Alle Artikel in: Erzählungen

Matthias Brandt – Raumpatrouille

Wem Matthias Brandt vor allem als Schauspieler und Sohn Willy Brandts ein Begriff ist, der wird womöglich angesichts eines von ihm geschriebenen Buches kurz aufstöhnen: wieder einer, der auch noch ein Buch schreiben muss. In diesem speziellen Fall wäre jedes Stöhnen allerdings gänzlich unbegründet, denn mit Raumpatrouille ist Brandt ein fantastisches und warmherziges Buch gelungen. Es ist kein Roman. Es sind keine Kurzgeschichten. Viel mehr sind es kurze Episoden einer besonderen, von der Kanzlerschaft des Vaters überschatteten Kindheit, denen Matthias Brandt in seinem Debüt nachspürt. Ohne Wachschutz darf er das Anwesen nicht verlassen, den vielbeschäftigten Vater sieht er bloß sporadisch. Willy Brandt hat gar einen separaten Hauseingang, der es ihm erlaubt, unbemerkt wie ein Geist ein- und auszugehen. In der Nachbarschaft wohnt Heinrich Lübke, Bundespräsident a.D., den er desöfteren zum Kakaotrinken besucht. Matthias Brandt wächst im Schatten bundesrepublikanischer Politik und ihrer Akteure auf. Regelmäßig kommen alte Herren zu Besuch, die ihm gedankenverloren den Kopf tätscheln. Als er Briefmarken zu sammeln beginnt, stellt er schnell fest, dass viele der auf ihnen Abgebildeten zum unmittelbaren Umfeld seines …

Saša Stanišić – Fallensteller

Nach dem prämierten Uckermarkmärchen Vor dem Fest sind unlängst neue Erzählungen von Saša Stanišić erschienen. Ihr Ton changiert, mal ist er humorvoll und lakonisch, mal verspielt und romantisch, gelegentlich bodenständig. Ihnen allen gemein ist ein gekonntes Spiel mit Wirklichkeit und Fremdheit, das neben dem titelgebenden Fallensteller in einer Erzählung noch mindestens einen weiteren in gleicher Mission enttarnt: den Autor selbst. Ein Zauberer bei seinem ersten Auftritt im Holz – und Hobelwerk Klingenreiter, der Mikrokosmos um eine Snookerpartie, eine syrische Surrealistin, christliche Menschenrechtsaktivisten, eine seufzende Fabrik auf der Romanija in Bosnien – Stanišićs Erzählungen sind gewandt und in vielen Tonlagen, an vielen verschiedenen Orten angesiedelt. Wie ein gekonnter Kostümwechsel geht das vonstatten, eben war man noch auf dem Rhein und vermisste den Häppchenkäse, jetzt ist man mit Georg Horvarth im falschen Taxi irgendwo in Rio und freut sich, dass man entführt wurde. Oder verwechselt. Oder beides, mit Zustimmung, „weil er als der, der er dann war, nicht mehr dorthin musste, wohin er als der, der er gewesen war, gemusst hätte.“ Die kleinsten Abweichungen können die größten …

Rui Zink – Die Installation der Angst

Es ist eine Binsenweisheit, dass Angst ein außerordentlich wirksames politisches Instrument ist. Ängstliche lassen sich weitaus besser formen und zu „unpopulären Maßnahmen“ überreden, sofern die Rettung vor dem Abgrund verheißen. Rui Zink, in Portugal schon länger ein gefeierter Star, verwandelt diese Weisheit nun in eine bissige Parabel auf unser wachsendes Sicherheitsbedürfnis in einer unsicheren Welt. Stellen wir uns vor, die Angst wäre ein Produkt, an dem so mancher gut verdient. Und stellen wir uns weiterhin vor, man könnte sie in der Wohnung installieren lassen wie einen neuen Internetanschluss oder eine Alarmanlage. Sie zu installieren wäre keine Angelegenheit von ein paar Handgriffen, sondern ein dynamischer Prozess, der niemals an ein Ende gelangte. Angst neigt dazu, in Kopf und Körper zu wuchern und Metastasen zu bilden, auf bisher unberührte Bereiche überzugreifen, ein Bewusstsein zu kontaminieren. Angst expandiert gleichsam wie ein erfolgreiches Unternehmen. Und irgendwann betrifft sie sämtliche Szenarien des Alltags, die wahrscheinlichen und die unwahrscheinlichen. Rui Zink stellt uns eine Frau und Mutter vor, die eines Tages überraschend von zwei Männern besucht wird, die die Angst bei …

