Alle Artikel in: Kultur

Berichte vom Besuch kultureller Veranstaltungen

Kurz und knapp rezensiert im Juni!

Nach einer längeren Blogpause geht es im Juni um die Toten und ihr Resüme, pointierte Cartoons zu Kultur- und Literaturbetrieb, Utopien und eine unverzeihliche Grenzüberschreitung. Mit Der Trafikant (ab Herbst übrigens im Kino) und Ein ganzes Leben hat Robert Seethaler bereits feinsinnige, sprachlich sehr elegante Romane geschrieben; sein neuester Wurf ist ein Chor verschiedener Stimmen “vom Feld”. Auf dem Feld werden die Toten der Kleinstadt begraben und blicken nun nach ihrem Dahinscheiden auf ihre Leben zurück. Was ist geblieben, nachdem alles zu Ende war? Gewöhnlich können wir unser Leben nur betrachten, während wir noch Teil davon sind. Wir können nicht einfach aus uns selbst und dem Alltag heraustreten. Seethalers Erzählmodus erlaubt die Außenperspektive – schließlich sind alle Berichtenden bereits tot und wissen darum. Zentrum ihrer aller Leben ist “Paulstadt”. Sie sind Gemüsehändler, unglückliche Ehepaare, Verlassene, korrumpierte Lokalpolitiker, ein wahnhafter Pfarrer, ein Postbote. Stück für Sück setzt Seethaler die Kleinstadt mittels ihrer Einwohner zusammen, die mal ernüchtert und mal befriedet auf ihr Dasein zurückblicken. Dabei geraten nicht alle Kapitel gleichermaßen plastisch, immer aber sind sie empathisch …

Kurz und knapp rezensiert im April!

Im April geht es um das Erkenntnispotential von Bestsellern, eine Kulturgeschichte der Angst und das plötzliche Einbrechen einer Erkrankung, nach der nichts mehr ist wie es war. Bestseller sind die Bücher, die sich am besten verkaufen. So weit, so simpel. Beststeller sind die Bücher, denen es gelingt, eine große Zahl von Menschen thematisch oder stilistisch anzusprechen. Da wird es schon interessanter. Muss das zwingend bedeuten, dass Bestseller ein um Ecken, Kanten und Tiefe gebrachtes Massenprodukt sind? Was viele Leser*innen anspricht, darf natürlich nicht zu experimentell und kapriziös sein, das steigert nur das Risiko, Menschen auf dem Weg zu verlieren. Die Losung aber, dass Beststeller dem kulturell Anspruchsvollen grundsätzlich nichts zu sagen hätten, geht nicht auf. Wenn man sie am Ende schon selbst nicht lesen will, kann man in ihnen wenigstens nach den Spuren kultureller und gesellschaftlicher Trends suchen, wie Jörg Magenau das in seinem kurzweilig geschriebenen Bestseller-Potpourri tut. Er begegnet dabei dem jüngeren Trend  zur Selbstoptimierung genauso wie dem Bedürfnis nach “phantastischen Gegenwelten” angesichts von Waldsterben und Anti-AKW-Bewegung. Manch ein Buch erlebt seinen größten Erfolg …

Die Buchmacher 2018!

Mit den ersten Sonnenstrahlen des Frühlings waren in diesem Jahr zum vierten Mal die Buchmacher zu Gast in der Lübecker Petrikirche. Wie immer gab es eine Menge zu sehen: vom politischen und historischen Sachbuch über Lesebühnenliteratur und Kinderbücher bis zur gehobenen Belletristik war für jeden Geschmack etwas vertreten. Mit dem frischgebackenen Prix Goncourt-Preisträger Éric Vuillard hatte die kleine Messe in diesem Jahr sogar einen Stargast auf “der Tagesordnung”. Zwei Tage im April sind mittlerweile verlässlich für Die Buchmacher* reserviert. Wer nicht nach Leipzig konnte oder wollte, wem Frankfurt zu turbulent ist und alles andere sowieso zu weit, wenn man auch einfach an die Ostsee fahren kann, der ist seit 2015 in Lübeck eigentlich richtig gut beraten. Kleine Indieverlage stellen seitdem sich und ihr Verlagsprogramm in den Mauern der Petrikirche interessierten Leser*innen vor, animieren zum Entdecken, laden zu Gesprächen ein. Zwei Tage lang ist das ein fröhliches Getümmel aus Literaturliebhaber*innen, Buchhändler*innen, Autor*innen und Neugierigen, die sich mal angucken wollen, was denn “unabhängige Verlage” eigentlich so machen. Man findet ihre Bücher selten auf Beststellerlisten oder als Stapelware …

Blogbuster: Den Hut nehmen und gehen.

