Alle Artikel mit dem Schlagwort: Klassiker

Franz Kafka – Brief an den Vater

Franz Kafka (1883-1924) war ein deutschsprachiger Schriftsteller, der vor allem durch seine stimmungsvollen Kurzgeschichten und die Romanfragmente, Der Prozess, Das Schloss und Der Verschollene, bekannt geworden ist. Die meisten Werke Kafkas wurden posthum von seinem Freund Max Brod veröffentlicht, da Kafka sie stets für zu schlecht und unbedeutend hielt. Wir können uns heute darüber streiten, ob die Entscheidung Brods, gegen Kafkas Willen zu handeln, eine gute oder schlechte war. Hier möchte ich mich aber erstmal einem Stück seiner Hintergrundgeschichte widmen, das gerade zur Interpretation Kafkas ungemein hilfreich ist. Die Beziehung zu seinem Vater. Dieser hier niedergeschriebene Brief erreichte Kafkas Vater nie und so konnte höchstwahrscheinlich niemals etwas wie eine Aussöhnung und Aufarbeitung dieser Beziehung stattfinden. Auch wenn es sich hierbei nicht um Literatur im herkömmlichen Sinne handelt, könnte man es als sekundär für das Verständnis Kafkas begreifen, dessen Texte sich eher auf einer emotionalen, denn sachlichen oder analytischen Ebene erschließen lassen. Kafka streift hier also mehrere Konfliktfelder und schnell wird etwas Elementares klar – das Gefühl der Selbstunsicherheit und des nicht Genügens stehen im Vordergrund. …

Eugène Ionesco – Die Nashörner

Eugène Ionesco (1909-1994) war ein französisch-rumänischer Schriftsteller, der sich zum Surrealistischen und Absurden hingezogen fühlte. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter des absurden Theaters. Ionesco reagierte mit dem oben genannten Stück unter anderem auf den zusehends unreflektiert ausbrechenden Patriotismus und Rassismus, die in Frankreich zur Zeit des Algerienkrieges aufkamen. Ionesco erklärte später selbst, die vorliegende Geschichte sei eine Kritik an Massenbewegungen im Allgemeinen, die sich nicht auf bestimmte Ideologien bezöge. In Deutschland hatte man die Aufführung leichtfertig als Persiflage auf den Nationalsozialismus interpretiert. Ionesco beschreibt in seinem Stück die schrittweise Verwandlung einer ganzen Stadt in schnaubende und wütende Nashörner. Es beginnt mit den Protagonisten Behringer und Hans, die an einem Sonntagnachmittag in einem Café sitzen. Hans kritisiert den gelangweilten und etwas derangierten Behringer wegen seines Alkoholkonsums und versucht, ihn zu einerVeränderung zu bewegen, als plötzlich ein Nashorn panisch über den Marktplatz galoppiert. Während die meisten anderen umstehenden Personen völlig konsterniert sind und ihren Augen nicht trauen, scheint Behringer das ganze Spektakel recht wenig zu verwundern, im Gegenteil, er versucht sogar rationale Begründungen für die …

Bernard Shaw – Pygmalion

Bernard Shaw (1856-1950) war ein englisch-irischer Dramatiker, Politiker und Satiriker, der 1925 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Shaw spielte in der Fabian Society eine entscheidende Rolle. Diese Gesellschaft hatte es sich zum Ziel gesetzt, gesellschaftliche und politische Veränderungen nicht auf revolutionärem, sondern auf evolutionärem Wege anzustreben. Dort verbreitete er seine politischen Ideen als Vortragsredner. Darüber hinaus schuf Shaw als Vertreter des intellektuellen Dramas einen neuen Dramentypus – das sogenannte Diskussionsdrama, dessen Protagonisten als Träger bestimmter Ideologien und Meinungen aufeinandertreffen. Für Shaw war nicht nur der Kampf der verschiedenen Charaktere, sondern auch der Kampf verschiedener Ansichten von Bedeutung. Häufig sind seine Werke satirisch überspitzt und seine Charaktere ausgemachte Exzentriker. Pygmalion ist nicht nur der Name einer Figur der griechischen Mythologie, sondern auch des literarischen Werkes, das Frederick Loewe als Vorlage für sein Musical My Fair Lady diente. In der griechischen Mythologie, am ausführlichsten erwähnt von Ovid, handelt es sich bei Pygmalion um einen Künstler, der sich aufgrund schlechter Erfahrungen mit gewissen Töchtern zum Frauenfeind entwickelt. Er zieht sich komplett zurück und arbeitet an einer elfenbeinernen Statue, die …

