Alle Artikel mit dem Schlagwort: Klassiker

Die ZEIT-Bibliothek der verschwundenen Bücher

Seit rund einer Woche sind die ersten 12 Titel der ZEIT-Bibliothek der verschwundenen Bücher nun online oder über den Buchhandel erhältlich. Es sind zwölf wiederentdeckte Klassiker, von Alice Walker und Stanislaw Lem über William Faulkner bishin zu Françoise Sagan. Allesamt Werke renommierter ErzählerInnen innerhalb des weltliterarischen Kanons, die zu lange nicht mehr neu zu kaufen und allenfalls in chaotischen Flohmarktkisten zu entdecken waren. Dieses Projekt des Verlags Eder & Bach hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese zu Unrecht vom Markt verschwundenen Juwelen wieder auffindbar zu machen. Verlagsgründer Klaus Füreder, der u.a. bereits die SZ-Bibliothek entwickelt und vermarktet hat, kennt sich aus mit Großprojekten dieser Art. Im Fall der ZEIT-Bibliothek der verschwundenen Bücher hatte er dabei Unterstützung von namhaften Literaturredakteuren der ZEIT, die ihn bei der Konzeption und Recherche tatkräftig unterstützt haben. Und so ist aus dieser launigen Idee letztendlich so etwas wie ein kleines Aufbegehren gegen die Geschwindigkeit des Marktes entstanden, die so manches lohnenswerte Buch im Meer von Neuerscheinungen verschwinden lässt – oder ihm bloß eine äußerst kurze Halbwertszeit im Rampenlicht gönnt. Die …

Herman Melville – Bartleby, der Schreiber

Unbestritten ist es einer der berühmtesten Sätze der Literaturgeschichte: ,Ich möchte lieber nicht.’ oder – im englischsprachigen Raum – ,I would prefer not to.’ Mittlerweile gibt es gar T-Shirts und Stoffbeutel mit dieser Aufschrift zu kaufen, sie hat sich gewissermaßen aus ihrem literarischen und kulturellen Kontext befreit und geistert nun, wie ihr Urheber, ein bisschen seelenlos und blässlich durch die Lande. Oder hat es womöglich Gründe, warum wir uns gerade heute dieses Ausspruchs wieder vermehrt erinnern? Eine Form der Protestkultur? Herman Melville schreibt seine Erzählung 1853, wo sie zunächst in Putnam´s Monthly Magazine veröffentlicht wurde. Ein alternder Anwalt erzählt in der Ich-Perspektive von einem sonderbaren Kopisten namens Bartleby, den er in seiner Kanzlei in der Wall Street anstellt, um sich und seine Mitarbeiter zu entlasten. Schon ihr erstes Zusammentreffen verläuft steif, ohne Herzlichkeit. Bartleby wirkt blass, ausgezehrt, zu keinerlei gefühlvoller Regung imstande. Zuerst brachte Bartleby eine erstaunliche Menge Schreibarbeit hinter sich. Als sei er geradezu ausgehungert nach Material zum Kopieren, fraß er sich an meinen Akten voll. Zum Verdauen ließ er sich keine Zeit. Er …

A Person Of Quality and Honour, of course!

Es ist gut, richtig und erstrebenswert, sich mit literarischen Erscheinungen der Gegenwart auseinanderzusetzen. Mit Autoren der Moderne. Mit aktuellen Titeln. Regelmäßig möchte ich an dieser Stelle künftig versuchen, in vergangene(re) Zeiten aufzubrechen, an Autoren, zu erinnern, die man noch heute kennt – oder vielleicht auch mal an solche, die in Vergessenheit geraten sind. Manchmal geschieht das ja zu Unrecht, manchmal zu unser aller Nutzen und Freude. An einem 30.November betraten so einige bedeutsame Autoren unseren Planeten, so mancher verließ ihn auch. Willkommen geheißen hätten wir am 30.November 1667 in Dublin jedenfalls Jonathan Swift. Er gilt heute als einer der bedeutendsten Satiriker, damals war er ein Aufrührer. Swift studierte Theologie, mehr auf Wunsch seines Onkels hin denn aufgrund eigener Präferenzen und da er angeblich schon an der Universität ganz offenkundig rebellische Neigungen zeigte, bekam er seinen Abschluss ,by spacial favour‘. Nicht, weil er ihn verdient hätte, eher aus Mildtätigkeit. Swift bekam Anstellungen in mehreren Kirchen, mal in England und mal in Irland, die er jedoch niemals lange behielt. Er begann, politische Satiren zu verfassen, in denen …

