Klassiker, Kultur, Rezensionen
Schreibe einen Kommentar

#klassikerlesen mit Cornelsen: Kurzgeschichten

Auf Instagram habe ich es schon angekündigt: Ich möchte mich in diesem Jahr, in Kooperation mit dem Cornelsen-Verlag, mit ausgewählten Klassikern beschäftigen. Sowohl mit solchen, die ich in der Schule gelesen habe als auch mit solchen, die ich längst hätte lesen wollen und sollen. Hat sich mein Blick auf die Lektüre verändert, wenn es eine neuerliche Lektüre ist? Sehe ich jetzt etwas am Text, das ich früher nicht gesehen habe? Weshalb ist es noch immer lohnenswert, diesen oder jenen Text zu lesen? Ich beginne diese #klassikerlesen-Reihe mit einem Kurzgeschichten-Sammelband, der sowohl moderne Klassiker wie Siegfried Lenz, Wolfgang Borchert und Ilse Aichinger enthält als auch zeitgenössische Autor*innen wie Saša Stanišić, Lucy Fricke oder Zoë Jenny.

Kurzgeschichten sind ein zu häufig stiefmütterlich behandeltes Genre. Überhaupt Erzählungen. Warum eigentlich? Manche haben lieber eine ausführlicher dargebotene Story, andere mögen die Leerstellen nicht, die eine Kurzgeschichte zwangsläufig durch ihren Fokus auf wenige Personen und zentrale Konflikte hinterlässt. Kurzgeschichten und Erzählungen im Buchhandel zu verkaufen, ist immer irgendwie knifflig. Verstanden habe ich das noch nie. Ich persönlich schätze es, wenn eine Geschichte nicht alles auserzählt, was es zu erzählen gibt. Wenn sie Spielraum lässt und Luft zum Atmen. Wenn sie etwas erzählt auch mit eben den Absätzen, in denen sie nur lose andeutet. Nicht zuletzt liefert ein Kurzgeschichtenband diverse Eingänge in ganz unterschiedliche Szenarien statt nur eine einzige Geschichte. Viel mehr Gründe also, Kurzgeschichten und Erzählungen zu mögen statt es nicht zu tun.

Kurzgeschichten sind in ihrer konkreten Gestaltung so divers und vielseitig, dass es kaum ausreicht, eine einzige zu lesen, um sich ein Bild zu machen. Cornelsen trägt diesem Umstand in seiner Anthologie Rechnung, indem die ausgewählten Kurzgeschichten nicht nur eine recht große Zeitspanne ihres Erscheinens abdecken (von 1948 bis 2018), sondern auch ganz unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen lassen. Grob gibt es vier übergeordnete Themen, die auch heute literarisch und gesellschaftlich relevant sind: Familie, Identitäten, Alltag und Paarbeziehungen. Dazu dürfte wirklich jedem etwas einfallen. Die Erzählungen reichen von unmittelbaren Verheerungen nach dem zweiten Weltkrieg (Luise Rinser, Wolfgang Borchert) über Antisemitismus und Rassismus (Elisabeth Langgässer, Mahmood Falaki), deutsche Geschichte (Julia Franck), Transgender und Geschlechtsidentität (Florian Wacker, Yoko Tawada) bis zu schwarzem Humor (Roald Dahl). Schwierig, darin nichts zu finden, das Resonanz erzeugt oder zum Diskutieren anregt.

Besonders „Muffe“ von Florian Wacker und – ein Klassiker – „Die Lammkeule“ von Roald Dahl haben mir gefallen, so unterschiedlich die beiden Geschichten auch sind. Florian Wacker erzählt von Gewalt gegen trans Menschen, Roald Dahl hingegen hintersinnig von einem Mord und der anschließenden Vertilgung der Mordwaffe. Julia Francks „Der Hausfreund“ wählt mit der kindlichen Perspektive einen Ansatz, der die Mitarbeit der Leser*innen fordert. Sie wissen mehr als die Erzählerin, deren Mutter mit ihr, ihrer Schwester und „dem Hausfreund“ aus der DDR fliehen.

Wenn ich selbst an Kurzgeschichten in der Schulzeit denke, fällt mir wenig dazu ein. Wir haben sicher darüber gesprochen, insbesondere über Kafkas abstrakte Schreckensszenarien, für die ich damals schon ein Faible hatte. Wahrscheinlich haben wir auch Borchert gelesen. Gut möglich, dass wir kaum eine Erzählung einer Autorin gelesen haben, geschweige denn Kurzgeschichten migrantischer Stimmen. Nicht, weil es sie nicht gegeben hätte, sondern weil Kurzgeschichten gerne an den Autoren exemplifiziert werden, die sowieso schon immer als klassische Vertreter des Genres galten. Gut, dass das aufbricht. Gut, dass wir sehen können, wie viele verschiedene Perspektiven, Stile und Herangehensweisen an dieses wahnsinnig offene und (literaturhistorisch betrachtet) junge Genre der „Kurzgeschichte“ existieren. Die Anthologie von Cornelsen trägt dazu bei, den Blick zu weiten. Diese Anthologie ist Teil der Literathek: dort erscheinen zahlreiche Klassiker mit Anmerkungen und Glossar sowie wissenswerten Hintergründen zu Werk und/oder Genre.

Also: Lest mehr Kurzgeschichten! Oder noch verwegener: Schreibt mal selbst eine.

Weitersagen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.