Kultur
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Die Buchmacher 2018!

Mit den ersten Sonnenstrahlen des Frühlings waren in diesem Jahr zum vierten Mal die Buchmacher zu Gast in der Lübecker Petrikirche. Wie immer gab es eine Menge zu sehen: vom politischen und historischen Sachbuch über Lesebühnenliteratur und Kinderbücher bis zur gehobenen Belletristik war für jeden Geschmack etwas vertreten. Mit dem frischgebackenen Prix Goncourt-Preisträger Éric Vuillard hatte die kleine Messe in diesem Jahr sogar einen Stargast auf “der Tagesordnung”.

Zwei Tage im April sind mittlerweile verlässlich für Die Buchmacher* reserviert. Wer nicht nach Leipzig konnte oder wollte, wem Frankfurt zu turbulent ist und alles andere sowieso zu weit, wenn man auch einfach an die Ostsee fahren kann, der ist seit 2015 in Lübeck eigentlich richtig gut beraten. Kleine Indieverlage stellen seitdem sich und ihr Verlagsprogramm in den Mauern der Petrikirche interessierten Leser*innen vor, animieren zum Entdecken, laden zu Gesprächen ein. Zwei Tage lang ist das ein fröhliches Getümmel aus Literaturliebhaber*innen, Buchhändler*innen, Autor*innen und Neugierigen, die sich mal angucken wollen, was denn “unabhängige Verlage” eigentlich so machen. Man findet ihre Bücher selten auf Beststellerlisten oder als Stapelware in großen Buchkaufhäusern, aber es lohnt sich allemal, den Blick in diese Richtung zu erweitern. In Lübeck hat sich über die letzten Jahre schon eine Stammbesucherschaft etabliert. Manche kommen jedes Jahr, haben ihre Verlagsvorlieben und fragen, was es so Neues gibt, andere sind zum ersten Mal gekommen. Nicht nur aus Lübeck, wohlgemerkt, sogar aus dem Umland reisen Interessierte an. Gerüchteweise auch deshalb, weil es im Petricafé verboten deliziöse Torten gibt. Darüber hinaus hat man aber auch die Möglichkeit, persönlich mit den Verleger*innen und Verlagsmitarbeiter*innen in Kontakt zu kommen – ein erheblicher Vorteil von Kleinverlagsmessen gegenüber ihren großen Geschwistern. Lübeck steht damit nicht allein, auch Städte wie Mainz, Wien, Karlsruhe oder Kassel laden ein und bieten den kleinen Verlagen ein Podium. Meine Besuche bringen in der Regel nicht nur Bücher mit sich, sondern auch eine Reihe fotografischer Impressionen, die neugierig machen sollen auf andere Literatur.

Bereits in den Vorjahren hat es in Lübeck neben den Standpräsentationen der jeweiligen Verlage vereinzelt auch Lesungen gegeben, in diesem Jahr aber war dieses Element noch deutlich stärker vertreten. Mit Éric Vuillard trat am Samstag der Prix Goncourt Preisträger 2018 an, um über sein jüngst erschienenes Buch Die Tagesordnung (Matthes & Seitz) zu sprechen. Vuillard hat sich mit der literarischen Verdichtung historischer Ereignisse einen Namen gemacht, in Frankreich gar ein eigenes Genre begründet. Die Tagesordnung erzählt auf engstem Raum von den Verflechtungen der Großindustrie mit dem Nationalsozialismus und den “Anschluss” Österreichs an das Dritte Reich. Vuillards Erzähler mischt sein ein, er kommentiert die Ereignisse als lägen sie unter einem Mikroskop, freilich auch vor dem Hintergrund gegenwärtigen Wissens. Vieles davon, das legt er in dem vergleichsweise schmalen Band bloß, wäre ohne die Untätigkeit, die Fehleinschätzungen, die Eitelkeiten und Indifferenzen womöglich anders verlaufen. Die Botschaft ist freilich: In einer Zeit wie heute kann Indifferenz ein fataler Fehler sein. Sie war es damals und sie wäre es heute. Vuillard räumt mit mancher vermeintlichen Sicherheit auf, die sich über die Jahre in den Köpfen festgesetzt hat. Sicherheiten wie “Sie konnten nicht wissen”. Sicherheiten wie “Der Anschluss Österreichs wurde allenthalben jubelnd begrüßt.” Flankiert von seiner Übersetzerin Nicola Denis und Dolmetscherin Svenja Huckle sprach Éric Vuillard u.a. über französische Erzähltraditionen und die Wirkung eines renommierten Preises auf das eigene Schreiben. Auch das Literarische Quartett hat sich unlängst mit Vuillard beschäftigt.

