Alle Artikel in: Romane

Rezensionen zu zeitgenössischen Romanen

Clemens Setz – Bot

Ich sitze vor dem Monitor und “fahre” via Google Street View durch die menschenleeren Straßen der Kleinstadt Namie in der Präfektur Fukushima. Nach dem Tsunami und dem Reaktorunglück 2011 wurde die Stadt großteils evakuiert. Hier und da sieht man noch verwaiste Baumaschinen, Getränkeautomaten, am Ende einer baumgesäumten Straße einen angebundenen Hund. Sicher wird er abgeholt, ist er da nur “zwischengeparkt”, während ihm die Sonne auf den Pelz brennt. Das Google-Auto ist in einen schmalen, unbefestigten Weg eingebogen, eine Sackgasse, wie sich herausstellt. Dort steht ein Mann am Wegesrand, der skeptisch auf das Auto blickt. Auf jeder neuen Aufnahme ist er wieder zu sehen, immer ein Stückchen weiter vor dem Wagen. Je näher man ihm kommt, desto weiter scheint er weg zu sein. Warum ich das schreibe? Clemens Setz made me do it! Bot. Gespräch ohne Autor ist zuallererst ein formales Experiment. Weil ein herkömmlicher Interviewband gescheitert ist, entscheiden sich Clemens Setz und Angelika Klammer für eine alternative Lösung. Statt tatsächlich auf die gestellten Fragen zu antworten, überlässt Clemens Setz der Interviewerin seine persönlichen Aufzeichnungen über …

Kathrin Weßling – Super, und dir?

Marlene Beckmann ist Anfang dreißig und macht “Karriere” bei einem Start-Up-Unternehmen, das verzichtbaren Nonsens verkauft. Als Volontärin ist sie für die “Influencer-Relations” verantwortlich. Sie fühlt sich gut. Oder sollte sich gut fühlen. Ihr Arbeitsleben diffundiert immer weiter in ihr Privatleben hinein, bis beide notgedrungen ineinander aufgehen. Alles ist cool, alles ist Selbstoptimierung. Es läuft für Marlene, abwärts. Man kann heute alles werden, wenn man es nur will. Wenn es nicht klappt, hat man nicht genug gewollt, nicht genug gegeben, von sich und allem, was man hat. Der Arbeitsplatz ist ein Ort der Selbstverwirklichung, an dem man für alles dankbar zu sein hat. Für die Chancen und für das Glück, ganz egal, wie sinnlos die Tätigkeiten sind, mit denen man seinen Tag füllt. Immer positiv denken, immer happy sein, selbst wenn man eigentlich längst auf dem Zahnfleisch kriecht. Per Fitnessapp die eigene körperliche Leistungsfähigkeit tracken, sich auf Facebook als strahlende Gewinnerin präsentieren und von allen für sein geiles Leben bejubelt werden – Marlene tut alles, damit sich ihr Leben nach der Erfüllung anfühlt, die man ihr …

Reso Tscheischwili – Die Himmelblauen Berge

Ein Autor will in einem Verlagshaus sein Manuskript unterbringen. Was wie ein ganz alltäglicher Vorgang anmutet, wird bald zu einer absurden Posse über Bürokratie und Unbeweglichkeit. Reso Tscheischwilis Satire Die Himmelblauen Berge ist ein georgischer Klassiker, der nun erstmalig auf Deutsch erschienen ist. Eigentlich will Sosso bloß seinen Roman Die Himmelblauen Berge oder Tian Shan veröffentlichen lassen. Er bittet dafür um die Begutachtung seines Manuskripts und gerät in die gleichgültig mahlenden Getriebe eines Ortes, an dem nichts ist wie es scheint. Vor dem “pseudoklassischen Gerbäude aus den Dreißigerjahren” wird Motoball gespielt (auf knatternden Motorrädern sitzend spielt man sich den Ball hin und her), “hitzegeplagte” Autofahrer schauen mit “kühler Gleichgültigkeit” zu. Im Inneren des Gebäudes bröckelt der Putz von den Wänden. Sosso betritt, scheinbar nach längerer Abwesenheit, das Verlagshaus – in dem wenig von verlegerischem oder intellektuellem Esprit zu spüren ist – und bringt sein Manuskript unter die Leute. Mit Fortschreiten des Buches wird es gänzlich in seine Einzelteile zerlegt werden, einer liest den Anfang, der nächste zwei Drittel vom Schluss, ein anderer die Mitte, von …

