Alle Artikel in: Erzählungen

Wolfgang Popp – Die Verschwundenen

Auch wenn wir uns manchmal dessen gar nicht bewusst sind: Jeden Tag verschwinden Menschen aus unserem Fokus, die wir einmal kannten. Manche gut, andere nur flüchtig, in ganz verschiedenen Kontexten. Wenn wir manche davon wiedertreffen, ist Vieles ganz anders geworden, haben sich Leben und Prioritäten plötzlich verschoben. Was früher einmal passte, kann heute Reibung verursachen. Wolfgang Popp erzählt gekonnt von Wiederbegegnung und Verlusten und strickt dabei ein Netz, das über die Grenzen der einzelnen Geschichten hinaus wirkt. Keiner tauscht sich so offen aus, bemerkte ich erstaunt, wie zwei Fremde im Schutz ihrer Fremdheit. Ein Hotelkritiker trifft in Neapel auf einen ehemaligen Lehrer, der damals überraschend und plötzlich gekündigt hatte und aus der Stadt verschwunden war. Ein sterbender Jugendfreund bittet den anderen nach Jahren der Funkstille seine Notizen in Buchform zu gießen und zu veröffentlichen. Nicht Eulen nach Athen, sondern das Foto eines vermeintlich ausgestorbenen Käuzchens wollen zwei alte Freunde aus Griechenland heraustragen, um ein hohes Preisgeld einzustreichen. Ein Mann entscheidet sich mit seinem Liebhaber für eine Expedition zu den südamerikanischen Pequod und wird über die …

Amy Hempel – Was uns treibt

Hochgelobt von Chuck Palahniuk und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, ist Amy Hempel in den USA tatsächlich eine Hausnummer in Sachen Short Story. Sie ist nicht nur Autorin, sondern auch Journalistin und unterrichtet in Florida Kreatives Schreiben. Mit ,Was uns treibt’ ist nun ihr erster Erzählband, ursprünglich 1985 unter dem Titel ,Reasons To Live’ veröffentlicht, auf Deutsch erschienen. Es sind minimalistische und schmucklose Geschichten von ganz eigener Kraft. Das Leben spüren wir am stärksten in emotionalen und physischen Grenzsituationen. Dann zeigt sich oft am deutlichsten, dass wir, womöglich trotz aller gegenteiligen Beteuerungen, daran hängen. In ,Was uns treibt’ sind viele solcher Grenzsituationen vertreten. Eine schwere Krankheit und das Abschiednehmen, der Verlust eines Kindes. Aber auch alltägliche Gefühle von Angst, Einsamkeit und Ziellosigkeit spiegeln sich in den Erzählungen, die kaum verknappter erzählt sein könnten. Zwei Frauen müssen regelmäßig ihre Wohnung verlassen und an einem nahegelegenen Strand leben, weil immer wiederkehrende Erdrutsche immense Schäden an ihrem Haus verursachen. Zwei Freundinnen sitzen sich im Krankenhaus gegenüber, eine von ihnen todkrank und trotzdem in der Lage, in ihrem unabwendbaren Schicksal …

Michael Weins – Sie träumt von Pferden

In Michael Weins’ Geschichten mit Tieren kann schonmal ein Wolf mit Mariacron auf seiner Wohnwagen-Ottomane sitzen und den einstigen Ruhm betrauern. Riesige Teddybären aus blauem Plüsch können einen ganz fest ans Herz drücken oder Katzen neben Kindern eine leerstehende Ruine bewohnen. Ihnen allen eigen aber ist die Einfühlsamkeit und Aufrichtigkeit, mit der sie erzählt sind. Man muss sie dafür lieben. Sanfter Regen fällt wie eine Markise vor den Träumen der Welt. Sehr oft in Michael Weins’ Geschichten geht es um schmerzliche Erfahrungen. Schon in Goldener Reiter drehte sich alles um einen Jungen, der mit der psychotischen Erkrankung seiner Mutter umgehen musste; geschrieben vor einem autobiographischen Hintergrund. Weins arbeitet selbst als Psychologe und kommt so gleichsam ständig in Kontakt mit den leidvollen Erfahrungen anderer. Das Besondere ist die Art, wie er sie in Worte kleidet, wie er Geschichten daraus spinnt, die trotz ihres häufig traurigen Inhalts stärkend und aufbauend sind, wie er aus Individuellem Universelles macht. Eben jenen Zauber kann man nun auch wieder in ,Sie träumt von Pferden‘ entdecken. Hier geht es um einen Jungen, …

