Alle Artikel mit dem Schlagwort: Klassiker

#klassikerlesen mit Cornelsen: Der Schimmelreiter

Auf Instagram habe ich es angekündigt: Ich möchte mich in diesem Jahr, in Kooperation mit dem Cornelsen-Verlag, mit ausgewählten Klassikern beschäftigen. Sowohl mit solchen, die ich in der Schule gelesen habe als auch mit solchen, die ich längst hätte lesen wollen und sollen. Hat sich mein Blick auf die Lektüre verändert, wenn es eine neuerliche Lektüre ist? Sehe ich jetzt etwas am Text, das ich früher nicht gesehen habe? Weshalb ist es noch immer lohnenswert, diesen oder jenen Text zu lesen? Der Regen peitscht über irgendeinen Deich. Ihm zu Füßen ein Pferd und tüchtige Männer, die irgendwelche notwendigen Reparaturarbeiten ausführen (am Deich, nicht am Pferd), die Lage ist angespannt, man brüllt sich über das Tosen des Sturms Anweisungen zu. So oder so ähnlich ist eine Filmszene aus dem Schimmelreiter in meinem Kopf verankert, die zu einer der drei Verfilmungen (1934, 1977, 1984) von Theodor Storms Novelle gehören muss, die wir wohl in der achten Klasse begleitend zur Lektüre gesehen haben. Das ist gut und gern fünfzehn Jahre her. Viel mehr war nicht in meinem Gedächtnis …

#klassikerlesen mit Cornelsen: Kurzgeschichten

Auf Instagram habe ich es schon angekündigt: Ich möchte mich in diesem Jahr, in Kooperation mit dem Cornelsen-Verlag, mit ausgewählten Klassikern beschäftigen. Sowohl mit solchen, die ich in der Schule gelesen habe als auch mit solchen, die ich längst hätte lesen wollen und sollen. Hat sich mein Blick auf die Lektüre verändert, wenn es eine neuerliche Lektüre ist? Sehe ich jetzt etwas am Text, das ich früher nicht gesehen habe? Weshalb ist es noch immer lohnenswert, diesen oder jenen Text zu lesen? Ich beginne diese #klassikerlesen-Reihe mit einem Kurzgeschichten-Sammelband, der sowohl moderne Klassiker wie Siegfried Lenz, Wolfgang Borchert und Ilse Aichinger enthält als auch zeitgenössische Autor*innen wie Saša Stanišić, Lucy Fricke oder Zoë Jenny. Kurzgeschichten sind ein zu häufig stiefmütterlich behandeltes Genre. Überhaupt Erzählungen. Warum eigentlich? Manche haben lieber eine ausführlicher dargebotene Story, andere mögen die Leerstellen nicht, die eine Kurzgeschichte zwangsläufig durch ihren Fokus auf wenige Personen und zentrale Konflikte hinterlässt. Kurzgeschichten und Erzählungen im Buchhandel zu verkaufen, ist immer irgendwie knifflig. Verstanden habe ich das noch nie. Ich persönlich schätze es, wenn eine …

Bodo Wartke feat. Sophokles: Antigone

Wartkes Bearbeitung setzt nun an vielen Stellen an, um das Stück zu beleben. Wie es ihm eigen ist, wird hemmungslos gereimt, aber nicht nur das: Er integriert zwei Sprecher ins Stück (verkörpert von Wartke und seiner famosen Bühnenpartnerin Melanie Haupt), die am Rande der Handlung stehen und eine Beobachterposition einnehmen. Sie kommentieren immer wieder das Geschehen, ordnen es in einen größeren erzählerischen Kontext oder sind selbst erschrocken und überrascht angesichts der Geschehnisse – sie bilden gleichsam die Verkörperungen der Leser- und Zuhörerschaft. Obwohl Wartkes Stück nur Antigone heißt, besteht es auf der Handlungsebene aus zwei Stücken. Die Bearbeitung umfasst auch Sophokles‘ Ödipus auf Kolonos, das gewissermaßen die Vorgeschichte zu dem enthält, was in Antigone relevant wird. Das Stück einfach einzuarbeiten und damit einen größeren Handlungsbogen zu spannen, ist ein cleverer Schachzug. Selbst ein kurzer Rekurs auf König Ödipus ist in Form eines Lieds enthalten. Am Ende ist also die ganze Geschichte für jeden nachvollziehbar und verständlich, selbst wenn er oder sie von den Vorgeschichten und vergangenen Verstrickungen nichts weiß. Apropos Lied: Da Wartke bekanntlich nicht …