Emma Glass – Peach

Es gibt Bücher, nach denen man sich selbst versehrt fühlt. Wie eine klaffende, pulsierende Wunde. Verstört. Mitgerissen von einem unaussprechlichen Unglück. Dieses ist so eins. Emma Glass hat mit Peach einen Debütroman geschrieben, der sämtliche Schmerzgrenzen überschreitet in seiner Kompromisslosigkeit. Ein surrealer Trip voller Gewalt und der klägliche Versuch, sich ihrer Spuren zu entledigen. Nichts für zarte Gemüter, nichts für schwache Nerven. Schon die ersten Sätze von Peach lassen erahnen, dass hier nicht konventionell und glatt erzählt wird. Viel eher liest sich der erste Absatz wie eine ins Stocken geratene Maschine, atemlos, ein schmerzerfülltes Stakkato voller Alliterationen und Assonanzen. Man strauchelt. Irgendetwas ist mit Peach geschehen. Sie ist ein junges Mädchen, ihre Knöchel sind aufgeschürft, sie spürt Schmerzen und Blut zwischen ihren Beinen, ihr Körper summt wie unter Strom. Irgendwie stolpert sie nach Hause, ihre Eltern bemerken nichts. Sie sind anzüglich, körperlich wie Teenager, die einander keine Sekunde unberührt lassen können. Gerade ist ein Baby geboren worden. Es heißt Baby. Und es ist süß, im wahrsten Sinne des Wortes. Mehrfach im Roman wird es wortwörtlich …

Claudia Rankine – Citizen

Schwarz zu sein, bedeutet auch in der Gegenwart noch beschämend häufig, aufgrund dieses eigentlich bedeutungslosen Merkmals ausgegrenzt, diskriminiert und erniedrigt zu werden. “Der Schwarze” ist, wie viele rassistische oder antisemitische Stereotypen, nicht viel mehr als eine Konstruktion, die über Jahrhunderte hinweg tradiert worden ist. Tradiert von denen, die die Macht dazu hatten. Tradiert von denen, die sich ihrer selbst so wenig sicher waren, dass sie andere Menschen abwerten mussten, um sich ihres eigenes Wertes zu versichern. Bis heute. “Othering” wird der Prozess genannt, der das Fremde in Abgrenzung zum Eigenen definiert und hervorhebt. Claudia Rankine beschreibt in ihrem 2014 im Original erschienenen lyrischen Essay (oder ihrer essayistischen Lyrik?) die zerstörerische Kraft von Mikroaggression und offenem Rassismus. Rassismus muss nicht intendiert sein, um rassistisch zu sein. Grenzüberschreitende, abwertende Kommunikation kann auch im Alltag stattfinden, zwischen Tür und Angel. Dort, wo man sie nicht erwartet. Dort, wo sie schlimmstenfalls vielleicht sogar positiv gemeint ist, aber implizit eine Herabwürdigung des Gegenübers darstellt. Claudia Rankine stammt ursprünglich aus Jamaika und ist schwarz. Es wäre schön, wenn das nicht von …

Mareike Fallwickl – Dunkelgrün, fast schwarz

Es ist ein bisschen wie in »Das zweite Gesicht« mit Elijah Wood und Macaulay Culkin. In einer asymmetrischen Jungenfreundschaft ist einer zurückhaltend und still, der andere findet Spaß an Gemeinheit und Macht. Raf und Motz sind sehr jung, als sie sich kennenlernen und fortan jede freie Minute miteinander verbringen. Raf ist ein Draufgänger und in späteren Jahren ein Weiberheld, Motz ist allenfalls sein Schatten. Als Johanna schließlich zu ihnen stößt, verändert das nicht nur die Beziehungskonstellation, es verändert Leben. Es gibt Bücher, die sind außerordentlich unbequem und in diesem körperlich spürbaren Mangel an Komfort liegt ihre größte Kraft. Dunkelgrün, fast schwarz erzählt von einer fatalen Beziehungsgeschichte und davon, was Menschen einander wissentlich und willentlich antun können. Als Raf und Motz (eigentlich Raffael und Moritz) sich kennenlernen, steht schnell fest, wer der Anführertyp von beiden ist. Raf schreckt scheinbar vor nichts zurück und hat bereits im Kindesalter Spaß daran, seine Macht  anderen gegenüber auszuspielen. Wie ein Detektor macht er die Schwachstellen seiner Mitmenschen ausfindig, um genüsslich in ihnen herumzubohren. Er liebt das Extrem und die Provokation, …

Alexander Pechmann – Sieben Lichter

Im Juni 1828 läuft in der irischen Hafenstadt Cove ein Schiff ein, auf dem sich Grausames abgespielt hat. Große Teile der Mannschaft sind brutal ermordet worden, der Kapitän flüchtig. Glaubt man den Schilderungen der Überlebenden, muss er für das Massaker verantwortlich sein, doch es bleiben Zweifel. Alexander Pechmann hat eine wahre Geschichte zur Grundlage für eine Schauergeschichte genommen, die sich liest, als stamme sie aus der Zeit klassischer Abenteuerromane. Als die Mary Russell in den Hafen von Cove einläuft, hat sich ein grausames Verbrechen auf ihr ereignet. Durch Zufall erfahren der prominente Theologe und Arktisforscher William Scoresby und dessen Schwager, der die »Watson«-Erzählerrolle in der Geschichte ausfüllt, von dem Unglück und beginnen, unabhängig von den offiziellen Ermittlungen des Coroners Nachforschungen anzustellen. Scoresbys Prominenz öffnet ihm viele Türen und so befragen beide die Überlebenden der Katastrophe, von ihr gleichermaßen angelockt und abgestoßen. Zunächst scheint alles klar zu sein. Kapitän William Stewart ist flüchtig, einiges, u.a. sein unberechenbares Verhalten, scheint dafür zu sprechen, dass er auf See verrückt geworden ist. Aber ist es tatsächlich so einfach? Stewart …