Nicola Denis und Éric Vuillard

Am Sonntag lasen Julia Jessen und Zoë Beck aus ihren aktuellen Büchern, die eine als Autorin, die andere vorrangig als Verlegerin. Jessens Die Architektur des Knotens (Kunstmann Verlag) befasst sich mit dem Verlust von Selbstverständlichkeiten. Yvonne ist eigentlich zufrieden, glücklich verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Und trotz dieses oberflächlichen Glücks gerät ihr Leben aus den Fugen, als sie beginnt, es in Frage zu stellen. Ist es das, was ich will, für den Rest meines Lebens? Wie sehr bin ich gefangen in einem Alltag, der mich lähmt und abstumpft? Darf ich mich daraus befreien? Wenn ja, wie? Julia Jessen, die bereits zum zweiten Mal die Buchmacher besucht, stellt gleich am Anfang klar: Dieses Buch polarisiert. Die einen nennen es mutig, die anderen egoistisch. Dazwischen scheint es wenig zu geben. Immer wieder entwickeln sich aus Lesungen neue Diskussionen und Fragen, sagt Jessen. Das Buch arbeitet weiter, in ihr selbst wie auch in ihren Zuhörer*innen. Es gibt Dinge, die zu hinterfragen ein Wagnis darstellt. Das glückliche Leben und die konventionellen Lebensentwürfe gehören dazu.

Julia Jessen

Julia Jessen, Claire Martin

Zoë Beck, selbst Autorin u.a. bei Suhrkamp, aber auch Verlegerin bei Culturbooks, sprach auf der Buchmesse über den von ihr verlegten und übersetzten Erzählband Von der Notwendigkeit den Weltraum zu ordnen. Autorin Pippa Goldschmidt ist promovierte Astronomin und schreibt in ihren Erzählungen immer wieder auch über Themen der Wissenschaft und die Rolle der Frau im Wissenschaftsbetrieb (so auch in ihrem ersten Roman Weiter als der Himmel), lässt berühmte Forscher auftreten und setzt sie in neue Kontexte. Goldschmidt sei, so Culturbooks-Verleger Jan Karsten, auch herausragend darin, kulturelle Differenzen dort aufzuzeigen, wo man sie auf den ersten Blick nicht vermutet, etwa zwischen Engländern und Amerikanern. Goldschmidts Stil ist präzise und erfindungsreich, lässt Dinge, die man zu kennen glaubte, in einem anderen Licht erscheinen, packt unkonventionelle Themen an.

Zoë Beck

Jan Karsten, Zoë Beck

 

Eine Veranstaltung wie Die Buchmacher verlässt man als Büchermensch natürlich immer selig und niemals mit leeren Händen. Dieses Naturgesetz hat am Ende folgende Ergebnisse gezeitigt.

Er lohnt sich wirklich, dieser April in Lübeck. Ich freue mich auf eine Fortsetzung in 2019! Wer nochmal nachlesen möchte, welche Verlage dabei waren, kann das hier tun.

* Dieser Artikel entstand in Kooperation mit der Lübecker Petrikirche.

2 Kommentare

  1. Wunderbarer Artikel, liebe Sophie, insbesondere auch die Hinweise auf Eric Vuillard und die Indifferenz, die wir uns nicht mehr leisten können. Danke für die diese klare Aussage! Ich war auch wieder vollkommen begeistert von der Unmittelbarkeit, die diese kleine Messe für BesucherInnen erzeugt. Wirklich empfehlenswert.

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