Kultur, Kurz & Knapp, Rezensionen
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Kurz und knapp rezensiert im Juli!

Im Juli sitzen zwei Soldaten in einem Boot, steht eine Dorfgemeinschaft vor einschneidenden Veränderungen, erzählt von Schirach wieder Kriminalgeschichten und findet ein Schreibender zu sich selbst.

Nichts in Sicht ist ein Klassiker der Nachkriegsliteratur. Gelobt von Größen wie Gottfried Benn oder Siegfried Lenz, von Reich Ranicki geadelt als “zeitgeschichtliches und künstlerisches Dokument”. Anlässlich von Rehns 100. Geburtstag (am 18.September) veröffentlicht der Verlag eine Neuausgabe mit einem Nachwort von Ursula März. Was geschieht nun also in diesem Klassiker? Ein amerikanischer Pilot und ein deutscher U-Boot Matrose treiben gemeinsam in einem Schlauchboot auf dem Atlantik. Der Zweite Weltkrieg ist noch nicht vorüber, sie müssten Feinde sein, aber bilden eine Schicksalsgemeinschaft. Einer von ihnen ist schwer verletzt, die Entzündung in seinem Armstumpf schreitet rasend voran. Sie haben nichts außer Whiskey, Schokolade und Zigaretten. Umgeben von Wasser drohen sie zu verdursten. Und es ist “nichts in Sicht”, keine Rettung, kein Land, kein Mensch. Jens Rehn beschreibt das Vegetieren, das einsame Dahinsiechen in so messerscharfer Sprache, dass man unweigerlich glaubt, mit in diesem Boot zu sitzen. So intim, so unerträglich, so trost- und hoffnungslos ist die Lage. Es geht ums nackte Überleben und das, was vom Menschsein bleibt. Im Krieg, im Angesicht des Todes. Ein beeindruckendes Buch, das wohl ohne die Neuausgabe an mir vorbeigegangen wäre!

Jens Rehn: Nichts in Sicht. Schöffling Verlag. 176 Seiten. 20,00 €.

Zu sich selbst zu finden, ist keine leichte Aufgabe. Der Erzähler von wolkenjagd jedenfalls hat einige Höhen und Tiefen durchlitten – er saß im Gefängnis, sein Vater unternimmt einen Selbstmordversuch, das Haus seiner Kindheit muss verkauft werden. Während im Haus seiner Großeltern unverrückbare Werte galten, an denen nichts und niemand rütteln konnte, ist er immer wieder auf der Suche. Nach sich selbst, nach einer Richtung in seinem Leben, nach Orientierung und Halt. Er findet ihn in der Körperlichkeit des Kampfsports, aber auch in den Begegnungen mit Menschen, im Schreiben. Bevor Philipp Hager zur Prosa kam, veröffentlichte er bereits einige Lyrikbände – das Üppige, das Bildhafte ist seiner Sprache auch in wolkenjagd deutlich anzumerken. Hager hatte u.a. Jobs als Kampfrichter und Türsteher, es ist also davon auszugehen, dass er hier mindestens in Teilen aus eigenen Erfahrungen schöpft. Der Roman beleuchtet schlaglichtartig eine Entwicklung, eine Wandlung und eine Sehnsucht. Er enthält viele Sätze, die innehalten lassen: Vielleicht sind Katastrophen die schnellste Art, zu reisen, die es gibt. Oder: Er hätte gar nicht in mich hineingepasst, all der Tod, der in diesem Augenblick auf mich gerichtet war. Das war genug für eine ganze Rugbymannschaft. Es ist ein feinfühliges Entdecken innerer Landschaften, vorbeiziehender Episoden. Obwohl das ein oder andere Bild für meinen Geschmack dann doch über das Ziel hinausschießt: Hager weiß mit Sprache ziemlich feine Dinge anzustellen!

Philipp Hager: wolkenjagd. braumüller Verlag. 140 Seiten. 18,00 €.

