Alle Artikel in: Kultur

Berichte vom Besuch kultureller Veranstaltungen

Kurz und knapp rezensiert im September!

In der neuesten Ausgabe meines Kurzformates geht es um ein Panorama des 20. Jahrhunderts, den Kampf zwischen Wahn und Wirklichkeit und den Versuch, sich freizuschreiben von einem alles verschlingenden Erlebnis. Lübeck kennt sich aus mit kaputten Familien. Im Mittelpunkt dieses wagemutigen Panoramas steht einerseits ein Familienfluch, weitergegeben durch die Linie der Töchter, andererseits das 20. Jahrhundert. Prominent als Knotenpunkt vertreten ist Lübeck, pittoreske Hansestadt mit weit zurückreichender Geschichte. Svealena Kutschke hat sich viel vorgenommen mit ihrem Roman, begleitet drei Generationen der Familie Hinrichs durch Kaisertreue, Meuterei, Goldene Zwanziger, Weimarer Republik und Nationalsozialismus bis in die 90er Jahre. »Stadt aus Rauch« spielt mit folkloristischen Elementen wie dem Roggenbuk, lässt den Teufel immer wieder am Rande der Szenerie auftreten und Weichen stellen, gibt Unerklärliches zu Protokoll und greift aber auch immer wieder ganz handfeste politische und historische Ereignisse auf, in die sich die Familie als Zeitgenossen zwangsläufig verstrickt. Bei dieser Überfülle an Handlungssträngen und Ideen droht der Roman sich desöfteren zu verzetteln und zu zerfasern. Er will viel, das Große im Kleinen aufscheinen lassen, Lübecks Geschichte erzählen …

Das holt mich nicht ab.

Vor einiger Zeit habe ich auf dem frisch gelaunchten Blog des Internationalen Literaturpreises den Beitrag Bücher, an denen wir gescheitert sind entdeckt und dachte, ich könnte ein Format wie dieses auch hier auf dem Blog einführen. Welche Lektüre hat mich gebrochen, gelangweilt, befremdet, verwirrt? Weshalb nicht auch das eigene Scheitern thematisieren? Natürlich absichtlich vollkommen subjektiv. Gudrun Büchler – Koryphäen Ja, dieser Roman ist thematisch voll am rasenden Puls der Zeit, topaktuell, er bringt eine gewisse »Dringlichkeit« mit, die man immer gern von Manuskripten fordert. Mit seiner Entkörperlichungsthematik, den entscheidenden Algorithmen, mit Überwachung, Entgrenzung, einem zeit- und raumunabhängigen Bewusstsein und einer Firma, die mit »Wahrnehmungsvernetzung« und Daten von Menschen auf der ganzen Welt irgendwie Geld macht – hoch-bri-sant! Auf einer Insel lebt außerdem ein einsamer Mann, der seine Zimmerpflanze verkabelt und ihre Reaktionen aufzeichnet, um daraus irgendwas Bedeutsames zu schließen. Viel Technik, viel Unerklärliches wie das körperlose Schweben in der Schwerelosigkeit, leider auch viel Langeweile. Vermutlich sollte ich verstört sein, aber bin es nicht. Es mag nicht an Gudrun Büchlers Text liegen, sondern an meinem marginal …

Kurz und knapp rezensiert im Juni!

Im Juni geht es um feministische Essays, ein ungewöhnliches Zoo-Exponat und die russische Schwermut aus französischer Feder. Rebecca Solnits Essayband beginnt mit einer exemplarischen Partysituation: ein Mann belehrt Solnit, ungefragt und zunächst ohne es zu wissen, über ihr eigenes Buch. Es bedarf einiger Anstrengung, um ihn davon zu unterrichten, dass das Buch, aus dessen Besprechung er so übereifrig zitiert, von der Frau stammt, die ihm gegenüber steht. Gelesen hat er es selbst noch nicht. Worum es aber geht: mit dem 2/5-Wissen glänzen und das Revier abstecken. Von da aus reißt Rebecca Solnit mit ihren Essays zahlreiche feministische Themen an: die Marginalisierung von weiblichen Stimmen in Machtpositionen (verbunden mit der Schwierigkeit, als Frau überhaupt in solche Positionen zu gelangen), die Häufigkeit von Gewalt gegen Frauen, insbesondere in Form von Vergewaltigung, Machtverschiebungen und -differenzen und die eheliche Gleichstellung von Homosexuellen. Solnit ist eine scharfe Beobachterin, die klug und differenziert argumentiert und eigene, auch unkonventionelle Gedanken entwickelt. Am Ende steht eine anregende Sammlung ganz verschiedener Texte zu den Themen Feminismus und Gleichberechtigung, die offen zutage treten lassen, was …

