochter, die zwar ohne Mutter, aber mit den drei Männern als Familie aufgewachsen ist. Max und Reik sind nun zwanzig Jahre ein Paar und wollen das mit einem Aufenthalt in ihrem Wochenendhaus feiern. In dieser räumlich begrenzten Situation brechen nun aber Konfliktlinien zwischen den Protagonisten auf, die lange unausgesprochen geblieben sind. Max fühlt sich, trotz aller oberflächlichen Harmonie, eher als Beiwerk und Stützpfeiler in Reiks kometenhafter Karriere. Tonio trauert noch immer Reik hinterher, mit dem ihn in Jugendjahren eine Partnerschaft verband. Pega (von allen nur, etwas gruselig, “Kniefte” genannt) glaubt, dass sie Tonio ein Klotz am Bein ist. Reik …

Isabel Bogdan – Laufen

Eine Frau läuft. An der Alster entlang und überholt von passionierten Langstreckenläufern mit Tracking-Gadgets versucht sie, in der Bewegung den Verlust zu begreifen, den sie gerade erlitten hat. Laufen ist ein Bewusstseinsstrom und die Rückeroberung eines Lebens. Laufen, so heißt es immer wieder, ordnet die Gedanken. Ein absichtsloses Spazieren ebenso wie die Fortbewegung im Laufschritt. Die Bewegung gibt den Rhythmus vor und Gedanken können ungehindert fließen. Von Ordnung ist in den Gedanken von Isabel Bogdans Protagonistin zunächst wenig zu spüren. Es ist lange her, dass sie zuletzt gelaufen ist. Jetzt versucht sie das Laufen zu nutzen, um mit sich selbst in inneren Dialog zu treten. Unlängst hat ihr Partner sich das Leben genommen. Alles ist überschattet von dieser Katastrophe, die zu viele Fragen hinterlassen hat, um sie jemals zu beantworten. Die Protagonistin wusste von seiner Depression, deren Ausmaß als Krankheit sie erst wirklich zu begreifen beginnt, als es zu spät ist. Sie macht sich Vorwürfe. Das Leid des Partners nicht bemerkt zu haben, keine ausreichende Stütze gewesen zu sein. Sie ist wütend, dass er sie …

Mareike Fallwickl – Das Licht ist hier viel heller

In Das Licht ist hier viel heller erzählt Mareike Fallwickl von Macht und ihrem Missbrauch, von Grenzverletzungen und Selbstverliebtheit, von Schönheitsidealen und Rollenbildern. Es ist ein Roman, in dem zeitgenössische Debatten kulminieren. Maximilian Wenger ist ein ziemlich toller Hecht. Der potenteste Fisch im Teich, Bestsellerautor und Lebemann; nur vorübergehend in einer Sinn- und Schaffenskrise. Seine letzten Romane sind gescheitert, Literaturblogger*innen haben ihn verhöhnt, das Feuilleton höflich ignoriert. Zu allem Überfluss hat seine Frau ihn wegen seiner Affären für einen jüngeren Fitness-Guru aus der Schweiz verlassen. Es könnte besser laufen, aber Wenger wäre nicht Wenger, wenn er nicht trotzdem unerschütterlich an die eigene Grandiosität glauben würde; selbst dann noch, als seine Schwester Elisabeth ihm in Tupperdosen das Essen vorbeibringt. Als er plötzlich Briefe von einer Frau erhält, die an seinen Vormieter adressiert sind, beginnt etwas ins Rollen zu geraten. In abwechselnden Kapiteln erzählt der Roman nicht nur von Wengers spektakulärem Comeback auf Kosten einer Fremden, sondern auch von dessen Kindern Zoey und Spin. Die haben seit jeher von ihren Eltern nicht viel gesehen. Der Vater als …

Frank Rudkoffsky – Fake

Max ist ein Schreikind. Nach seiner Geburt beginnt für Sophia und Jan ein Leben auf Zehenspitzen, jede ruhige Minute ist ein Geschenk, jede Stunde Schlaf eine Seltenheit. Sophia hat vorübergehend ihren guten Job bei Daimler aufgegeben, Jan ist freier Journalist mit zu wenig Aufträgen. Das Internet wird für beide der Ort, an dem sonst Verschwiegenes schließlich sichtbar wird. Was treibt einen Internet-Troll an? Was veranlasst Menschen, ein ganzes Leben oder eine lebensbedrohliche Krankheit zu erfinden? Das Internet im Allgemeinen und soziale Medien im Speziellen bieten zahllose Möglichkeiten, mit Identitäten und Biographien zu spielen. Manchmal ist es bereits die Liebe zum Spiel allein, die als Antrieb für Lügengeschichten dient. Manchmal ist es aber auch eine Lebenssituation, die so ohnmächtig macht, dass sie mit Macht und Kontrolle kompensiert werden muss. Als Sophia Max bekommt, ändert sich ihr Leben schlagartig. Max ist das Zentrum ihrer Welt, sein exzessives Schreien raubt ihr den letzten Nerv. Erst sind es nur kleine Sticheleien in Internetforen für Eltern, die Sophia aus Wut über Besserwisserinnen und Übermütter absetzt. Stück für Stück aber wird …