Guy de Maupassant – Bel Ami

Guy de Maupassant (1850-1893) war ein französischer Romancier des 19.Jahrhunderts. Maupassant war ein Jugendfreund Gustave Flauberts, der besonders für seinen Roman Madame Bovary bekannt sein dürfte. Maupassant begann ein Jurastudium, was er allerdings niemals beendete. Abgesehen von seinen literarischen Texten verfasste Maupassant auch regierungskritische Artikel in einigen Pariser Zeitungen. Maupassants zunehmender Drogenkonsum, vermutlich auch vor dem Hintergrund der Gewissheit, sich mit Syphilis infiziert zu haben, führte zu erheblichen gesundheitlichen Problemen wie Kopfschmerzen, Sehstörungen und Halluzinationen. 1892 unternahm Maupassant einen Selbstmordversuch, den er zwar überlebte, woraufhin er aber in eine psychiatrische Klinik eingeliefert wurde, in der er schließlich starb. Bel Ami ist einer der späteren Werke, dennoch aber nicht zu vernachlässigen, wenn man über Maupassant spricht. Es erzählt die Geschichte George Duroy, der einigermaßen mittellos im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts herumstreunt. Er hat nichts, ist ungebildet und nach seinem Ausscheiden aus militärischen Kreisen eigentlich eine eher unbedeutende Gestalt, bis er eines Tages zufällig auf der Straße seinen alten Kameraden Forestier wiedertrifft. Der arbeitet bei der La vie française, einer bekannten französischen Tageszeitung. Vielleicht um der …

Émile Zola – Germinal

Émile Zola (1840-1902) war ein französischer Schriftsteller und gehört neben Balzac und Maupassant zu den bedeutendsten französischen Romanciers. Drüber hinaus war Zola sehr aktiv als Journalist tätig und beteiligte sich rege am politischen Leben. Zola konzipierte seine Werke jeweils als Teile des 20-bändigen Zyklus Les Rougon-Macquart. Histoire naturelle et sociale d’une famille sous le Second Empire, so auch Germinal. (die Geschichten kann man allerdings auch problemlos unabhängig voneinander lesen) Germinal bedeutet  Keimmonat und entspricht etwa dem April des französischen Revolutionskalenders. Der Titel nimmt Bezug auf das Aufbegehren der arbeitenden Bevölkerung, das dem Keimen eines Samens gleicht. Germinal erzählt als Roman von den unmenschlichen Bedingungen, unter denen die Bergarbeiter zur Zeit der Industrialisierung gelebt und gearbeitet haben. Wir erleben mit, wie in den Bergwerken geschuftet wird, während zuhause kein Essen auf dem Tisch ist, wir erfahren von der körperlich sehr auszehrenden und anstrengenden Arbeit, die die Bergarbeiter jeden Tag leisten und wir sehen die, die, trotzdem sie nicht wirklich viel arbeiten, wesentlich mehr auf dem Tisch haben. Eine Problematik, die ja auch heute nicht veraltet ist, wenngleich …