Lübeck: Die Buchmacher 2017

Zum dritten Mal gastierten in diesem Jahr am Wochenende um den 23. April in der Lübecker Petrikirche unabhängige Kleinverlage aus der ganzen Republik*. Sie stellten sich und ihre aktuellen Programme vor und gewährten einen unmittelbaren Einblick in die Verlegertätigkeit abseits der großen Häuser. Mit über zwanzig teilnehmenden Verlagen gab es viel zu entdecken. Lübeck ist bislang bekannt für sein Marzipan, sein gefährlich schiefes Holstentor, für Thomas Mann und Günter Grass. Mit den BUCHMACHERN beginnt sich nun seit 2015 ein Veranstaltungsformat zu etablieren, das Indieverlagen aus der ganzen Republik und darüber hinaus eine Bühne bietet. Glücklicherweise gibt es noch eine sehr diverse und lebendige Kleinverlagslandschaft, in der ein gewisser Hang zum Wagemut und eine ausgeprägte idealistische Leidenschaft für die Literatur als solche Überlebensvoraussetzungen sind. Plattformen wie die BUCHMACHER sorgen dafür, nicht nur den Verlagen Zugang zur lesenden Öffentlichkeit zu schaffen, sondern auch der lesenden Öffentlichkeit Entdeckungen zu ermöglichen, die sie in zentralistisch geführten Buchhandelsketten immer weniger machen können. Mithin stieß man am 22. und 23.April wieder an jedem Stand auf liebevoll und wertig ausgestattete Bücher, wiederentdeckte …

6 Tipps für #verlagebesuchen

Am 23. April wird wieder landauf landab der Welttag des Buches begangen. Bereits im letzten Jahr gab es mit #verlagebesuchen, in noch deutlich kleinerem Rahmen, ein neues Veranstaltungsformat, das Interessierten einen Blick hinter die Kulissen der Verlagsbranche ermöglichte. In diesem Jahr kann man mit über 80 teilnehmenden Verlagen von einer weit größeren Dimension sprechen. Sie sitzen in Berlin, Hamburg und München, aber auch in Paderborn, Bielefeld, Dresden oder Kassel. Die deutsche Verlagslandschaft ist glücklicherweise noch immer vielfältig und das bildet sich in einem Projekt wie #verlagebesuchen ab. Am Wochenende rundum den Welttag des Buches öffnen sich die Türen von Fach- und Sachbuchverlagen, Belletristikverlagen, Kunstbuchverlagen, Digitalverlagen, Kinder- und Jugendbuchverlagen. Als BesucherIn kann man u.a. ein Kochbuch konzipieren, erleben wie Hörbucher entstehen oder einfach eine Menge Fragen stellen, die einem als Außenstehendem so auf der Seele brennen. Ich habe sechs Veranstaltungen herausgepickt, die mich persönlich am meisten interessieren. Hier könnt ihr aber selbst einen Blick auf das vielfältige Gesamtprogramm werfen. Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei! Reprodukt (Berlin) 21.April; 17:00 – 18:00 Als große Freundin von …

Blogbuster: Anachronismus und Dörflichkeit

Der Blogbusterwettbewerb neigt sich dem Ende entgegen. Am 11.April werden die drei Shortlistkandidaten bekanntgegeben, am 04.Mai findet im Literaturhaus Hamburg die offizielle Preisverleihung statt. Unterdessen haben die teilnehmenden BloggerInnen ihren KandidatInnen Löcher in die Bäuche gefragt, das Longlistlesebuch wurde fleißig heruntergeladen und beurteilt, die Jury hat diskutiert. Ich möchte nochmal einen Blick werfen auf meine Herzenskandidatin Doris Brockmann und ihren Text “In Bhutan steckt Hut”. Während andere zukünftige Welten in düsteren Farben malen, schreibt Doris Brockmann Worte wie “alsdann” und strickt ihre Geschichte um eine “Putzmacherin”. Nicht, dass es heute keine mehr gäbe, aber man würde sie ModistInnen nennen, Designer womöglich. Während es andernorts um Mord und Totschlag geht, um nutzlos gewordene Gewissheiten und zerfallende Gefüge, herrscht in In Bhutan steckt Hut noch ein Glauben an Althergebrachtes, Traditionelles und Bewährtes. Das Leben kann noch Lehrmeister sein. Es ist viel die Rede von “wir” und “man” und obwohl die Erzählstimme stark durchdrungen ist von Rosas Gedanken und Gefühlen, sucht man ein Ich vergebens. Keine Spur von moderner Vereinzelung, von Hektik oder Weltlage. Ort und Geschehen scheinen …

Kurz und knapp rezensiert im April

Nicht zu jedem Roman kann man sich in epischer Breite auslassen. Ein guter Grund für die überfällige Reanimation des Kurz & Knapp-Formats. Truman Capote – Handgeschnitzte Särge Mit Kaltblütig (1966) begründete Capote das Genre des Tatsachenromans. An diesen furiosen Erfolg konnte er nicht mehr anknüpfen, viel mehr kann man hier einen veritablen Karriereknick verorten. Handcarved Coffins, das Kein & Aber als eigenständiges Büchlein herausgebracht hat, erschien erstmals 1980 in der Textsammlung Music for Chameleons. Auch hier ist Capote auf der Spur skurriler Morde, die sich jedes Mal durch die Zusendung handgeschnitzter Miniatursärge mit einer Fotografie des Opfers ankündigen. Im Gegensatz zu Kaltblütig ist die Provenienz dieses Kriminalfalls unklar; ob er tatsächlich auf Tatsachen beruht, konnte nie letztgültig festgestellt werden. Obwohl Capote bis zu seinem Tod darauf bestand, dass es sich um eine wahre Begebenheit handelt (dem Text vorangestellt ist die Versicherung Tatsachenbericht eines amerikanischen Verbrechens) spricht vieles dafür, dass es sich um ein Potpourri aus verschiedenen Kriminalfällen handelt – mehr dazu hier. Auch stilistisch wählt Capote einen neuen Ansatz, indem er die Geschichte als Drama …

