Kultur, Kurz & Knapp, Rezensionen
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Kurz und knapp rezensiert im November!

In diesem Monat geht es um Ängste und deren Überwindung, das Känguru, das Schlechte und eine besondere Art der Erinnerung.

Nachdem Was man von hier aus sehen kann im Jahr 2017 ein unerwartet großer Publikumserfolg wurde, hat Dumont sich entschieden, auch ältere Werke von Mariana Leky, im Design an den Bestseller angepasst, neu aufzulegen. 2004 erschien der Debütroman Erste Hilfe, der in Tonfall und Stil schon viel von dem erkennen lässt, was Leky später ausmachen wird. Im Mittelpunkt stehen Sylvester, die Erzählerin und Matilda, die eines Tages plötzlich von Panik überfallen wird, als sie versucht, eine Straße zu überqueren. Was, wenn sie plötzlich mitten auf der Straße verrückt wird? Was ist, wenn alle das sehen? Matildas Angst wird so übermächtig, dass sie kaum aus dem Haus gehen kann und auf Anraten ihrer mindestens ähnlich neurotischen Freunde professionelle Hilfe sucht. Wer bei Leky völlig realistische Schilderungen eines Lebens mit krankhafter Angst erwartet, sucht an der falschen Stelle. Erste Hilfe ist naiv erzählt, verspielt, humorvoll angesichts der schwierigen Lage. Ähnlich wie auch Was man von hier aus sehen kann steckt er voller ungewöhnlicher Sprachbilder und skurriler Situationen. Wenn die Freunde ein möglichst emotional unbelastetes Wort suchen, an das Matilda denken könnte, wenn sie draußen wieder Angst bekommt, die Verrücktheit könne sie hinterrücks überwältigen. Oder wenn die Therapeutin mir ihr in eine Mensa zum Essen geht und verlangt, Matilda solle jetzt bitte im vollen Speisesaal ihr Tablett fallenlassen. Ein Roman, der gut tut, der besänftigt, der nicht zu viel fordert.

Mariana Leky: Erste Hilfe. Dumont. 192 Seiten. 11,00 €.

Zwei Brüder laufen durch die Nacht, ziehen von Kneipe zu Kneipe. Einer von ihnen stirbt wenig später, die Gespräche sind Rückblenden des Zurückgebliebenen, der versucht, sich seinem Bruder anzunähern. Die Beziehung der beiden ist nicht unbelastet. Im Schutz diffusen Kneipenlichts erzählt der Ältere vor allem vom Schlechten und Bösen in der Welt, von seinen intensiven Beschäftigungen mit dem Fall Marc Dutroux als Inbegriff von Grausamkeit, von Krieg, von Gewalt. “Ich änderte also meine Taktik, sagte er dann noch, und begann, mein Leben auszurichten nach dem Prinzip, dass es nur eine Möglichkeit gibt, das Gute zu zeigen, und zwar, indem man das Schlechte erzählt.“, heißt es in einem Absatz. Genau das tut der Roman, indem er in Wellenbewegungen das Schlechte umkreist. Der jüngere Bruder, Zuhörer und nachträglicher Protokollant, zeigt sich eher überfordert von den Abgründen, die der Ältere aufreißt. Und über allem die Frage: Was tun wir, angesichts des Bösen in der Welt? Wie positionieren wir uns dazu? Wie handeln wir? Wie ist das Gute trotzdem möglich? Der Roman entfaltet durch die verschachtelte Erzählform einen unwiderstehlichen Sog. Es fühlt sich an, als sei der Text ständig in Bewegung, als pulsiere er, als würde man mitgerissen von einer Kraft, die stärker ist als man selbst. Das nächste Bild, das ihm in den Sinn komme, wenn er an die Geburt seines Kindes denke, ist endlich das Kind, wie es klein, schreiend und dunkelrot auf einer Art Stehpult mit Rollen liegen und für seine geringe Körpergröße erstaunlich laut brüllen würde, (…), und zwischen Schwester und Arzt, die das Neugeborene untersuchen, würde er ganz deutlich erkennen, was das vor allem anderen ist, Leben: Gewalt. Und trotzdem leben wir. Trotzdem überwinden wir die Schwerkraft. Jeden Tag.