Mark Twain – Knallkopf Wilson

Mark Twain (1835-1910, eigentlich Samuel Langhorne Clemens) gehört wohl zu den bekanntesten amerikanischen Realisten. Berühmtheit erlangte er vorallendingen durch seine Geschichten um Tom Sawyer und Huckleberry Finn und seine Reisebeschreibungen. Seine humoristischen Erzählungen erfreuten sich großer Beliebtheit, jedoch gab es auch den gesellschaftskritischen und zynischen Twain, den man neben den gefälligen Abenteuergeschichten leicht vergisst. Knallkopf Wilson ist hierfür ein gutes Beispiel. Mark Twain ist der bei weitem bedeutendste amerikanische Schriftsteller … Ich spreche mehr von dem Soziologen als von dem Humoristen Twain. Sicherlich ist er in fast derselben Lage wie ich. Er muss die Dinge so darstellen, dass die Leute, die ihn andernfalls hängen würden, glauben, er mache Spaß. … sagte George Bernard Shaw über Mark Twain und hatte damit vermutlich nicht Unrecht. Knallkopf Wilson ist, trotz seines relativ geringen Umfangs, eine sehr vielschichtige und gewissermaßen auch genreübergreifende Erzählung. Man kann es als Kriminalgeschichte lesen, als bissige Satire auf den Südstaatendünkel zu Zeiten der Sklaverei, man kann es lesen als Streitschrift gegen eben jene Sklaverei oder als Geschichte eines Lebens, das bleibt jedem selbst überlassen. …

J.B. Priestley – Ein Inspektor kommt

John Boynton Priestley (1894-1984) war ein englischer Schriftsteller, Journalist und Literaturkritiker. Nach Beendigung des Kriegsdienstes im Ersten Weltkrieg begann er ein Studium der Literatur und Geschichte. Bis 1940 widmete er sich dem Theater und gründete sogar ein eigenes, für das er seine Stücke hauptsächlich konzipierte. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er als BBC-Kommentator und erlangte so eine gewisse Berühmtheit. “Ein Inspektor kommt” gehört zu Priestleys bekanntesten Werken und zeichnet sich durch eine solche Eindringlichkeit aus, das man nur gefesselt und ein bisschen peinlich berührt die Geschehnisse um die Familie Birling verfolgen kann. Das Stück spielt, obwohl 1942 verfasst, 1912 in einer fiktiven Kleinstadt namens Brumley. Die Familie ist zusammengekommen, um die bevorstehende Hochzeit der Tochter Sheila mit Gerald, dem Sohn eines befreundeten Fabrikanten, zu feiern. Mitten in der Rede Mister Arthur Birlings klopft es plötzlich an der Tür und ein Inspektor kommt. Der Inspektor stellt sich mit Namen Goole vor und berichtet von einem tragischen Suizidfall, der letzte Nacht im städtischen Krankenhaus geschehen sei. Ein Mädchen namens Eva Smith habe Säure geschluckt und sei daran gestorben, …

Tennessee Williams – Die Katze auf dem heißen Blechdach

Tennessee Williams (1911-1983, eigentlich Thomas Lanier Williams III) war ein amerikanischer Schriftsteller. Den Spitznamen Tennesse verdankte er einigen Collegefreunden, da er den Akzent sprach, der rund um den Bundesstaat Tennessee üblich war. Mit Die Glasmenagerie landete Williams seinen ersten Bühnenerfolg. Jeweils 1948 und 1955 erhielt er jeweils für seine Stücke Endstation Sehnsucht und Die Katze auf dem heißen Blechdach den Pulitzerpreis. Die Katze auf dem heißen Blechdach wird den meisten wahrscheinlich durch den Film mit Elizabeth Taylor und Paul Newman bekannt sein, aber auch hier gibt es wieder eine Literaturvorlage, die sich anzusehen lohnt.  Der alte Big Daddy Pollitt, ein Südstaatenfarmer, wie er im Buche steht, lädt zu einer Geburtstagsfeier. Er ist schwer und unheilbar an Krebs erkrankt und wird in naher Zukunft sterben, allerdings weiß er das nicht und auch einige Familienmitglieder bekommen zunächst das Märchen von Darmkrämpfen aufgetischt, die qua einer Untersuchung Big Daddys einziges Leiden darstellen sollen. Big Daddys Sohn Gooper und dessen Frau Mae wissen allerdings um seinen schlechten Zustand und versuchen auf wenig subtile Weise, das Erbe an sich zu …

Franz Kafka – Brief an den Vater

Franz Kafka (1883-1924) war ein deutschsprachiger Schriftsteller, der vor allem durch seine stimmungsvollen Kurzgeschichten und die Romanfragmente, Der Prozess, Das Schloss und Der Verschollene, bekannt geworden ist. Die meisten Werke Kafkas wurden posthum von seinem Freund Max Brod veröffentlicht, da Kafka sie stets für zu schlecht und unbedeutend hielt. Wir können uns heute darüber streiten, ob die Entscheidung Brods, gegen Kafkas Willen zu handeln, eine gute oder schlechte war. Hier möchte ich mich aber erstmal einem Stück seiner Hintergrundgeschichte widmen, das gerade zur Interpretation Kafkas ungemein hilfreich ist. Die Beziehung zu seinem Vater. Dieser hier niedergeschriebene Brief erreichte Kafkas Vater nie und so konnte höchstwahrscheinlich niemals etwas wie eine Aussöhnung und Aufarbeitung dieser Beziehung stattfinden. Auch wenn es sich hierbei nicht um Literatur im herkömmlichen Sinne handelt, könnte man es als sekundär für das Verständnis Kafkas begreifen, dessen Texte sich eher auf einer emotionalen, denn sachlichen oder analytischen Ebene erschließen lassen. Kafka streift hier also mehrere Konfliktfelder und schnell wird etwas Elementares klar – das Gefühl der Selbstunsicherheit und des nicht Genügens stehen im Vordergrund. …

