Rezensionen, Romane
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Gastbeitrag: Aufbruch in eine reduzierte Welt. #dbp18

In diesem Jahr wurden erstmals offiziell fünf Lesekreise ausgewählt, die den Deutschen Buchpreis mit Diskussionen und Beiträgen begleiten durften. Nun ist der Buchpreis zwar offiziell verliehen – das Gespräch über die jeweiligen Bücher darf und kann aber ungehindert weitergehen. Es ging bei der Auswahl der Literaturkreise ziemlich international zu, von Bremerhaven über Washington D.C. nach Lübeck. Und weil ich zufällig in der letztgenannten Stadt lebe, bot sich an, Beiträge dieses Lesekreises (“Klappentext” mit Namen) auch auf meinem Blog zur Verfügung zu stellen. In diesem Beitrag schildern Michael Stein und Andreas Mroß ihre Leseeindrücke zu Gianna Molinaris Hier ist noch alles möglich.

Eine reduzierte Geschichte, nüchtern und trocken erzählt, führt die Leser*innen in eine teils groteske und absurde Welt. Gepaart mit einem erwartungsvollen Versprechen auf etwas Überraschendes, ja vielleicht sogar Großes („Hier ist noch alles möglich“) wird eine kurze Episode aus dem Leben der Protagonistin erzählt.

Die Erzählerin, die alle Brücken in ihr bisheriges Leben als Bibliothekarin abgebrochen hat, heuert als Nachtwache auf einem Fabrikgelände an und erhält die Erlaubnis, dort in einem Raum zu wohnen. Sie teilt sich die Nachtwache mit Clemens. Die Schließung der Fabrik steht kurz bevor und die Mitarbeiteranzahl schrumpft. Der Koch versorgt jedoch die Kantine täglich aufs Neue mit so viel Suppe, als gäbe es noch die volle Belegschaft. Die Firma schrumpft, die Gefriertruhen quellen über. Der Fabrikbesitzer gibt sich geschäftig, auch wenn es kaum noch Geschäfte gibt.  Und dann ist da der Wolf. Der Koch hat ihn gesehen. Sagt er.
Ihm sind sie auf der Spur. Sie wollen ihn sehen. Sie wollen ihn fangen. Mit allen Tricks.


Ein Wolf kommt schließlich selten allein. Der Gefahr ist zu begegnen. Es gibt ihn. Bestimmt. Auch wenn er sich auf den Aufzeichnungen der Überwachungskameras Nacht für Nacht nicht zeigt. Aber schließlich finden sich Tierhaarbüschel an einem Loch im Fabrikzaun und bald folgt für die Nachtwächter der Auftrag eine drei Meter tiefe Grube aufzuheben. Bei den Arbeiten dazu fällt ein etwas außerhalb des Fabrikzauns stehendes Kreuz in den Blick. Damit beginnt die zweite Geschichte des Buchs. Die vom Mann, der vom Himmel fiel. Diese Geschichte ist der Kontrapunkt zum Wolf.

Lose, ein ehemaliger Maschinenbediener, wechselt von der Fabrik zum Flughafen und überlässt der Erzählerin eine Sammelmappe über den „Mann, der vom Himmel fiel“. Er hatte ihn damals fallen sehen ohne es zu wissen. Die Erzählerin folgt der Geschichte von dem Mann, dessen Identität ungeklärt blieb, der aber ein afrikanischer Flüchtling zu sein schien. Sie besucht Lose auf dem Flughafen und will sehen, ob sich der Mann vielleicht im Fahrwerk eines Flugzeuges hätte verstecken und später herausfallen können. Hier lernt sie die Flugzeugkontrolleurin Erika kennen.

Gleich zu Beginn entfaltet die Autorin eine schöne Bildsprache. Fast unmerklich führt sie die Leser*innen von einem Ort des Geschehens an einen Ort im eigenen Kopf.

Die Fabrik liegt außerhalb einer kleinen Stadt. Dort wohnen die wenigen Mitarbeiter, die noch in der Fabrik arbeiten. Rund um die Fabrik liegen Felder, weiter hinten ist der Flughafen. Von meinem Fenster aus kann ich die Flugzeuge landen und starten sehen. Vielleicht ist der Raum zu klein, um ihn als Halle zu bezeichnen. Ich nenne ihn dennoch Halle. Hier hat noch nie zuvor jemand gewohnt. Ich bin die erste Hallenbewohnerin. Wenn ich nachts im Bett liege und an die Decke blicke, meine ich manchmal im Bauch eines Wals zu sein.“ (S.11).

Fast jede*r hat schon einmal in einer alten Fabrikhalle gestanden und nach oben zur Kuppel gesehen, hat den Blick über die in Stahl- oder Eisenfenster eingesetzten kleinen Scheiben schweifen lassen. Im Innern eines Wals – man weiß sofort, was gemeint ist.
Und dann fällt einem die Geschichte von Jona ein. Jona, der in den Bauch des Wals gelangt, weil er versucht, sich dem Gebot Gottes durch Flucht zu entziehen. Er weigert sich, in Ninive ein Strafgericht Gottes anzukündigen. Der Aufenthalt im Bauch des Wales dient seiner Disziplinierung und dauert so lange, bis er tut, was Gott verlangt. Oder die Geschichte von Gepetto und Pinocchio, die aus Versehen an diesen unwirtlichen Ort gelangt sind. Sie können sich befreien, indem sie gemeinsam den Wal zum Blasen bringen und sich so in das Leben zurückbefördern. Auch die Ich-Erzählerin möchte ins Leben. Sie sehnt sich nach Unsicherheit, nach mehr Echtheit vielleicht, nach Wirklichkeit und möchte unterscheiden können, was wichtig ist und was nicht; sie möchte Teil einer Geschichte sein oder vieler Geschichten zugleich (S. 29). Sie möchte andererseits so sein wie Erika:

