Kultur, Kurz & Knapp, Rezensionen, Romane
Kommentare 3

Kurz und knapp rezensiert im September.

Im September gibt es eine bunte Mischung aus Erzählungen, Wiederentdeckungen und einen “Meister” des packenden, psychologischen Krimis, der mich kalt ließ.

Dennis Lehane gilt vielerorts als Meister seines Fachs, er lieferte die Buchvorlagen zu Mystic River und Shutter Island, er weiß psychologische Spannung aufzubauen und zu händeln. Sagt man so. Nun mag es sein, dass ich nur deshalb angesichts des neuen Romans nicht in Begeisterungsstürme ausbreche, weil ich seltener Krimis lese. Vielleicht liegt es aber auch ein bisschen am Roman selbst, der mit seinen über 500 Seiten eher ausladend geraten ist und sich absurd viel Zeit lässt, um in die Gänge zu kommen. Bis Seite 150 macht er diverse Handlungsstränge auf, es geht um Angstzustände der Protagonistin, um Journalismus angesichts verheerender Katastrophen, irgendwie auch um Public Shaming und eine gescheiterte Beziehung. Es passiert viel, aber nichts, was mich wirklich an den Roman bindet. Ich lese ihn am Ende irgendwie auch, weil ich wissen will, wann denn nun endlich der Betrug ins Spiel kommt, von dem auf dem Buchrücken die Rede ist. Es dauert lange. Als der Roman dann den Fuß von der Bremse nimmt, scheint er mit doppelter Kraft aufs Gaspedal zu drücken. Die Ereignisse überschlagen sich, der Roman überhitzt. Am Ende sind mir viele Szenen zu überambitioniert, der Schluss selbst lässt mich bloß noch mit einer Mischung aus Schulterzucken und Kopfschütteln zurück. Ja, es ist grausam, erkennen zu müssen, dass der Mensch, den man am meisten liebt, nicht der ist, für den man ihn gehalten hat. Lehane erzählt es mir leider so, dass es mir zuletzt ziemlich gleichgültig wird.

Dennis Lehane: Der Abgrund in dir. Aus dem Amerikanischen von Steffen Jacobs und Peter Torberg. Diogenes Verlag. 528 Seiten. 25,00 €.

Im Zuge der #metoo-Debatte wurde erstmals seit längerer Zeit öffentlich über Machtmissbrauch, Sexismus, Geschlechterstereotypen und strukturelle Benachteiligung von Frauen gesprochen. Nicht selten dominiert im Diskurs das männliche Narrativ und die männliche Perspektive. Der literarische Kanon ist dominiert von Männern, die Chefetagen großer Konzerne bestehen fast ausschließlich aus Männern, männliche Journalisten interagieren z.B. auf Twitter vorrangig mit Männern, haben größere Followerzahlen und marginalisieren – sehr oft wahrscheinlich nicht in vollem Bewusstsein – weibliche Stimmen, von migrantischen oder queeren ganz zu schweigen. Ein guter Moment also für einen Erzählband, der die weibliche Perspektive einfängt. Mit dabei sind Autorinnen wie Anke Stelling, Margarete Stokowski, Kristine Bilkau, Nora Gomringer und Julia Wolf. Es sind ganz unterschiedliche Erzählungen, die um die Themen sexuelle Gewalt, Erziehung, Familie und Rollenbilder kreisen. Es geht auch um Dynamiken zwischen den Geschlechtern, um Klischees, die beständig reproduziert werden, ein perpetuum mobile, an dem wir alle teilhaben, wenn wir nicht lernen, zu hinterfragen. Sagte sie ist ein wichtiger Erzählband zur richtigen Zeit, wenn mich auch nicht alle Geschichten haben überzeugen können. Besonders im Gedächtnis geblieben sind mir die Texte von: Annett Gröschner, Fatma Aydemir und Nora Gomringer.

Sagte sie (Herausgegeben von Lina Muzur). Hanser Verlag. 224 Seiten. 20,00 €.

Jane Gardam ist in den letzten Jahren vor allem mit ihrer Old-Filth-Trilogie bekannt geworden, Ein untadeliger Mann habe ich gern gelesen. Es ist ein vergleichsweise später Ruhm für die mittlerweile 90-jährige Jane Gardam, aber ein verdienter. Kürzlich erschien ihr Erstlingswerk Weit weg von Verona, das im ländlichen England zur Zeit des Zweiten Weltkriegs spielt. 1971 im Original erschienen, hat es schon einige Jahre auf dem Buckel, aber es ist glänzend gealtert. Im Mittelpunkt steht Jessica Vye, ein 13-jähriges Mädchen, wie es in den 70er-Jahren wohl nur wenige erschaffen hätten. Jessica ist entwaffnend, ehrlich und offen. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, sie gibt Widerworte und insbesondere auf einer Hausparty im Anwesen des höheren, englischen Landadels fällt sie völlig durchs Raster. Trotzdem der Roman zu Kriegszeiten spielt, erzählt er überwiegend vom Erwachsenwerden, davon, Grenzen zu überwinden, im Inneren und im Außen. Es ist ein Erwachsenwerden unter erschwerten Bedingungen, aber mit einer Menge Verve und Witz. Der Roman wird getragen von Jessicas Erzählstimme, ihrer Selbstironie, ihrer Neugier und Lebendigkeit. Es ist ein Buch, das durch den ansteckenden Charme seiner Protagonistin lebt und atmet.