Franziska Seyboldt – Rattatatam, mein Herz

2016 schrieb Franziska Seyboldt in der taz über ihre Angststörung, seit 2017 schreibt sie dort in einer eigenen Kolumne (Psycho) über psychische Erkrankungen. Es waren ehrliche, nahbare und offene Artikel darüber, wie es ist, mit krankhafter Angst zu leben. Wie es ist, wenn sich vor lauter Panik das Blickfeld verengt, das Herz rast und im Inneren bloß noch Alarmglocken schrillen: alle Zeichen auf Flucht. Aus diesen Artikeln ist nun ein Buch entstanden, das nicht etwa Ratgeber sein will oder Selbsthilfebuch. Es enthält keine Meditationsübungen oder Listen zum Abhaken, nicht die eine Lösung. Dafür aber charmant selbstironische Schilderungen darüber, wie es sich anfühlt, wenn die Angst einem im Nacken sitzt. Für Nicht-Betroffene ist es vermutlich unvorstellbar, in einer alltäglichen Situation von Panik überwältigt zu werden. Binnen Sekunden rast der Puls ohne Geschwindigkeitslimit, im Hals schwillt ein Kloß zu unnatürlicher Größe, die Hände werden schwitzig, die Wahrnehmung verändert sich. Plötzlich ist die Welt eng und bedrohlich, alles zum Ersticken nah, zu laut und gleichzeitig hinter einer schlierigen Milchglasscheibe. Von außen ist an diesen Situationen nichts Besonderes zu …

Jürgen Bauer – Ein guter Mensch

Der südafrikanischen Metropole Kapstadt geht nach einer anhaltenden Dürre das Wasser aus. Sollte der Regen weiterhin ausbleiben, so der Spiegel, könnte die Stadt schon in diesem Jahr das Wasser abdrehen und rationieren. Eine Zukunft, in der extreme Klimabedingungen ebenso wie profitorientierte Unternehmen den Zugang zu Wasser erschweren und gigantische Fluchtbewegungen auslösen, ist keine, die man sich erst mühsam aus den Fingern saugen müsste. Wasser als Ressource ist ebenso wenig unendlich und selbstverständlich wie jede andere. Aber sie ist überlebenswichtig. Jürgen Bauers Roman Ein guter Mensch spielt zu einer Zeit, in der die prophezeiten Klimakatastrophen schließlich  Realität geworden sind. Seit Jahren hat es nicht geregnet. Manchmal wirbelt Asche durch die vor Hitze flirrende Luft und kündet von einem Brand, ausgelöst vielleicht durch eine unbedacht ins Unterholz geworfene Zigarette oder einen fanatischen Gegner der Regierungspolitik. Ein winziger Funke genügt, um einen Feuersturm zu entfachen, im knochentrockenen Gelände der Region ebenso wie in der aufgeriebenen, verzweifelten Bevölkerung. Wasser gibt es nur noch auf Zuteilung. Die Mengen sind kaum ausreichend. In gigantischen Flüchtlingscamps werden Menschen versorgt, die sich ein …

Dirk Stermann – Der Junge bekommt das Gute zuletzt

Schmerz kann vielfältig sein: beißend, pochend, brennend, reißend, dumpf oder auch wohltuend. Der dreizehnjährige Claude erlebt in seinem noch jungen Dasein eine nahezu unaushaltbare Periode schmerzvoller Ereignisse, die ihn formen und verändern. Dirk Stermann hat ein Buch geschrieben, das gleichzeitig skurril, witzig und fast unerträglich traurig ist. Claude ist ein einsamer Dreizehnjähriger. Nicht auf die Art, auf die alle Dreizehnjährigen einsam sind. Bei Claude sitzt die Verlassenheit tiefer. Seine Eltern trennen sich und beschließen, diesem Beziehungsende auch eine räumliche Trennung folgen zu lassen. Claudes Vater und er wohnen nun auf der einen Seite, seine Mutter, ihr neuer Partner und sein Bruder Broni auf der anderen Seite derselben Wohnung. Der Kontakt untereinander ist streng untersagt. Man braucht Abstand voneinander, heißt es lapidar. Claude geht auf eine Eliteschule, in der er nach Kräften von seinen Mitschülern dafür gemobbt wird, dass sein Vater nicht Millionendeals abschließt, sondern bloß in volkstümlichen Bläsercombos in die Posaune pustet. Von seinem Vater ist kein Rückhalt zu erwarten, seine Mutter ist als Ethnologin regelmäßig am anderen Ende der Welt, um wahlweise sich selbst …