Zum zweiten Mal findet der Blogbuster-Wettbewerb statt. Von BloggerInnen initiiert, dient er dazu, konventionelle Strukturen im Literaturbetrieb aufzubrechen und Manuskripte aufzuspüren, die unter den üblichen Umständen durchs Raster fielen. Das lief im letzten Jahr recht erfolgreich in Kooperation mit dem Tropen Verlag. Als Siegermanuskript konnte sich Torsten Seiferts Roman Wer ist B. Traven? durchsetzen, der bislang von der klassischen Literaturkritik bedauerlich weit links liegen gelassen wurde. (Warum eigentlich?) Und in diesem Jahr? Nehme ich meinen Hut. Es kann gut sein, dass ich gescheitert bin. Sehr wahrscheinlich sogar. Aus dem diesjährigen Blogbuster-Rennen muss ich vorzeitig ausscheiden, ohne die Ziellinie überquert zu haben. Woran liegt das? Ist wirklich alles so schlecht? Mich persönlich haben neun Manuskripte erreicht, schon quantitativ ein großer Unterschied zu den über vierzig im letzten Jahr. Manche davon wirklich nicht in einem präsentablen Zustand, andere vielversprechend und mit wirklich guten Ansätzen. Ein Manuskript habe ich vollständig angefordert und gelesen, dachte, das könnte es werden, aber es verlor mich dann im letzten Drittel. Wie bereits im letzten Jahr haben wir Teilnehmenden uns für einen Pool …

Kurz und knapp rezensiert im Februar!

Im Februar geht es um Einwanderung, die kulturelle Wurzeln kappt und Spuren verwischt. Um Positionen zwischen Kulturen. Und um taktvolle Bösartigkeiten. Emilia Smechowski, heute freie Journalistin und ausgebildete Sängerin, wandert 1988 mit ihren Eltern von Polen nach Westdeutschland aus. Gegenüber dem tristen Grau des Ostblocks scheint die Bundesrepublik das Versprechen auf ein besseres Leben zu sein. Die Smechowskis brechen ihre Zelte ab, werden als Aussiedler anerkannt und machen sich daran, sich die deutsche Lebensart wie eine zweite Haut überzustreifen. Als polnische Einwanderer leben sie so angepasst, dass sie fast nirgendwo als solche erkannt werden. Was zählt, ist Leistung. Auf der Straße sollen Emilia und ihre Schwester kein Polnisch mehr sprechen, möglichst nichts soll mehr auf ihre Wurzeln hindeuten. Es ist eine radikale Neuerfindung, deren zerstörerische Kraft erst viel später sichtbar wird. Emilia Smechowski nähert sich ihrer Geschichte mit Humor und Offenherzigkeit, im Zentrum die implizite Frage: Was bedeutet Integration? Ist jemand gut integriert, wenn er möglichst unterschiedlos in der deutschen Bevölkerung aufgeht? Weshalb sollte das überhaupt so erstrebenswert sein? Und welche individuellen Verletzungen gehen mit …

Das Literaturhotel Sonnenburg

Es gibt einige Hotels, in denen die Leidenschaften der Betreiber einen wesentlichen Beitrag zum Konzept leisten. Das kann Musik sein, Kunst oder eben auch Literatur. Im österreichischen Voralberg fährt man gewöhnlich Ski und genießt die Berge. Man lüftet den Kopf durch. Im Hotel Sonnenburg* allerdings wird Literaturliebhabern noch einiges mehr geboten, darunter eine über 1000 Bücher umfassende Bibliothek, eine handverlesene Bücherkiste auf dem Zimmer und verschiedene Literaturveranstaltungen für kleine und große Gäste. Wie es dazu kam, hat mir Betreiberin Waltraud Hoch in einem Interview verraten. Ihr Hotel besitzt einen Schwerpunkt, der im Hotelgewerbe vermutlich nicht alltäglich ist. Sie wollen Ihren Gästen auch einen Mehrwert in Form von Literatur und literarischen Veranstaltungen bieten. Wie kam es dazu? Bedingt durch unsere persönliche Leidenschaft für Literatur entstand der Gedanke, dies mit unseren Gästen zu teilen. Mit dem Umbau all unserer Zimmer im Stammhaus Sonnenburg im Sommer 2016 haben wir nun versucht, dieser Leidenschaft auch in allen Zimmern Ausdruck zu verleihen. Dadurch entstanden einerseits unsere Bücherkisten, die unser Gäste dazu einladen sollen, sich zu bedienen und reinzuschmökern und vielleicht …

Offene Regale statt Schubladen: Franziska Seyboldt im Interview!

Vor knapp zwei Wochen erschien Rattatatam mein Herz, Franziska Seyboldts Erfahrungsbericht über das Leben mit einer Angststörung. Im Interview spreche ich als selbst Betroffene mit ihr über ihre Beweggründe, mit ihrer Angst an die Öffentlichkeit zu gehen und wie wir in Zukunft besser über psychische Erkrankungen sprechen können. Was hat für dich den Anstoß gegeben, dich öffentlich zu deiner Angst zu bekennen? Zuerst wollte ich einfach einen „Ich-Text“ schreiben, weil mich das Thema ja schon sehr lange beschäftigt. Ich finde es immer spannend, in fremde Köpfe reinzuschauen und gehe deshalb davon aus, dass es anderen Menschen auch so geht. Bei der Recherche habe ich dann erstens festgestellt, dass viel mehr Menschen von Angststörungen betroffen sind, als ich dachte. Und zweitens, dass Betroffene zwar darüber schreiben, aber so gut wie nie unter ihrem echten Namen. Das hat mich stutzig gemacht, da ich immer gedacht hatte, dass psychische Erkrankungen eigentlich kein Tabu mehr sind – oder zumindest kein so großes wie noch vor zehn Jahren. An dem Punkt wurde mir klar: Wenn ich diesen Text schreibe, dann …

Kurz und knapp rezensiert im Dezember!