Michael Frayn – Streichholzschachteltheater

Michael Frayn hat Humor. Das weiß man spätestens seit ,Willkommen auf Skios‘. Er schreibt auch für die Theaterbühne, wurde 2004 sogar mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Für seine Aufarbeitung bedeutender Ereignisse deutscher Zeitgeschichte. Mit ,Streichholzschachteltheater’ präsentiert Michael Frayn nun dreißig ,zündende’ Unterhaltungen, weniger für die Bühne als für den Kopf, unheimlich komisch und hochintelligent! Man stelle sich nur einmal vor, man säße im Nobelpreiskomitee in Stockholm und müsse den jeweiligen Gewinnern auf ihrem Fachgebiet die freudige Nachricht überbringen. Eigentlich nichts, was in unserer Vorstellung Komplikationen hervorriefe. Nähmen wir aber weiterhin an, jeder dieser zukünftigen Preisträger legte bereits nach den Worten ,Ich wollte Ihnen mitteilen, dass sie gewonnen haben ..‘ pikiert auf, weil er den Anrufer mindestens für unseriös hält. Eine solche Situation enthält überraschend viel Komik, die Michael Frayn in einem seiner Dialoge brilliant herauszuarbeiten versteht. Überhaupt liebt Frayn das Absurde, das alltäglich Banale, das von Zeit zu Zeit an einen Loriot-Sketch erinnert. So werden wir als “Zuschauer” der zündenden Dialoge Zeuge zweier Ehepaare in einem Café, von denen sich eines über in der Vergangenheit besuchte …

Daniela Krien – Muldental

Der Muldentalkreis gehört bereits seit einiger Zeit der Vergangenheit an, bis 2008 lag er im Norden von Sachsen. Benannt nach der Mulde, dem dortigen Fluss. Daniela Krien, deren Romandebüt ,Irgendwann werden wir uns alles erzählen‘ 2011 große Erfolge feierte, erzählt in ,Muldental‘ nun die Geschichten von Menschen, die zurückgelassen wurden. Menschen, die man zynisch oft Wendeverlierer nannte, Kollateralschäden der deutschen Wiedervereinigung. Es sind zehn Geschichten von außerordentlicher Wucht und Klarheit. Wer an den Mauerfall denkt, sieht vor seinem inneren Auge jubelnde Menschen, die sich in den Armen liegen. Erinnert sich an verheißungsvolle Zukunftspläne, das Gefühl der plötzlichen Freiheit, wenn man aus dem Osten kam. Nicht für alle lief der Prozess der Wiedervereinigung schmerzlos ab, manche blieben zurück in dem, was sie seit Jahrzehnten kannten und plötzlich Vergangenheit geworden war. Daniela Kriens Erzählungen legen den Finger direkt in die Wunde, mit nahezu erbarmungsloser Präzision lässt sie Figuren scheitern und sich befreien. So wie Marie, die noch in der DDR der Stasi als Informantin über die Künstlerbesuche ihres Mannes Auskunft gab. Alles sehr vage, findet auch die …

Dorthe Nors – Handkantenschlag

Sie ist, so sagt man, die dänische Queen of Short Stories. Dorthe Nors‘ präzise und messerscharfe Erzählungen beschreiben Menschen mit verstörenden Interessen und Erfahrungen, Menschen, die inmitten der Gesellschaft Außenseiter sind. Es sind Kurzgeschichten, die ihre Schlagkraft erst nach einem Moment des Innehaltens voll entfalten. Da ist ein Mann, der von seinem Lebenswandel vom durchsetzungsfähigen Manager zum friedfertigen Buddhisten solange überzeugt ist, bis er sich mit einem Kanister Benzin und der Telefonnummer seiner Ex in sein Büro einschließt. Die Frau, die an ihrem Körper  unzählige blaue Flecken bemerkt und wie paralysiert die Situation zu begreifen versucht, während ihr Mann reglos im Bett neben ihr liegt. Es geht um Scheidungen, weibliche Serienmörder und die Faszination, die man für das Unbegreifliche hegen kann, um unüberwindbare Familiengräben und eine Wattwanderung voll Unendlichkeit. Sie schauen auf ihre Brandwunden und blauen Flecke, ihre abgeräumten Bankkonten und ihre zerstörten Träume, als ob es eine ewige Quelle des Erstaunens ist, dass das Böse wirklich existiert. In Dorthe Nors Kurzgeschichten existiert das Böse. Und das, was es zurückgelassen hat. Einsame, traurige und verlorene …

Entfremdung im Urwald

Durch den Urwald schlägt man sich am besten querfeldein. Man verlässt ausgetretene Pfade, wehrt sich gegen so manche exotisch-florale Erscheinung, versucht sich zu orientieren, während man selbst innerhalb dieser üppigen Natur immer unbedeutender wird. Etwas Ähnliches geschieht vielleicht auch in Roman Ehrlichs neuem Erzählband. Schlaglichtartig sammelt er in ,Urwaldgäste’ ein Potpourri aus Menschen, die verloren und verlassen sind. Roman Ehrlichs Prosa ist nicht glatt und von jedem erdenklichen Stolperstein bereinigt, über den man als Leser unversehens stolpern und darüber ins Taumeln geraten kann. Das galt für ,Das kalte Jahr‘ und das gilt in noch viel stärkerem Maße für die jüngst erschienenen Erzählungen. Sie sind alles andere als gefällig, man reibt sich an ihnen auf. In ,Urwaldgäste’ werden wir Zeuge von lebensverändernden Maßnahmen mehr oder weniger erfolgreicher Art. Sei es durch eine Band, die nach einem sehr durchschnittlichen Auftritt all die Romantik verfliegen sieht, die mit so einem Banddasein verbunden ist. Oder durch Arne Heym, den “Fleurateur”, Hersteller und Arrangeuer von Kunstblumen, der eine Agentur anheuert, sein Leben aufzumischen. Ein Leben, das ihm eingefroren und starr …