#buchpreisbloggen. Eva Schmidt: Die untalentierte Lügnerin

Maren kehrt nach einem gescheiterten Schauspielstudium und einem anschließenden Klinikaufenthalt zu ihrer Mutter und ihrem Stiefvater zurück. Konflikte, die unausgesprochen unter der Oberfläche schwelen, lassen die familiäre Fassade Stück für Stück auseinanderbrechen. Marens Freundin Lisa habe sich immer gewünscht, in einem so schönen Haus am See zu wohnen, heißt es im Roman. Maren habe es gut. Wie sie da so lebe zwischen Loungesesseln, teurem Sekt und bodentiefen Fenstern mit Blick auf die idyllische Natur. Innerhalb von Marens Familie ist wenig idyllisch. Ihre Mutter Vera ist eine erfolglose aber vielbeschäftigte Künstlerin mit eigenem Atelier, die für ihre Tochter wenig Wärme und Fürsorge erübrigen kann. Ihr Stiefvater Robert ist ein unangenehm diffuser Charakter, der immer wieder zwischen Unterstützung und Grenzüberschreitung changiert. Er bietet Maren eine seiner Wohnungen an, lässt sie einziehen, als die Spannungen mit der Mutter unerträglich werden, taucht immer wieder auf mit Geschenken und Geschichten, die die Beziehung zwischen ihm und Vera in einem anderen Licht erscheinen lassen. Sie sollte duschen. Stattdessen setzte sie sich neben die leicht geöffnete Terrassentür, trank Tee und rauchte. Wünschte …

Anselm Neft – Die bessere Geschichte

Tilman Weber ist sensibler als seine Altersgenossen und wird nicht selten von ihnen dafür verspottet. Nachdem seine Mutter sich das Leben genommen hat, wächst er allein bei seinem Vater auf. Der kümmert sich zwar bestens um Tilmans Bildung, dafür weniger um dessen Ängste und Nöte. Als eine neue Frau mit reformpädagogischen Neigungen in sein Leben tritt, reift der Entschluss, den dreizehnjährigen Tilman in der „Freien Schule Schwanhagen“ unterzubringen – einer „Art Terrorzelle“ aus der Sicht konservativer Lehrkräfte. Alles ist anders an der FSS nahe der Ostsee. Die Kinder und die Lehrkräfte sollen keine Opponenten sein, sondern auf Augenhöhe Erfahrungen austauschen. An einem Ort, wo das klassische Machtgefälle zwischen Schülern und Lehrern aufgelöst werden soll, etabliert es sich hinter der Fassade reformerischen Glanzes auf viel perfidere Weise neu. Die fiktive “Freie Schule Schwanhagen”, von Anselm Neft nach dem Vorbild der Odenwaldschule konzipiert, besteht aus verschiedenen Häusern, denen jeweils eine Lehrkraft vorsteht und dessen Bewohnern sie in besonderer Weise Förderung ermöglicht. Der Unterricht wird frei gestaltet, die Schüler sollen sich ausprobieren. Jeder so wie er kann und …

Adélaïde Bon – Das Mädchen auf dem Eisfeld

Adélaïde ist neun Jahre alt, als sie von einem Fremden im Treppenhaus ihres Wohnhauses missbraucht wird. Er lockt sie unter einem Vorwand zu sich und vergeht sich an dem Mädchen, das weder begreift, was im Moment selbst mit ihr geschieht noch die Chance bekommt, im unmittelbaren Anschluss an das Verbrechen dessen Tragweite zu erkennen. Es dauert über zwanzig Jahre, bis sie versteht und mit der Aufarbeitung beginnen kann. Sie hat ihn angesehen und mit dem Kopf genickt wie diese kleinen Hunde auf der Hutablage hinten im Auto. Ich bin lieb, ich bin hübsch, ich mag das, du bist mein Freund, du magst meinen dicken Po, du tust mir gut, ich bin eine Naschkatze, ich sage niemandem was davon, es ist unser Geheimnis, versprochen, ich sage niemandem was. Worte, die er ihr eingeredet hat und an die sie sich nicht erinnert, genauso wenig wie an das, was er ihr angetan hat. Das Mädchen auf dem Eisfeld Ein Tag im Mai verändert das Leben von Adélaïde grundlegend. Obwohl sie ihren Eltern davon erzählt und die Polizei eine …