“Frauenromane” oder: eine Konstruktion

Heute ist #Weltfrauentag. Der Tag, an dem landauf, landab die Frauenschaft gelobt wird. An dem Versprechungen gemacht werden, Frauen “auf Händen zu tragen” und sie “zu verwöhnen”, ihnen also kurzfristig eine besondere Behandlung zukommen zu lassen, um die sie nicht gebeten haben. Hauptsächlich, um den Rest der Zeit wieder Ruhe zu haben vor unangenehmeren Forderungen, die politische Konsequenzen und vertiefende Debatten bedeuten könnten. Ein Thema kommt im Dunstkreis dieses Tages immer wieder auf: sind Bücher von Frauen in den privaten Bücherregalen der Republik unterrepräsentiert? Und wenn ja, warum? Eigentlich, sagt man sich, ist es ja egal, ob Bücher von Männern oder Frauen geschrieben werden; Hauptsache, sie sind mitreißend, klug und lesenswert. Im Mittelpunkt steht immer die Geschichte, nicht das Geschlecht des Autors oder der Autorin. Das ist ein legitimer Standpunkt, dem ich nicht widersprechen würde. Als ich heute Morgen jedoch mein Bücherregal nach Autorinnen durchsucht habe, die ich anlässlich des Weltfrauentags empfehlen könnte, stellte ich wieder ein deutliches Übergewicht hin zur männlichen Autorenschaft fest. Nicht, dass ich das bewusst so ausgewählt hätte, über die Jahre …

Blogbuster Longlist: “In Bhutan steckt Hut”

Nach Wochen der Lektüre und des Abwägens steht meine Favoritin für den Blogbuster 2017 jetzt abschließend fest. Es war nicht einfach, aber eine besondere Erfahrung und, ganz nebenbei, ein lehrreicher Perspektivwechsel. Ich schicke Doris Brockmanns (@DorisBrockmann) In Bhutan steckt Hut ins Rennen, eine märchenhafte kleine Geschichte von Glück, Hingabe und Standhaftigkeit. Es ist ein bisschen so als sei die Zeit stehengeblieben. Es gibt keine Smartphones, keine Hektik, nur einen kleinen Ort, der sich als eigenständig begreift, obwohl er längst einer größeren Gemeinde angeschlossen worden ist. Und es gibt Rosa, die Putzmacherin.  Eine Frau, die Hüte und Mützen aller Art in hingebungsvoller Handarbeit selbst entwirft und herstellt. Rosa war immer schon ein bisschen besonders, ein bisschen eigen. Sie hat den kleinen Ort nicht Richtung Karriere verlassen, vielmehr hat sie sich einen kleinen Mikrokosmos geschaffen, in dem sie regelmäßig modeinteressierte Fashionistas aus dem urbanen Umland begrüßt, die mit Champagner und Luxuswagen vorfahren. Sie fertigt Hüte nach Maß aus diversen Materialien und ist, manchem Schicksalsschlag zum Trotz, glücklich in einer Welt, die sie nur für ihre Zeit auf …

Irgendwas mit Afrika

In den letzten Jahren wird immer häufiger junge afrikanische Literatur ins Deutsche übersetzt. Die Autorinnen und Autoren erzählen von ihrem Selbstverständnis, ihrer Zerrissenheit zwischen den Welten, von Alltagsrassismus und ihrem Kontinent. Damit scheint allerdings mittlerweile oft ganz automatisch ein bestimmter Phänotyp einherzugehen. Ich erkenne auf einige Meter Entfernung vermutlich mühelos das neue afrikanische Wunderkind der Literatur, wenn es in einer Verlagsvorschau angepriesen oder auf einem Buchtisch drapiert wird. Warum? Afrika ist bunt! Das muss sich dringend auch in der Covergestaltung spiegeln, deshalb kommt dieser Tage kaum eine Neuerscheinung aus dem afrikanischen Raum ohne aparte Muster, typographischen Besonderheiten und gewagte Farbkombinationen aus. Das Buch soll schon von Ferne ausstrahlen, dass es afrikanisch und mithin exotisch ist, man soll die Trommeln schon dröhnen hören und die Löwen brüllen. Früher war mehr Savanne und Giraffe. Heute ist das Gewand afrikanischer Frauen auf die Buchcover übergesprungen. Es ist immer eine kleine Herausforderung für’s Auge, für’s Hirn indessen nicht. Während manche sich darüber freuen können, dass die Gestaltung ihrer Bücher wenigstens gelegentlich variiert, hat Chimamanda Ngozie Adichie das Afrika-Cover auf …