Jane Gardam: Weit weg von Verona. Aus dem Englischen von Isabel Bogdan. Hanser Verlag. 240 Seiten. 22,00 €.

Felix Jacksons Roman erschien erstmals 1980 in den USA, unter dem reißerischen Titel Secrets of Blood. Vor über zwanzig Jahren wurde er schon einmal vom Weidle Verlag veröffentlicht und obwohl die Zeiten damals alarmierende waren, wurde Berlin, April 1933 nicht die Aufmerksamkeit zuteil, die es verdient hätte. Es gibt gute Gründe dafür, diesen Tagebuchroman heute wieder aufzulegen. Der Rechtsanwalt Dr. Hans Bauer kehrt nach einem Aufenthalt in der Schweiz 1933 nach Berlin zurück. Er wird unmittelbarer Zeuge von Gewalt gegen Juden und der Durchdringung alltäglichen Lebens mit nationalsozialistischer Propaganda. Zunächst unterschätzt er die Geschehnisse, sie gehen ihn nicht an, sie betreffen ihn nicht. Aber nach und nach wird ihm das Ausmaß dessen, was um ihn herum geschieht, mit einer Deutlichkeit bewusst, die er kaum aushalten kann. Menschen, die er kennt und schätzt, zeigen plötzlich ihr wahres Gesicht, als die Menschenfeindlichkeit von den Nationalsozialisten salonfähig gemacht wird. Berlin, April 1933 ist auch dort so schockierend gut, wo es schleichende Verschiebungen sichtbar macht, den Unglauben und das Entsetzen. Man liest es ja viel dieser Tage, aber ich schreibe es trotzdem: Damit wir nicht irgendwann wieder fragen, wie das passieren konnte, sollten wir darüber lesen, wie es schon einmal passiert ist. Wie eine Gesellschaft langsam aber stetig vergiftet wurde, mit Lügen, mit Hass, begünstigt durch Relativierung und Blindheit. Es gibt viele Bücher, die man dafür lesen könnte. Felix Jacksons ist eines davon.

Felix Jackson: Berlin, April 1933. Aus dem Englischen von Stefan Weidle. 288 Seiten, 23,00 €. Die E-Book Version gibt es übrigens bei Culturbooks.

2015 wurde Ömür İklim Demir mit renommierten türkischen Literaturpreisen ausgezeichnet, 2018 hat es ihn, auch dank des binooki Verlags, auf die Hotlist verschlagen, auf der zum mittlerweile zehnten Mal die besten Bücher aus unabhängigen Verlagen versammelt sind. Das Buch der entbehrlichen Gedanken erzählt Geschichten von Traurigen und Verlassenen, von ganz verschiedenen Schicksalen, von alltäglichem Leben in Istanbul. Dabei schlägt es einen poetischen, melancholischen Ton an und kreiert Bilder, die sich fest im Kopf verankern. Da ist der Mann, der am Strand angeschwemmt wird und dessen Identität niemand kennt. Den alle für verrückt halten, bis sich einer aufmacht, seine Geschichte zu ergründen – nicht zuletzt mithilfe eines schwatzhaften Papageis. Da ist der Mann aus dem Café, der in all seiner Hoffnungslosigkeit eine Frau trifft, die ihn für jemand anderen hält. Da ist der sterbende Hund und der Mann ohne Wohnung. Ömür İklim Demir schreibt wendungsreich und überraschend, manches Ende kommt völlig unerwartet, weil man blindlings in die Falle tappt. Das Schöne daran: Man tappt gern hinein. Es sind berührende, atmosphärische Geschichten, die zu entdecken sich unbedingt lohnt! Zu recht auf der Hotlist, zu recht mit Preisen bedacht.

Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für mich. Die schlechte Nachricht: In meinem Leben wird nichts so gut, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich werde noch viele Jahre allein in einer Dreizimmerwohnung leben. Die gute Nachricht: In meinem Leben wird nichts so schlimm, wie ich es mir vorstellen kann. Dies ist mein einziger Trost. Mir geht es weder besonders gut noch besonders schlecht. Ich bin ungefähr so durchschnittlich wie die Mengenangabe auf der Rückseite der Streichholzschachteln: “Durchschnittlich 40 Streichhölzer.”

Ömür İklim Demir: Das Buch der entbehrlichen Gedanken. Aus dem Türkischen von Gabriela Senti und Matthias Müller Senti. binooki Verlag. 140 Seiten. 18,00 €.

3 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.