Ich gebe zu: Ein bisschen musste ich bei Marie Gamillschegs Debüt an Saša Stanišić und seinen furiosen Roman Vor dem Fest denken. Auch Gamillscheg siedelt ihre Geschichte in einer eher dörflichen Gemeinde an, die langsam auszusterben droht. Auch ihre Figuren sind etwas skurrile Originale. Auch die Erzählstimme klingt mitunter mehr nach einer Dorfgemeinschaft in ihrer Gesamtheit, als würden sie alle vom Niedergang ihres Ortes berichten. Wer durch den Ort geht, der weiß: Hier passiert etwas. Oder eher: Hier ist etwas passiert. Der rote Knopf ist kaputt. Seit der Journalist hier war, kommen keine Touristen mehr, und der rote Knopf im Schaubergwerk wird nicht repariert. Das Dorf liegt am Fuße eines Berges, der lange für den Bergbau genutzt wurde; heute ist er nur mehr eine  defekte Touristenattraktion. Freilich: im Hintergrund wabert der Strukturwandel. Was wird aus einer Gemeinde, die stirbt, weil es keine Arbeitsplätze mehr gibt? Besinnt sie sich auf ihre Tugenden, gibt sie auf? Ein Mann besucht das Dorf, in dem neuer Wohnraum gebaut werden soll – zukunftsorientierte Wohnraumplanung ist seine Aufgabe als Regionalmanager. Das Dort beleben, um es attraktiver zu machen. Alles kann irgendwie gemanaged werden. Bloß die Natur nicht, die sich bereits in den kursiven Einschüben im Roman als große Kraft zu erkennen gibt. Auch die Menschen nicht, die mehr sind als bloße Verfügungsmasse. Marie Gamillscheg erzählt mit liebevollem Blick von den verschiedenen Dorfbewohnern und ihren Geschichten im Einzelnen, immer aber auch vom großen Ganzen. Dem Berg und dem, was sich regt in ihm. Dem Ort und was erlahmt in ihm. Gamillscheg Ton ist humorvoll, einnehmend und charmant. Das Lesen lohnt sich.

Marie Gamillscheg: Alles was glänzt. Luchterhand Verlag. 224 Seiten. 18,00 €.

Eigentlich tut Schirach in Strafe genau das, was er immer tut. Kriminalfälle literarisch so aufbereiten, dass man fast meint, aus ihnen so etwas wie eine Moral entnehmen zu können. Mindestens aber die Erkenntnis: Es ist nicht alles schwarz und weiß. Es gibt nicht nur die Bösen und die Guten. Schirach erzählt von Menschen, die schuldig geworden sind, schuldlos verurteilt wurden oder gar durch Verfahrensfehler die ihnen angedrohte Strafe gar nicht verbüßen müssen. Für manche ist das Verbrechen Vehikel für ihre nicht genug gewürdigte Grandiosität, für andere auch ein verschwiegenes Geheimnis. Die in Strafe geschilderten Fälle sind sehr unterschiedlich – auch in der Qualität ihrer Beschreibung. Manche Kapitel wirken anderen gegenüber geradezu blass, wohin Schirach damit wollte, ist nicht immer ganz klar. Auch die Schriftgröße ist sehr augenfreundlich – um es mal so zu sagen. Alles in allem liest sich aber auch Strafe ziemlich rasant, nicht etwa vor einem sensationslüsternen Standpunkt aus gesehen, sondern vor dem Hintergrund aufrichtigen Interesses. Was lässt Menschen straffällig werden? Und wie schnell ist die Grenze zwischen unbescholten und straffällig überschritten? Was ist Schuld? Naja, klassische Schirach-Fragen eben, die er immer wieder in seinem nüchternen Reportagestil verhandelt. Trotz Schwächen hier und da: Gern gelesen habe ich es trotzdem.

Ferdinand von Schirach: Strafe. Luchterhand Verlag. 192 Seiten. 18,00 €.

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