Alle Artikel mit dem Schlagwort: verbrecher verlag

David Wagner – Sich verlieben hilft

Wenn man gerade keine Menschen zum Verlieben findet, gibt es reichlich Alternativen. Im jüngst erschienenen Essayband von David Wagner, u.a. Preisträger der Leipziger Buchmesse 2013, werden schlaglichtartig Bücher und Serien besprochen, die einen Blick lohnen. Und obendrein erfahren wir von dem herrlichen Vorgang des Enteselns, den man am besten mit der richtigen Literatur in Gang setzt. Es dürfte nicht vielen passieren, dass sie am Morgen erwachen und denken: “Heute muss ich anfangen, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit zu lesen.” David Wagner ist es passiert. Und er hat den Gedanken nicht zu einer bloßen Absichtserklärung erstarren, sondern umgehend Taten – heißt: einen Gang in die Buchhandlung – folgen lassen. Proust animiert ihn schließlich, nicht nur annehmbar, sondern anwendbar Französisch zu lernen. Wagner “serendipitiert” (Serendipität: zufälliger Fund von etwas nicht Gesuchtem, das sich als neue Entdeckung erweist) durch Blogs, Zeitungen, online und offline, stößt in einem unendlichen Geflecht aus Informationen immer wieder auf neue Lektüre. Er lässt sich treiben, beraten und beschenken. Liest Roberto Bolaño, Nicholson Baker, Teju Cole, Alexandre Dumas, Raija Siekkinen, Emmanuel Carrère. …

Liske & Präkels – Vorsicht Volk!

Nach fünfundzwanzig Jahren deutscher Einheit kann man schonmal zurückblicken und sich fragen: Wohin hat sich Deutschland entwickelt? Welche bemerkenswerten Unterschiede existieren noch immer zwischen Ost und West? Und vor allem: wie sind neue „Volksbewegungen“ einzuordnen, die sich des bekannten Schlachtrufs „Wir sind das Volk“ bedienen, um ihren zu oft diffusen Zukunftsängsten und -sorgen Luft zu machen? Wie ist die Häufung rechtsextremer Gewalttaten in Ostdeutschland zu erklären? Kann und darf man es zu einem ostdeutschen Problem verklären? In vierundzwanzig mehr und weniger umfangreichen Essays gehen verschiedene Autoren u.a. der Frage nach, wie sich Pegida, die Reichsbürger, die AfD und artverwandte Gruppierungen in einen größeren gesellschaftlichen Kontext einordnen lassen. Unlängst zog das statistische Bundesamt mit relevanten Kennzahlen zu Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Bevölkerung Bilanz nach 25 Jahren Einheit. Der Tenor: Vieles hat sich im Vergleich zum Beginn der 90er Jahre verbessert, ein Gleichgewicht zwischen Ost und West aber herrscht noch immer nicht. Die Arbeitslosigkeit ist vielerorts hoch, die Geburtenrate niedrig. In diesen Tagen fühlt sich mancher angesichts brennender Flüchtlingsheime an die rechten Ausschreitungen von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen erinnert. …

#Litsaloon Folge 1: “Bodentiefe Fenster”

Im ersten #Litsaloon streiten Julia von Fräulein Julia und ich über Anke Stellings ,Bodentiefe Fenster’. Julia entdeckt in sich die Spaltung in ein Leser – und ein Literaturwissenschaftler-Ich, die vermutlich auch beide für sich hier diskutieren könnten. Wir lernen: Man kann den Prenzlauer Berg nicht übertreiben und Freiheit in Massen ist maßregelnd. Zum Buch: Sandra, aufgewachsen in der antiautoritäten Atmosphäre der 68er-Kinderläden, ist eine junge Mutter und wohnt in einem genossenschaftlichen Wohnprojekt in Prenzlauer Berg. In einem fortlaufenden Bewusstseinsstrom beginnt sie, sich und ihr Umfeld zu demontieren, Schwächen bloßzulegen und den Wahnsinn in ihrem Umfeld aus besorgten Müttern und Selbstverwirklichung zu benennen. Was folgt, ist nicht die Änderung der Verhältnisse, sondern ein Nervenzusammenbruch. Die Ausgangssituation Julia: “Die Erzählstimme ist mir teilweise so sehr auf die Nerven gegangen, dass ich das Buch tagelang nicht zur Hand nehmen konnte” Sophie: „Die Eindringlichkeit und Vehemenz dieser Gedankenschleifen, dieses immer-tiefer-Bohren und Bloßstellen und Offenlegen, am Ende doch vergeblich, fand ich ungemein beeindruckend.“ Das Gespräch S: Was hat dich denn an der Erzählstimme so sehr genervt? J: Diese Drama Queen …