Die ZEIT-Bibliothek der verschwundenen Bücher

Seit rund einer Woche sind die ersten 12 Titel der ZEIT-Bibliothek der verschwundenen Bücher nun online oder über den Buchhandel erhältlich. Es sind zwölf wiederentdeckte Klassiker, von Alice Walker und Stanislaw Lem über William Faulkner bishin zu Françoise Sagan. Allesamt Werke renommierter ErzählerInnen innerhalb des weltliterarischen Kanons, die zu lange nicht mehr neu zu kaufen und allenfalls in chaotischen Flohmarktkisten zu entdecken waren. Dieses Projekt des Verlags Eder & Bach hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese zu Unrecht vom Markt verschwundenen Juwelen wieder auffindbar zu machen. Verlagsgründer Klaus Füreder, der u.a. bereits die SZ-Bibliothek entwickelt und vermarktet hat, kennt sich aus mit Großprojekten dieser Art. Im Fall der ZEIT-Bibliothek der verschwundenen Bücher hatte er dabei Unterstützung von namhaften Literaturredakteuren der ZEIT, die ihn bei der Konzeption und Recherche tatkräftig unterstützt haben. Und so ist aus dieser launigen Idee letztendlich so etwas wie ein kleines Aufbegehren gegen die Geschwindigkeit des Marktes entstanden, die so manches lohnenswerte Buch im Meer von Neuerscheinungen verschwinden lässt – oder ihm bloß eine äußerst kurze Halbwertszeit im Rampenlicht gönnt. Die …

Herman Melville – Bartleby, der Schreiber

Unbestritten ist es einer der berühmtesten Sätze der Literaturgeschichte: ,Ich möchte lieber nicht.’ oder – im englischsprachigen Raum – ,I would prefer not to.’ Mittlerweile gibt es gar T-Shirts und Stoffbeutel mit dieser Aufschrift zu kaufen, sie hat sich gewissermaßen aus ihrem literarischen und kulturellen Kontext befreit und geistert nun, wie ihr Urheber, ein bisschen seelenlos und blässlich durch die Lande. Oder hat es womöglich Gründe, warum wir uns gerade heute dieses Ausspruchs wieder vermehrt erinnern? Eine Form der Protestkultur? Herman Melville schreibt seine Erzählung 1853, wo sie zunächst in Putnam´s Monthly Magazine veröffentlicht wurde. Ein alternder Anwalt erzählt in der Ich-Perspektive von einem sonderbaren Kopisten namens Bartleby, den er in seiner Kanzlei in der Wall Street anstellt, um sich und seine Mitarbeiter zu entlasten. Schon ihr erstes Zusammentreffen verläuft steif, ohne Herzlichkeit. Bartleby wirkt blass, ausgezehrt, zu keinerlei gefühlvoller Regung imstande. Zuerst brachte Bartleby eine erstaunliche Menge Schreibarbeit hinter sich. Als sei er geradezu ausgehungert nach Material zum Kopieren, fraß er sich an meinen Akten voll. Zum Verdauen ließ er sich keine Zeit. Er …

A Person Of Quality and Honour, of course!

Es ist gut, richtig und erstrebenswert, sich mit literarischen Erscheinungen der Gegenwart auseinanderzusetzen. Mit Autoren der Moderne. Mit aktuellen Titeln. Regelmäßig möchte ich an dieser Stelle künftig versuchen, in vergangene(re) Zeiten aufzubrechen, an Autoren, zu erinnern, die man noch heute kennt – oder vielleicht auch mal an solche, die in Vergessenheit geraten sind. Manchmal geschieht das ja zu Unrecht, manchmal zu unser aller Nutzen und Freude. An einem 30.November betraten so einige bedeutsame Autoren unseren Planeten, so mancher verließ ihn auch. Willkommen geheißen hätten wir am 30.November 1667 in Dublin jedenfalls Jonathan Swift. Er gilt heute als einer der bedeutendsten Satiriker, damals war er ein Aufrührer. Swift studierte Theologie, mehr auf Wunsch seines Onkels hin denn aufgrund eigener Präferenzen und da er angeblich schon an der Universität ganz offenkundig rebellische Neigungen zeigte, bekam er seinen Abschluss ,by spacial favour‘. Nicht, weil er ihn verdient hätte, eher aus Mildtätigkeit. Swift bekam Anstellungen in mehreren Kirchen, mal in England und mal in Irland, die er jedoch niemals lange behielt. Er begann, politische Satiren zu verfassen, in denen …

Mark Twain – Knallkopf Wilson

Mark Twain (1835-1910, eigentlich Samuel Langhorne Clemens) gehört wohl zu den bekanntesten amerikanischen Realisten. Berühmtheit erlangte er vorallendingen durch seine Geschichten um Tom Sawyer und Huckleberry Finn und seine Reisebeschreibungen. Seine humoristischen Erzählungen erfreuten sich großer Beliebtheit, jedoch gab es auch den gesellschaftskritischen und zynischen Twain, den man neben den gefälligen Abenteuergeschichten leicht vergisst. Knallkopf Wilson ist hierfür ein gutes Beispiel. Mark Twain ist der bei weitem bedeutendste amerikanische Schriftsteller … Ich spreche mehr von dem Soziologen als von dem Humoristen Twain. Sicherlich ist er in fast derselben Lage wie ich. Er muss die Dinge so darstellen, dass die Leute, die ihn andernfalls hängen würden, glauben, er mache Spaß. … sagte George Bernard Shaw über Mark Twain und hatte damit vermutlich nicht Unrecht. Knallkopf Wilson ist, trotz seines relativ geringen Umfangs, eine sehr vielschichtige und gewissermaßen auch genreübergreifende Erzählung. Man kann es als Kriminalgeschichte lesen, als bissige Satire auf den Südstaatendünkel zu Zeiten der Sklaverei, man kann es lesen als Streitschrift gegen eben jene Sklaverei oder als Geschichte eines Lebens, das bleibt jedem selbst überlassen. …

