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Claudia Rankine – Citizen

Schwarz zu sein, bedeutet auch in der Gegenwart noch beschämend häufig, aufgrund dieses eigentlich bedeutungslosen Merkmals ausgegrenzt, diskriminiert und erniedrigt zu werden. “Der Schwarze” ist, wie viele rassistische oder antisemitische Stereotypen, nicht viel mehr als eine Konstruktion, die über Jahrhunderte hinweg tradiert worden ist. Tradiert von denen, die die Macht dazu hatten. Tradiert von denen, die sich ihrer selbst so wenig sicher waren, dass sie andere Menschen abwerten mussten, um sich ihres eigenes Wertes zu versichern. Bis heute. “Othering” wird der Prozess genannt, der das Fremde in Abgrenzung zum Eigenen definiert und hervorhebt. Claudia Rankine beschreibt in ihrem 2014 im Original erschienenen lyrischen Essay (oder ihrer essayistischen Lyrik?) die zerstörerische Kraft von Mikroaggression und offenem Rassismus.

Rassismus muss nicht intendiert sein, um rassistisch zu sein. Grenzüberschreitende, abwertende Kommunikation kann auch im Alltag stattfinden, zwischen Tür und Angel. Dort, wo man sie nicht erwartet. Dort, wo sie schlimmstenfalls vielleicht sogar positiv gemeint ist, aber implizit eine Herabwürdigung des Gegenübers darstellt. Claudia Rankine stammt ursprünglich aus Jamaika und ist schwarz. Es wäre schön, wenn das nicht von Belang wäre. Schön, wenn man es nicht erwähnen müsste. In Citizen aber ist es immer wieder Thema, weil es von anderen in sämtlichen Situationen immer wieder aufgeworfen wird. Claudia Rankine macht, wie viele andere Schwarze, die Erfahrung, dass sie sich nicht selbst gehört. Ihr Körper – oder genauer: ihre Hautfarbe – ist ein Politikum, für viele Menschen gar ein Ausschlusskriterium. Bevor sie als Mensch wahrgenommen wird, wird sie als Schwarze wahrgenommen, mit all den Zuschreibungen und Stereotypen, die das gewöhnlich mit sich bringt. Was macht diese Art der Betrachtung mit einem Menschen? Wie gelingt es einem, sich gegen diese Zuschreibungen zu wehren? Kann es überhaupt gelingen?

Und wo wäre der sicherste Ort, wenn der Ort ein anderer sein muss als der Körper?

In den USA schwarz zu sein, bringt zahllose Risiken mit sich. Von struktureller Benachteiligung abgesehen auch das existentielle Risiko, von Polizeigewalt betroffen zu sein. Die Ereignisse der letzten Jahre sind einem lebhaft im Gedächtnis geblieben, Claudia Rankine widmet den Opfern einer Doppelseite – sie heißen Eric Garner, Tamir Rice, Trayvon Martin, Philando Castile oder John Crawford. Zwischen den Auflagen des englischen Originals wird die Liste aktualisiert (Empfehlenswert hierzu übrigens auch die Netflix-Dokumentation über den Fall Kalief Browder). Es genügt im Zweifelsfall, schwarz zu sein, um eines Verbrechens verdächtigt zu werden. Die Hautfarbe überstrahlt alles, macht sichtbar und unsichtbar zugleich. Sie hebt die Andersartigkeit hervor und löscht den Menschen aus. Claudia Rankine schreibt dazu treffend: Und du bist nicht ihr Mann, und trotzdem passt die Beschreibung, weil es nur einen gibt, der immer der Mann ist, auf den die Beschreibung passt. Der Mann ist schwarz, die Beschreibung trifft einen und alle.

Eine Brise berührt deine Wange, wenn es sonst keiner tut.

Rankine widmet sich in verschiedenen Kapiteln in vielfältiger Form dieser Liebenswirklichkeit. In kleinen Miniaturen, die bereits beim Lesen Schmerzen verursachen: der Besuch bei einer Psychotraumatologin, die “Verschwinden Sie” brüllt, als sie noch nicht weiß, dass die schwarze Frau vor ihrem Haus einen Termin mit ihr vereinbart hat. Der schwarze Mann in der U-Bahn, um den sich eine Blase, eine warnende Leere ausbreitet, weil niemand sich neben ihn setzen will.Der Nachbar, der sofort die Polizei ruft, weil sich ein unbekannter Schwarzer vor seinem Haus aufhält. Der Dekan, der sich beschwert, dass er eine Stelle an der Universität mit einer Person of Color besetzen muss, “wo es da draußen doch so viele begabte Schriftsteller gebe”. Scharfsichtig analysiert Claudia Rankine auch den Umgang von Medien mit Serena Williams, der schwarzen Tennisspielerin, deren Leistungen man in einem zutiefst weißen Sport mit gänzlich anderem Maß misst. Es sind kleine Nadelstiche und größere Ausfälligkeiten, die bei manchen, so auch bei Serena Williams, zur Wut führen und im Klischee des “zornigen Niggers” gerinnen. Selbst diese gesunde Wehrhaftigkeit wird gegen die Betroffenen instrumentalisiert. Wie kann man dieses Rollenspiel überhaupt durchbrechen? In Claudia Rankines Texten schwingt immer ein von ihr auch so benanntes “Seufzen” mit, das Gefühl einer Schuld, das Gefühl von Scham. Erschöpfung darüber, immer mehr leisten zu müssen als andere, um so gewürdigt zu werden wie andere. Citizen beschreibt, mal essayistisch, mal lyrisch, mal in Form von Textcollagen einen Kampf, der nicht enden will. Aber er macht ihn in einer offenherzigen, berührenden und poetischen Art sichbar. Er adressiert ganz klar das “Du”, er ruft implizit dazu auf, sich selbst hineinzuversetzen in Situationen wie sie Schwarze täglich erleben. Stell dir vor, sagt er, du erlebst das, du erleidest das. Und: Stell dir vor, wir könnten alle zuerst Menschen sein, bevor wir irgendetwas anderes sein müssen.

Nach einem kurzen Telefonat versprichst du dem Geschäftsführer am Apparat, vorbeizukommen und das Formular auszufüllen. Als du das Büro betrittst und dich vorstellst, platzt er heraus: Aber Sie sind ja schwarz!

Claudia Rankine: Citizen. Aus dem Amerikanischen von Uda Strätling. Spector Books. 182 Seiten. 14,00 €.

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