Ich wünsche mir, wie Erika zu sein, eine solche Anleitung zu besitzen und einen Werkzeugkasten mit Schraubenzieher und Zangen und zu wissen, welche Schraube an welchen Ort gehört und aus welchem Grund, einen solchen Overall zu tragen, mit leuchtenden Neonstreifen an den Oberarmen, mich so sicher zu bewegen wie sie, aufrecht mit großen Schritten, mich durch nichts aus der Fassung bringen zu lassen, nicht durch eine fehlerhafte Hydraulik, nicht durch einen abgebrochenen Flugzeugflügel. Mich bringt schon ein unsichtbarer Wolf aus der Fassung.“ (S.130)

Stattdessen macht sie fortwährend ergänzende Eintragungen in ihr stets griffbereites Universal-General-Lexikon, das, obwohl doch „Universal“ und „General“ (!), steter Ergänzung bedarf. Nicht einmal „Clemens“ steht drin und so bekommt er vor „Clementine“ einen eigenen Eintrag. Nach dem Wolf, für den bereits Eisen ausgelegt sind, wird auch gefahndet. Mit einem Phantombild.

Der Chef und der Koch hoffen nach wie vor auf den Wolf. Der Koch umso mehr, seit er in das Tellereisen getreten ist. Das kann ja nicht für nichts gewesen sein. Für den Koch muss es jetzt dringend einen Wolf geben. Er ist der einzige, der ein Opfer gebracht hat. Im Kampf gegen den Wolf. Im Kampf zur Erhaltung einer sicheren Zone.“ (S.188)

Der Titel unserer kleinen Vorstellung stammt aus der Diskussion in unserem Lesekreis und charakterisiert nicht nur das Buch, sondern auch unsere Besprechung.  Das Angebot der Autorin, durch eine nüchterne Erzählweise – zumeist ohne jede Wertung – die Leser*innen an einem ausgestanzten, episodenhaften Geschehen im Leben der Erzählerin teilhaben zu lassen, muss man erst mal unvoreingenommen annehmen können. Erst dann erschließen sich die vielen Dimensionen des Romans, die es vielleicht gar nicht möglich machen, schnell auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen:

Unsere Sichtweisen und Bewertungen divergierten bei Molinari jedenfalls enorm.
Die einen fanden den Roman herrlich trocken, grotesk und bisweilen absurd. Für andere dominierte die depressive Seite der Hauptfigur. Dritte konnten über den Roman überhaupt nichts Positives sagen. Wir haben uns gemeinsam aufgemacht, die reduzierte Welt und Sichtweise der Erzählerin zu erkunden. Das war nicht nur von großen Differenzen geprägt, sondern auch spannend und fruchtbar. Es gab aber keinen Nachhall durch das Gelesene. Weder literarisch noch in den Ereignissen. Der Text bleibt in der bloßen Beschreibung stecken und das machte das Austauschen darüber dann doch etwas schwer. Das distanzierte und manchmal teilnahmslos wirkende Beobachten der Erzählerin las sich für (fast) alle kurzweilig, fesselnd und leicht. Und irgendwie kann man durchaus angetan sein davon, was sie wahrnimmt und wie sie die Welt sieht. Aber dann bleibt doch alles nur episodenhaft und ein wenig beliebig und vielleicht sogar ratlos. Es überträgt sich nichts auf die Leser*in. Der Wolf, der unbekannte Mann und die Erzählerin bleiben vage Eindrücke, die (zum Teil leider) wieder schnell dem Vergessen anheimfallen.

In unserem Gespräch haben sich einige interessante Facetten ergeben. Es wurde zum Beispiel deutlich, wie leicht die Leser*in bei der Betrachtung des Details (der reduzierten Welt) schon das Bild von einem mutmaßlichen Ganzen mitdenken. Die Erzählerin stellt sich viele Fragen: zum Wolf, zum Mann, der vom Himmel fiel und immer mehr auch über sich und ihr Leben. Aber sie geht diesen Fragen kaum nach, sie bleiben skizzenhafte Notizen.  Wir haben kontrovers diskutiert und sind bereichert auseinander gegangen.  Es gab übrigens Suppe.

Ps. Spurensuche:
Am Ende unseres Gesprächs warfen wir einen Blick in Molinaris Text „Loses Mappe“, für den sie 2017 beim Bachmann-Wettbewerb den 3sat-Preis erhielt. Dieser Text stellt einen Auszug aus dem Entstehungsprozesses von „Hier ist noch alles möglich“ dar. Dieser Text ist dynamisch und dicht und lohnt sich sehr zu lesen. Eine Erzählung über den Mann, der vom Himmel fiel, die Fiktion und Realität kunstvoll zusammenbringt.

Obwohl der Text sich weitgehend im Roman wiederfindet, gibt es ein interessantes Detail: darin ist noch von keinem Wolf die Rede, nur von einem Loch im Zaun des Fabrikgeländes und diversen Kleintieren, die dadurch ein- und ausgehen. Molinari wollte den Wolf anscheinend als Kontrapunkt zur Geschichte über den Mann, der vom Himmel fiel. Wie fragten uns, ob das gelungen ist. Ist die Rückkehr des Wolfes dazu geeignet, die Endzeitstimmung in einer Fabrik und die Selbstfixierung ihrer „Insassen“ einzufangen? Oder wäre eine Geschichte wie die von Marons Rabe Munin hier an dieser Stelle nicht der bessere Kontrapunkt zur Tragik der Fluchtgeschichte gewesen? Die Frage blieb offen, wir tragen sie mit uns und denken von Zeit zu Zeit mal wieder daran. Die nächste Wolfsmeldung in den Lokalnachrichten wird kommen.

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