J.B. Priestley – Ein Inspektor kommt

John Boynton Priestley (1894-1984) war ein englischer Schriftsteller, Journalist und Literaturkritiker. Nach Beendigung des Kriegsdienstes im Ersten Weltkrieg begann er ein Studium der Literatur und Geschichte. Bis 1940 widmete er sich dem Theater und gründete sogar ein eigenes, für das er seine Stücke hauptsächlich konzipierte. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er als BBC-Kommentator und erlangte so eine gewisse Berühmtheit. “Ein Inspektor kommt” gehört zu Priestleys bekanntesten Werken und zeichnet sich durch eine solche Eindringlichkeit aus, das man nur gefesselt und ein bisschen peinlich berührt die Geschehnisse um die Familie Birling verfolgen kann. Das Stück spielt, obwohl 1942 verfasst, 1912 in einer fiktiven Kleinstadt namens Brumley. Die Familie ist zusammengekommen, um die bevorstehende Hochzeit der Tochter Sheila mit Gerald, dem Sohn eines befreundeten Fabrikanten, zu feiern. Mitten in der Rede Mister Arthur Birlings klopft es plötzlich an der Tür und ein Inspektor kommt. Der Inspektor stellt sich mit Namen Goole vor und berichtet von einem tragischen Suizidfall, der letzte Nacht im städtischen Krankenhaus geschehen sei. Ein Mädchen namens Eva Smith habe Säure geschluckt und sei daran gestorben, …

Tennessee Williams – Die Katze auf dem heißen Blechdach

Tennessee Williams (1911-1983, eigentlich Thomas Lanier Williams III) war ein amerikanischer Schriftsteller. Den Spitznamen Tennesse verdankte er einigen Collegefreunden, da er den Akzent sprach, der rund um den Bundesstaat Tennessee üblich war. Mit Die Glasmenagerie landete Williams seinen ersten Bühnenerfolg. Jeweils 1948 und 1955 erhielt er jeweils für seine Stücke Endstation Sehnsucht und Die Katze auf dem heißen Blechdach den Pulitzerpreis. Die Katze auf dem heißen Blechdach wird den meisten wahrscheinlich durch den Film mit Elizabeth Taylor und Paul Newman bekannt sein, aber auch hier gibt es wieder eine Literaturvorlage, die sich anzusehen lohnt.  Der alte Big Daddy Pollitt, ein Südstaatenfarmer, wie er im Buche steht, lädt zu einer Geburtstagsfeier. Er ist schwer und unheilbar an Krebs erkrankt und wird in naher Zukunft sterben, allerdings weiß er das nicht und auch einige Familienmitglieder bekommen zunächst das Märchen von Darmkrämpfen aufgetischt, die qua einer Untersuchung Big Daddys einziges Leiden darstellen sollen. Big Daddys Sohn Gooper und dessen Frau Mae wissen allerdings um seinen schlechten Zustand und versuchen auf wenig subtile Weise, das Erbe an sich zu …

Franz Kafka – Brief an den Vater

Franz Kafka (1883-1924) war ein deutschsprachiger Schriftsteller, der vor allem durch seine stimmungsvollen Kurzgeschichten und die Romanfragmente, Der Prozess, Das Schloss und Der Verschollene, bekannt geworden ist. Die meisten Werke Kafkas wurden posthum von seinem Freund Max Brod veröffentlicht, da Kafka sie stets für zu schlecht und unbedeutend hielt. Wir können uns heute darüber streiten, ob die Entscheidung Brods, gegen Kafkas Willen zu handeln, eine gute oder schlechte war. Hier möchte ich mich aber erstmal einem Stück seiner Hintergrundgeschichte widmen, das gerade zur Interpretation Kafkas ungemein hilfreich ist. Die Beziehung zu seinem Vater. Dieser hier niedergeschriebene Brief erreichte Kafkas Vater nie und so konnte höchstwahrscheinlich niemals etwas wie eine Aussöhnung und Aufarbeitung dieser Beziehung stattfinden. Auch wenn es sich hierbei nicht um Literatur im herkömmlichen Sinne handelt, könnte man es als sekundär für das Verständnis Kafkas begreifen, dessen Texte sich eher auf einer emotionalen, denn sachlichen oder analytischen Ebene erschließen lassen. Kafka streift hier also mehrere Konfliktfelder und schnell wird etwas Elementares klar – das Gefühl der Selbstunsicherheit und des nicht Genügens stehen im Vordergrund. …