Anke Stelling – Bodentiefe Fenster

In den Kinderläden der 68er zählte nichts so viel wie das gesprochene Wort. Über alles kann man reden und in jedem steckt etwas Wundervolles, selbst wenn es nicht immer auf den ersten Blick erkennbar ist. Wir alle sind gleich(wertig), emotional ausbalanciert und total offen. Die in diesem Zeitgeist erzogene Sandra lebt heute in einem genossenschaftlichen Wohnprojekt, in dem sich viele dieser Denkansätze erhalten haben. Doch um welchen Preis? Was ist, wenn diese damaligen Ideale plötzlich ihre Nebenwirkungen, ihre Fehlerhaftigkeit offenbaren? In dem genossenschaftlichen Mehrgenerationenprojekt, dessen bodentiefe Fenster in jeder Wohnung eine akribisch geplante Einrichtung erfordern, herrscht, – so heißt es in der Werbung – genau die richtige Mischung zwischen Nähe und Distanz. So viel Nähe wie möglich, so viel Distanz wie nötig. Nicht nur im Wohnprojekt selbst, sondern auch bei Sandra gerät diese Mischung immer öfter aus dem Gleichgewicht. In wöchentlichen Plena wird gesittet in der Runde über alles diskutiert. Ob zu viele Schuhe in den Hausfluren stehen oder künftig jeder ankündigen sollte, wenn er eine für die Gemeinschaft offene Aktivität auf dem Gelände plant. …

Die Buchweltverwaltungszentrale

Giwi Margwelaschwili, deutsch-georgischer Philosoph und Schriftsteller, spielt in seiner jüngst vom Verbrecher Verlag veröffentlichten Textsammlung ,Das Leseleben’ so geschickt mit Fantasie und Realitäten, dass es als Leser eine wahre Freude ist, ihm dabei zuzusehen. Lautmalerisch, poetisch und originell sind diese kleinen Kunstwerke. Giwi Margwelaschwili ist Ontotextologe. Das heißt, unter anderem, dass er von der menschlichen und historischen Prädetermination durch verschiedene Texte überzeugt ist. Er denkt dabei an die heiligen Bücher der Weltreligionen, an NS-Literatur oder auch Marx und Engels und ihre jeweiligen Deutungen, die historische Abläufe entscheidend geprägt, wenn eben nicht sogar prädeterminiert haben. (mehr dazu hier) Wer dem Text als solchem in seinen verschiedenen Kontexten solche Macht zukommen lässt, der wird in Worten generell noch mehr sehen als bloße Reihungen von Zeichen. In ,Das Leseleben’ wird genau das aufs Eindrücklichste bewiesen, wenn Margwelaschwili den Leser anweist, das Blatt hinfortzupusten, das dem Drachentöter Siegfried die Unverwundbarkeit verwehrt. Als reale Person, im Gegensatz zur Buchweltperson, sei man doch kräftig genug, dieses Schicksal abzuwenden. Als Leser könne man überdies auch das Mitgefühl aufbringen, einem Liebespaar im Gedicht …

Bitte übernehmen Sie, Frédéric Valin!

Das Schreiben begann für mich.. …mit außergewöhnlich schlechten Liebesbriefen an dieses wundervolle Mädchen aus der Parallelklasse, ging später mit weinerlichen Tagebucheinträgen weiter, als wir beide uns im Alltag – ich mich mit ihrer und sie sich mit meiner – Wundervollheit auseinandersetzen mussten, und endete mit der ersten bitter-heiteren Geschichte, als sie mir nach einem Jahr sagte, dass sie mich nun nicht mehr wundervoll fände (aber noch ganz nett)