Iwan Gontscharow – Oblomow

Iwan Gontscharow (1812-1891) war ein russischer Schriftsteller, dessen bekanntestes Werk das oben abgebildete ist. 1847 wurde Gontscharows erster Roman, Eine alltägliche Geschichte, veröffentlicht, in dem sich schon andeutet, was in seinem Hauptwerk eine mehr als nur zentrale Rolle spielen wird – das Nichtstun und die Langeweile. In Gontscharows Werken findet sich ein Archetyp der russischen Literatur des 19.Jahrhundert, der sogenannte Lischnij tschelovek, der überflüssige Mensch. Nun fragt man sich sicherlich zu Recht, weshalb man ein sicher knapp sechshundert Seiten starkes Werk über Langeweile und überflüssige Menschen lesen sollte. Und wenn man sich’s recht besieht, habe ich darauf nur eine subjektive Antwort, die sicherlich nicht jeden zufriedenstellen wird. Weil, wie ich denke, in allen von uns etwas Oblomow steckt, etwas Trägheit, eine kleine Verschleppungsneigung, eine Angewohnheit an uns, die wir nicht einmal erklären können. Lethargie vielleicht sogar. Deshalb sollte man wenigstens einen Blick auf das werfen, was Gontscharow uns vorsetzt, denn entgegen aller Erwartungen ist der Protagonist Oblomow nicht einfach nur ein gelangweilter Landadliger, sondern, wie ich es empfand, auch ein von sich selbst gequälter und …

Mary Shelley – Frankenstein

Mary Shelley (1797-1851, geboren als Mary Godwin) war eine britische Schriftstellerin des frühes 19. Jahrhunderts. Sie schrieb neben oben genanntem Werk auch Essays, Kurzgeschichten, Theaterstücke, Gedichte, Rezensionen und Reiseberichte. Mit Frankenstein ist sie in die Literaturgeschichte eingegangen. Angeblich soll die Idee zu Frankenstein von dem berühmten Dichter Lord Byron angestoßen worden sein, der bei einem Treffen am Genfer See in einer Gruppe (mit Percey Shelley & Claire Clairmont) vorschlug, jeder von ihnen solle eine eigene Schauergeschichte zum Besten geben – nachdem sie sich aufgrund des verregneten Wetters bisher nur fremde Werke vorgelesen hatten. Nachdem Mary lange nichts einfiel, inspirierte sie letztlich ein Traum zum Frankensteinmanuskript. Shelleys Werk trägt den Untertitel “…oder der moderne Prometheus”, womit sie auf den Titan der griechischen Mythologie anspielt, der oft als Schöpfer von Tieren und Menschen bezeichnet wird. Der Roman ist deutlich als Warnung davor zu verstehen, sich über die Grenzen des Menschseins zu erheben und selbst lebendige Geschöpfe zu erschaffen. Möglicherweise reagierte Shelley hier auch auf Tendenzen der Forschung zur damaligen Zeit und den absehbaren Trend, sich – angeblich …

Bram Stoker – Dracula

Bram Stoker (1847-1912) war ein irischer Schriftsteller, dessen bekanntestes Werk zweifelsohne das obige ist. Stoker war bis zu seinem siebten Lebensjahr schwer krank und ans Bett gefesselt, was laut einiger Biographen großen Einfluss auf sein Werk gehabt haben soll. Stoker studierte Geschichte, Literatur, Mathematik und Physik und wurde anschließend Verwaltungsbeamter der Dienstaufsichtsbehörde Dublin. (nicht eben jener berufliche Werdegang, den man mit dem Hang zur Schriftstellerei assoziieren würde) Nun aber zum Roman selbst, der wahrscheinlich längst für sich selbst stehen könnte. Der Anwalt Jonathan Harker wird von einem gewissen Graf Dracula auf sein Schloss in Transsylvanien gebeten, da dieser beabsichtigt, ein Anwesen in London zu erwerben und sich dafür rechtlichen Beistand wünscht. Schon auf seiner Reise begegnet Harker mehreren Einwohnern, die sich bei Ewähnung seines Reiseziels bekreuzigen, ihm Rosenkränze schenken oder schauerliche Geschichten erzählen, die er für puren Aberglauben hält. Der Graf begrüßt ihn herzlich, doch bald beginnt die Atmosphäre im Schloss immer düsterer zu werden, der Graf benimmt sich eigenartig, wirft keinen Schatten und ist in keinem Spiegel zu sehen. Mitunter sieht Harker ein merkwürdiges …