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Jasmin Schreiber – Marianengraben

Paulas kleiner Bruder Tim ist gestorben. Bei einem Urlaub mit den Eltern ist er, der „Meeresforscher“, im Meer ertrunken. Und nichts ist mehr wie es war. Jasmin Schreiber erzählt in Marianengraben zwar von Tod und Abschiednehmen, gleichzeitig aber genauso sehr vom Leben – das eine lässt sich nicht vom anderen trennen.

11000 Meter ist der Marianengraben tief. Darin nicht nur die tiefste Stelle des Weltmeeres, sondern zahllose unentdeckte Tierarten zweifelhafter Schönheit. Dort, wo das Sonnenlicht niemals ankommt, leuchten und blinken biolumineszente Lebewesen in der Dunkelheit. Für Paula ist der Marianengraben ein Sinnbild ihrer Trauer: tief, düster, allumfassend. Sie fühlt sich wie ein Fallen an in 11000 Meter Tiefsee. Nur folgerichtig, dass die Kapitel in Marianengraben Kilometerzahlen sind. Stück für Stück steigt Paula wieder an die Oberfläche. Zunächst aber sitzt sie beim Therapeuten und spricht mit ihm über Nudeln, weil sie alles andere nicht in Worte fassen kann. Der Therapeut rät ihr, den Friedhof aufzusuchen, wenn kein anderer dort ist und obwohl Paula das absurd erscheint, beherzigt sie den Ratschlag. Mit einer Trittleiter im Schlepptau bricht sie auf den Friedhof ein und setzt sich an das Grab ihres Bruders.

Auf dem Friedhof trifft sie schließlich Helmut, einen älteren Herrn in seinen Achtzigern, der mit einem Spaten versucht, Helga auszugraben. Nicht, weil er ein konventioneller Grabräuber wäre, sondern weil er ein Versprechen erfüllen will, dass er Helga zu Lebzeiten gegeben hat. Und dann ging alles ganz schnell – Helga war weg und Helmut noch da. Paula und Helmut bilden in der Folge eine skurrile kleine Reisegruppe; getrennt durch zahlreiche Jahrzehnte Leben, vereint durch die gemeinsame Erfahrung des Verlusts. Es geht im Wohnmobil in die Berge.

Die ersten Stunden saß ich meinem Therapeuten gegenüber, der mich fragte, wie es mit den Medikamenten so liefe, und mich anschließend fünfzig Minuten anschwieg, während ich irgendwas aus mir selbst schöpfen sollte. Doch in mir gab es nichts zu schöpfen, ich saß im Marianengraben mit einer kleinen Suppenkelle und sollte damit all das Wasser und den Schmerz aus mir herausholen (…)

Jasmin Schreiber erzählt einfühlsam und nahbar, aber auch humorvoll von diesen Erfahrungen. Sie weiß, wovon sie schreibt. Seit 2018 betreibt sie den Blog Sterben üben, in dem sie sich mit Tod, Trauer und Krankheit auseinandersetzt. Sie begleitet ehrenamtlich Menschen, die sterben oder trauern und fotografiert professionell sogenannte „Sternenkinder“ – Kinder, die bereits tot auf die Welt kommen oder kurz nach der Geburt versterben. Die Bilder sollen den Eltern und Angehörigen Erinnerung sein und das Abschiednehmen ermöglichen. Jasmin Schreiber beschäftigt sich daher fast folgerichtig in ihrem Debütroman mit diesem Thema, über das ungern gesprochen wird. Wer es sich leisten kann, nicht darüber nachzudenken, der lässt es besser bleiben. Dabei könnte die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit (und freilich auch der nahestehender Menschen) etwas Gutes sein. Schließlich ist der Tod keine Ausnahme und keine singuläre Erfahrung.

Marianengraben gelingt es, über das Sterben zu erzählen, ohne düster zu sein. Es erzählt vom Trauern und wie es gelingen kann, aus der marianengrabenhaften Tiefe der Trauer aufzusteigen, um weiterzuleben. Denn auch das steckt im Text: viele lebenswerte Momente der Freude, der Mitmenschlichkeit, des Miteinanders. Der Roman verbindet Leben und Sterben, weil eines untrennbar zum anderen gehört. Und er macht deutlich: Trauern und sterben sind so individuell wie die Menschen selbst.

Jasmin Schreiber: Marianengraben. eichborn Verlag. 256 Seiten. 22,00 €.

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