Gastbeitrag: Alina Bronskys ‘Scherbenpark’

Im letzten Herbst war ich für eine Doppelstunde in der TMS Bad Oldesloe, um angehenden Abiturient*innen etwas über das Schreiben von Rezensionen und das Literaturbloggen zu erzählen. Einige Schüler*innen haben daraufhin selbst Rezensionen geschrieben. Eine davon ist die von Merle Stoltenberg, die sich mit Alina Bronskys Scherbenpark beschäftigt hat. Manchmal denke ich, ich bin die Einzige in unserem Viertel, die noch vernünftige Träume hat. Ich habe zwei, und für keinen brauche ich mich zu schämen. Ich will Vadim töten. Und ich will ein Buch über meine Mutter schreiben. Alina Bronsky: Scherbenpark Die ersten Sätze aus dem Debütroman „Scherbenpark“ von Alina Bronsky beschreiben schon im Wesentlichen, um was es in dem Buch geht. Der Roman ist aus der Sicht der 17-jährigen russlanddeutschen Sascha Naimann geschrieben, die in einem riesigen Hochhauskomplex, genannt „Solitär“, wohnt. Ein Komplex, der hauptsächlich von Familien mit Migrationshintergrund bewohnt wird und wohl ohne Probleme als sozialer Brennpunkt bezeichnet werden kann. Die perspektivlosen Jugendlichen ertränken ihre Probleme mit Alkohol und Drogen in einem Park nahe des Solitärs, der von den Jugendlichen selbst als Scherbenpark …

Jan Drees – Sandbergs Liebe

Als die Dating-App Kristian Sandberg mit Kalina verknüpft, deutet wenig auf die Katastrophe hin, die das zufällige Aufeinandertreffen im digitalen Raum zur Folge haben wird. Rückwirkend gelesen gibt der Roman kleine Leuchtsignale: Sandbergs Zahnschmerzen sind gerade mittels provisorischer Füllung zum Schweigen gebracht worden, aus den Kopfhörern dringt das Album Borderline eines Kölner Produzentenduos. Jan Drees erzählt davon, was Menschen sich antun können im Namen von Liebe und Gemeinsamkeit und er beleuchtet die fatalen Folgen emotionaler Gewalt. Kristian ist ein mitteljunger Literaturagent auf der Suche nach einer tragfähigen, innigen Beziehung. Kalina ist Zahnärztin und, so scheint es auf den ersten Blick, eine aktive und feinfühlige Frau. Ein bisschen mystisch vielleicht, geheimnisvoll. Sie verabreden sich zum Essen, reden offen und lange. Die Anziehung, die beide füreinander empfinden, lässt sie schnell näher zusammenrücken und schon nach kurzer Zeit sagt Kalina zu Kristian: „Du darfst nie wieder gehen.“ Beide sind sie Versehrte, Bindungstraumatisierte, die im anderen etwas suchen, das sie nicht aus eigener Anschauung kennen: Geborgenheit, Akzeptanz, tiefe Verbundenheit, Liebe. Sie spielen, was es bedeutet, sich einem anderen Menschen …

Best of 2018

Das Jahr nähert sich dem Ende; es ist somit Zeit für die obligatorische Rückschau auf das im Jahr gelesene. Was hat besonderen Eindruck hinterlassen? Was wird über das Jahr 2018 hinaus im Kopf bleiben und weiterhin Schatten werfen? Ich habe mir elf Bücher herausgepickt, die mich auf ganz unterschiedliche Weise angesprochen und/oder durchgerüttelt haben. Zwei Dinge werden mir bei der Zusammenstellung klar. 1) Ich habe in diesem Jahr, ohne das zu forcieren, ziemlich viele sehr gute Bücher von Autorinnen gelesen. 2) Es waren in diesem Jahr insbesondere persönliche Geschichten, literarisch aufbereitet, die mich packen konnten und erreicht haben. Es geht oft um Menschen, die Haarsträubendes, Besonderes, Erschütterndes erlebt haben und diese Erlebnisse umwandeln in Sprache, in Erzählung, in Melodie. Das imponiert mir. Immer wieder. Aber nun zu den Büchern, die sich alle auch ausnehmend gut als Geschenke eignen, logisch! Claudia Rankine: Citizen Citizen beschreibt, mal essayistisch, mal lyrisch, mal in Form von Textcollagen einen Kampf, der nicht enden will. Aber er macht ihn in einer offenherzigen, berührenden und poetischen Art sichbar. Er adressiert ganz klar …