Eugène Ionesco – Die Nashörner

Eugène Ionesco (1909-1994) war ein französisch-rumänischer Schriftsteller, der sich zum Surrealistischen und Absurden hingezogen fühlte. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter des absurden Theaters. Ionesco reagierte mit dem oben genannten Stück unter anderem auf den zusehends unreflektiert ausbrechenden Patriotismus und Rassismus, die in Frankreich zur Zeit des Algerienkrieges aufkamen. Ionesco erklärte später selbst, die vorliegende Geschichte sei eine Kritik an Massenbewegungen im Allgemeinen, die sich nicht auf bestimmte Ideologien bezöge. In Deutschland hatte man die Aufführung leichtfertig als Persiflage auf den Nationalsozialismus interpretiert. Ionesco beschreibt in seinem Stück die schrittweise Verwandlung einer ganzen Stadt in schnaubende und wütende Nashörner. Es beginnt mit den Protagonisten Behringer und Hans, die an einem Sonntagnachmittag in einem Café sitzen. Hans kritisiert den gelangweilten und etwas derangierten Behringer wegen seines Alkoholkonsums und versucht, ihn zu einerVeränderung zu bewegen, als plötzlich ein Nashorn panisch über den Marktplatz galoppiert. Während die meisten anderen umstehenden Personen völlig konsterniert sind und ihren Augen nicht trauen, scheint Behringer das ganze Spektakel recht wenig zu verwundern, im Gegenteil, er versucht sogar rationale Begründungen für die …

Bernard Shaw – Pygmalion

Bernard Shaw (1856-1950) war ein englisch-irischer Dramatiker, Politiker und Satiriker, der 1925 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Shaw spielte in der Fabian Society eine entscheidende Rolle. Diese Gesellschaft hatte es sich zum Ziel gesetzt, gesellschaftliche und politische Veränderungen nicht auf revolutionärem, sondern auf evolutionärem Wege anzustreben. Dort verbreitete er seine politischen Ideen als Vortragsredner. Darüber hinaus schuf Shaw als Vertreter des intellektuellen Dramas einen neuen Dramentypus – das sogenannte Diskussionsdrama, dessen Protagonisten als Träger bestimmter Ideologien und Meinungen aufeinandertreffen. Für Shaw war nicht nur der Kampf der verschiedenen Charaktere, sondern auch der Kampf verschiedener Ansichten von Bedeutung. Häufig sind seine Werke satirisch überspitzt und seine Charaktere ausgemachte Exzentriker. Pygmalion ist nicht nur der Name einer Figur der griechischen Mythologie, sondern auch des literarischen Werkes, das Frederick Loewe als Vorlage für sein Musical My Fair Lady diente. In der griechischen Mythologie, am ausführlichsten erwähnt von Ovid, handelt es sich bei Pygmalion um einen Künstler, der sich aufgrund schlechter Erfahrungen mit gewissen Töchtern zum Frauenfeind entwickelt. Er zieht sich komplett zurück und arbeitet an einer elfenbeinernen Statue, die …

Guy de Maupassant – Bel Ami

Guy de Maupassant (1850-1893) war ein französischer Romancier des 19.Jahrhunderts. Maupassant war ein Jugendfreund Gustave Flauberts, der besonders für seinen Roman Madame Bovary bekannt sein dürfte. Maupassant begann ein Jurastudium, was er allerdings niemals beendete. Abgesehen von seinen literarischen Texten verfasste Maupassant auch regierungskritische Artikel in einigen Pariser Zeitungen. Maupassants zunehmender Drogenkonsum, vermutlich auch vor dem Hintergrund der Gewissheit, sich mit Syphilis infiziert zu haben, führte zu erheblichen gesundheitlichen Problemen wie Kopfschmerzen, Sehstörungen und Halluzinationen. 1892 unternahm Maupassant einen Selbstmordversuch, den er zwar überlebte, woraufhin er aber in eine psychiatrische Klinik eingeliefert wurde, in der er schließlich starb. Bel Ami ist einer der späteren Werke, dennoch aber nicht zu vernachlässigen, wenn man über Maupassant spricht. Es erzählt die Geschichte George Duroy, der einigermaßen mittellos im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts herumstreunt. Er hat nichts, ist ungebildet und nach seinem Ausscheiden aus militärischen Kreisen eigentlich eine eher unbedeutende Gestalt, bis er eines Tages zufällig auf der Straße seinen alten Kameraden Forestier wiedertrifft. Der arbeitet bei der La vie française, einer bekannten französischen Tageszeitung. Vielleicht um der …