Das Eigene und das Fremde

Was wäre, wenn uns die vergessenen und verblassten Widmungen in alten Büchern mehr erzählen könnten als die Geschichten in ihnen? Einzelgängerin Hanna ist eine unsichtbare Jägerin nach Worten, die von Menschen in Büchern zurückgelassen wurden. Worte an eine längst verflossene Liebe, die Eltern, Kinder, Kollegen. Hanna zieht sich in sie zurück wie in eine Welt, die nur auf sie gewartet hat. Die fiktiven Erzählungen eines Autors sind für Hanna uninteressant geworden. Was die junge Frau, Stammgast im Antiquariat und Meisterin des unbemerkten Stöberns, mittlerweile viel mehr interessiert, sind die handschriftlichen Widmungen, die Menschen in den Büchern hinterlassen haben. Sie analysiert das Geschriebene,malt sich aus, zu welchen Menschen es passen, in welchen Situationen es geschrieben sein könnte. Mal ist es nur ein schlichter Gruß, mal sind es die unsicheren Worte eines Verliebten, der seine Gefühle nur schwer in Worte fassen kann. Hanna zieht sich in die vermeintlichen Geschichten anderer zurück, ihr eigenes Leben beginnt zu stagnieren und nach der Begegnung mit einer mysteriösen Frau sogar wilde Blüten der Fantasie zu treiben. Könnte man sich nicht jedes …

Die Buchweltverwaltungszentrale

Giwi Margwelaschwili, deutsch-georgischer Philosoph und Schriftsteller, spielt in seiner jüngst vom Verbrecher Verlag veröffentlichten Textsammlung ,Das Leseleben’ so geschickt mit Fantasie und Realitäten, dass es als Leser eine wahre Freude ist, ihm dabei zuzusehen. Lautmalerisch, poetisch und originell sind diese kleinen Kunstwerke. Giwi Margwelaschwili ist Ontotextologe. Das heißt, unter anderem, dass er von der menschlichen und historischen Prädetermination durch verschiedene Texte überzeugt ist. Er denkt dabei an die heiligen Bücher der Weltreligionen, an NS-Literatur oder auch Marx und Engels und ihre jeweiligen Deutungen, die historische Abläufe entscheidend geprägt, wenn eben nicht sogar prädeterminiert haben. (mehr dazu hier) Wer dem Text als solchem in seinen verschiedenen Kontexten solche Macht zukommen lässt, der wird in Worten generell noch mehr sehen als bloße Reihungen von Zeichen. In ,Das Leseleben’ wird genau das aufs Eindrücklichste bewiesen, wenn Margwelaschwili den Leser anweist, das Blatt hinfortzupusten, das dem Drachentöter Siegfried die Unverwundbarkeit verwehrt. Als reale Person, im Gegensatz zur Buchweltperson, sei man doch kräftig genug, dieses Schicksal abzuwenden. Als Leser könne man überdies auch das Mitgefühl aufbringen, einem Liebespaar im Gedicht …

Haruki Murakami – Von Männern, die keine Frauen haben

Sie sind etwas spröde Einzelkämpfer, einsame Kosmopoliten, mal empfindsam und mal hart wie Stahl. Sie hören Jazz und hatten Frauen. Meistens solche mit einer mysteriösen, leicht geheimnisumwehten Note. Die meisten Protagonisten in Haruki Murakamis Erzählungen ähneln sich stark. Eintönig oder wohltuend spürbar aus einem Guss? Darüber kann man geteilter Ansicht sein. Eines sind sie aber ganz sicher: Verdammt stimmungsvoll! Ich fragte mich, wie es wohl wäre, der einsamste Mensch auf der Welt zu sein. Wie es war, der zweiteinsamste zu sein, wusste ich ja bereits. Nein, ich werde nichts sagen über den Literaturnobelpreis, der jedes Jahr aufs Neue am Shootingstar der japanischen Literatur vorüberzieht. Eigentlich ist es, gemessen am derzeitigen Stand von Murakamis Berühmtheit und Erfolg, auch gar nicht mehr so notwendig, mit diesem zusätzlichen Ornat zu glänzen. So mancher bekam den Nobelpreis und lehnte ihn ab, andere teilen das Schicksal des immer wieder in seinem Umfeld Erwähntwerdens, ohne, dass daraus jemals ein Gewinn (im Sinne von: Erhalt des Preises) folgte. Murakamis aktueller Erzählband setzt, nach seinem Roman ,Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki‘, wieder …