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Frank Rudkoffsky – Fake

Max ist ein Schreikind. Nach seiner Geburt beginnt für Sophia und Jan ein Leben auf Zehenspitzen, jede ruhige Minute ist ein Geschenk, jede Stunde Schlaf eine Seltenheit. Sophia hat vorübergehend ihren guten Job bei Daimler aufgegeben, Jan ist freier Journalist mit zu wenig Aufträgen. Das Internet wird für beide der Ort, an dem sonst Verschwiegenes schließlich sichtbar wird.

Was treibt einen Internet-Troll an? Was veranlasst Menschen, ein ganzes Leben oder eine lebensbedrohliche Krankheit zu erfinden? Das Internet im Allgemeinen und soziale Medien im Speziellen bieten zahllose Möglichkeiten, mit Identitäten und Biographien zu spielen. Manchmal ist es bereits die Liebe zum Spiel allein, die als Antrieb für Lügengeschichten dient. Manchmal ist es aber auch eine Lebenssituation, die so ohnmächtig macht, dass sie mit Macht und Kontrolle kompensiert werden muss. Als Sophia Max bekommt, ändert sich ihr Leben schlagartig. Max ist das Zentrum ihrer Welt, sein exzessives Schreien raubt ihr den letzten Nerv. Erst sind es nur kleine Sticheleien in Internetforen für Eltern, die Sophia aus Wut über Besserwisserinnen und Übermütter absetzt. Stück für Stück aber wird der inszenierte Online-Streit ihr Ventil. Sie weiß genau, was sie an welcher Stelle schreiben muss, um empörte Reaktionen hervorzurufen. Es ist ein simples Reiz-Reaktions-Muster; am Ende drückt sie die Knöpfe. Sie glaubt nicht an das, was sie schreibt. Aber sie glaubt daran, wie es wirkt, immer wieder. Schließlich erfindet sie Rita, eine Frau mittleren Alters, der das Leben übel mitgespielt hat. Über sie und ihre tragische Lebensgeschichte holt Sophie sich das Mitgefühl ab, das sie außerhalb des Internets nicht haben kann. Außerhalb des Internets ist sie junge Mutter eines bezaubernden kleinen Sohnes. Außerhalb des Internets hat sie es gut, muss sie glücklich sein, weil alles wunderbar ist. Für das, was nicht wunderbar ist, ist kein Platz.

Sophia kämpft mit ihrer Mutterrolle und all den Gefühlen, von denen niemand etwas hören will. Jan kämpft mit seinem Job als freier Journalist. Eine Undercover-Reportage, deren Recherche mit einem Fake-Account in sozialen Medien beginnt. Er will Pegida infiltrieren, die besorgten Bürger porträtieren. Sowohl Sophia als auch Jan nutzen falsche Identitäten und Geschichten im Netz, beiden entgleitet schließlich die Kontrolle über die Geister, die sie riefen. Frank Rudkoffsky hat nicht nur einen temporeichen Roman über das Trollen und Faken geschrieben. Es geht um mehr. Es geht um Rollenmuster und damit einhergehende Stereotypen – insbesondere die der Mutterschaft. Um die Angst, Erwartungen nicht gerecht zu werden. Es geht um den Wunsch, sich selbst treu zu bleiben und daran zu scheitern. Es geht um prekäre Beschäftigungsverhältnisse und den Kampf um Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Es geht um Wut, die sich ganz verschieden ausdrückt und kanalisiert: um die fehlgeleitete Wut der Pegida-Spaziergänger, aber auch um die Wut über ganz reale gesellschaftliche Schieflagen. „Fake“ ist ein rasant erzähltes, scharfzüngiges Buch. Bösartig und amüsant einerseits, aber auch mit nachdenklichen, ernsten Untertönen versehen.

Wut auf Jan hätte vieles einfacher gemacht. Wut auf mich. Oder auf die Gesellschaft. Aber es gab kein Ziel für meine Wut, keinen Schuldigen, an dem ich sie hätte entladen können. Das änderte nichts daran, dass sie rausmusste, irgendwohin, wo sie keinen allzu großen Schaden anrichtete. Little Boy, so hieß die Bombe über Hiroshima. Um mich im Alltag mit meinen Jungs gefahrlos zu entladen, brauchte ich mindestens ein Bikini-Atoll.

Es ist eine Besonderheit, dass ein Mann hier so intensiv in die Gedankenwelt einer Frau, noch dazu einer Mutter einsteigt. Wer bislang glaubte, dass das nur eingeschränkt möglich sei (soll es ja geben, die hartnäckige Überzeugung, dass Männer am besten über Männersachen und Frauen am besten über Frauenangelegenheiten schreiben könnten), dem beweist Rudkoffsky das Gegenteil. Er schreibt ungeschönt und offen auch über körperliche Veränderungen und er entwirft eine selbstbestimmte Frau, die trotz ihres problematischen Verhaltens jederzeit nahbar ist und bleibt. Am Ende ist „Fake“ natürlich nur ein mögliches Szenario unter vielen. Es bietet nicht die Antwort auf die Frage, wie und warum Onlinekommunikation bewusst zum Entgleisen gebracht wird. Oft ist es vielleicht viel weniger komplex. Aber der Roman eröffnet eine überzeugende Perspektive und verliert nie das Mitgefühl mit seinen Figuren. Das ist ihm hoch anzurechnen.

Frank Rudkoffsky: Fake. Voland & Quist. 240 Seiten. 20,00 €.

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