Kultur, Litsaloon
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#Litsaloon Folge 1: “Bodentiefe Fenster”

J: Ich finde eben, dass sie übertreibt. Und da geraten in mir die “normale” Leserin und die Literaturwissenschaftlerin in Konflikt: Als Leserin geht mir ihre ständige Nörgelei ausgesprochen auf den Keks. Die Literaturwissenschaftlerin entgegnet dann: Es ist nicht wichtig, ob du die Hauptfigur sympathisch findest, das interessiert keinen. Hier geht es um viel mehr: Darum, dass diese Frau an ihren eigenen Wertvorstellungen und Ansprüchen langsam aber sicher kaputtgeht, weil sich ihr Umfeld um sie einen Dreck schert – diese Rundmails zu gemeinschaftlichen Aktivitäten sind ja auch keine Fürsorge der anderen, sondern meiner Meinung nach dieser Wahn, alles unter Kontrolle zu haben. Niemand soll sich ausgeschlossen fühlen, könnte man denken – gemeint ist aber vielleicht eher: ich will nichts verpassen, ich bin neugierig und will nicht, dass ihr hinter meinem Rücken über mich redet. “Davon muss ich aber nicht 250 Seiten haben”, denkt die gestresste Leserin in mir.

Davon muss ich aber nicht 250 Seiten haben, denkt die gestresste Leserin in mir.“

S: Ganz sicher übertreibt sie, das steht völlig außer Frage. Bzw. kämpft sie ganz entschieden gegen Windmühlen, denn diese Art des Lebens wird sie mit noch soviel Ehrlichkeit nicht ändern können. Vielleicht ist das das Schlimmste. Diese Vergeblichkeit. Es wird ohnehin bleiben wie es ist. Georg Kreisler hat mal gesungen: “Ich werd dir sagen, was ich heutzutag’ als freiheitlich empfind’: die Dinge so zu lassen wie sie sind.”

Ist Sandra überhaupt ehrlich?“

J: Die Frage ist: ist Sandra überhaupt ehrlich? Meiner Meinung nach ist sie es nicht, nicht zu ihrer Umgebung und schon gar nicht zu sich selbst. Vielleicht würde sie ja sonst darauf kommen, dass da etwas gehörig schief läuft, dass sie feststeckt und so nicht glücklich werden kann. Denn einen glücklichen Eindruck macht sie auf mich wahrlich nicht, auch wenn der Bewusstseinsstrom da natürlich immer etwas verschärfend wirkt.

S: Man würde eigentlich zuerst annehmen, dass sie radikal ehrlich ist, die ganze Zeit.

J: Aber sie ist nicht ehrlich nach außen, oder? Ich weiß nicht, wie sie glücklich werden würde – vielleicht ohne diesen irgendwie gefühlskalten Mann, sicherlich ohne diese Hausgemeinschaft, die keine wirkliche Gemeinschaft ist. Aber ganz sicher müsste sie nachsichtiger mit sich selbst sein, ihre Ansprüche runterkurbeln, Unperfektheit akzeptieren. Auf die Meinungen von außen pfeifen lernen.

S: Und auch da ist ja dieses Spannungsverhältnis: denn sie beklagt sich fortwährend über Menschen, die perfekt zu sein versuchen, indem sie jede Eventualität einkalkulieren. Auch Authentizität kann ja zum Dogma werden. Sie will so sehr all diese Fassaden wegfegen und ehrlich und aufrichtig sein, dass es selbst schon wieder Fassade wird.

J: Aber wie soll man auch Fassaden zerstören, wenn die anderen die Fassaden nicht als solche erkennen und sie folglich aufrecht erhalten? Sandra weiß ja aus Erfahrung zu welchen grausigen Extremsituationen diese mühsam gehaltenen Fassaden führen können. Aber anstatt dann zu sagen: Ich mach da nicht mehr mit, ihr könnt mir alle mal den Buckel runterrutschen, soll doch jeder nach seiner Facon usw., spielt sie irgendwie doch mit. Und lässt sich so nach und nach aufreiben, bis auch sie am Ende ist.

Letztendlich führt das Buch ja auch vor, dass zuviel Freiheit in ihr Gegenteil umschlägt.“

S: Letztendlich führt das Buch ja auch vor, dass zuviel Freiheit in ihr Gegenteil umschlägt. Die Freiheit über alles zu reden, redet alles tot. Die Freiheit, anders zu wohnen und sein Leben zu gestalten, erweist sich als weit weniger frei als erhofft. Die Freiheit, alles ganz anders zu machen als die Eltern, führt doch nur in dieselben Bahnen. Die Freiheit des Kindes sich ungestört zu entfalten ohne störende Einmischung von erwachsenen Autoritäten führt zu kleinen und großen Tyrannen.

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