Heinz Helle: Die Überwindung der Schwerkraft. Suhrkamp. 208 Seiten. 20,00 €.

Ein vierter und letzter (?) Teil vom Kleinkünstler und dem Künguru. In den Apokryphen versammeln sich nun neue Geschichten, ältere Känguru-Episoden aus Klings früherem Programm Wenn alle Stricke reißen, kann man sich nicht mal mehr aufhängen sowie aus bereits erschienenen Anthologien mit Känguru-Beteiligung. Wer die Vorgängerbände gelesen hat, wird auch mit dem aktuellen seinen Spaß haben. Es funktioniert nach dem gängigen Rezept: Mittels Alltagsepisoden und Anekdoten den Finger (oder die Pfote) in politische, gesellschaftliche Wunden legen, Heuchelei bloßstellen, leere Phrasen demaskieren. Das funktioniert nicht in jedem Text, manche sind extrem kurz und nur auf einen – bisweilen erwartbaren – Witz hin ausgerichtet. Allerdings versammeln die Apokryphen ja, wie eingangs erwähnt, ältere und aktuelle Känguru-Texte, dazwischen ist viel passiert. Viel Gutes. Viel Lustiges. Oder wie Kling wahrscheinlich selbst sagen würde: Viel Schönes dabei.

Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Apokryphen. Ullstein Verlag. 208 Seiten. 9,00 €.

Wenn eine Forderung in den Debatten der letzten Jahre geradezu obligatorisch geworden ist, dann die nach Integration. Menschen, die aus fremden Ländern und Kulturen nach Deutschland kämen, müssten sich integrieren, integrationswillig sein. Je nach Verwender und Kontext unterscheidet sich, was genau unter dieser Integration verstanden wird – sehr häufig aber wird Integration gesagt und Assimilation gemeint. Die Integration ist dann gelungen, wenn das Fremde unsichtbar geworden ist. Max Czollek, deutsch-jüdischer Lyriker, Autor und Theatermacher, entwickelt in Desintegriert euch nun eine These, die in den letzten Wochen und Monaten rege diskutiert worden ist: Es existiert ein spezifisches Wechselverhältnis zwischen der deutschen Erinnerungskultur einerseits und der jüdischen Community andererseits. Die Deutschen seien, so Czollek, längst nicht frei von rechtsextremem, antisemitischem Gedankengut, vielmehr nutzen sie Juden und Jüdinnen in ihrem “Gedächtnistheater” als vermeintlichen Beweis für ihre Läuterung. Czollek zieht eine Linie von Martin Walsers Paulskirchenrede über Roman Herzogs Rede von der “Befreiung” der Deutschen hin zum Schland-Patriorismus 2006 und dem Aufstieg rechtsradikaler und rechtspopulistischer Parteien und Bewegungen. Es gibt einen roten Faden, eine Tendenz, nicht nur sich selbst, sondern auch Familienmitglieder zu entschulden und sich mit den Opfern des Nationalsozialismus gemein zu machen. Dafür braucht es “die Juden” in einer ganz bestimmten Rolle, ungeachtet ihrer tatsächlichen Heterogenität. Deutsche wissen heute über Juden vor allem das: dass man sie umgebracht hat, schreibt Czollek. In der rbb-Dokumentation “Feindbild Jude” kommt Ähnliches zur Sprache als man Passanten dazu befragt, was ihnen einfiele, wenn sie das Wort “Jude” hörten: Holocaust, Auschwitz, jüdische Stereotype und antisemitische Klischees. Czolleks Streitschrift ist im besten Sinne anregend, sie liefert eine ganz neue Perspektive, stimmt nachdenklich. Wie kann und muss Erinnerungskultur aussehen, die nicht in stereotypen Rollenerwartungen erstarrt ist? Können wir die wieder erstarkenden antisemitischen Narrative überhaupt wirksam bekämpfen, wenn wir a) nichts voneinander wissen (wollen) und b) leugnen, dass es in Deutschland noch immer ein virulentes Problem ist? Desintegriert euch lohnt sich sehr, ein kluges, umsichtiges, provokantes Buch!

Max Czollek: Desintegriert euch. Hanser. 208 Seiten. 18,00 €.

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