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Adélaïde Bon – Das Mädchen auf dem Eisfeld

Adélaïde ist neun Jahre alt, als sie von einem Fremden im Treppenhaus ihres Wohnhauses missbraucht wird. Er lockt sie unter einem Vorwand zu sich und vergeht sich an dem Mädchen, das weder begreift, was im Moment selbst mit ihr geschieht noch die Chance bekommt, im unmittelbaren Anschluss an das Verbrechen dessen Tragweite zu erkennen. Es dauert über zwanzig Jahre, bis sie versteht und mit der Aufarbeitung beginnen kann.

Sie hat ihn angesehen und mit dem Kopf genickt wie diese kleinen Hunde auf der Hutablage hinten im Auto. Ich bin lieb, ich bin hübsch, ich mag das, du bist mein Freund, du magst meinen dicken Po, du tust mir gut, ich bin eine Naschkatze, ich sage niemandem was davon, es ist unser Geheimnis, versprochen, ich sage niemandem was. Worte, die er ihr eingeredet hat und an die sie sich nicht erinnert, genauso wenig wie an das, was er ihr angetan hat.

Das Mädchen auf dem Eisfeld

Ein Tag im Mai verändert das Leben von Adélaïde grundlegend. Obwohl sie ihren Eltern davon erzählt und die Polizei eine Anzeige wegen unsittlicher Berührungen aufnimmt, spielt das Erlebte danach kaum noch eine Rolle. In einer Familie aufwachsend, in der jede Form der Körperlichkeit verschwiegen und ignoriert wird, sinkt die fragmentarische Erinnerung an die Gewalt langsam in tiefere Schichten von Adélaïdes Bewusstsein ab. Sie denkt nicht an das, was geschehen ist, aber es arbeitet in ihr. Sie weiß nicht, schreibt Bon, dass sie sich ab sofort im Kriegszustand befindet und die feindliche Armee in ihr haust. Die Gewalt hat zwei Adélaïdes erschaffen. Die eine lebt weiter, im Schatten eines Ereignisses, das kaum bewusst präsent ist, aber seine „Tentakeln“ um sie geschlungen hat. Die andere ist das Mädchen auf dem Eisfeld, für immer neun Jahre alt, eingefroren in dem Moment, in dem die Flucht unmöglich war.

Adélaïde beginnt immer mehr zu essen, mit Essen die Ohnmacht und die Leere zu füllen, die irgendetwas in ihr hinterlassen hat. Sie erlebt wiederkehrende Panikattacken, geistige Abwesenheit, die Fremdheit ihres eigenen Körpers. Als sie sich entscheidet, Schauspielerin zu werden, wird ihr immer wieder vorgehalten, dass sie nicht „echt“ sei, dass sie nicht „bei sich“ sei, dass sie nicht wirklich fühlen und loslassen könne. Viele Jahre ist es, als liefe Adélaïde auf einer dünnen Eisdecke, sie findet keinen Halt, nicht in sich und nicht bei anderen. Ihr Beziehungsverhalten ist unstet und risikoreich. Eines Tages erfährt sie im Rahmen ihres feministischen Engagements auf einer Veranstaltung zum Thema sexuelle Gewalt etwas, das in ihr Bewegung anstößt. Vergewaltigung ist jede Art von Penetration. Ihr beginnt zu dämmern, dass das Erlebnis ihrer Kindheit weit mehr gewesen ist als die unsittliche Berührung eines Fremden. Sie beginnt, an Menschen zu geraten, die sich mit sexueller Gewalt beschäftigt haben, mit Traumatisierung, die ihr Worte geben und Kategorien, um emotional zu begreifen, was ihr geschehen ist. Dass es ihr geschehen ist.

Keiner ahnt, wie viel Überwindung mich das Sprechen kostet, dass es manchmal unmöglich ist. Ich fühle mich so unwürdig. Die vielen von Scham, Ausweichmanövern, Argwohn beherrschten Jahre, ich habe mir so viele Gelegenheiten entgehen lassen und so viele Wünsche zensiert, dass mein Leben einem großen Soldatenfriedhof gliche, wenn ich jedes Mal ein weißes Kreuz aufgestellt hätte.

Das Mädchen auf dem Eisfeld

Adélaïde Bon schreibt eindrücklich und aufrüttelnd über das Leben nach sexueller Gewalt und über die weitreichenden Konsequenzen einer solchen Tat. Das Buch selbst spiegelt Bons Entwicklungen auch auf sprachlicher Ebene. Beginnt es noch mit der personalen Erzählperspektive, brechen im Zuge der Rekonstruktion des Erlebten immer wieder auch Passagen durch, in denen von einem „Ich“ die Rede ist. Es ist nicht mehr „ihr“ passiert, irgendeinem Mädchen, sondern Adélaïde. Das Mädchen auf dem Eisfeld lässt nicht nur die Spaltung erfahrbar werden, die das Trauma verursacht, sondern auch die Auswirkungen dieser Spaltung. Immer wieder wird Adélaïde von schrecklichen Gedanken und Fantasien geschüttelt, ohne den Zusammenhang zu begreifen. Sie ist unermüdlich auf der Suche, das Mädchen auf dem Eisfeld bemerkt sie nicht.

In der Dokumentation des Gerichtsprozesses gegen den Intensivtäter, der nach Adélaïde noch zahllose Mädchen missbrauchte, bevor man ihn mittels DNA-Analyse schließlich identifizieren konnte, wird auch die mangelnde Expertise vieler Gutachter*innen in Bezug auf die Folgen sexueller Gewalt deutlich. Adélaïde muss sich teils erniedrigenden Befragungen unterziehen, die geprägt sind von Relativierung und Misstrauen gegenüber den Betroffenen. In diesem Punkt leistet ihr Buch wichtige Aufklärungsarbeit. Sie versucht, den Frauen eine Stimme zu geben, deren Fälle nicht mehr berücksichtigt wurden oder die außerhalb des Prozesses nie darüber gesprochen haben. Das Mädchen auf dem Eisfeld ist kein Roman, wenn er auch mithilfe literarischer Mittel und sprachlicher Bilder etwas begreiflich zu machen versucht, was sich oft der Sprache entzieht. Bons Buch ist der Bericht einer tiefen Erschütterung und Zerstörung, aber auch der unumstößliche Beweis beachtlicher Stärke und Widerstandskraft. Es ist ein wichtiges Buch.

Adélaïde Bon – Das Mädchen auf dem Eisfeld, aus dem Französischen von Bettina Bach. Hanser. 240 Seiten. 22,00 €.

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