Die Weihnachtstage sind so schnell vorübergegangen wie sie gekommen sind. Bis die Silvesterfeiern allerorts das neue Jahr einläuten, habe ich nochmal vier Bücher für euch, die ich im Dezember gelesen habe. Es geht um die Welt und unsere Zukunft, eine späte Rache, Lügen, die außer Kontrolle geraten und einen Unfall, der Leben verändert. Während vielerorts noch darüber gestritten wird, ob Flüchtlinge eine Gefahr für den Zusammenhalt der Gesellschaft darstellen und ob die Rückkehr zu nationaler Unabhängigheit nicht all unsere Probleme lösen könnte; während noch debattiert wird, ob der Klimawandel real ist und wie man Arbeitslose motivieren könnte, etwas zu leisten, finden ganz nebenbei die großen Umwälzungen statt. Philipp Blom beleuchtet in seinem Essay u.a. die wahrscheinlichen Folgen des voranschreitenden Klimawandels – Migration, unbewohnbare oder gänzlich verschwundene Gebiete – sowie die gravierenden Veränderungen des Arbeitslebens durch die Digitalisierung. Der Begriff der Arbeit und ihren Stellenwert werden wir überdenken müssen angesichts einer immer rasanter fortschreitenden Technisierung. Das Ziel heißt nicht mehr quasi Vollbeschäftigung, kann nicht mehr Vollbeschäftigung heißen, wenn Maschinen immer mehr Tätigkeiten übernehmen. Wir können nicht …

Meine Highlights 2017

Zugegeben: in den nächsten vier Wochen kann noch viel passieren. Ich könnte noch DAS Buch des Jahres entdecken und mich ärgern, es nicht in meine Hitliste aufgenommen zu haben. Grundsätzlich ist der beginnende Dezember aber ein guter Moment zur Rückschau, ganz abgesehen vom netten Nebeneffekt, gleichzeitig Geschenktipps geben zu können, die bis zum Fest noch in Reichweite sind. Für mich war es, spätestens ab der zweiten Jahreshälfte, auch ein Jahr des Zauderns und Zweifelns, weshalb ich Vieles nicht geschafft habe, was auf der Agenda stand. Viele Bücher sind liegen geblieben und sehen mich vorwurfsvoll an, viele Wochen sind zwischendurch ohne Beitrag verstrichen, weil es in meiner zarten Bloggerinnenseele gerade sinnkriselte. Vielleicht bringt das nächste Jahr die nötige Frische und das unverzichtbare Zutrauen, das es braucht, um das Tal hinter mir zu lassen. Bis dahin bringe ich aber erst einmal Buchtipps an Mann und Frau, die mich in diesem Jahr begeistert haben und die sich natürlich hervorragend zum Verschenken eignen! Elias Hirschl – Hundert schwarze Nähmaschinen Ein Zivildienstleistender kommt in eine betreute Wohngruppe für Schizophrene. Er …

Kurz und knapp rezensiert im November!

Im November geht es um ein außergewöhnliches Talent, außergewöhnliche Taten und die Rückschau auf ein Leben. Die Lebensgeschichte von William James Sidis hat in diesem Herbst gleich zwei Autoren zu ihren Romanen inspiriert. Neben Morten Brask schreibt auch der deutsche Autor Klaus Cäsar Zehrer über die »wahre Geschichte« eines Wunderkindes, das bereits im Kleinkindalter diverse Fremdsprachen beherrschte, inklusive einer selbst erfundenen, und mit elf Jahren in Harvard Vorlesungen über höhere Mathematik hielt. William James Sidis wird ein IQ zwischen 250 und 300 nachgesagt, sein Geist ist darauf ausgelegt, komplexe Probleme zu lösen. Sidis ist vor allem das Ergebnis eines Erziehungsexperiments, an dessen Ende, wäre es nach seinem Vater Boris Sidis gegangen, ein Patentrezept für Genies gestanden hätte. Leider entwickelt sich nicht alles wie gewünscht. William schert aus, er fällt in Ungnade, weil er zwar hervorragend denken, aber kaum mit anderen interagieren kann. Die Zwischentöne menschlichen Umgangs sind ihm fremd, Humor versteht er nicht. Klaus Cäsar Zehrer erzählt diese Geschichte breit von ihrem Beginn als Idee und Theorie bis zum bitteren Ende, mit viel Einfühlungsvermögen, gefällig, …