Anthony Doerr – Memory Wall

Erinnerung ist nicht linear. Und sich zu erinnern, bedeutet nicht, einen Film chronologisch vor sich ablaufen zu sehen.  Oder ihn jederzeit bei Bedarf abrufen zu können. Erinnern ist eng an Kontexte und Emotionen geknüpft. Lösen die sich auf, verblassen auch Erinnerungen. So ergeht es der 74-jährigen Alma Konachek, die sich ihr vergangenes Leben nur noch mittels spezieller Kassetten ins Gedächtnis rufen kann. Wer wir sind, wird wesentlich von dem beeinflusst, was wir erlebt haben und wie wir uns daran erinnern. Indem wir Erfahrungen sammeln, orientieren wir uns in einer komplexen Umwelt und erleichtern uns Entscheidungen. Wir erlangen Routine und verdanken es unserer Erinnerung, dass wir nicht jeden Tag auf’s Neue überlegen müssen, wie man ein Messer benutzt oder einen Fahrplan liest. Umso beängstigender ist der Zustand, in dem sämtliche Erinnerungen, ob sie nun persönliche Erlebnisse oder die Bewältigung des Alltags betreffen, in Auflösung begriffen sind. Alma Konachek ist dement und besucht mit ihrem langjährigen Pfleger Pheko regelmäßig eine medizinische Einrichtung, die sich gut auf das Konservieren von Erinnerung versteht. Durch eine Operation wurden ihr vier …

Truman Capote – Wo die Welt anfängt

Es war im letzten Jahr eine erfreuliche Überraschung, als sich vernehmen ließ, dass bisher unveröffentlichte Erzählungen Truman Capotes aufgetaucht seien. Ursprünglich waren Anuschka Roshani und Peter Haag bloß auf der Suche nach weiteren Fragmenten von Capotes unvollendetem Opus Magnum ,Erhörte Gebete‚. Stattdessen fand man eben diese Erzählungen, die Truman Capote irgendwann zwischem seinem 14. und 16. Lebensjahr verfasst haben mag. Sie sind voller Wärme und Mitgefühl für die Einsamen und Ausgestoßenen. Das ZEIT-Magazin druckte im letzten Oktober vorab bereits vier Kurzgeschichten als Vorgeschmack auf den nun bei Kein & Aber erschienenen Erzählband ,Wo die Welt anfängt‘. (eine im Magazin vorab bereits gedruckte Geschichte, „Samstagnacht“ fehlt allerdings, sie handelte von der folgenreichen Begegnung eines schwarzen Liebespaars). Viele der Erzählungen sind Erstveröffentlichungen, manche sind bereits in den 40er Jahren in der Highschool Zeitung „The Green Witch“ erschienen. Capote hatte früh den Entschluss gefasst, Schriftsteller zu werden und arbeitete so hart wie diszipliniert an seinem Vorankommen. Mehrmals gewann er Schreibwettbewerbe. Und tatsächlich ist erstaunlich, wie reif seine Erzählungen bereits klingen, wie sehr sie geprägt sind von dem Einfühlungsvermögen …

Ulrike Schäfer – Nachts, weit von hier

In jedem Leben gibt es irgendwann Begebenheiten von solcher Außerordentlichkeit, dass mit ihnen und in ihrer Folge eine neue Zeitrechnung beginnt. Manchmal sind es, von außen betrachtet, vernachlässigenswerte Kleinigkeiten, manchmal einschneidende Schicksalsschläge, nach denen nichts mehr ist wie es einmal war. Ulrike Schäfer spürt in ihren zarten Erzählungen diesen Bruchstellen nach. Eine Frau trifft im Café auf einen skurillen älteren Mann, mit dem sie eine Freundschaft verbinden wird, die sie erst nach dessen Verschwinden ermessen kann. Er ist gewitzt, etwas schräg und trägt stets eine Packung Pralinen bei sich, die er ungeachtet seiner Leibesfülle und Zuckerkrankheit geradezu gierig verzehrt. Eine andere Frau sucht ihren verschollenen Großvater, den ihre Großmutter deutlich mehr geliebt haben soll als ihren aktuellen Gatten. Ein Vater repariert nach dem Tod seiner Frau ein zerstörtes Klassenzimmer – und damit zum ersten Mal wieder ein Stück von sich selbst. Eine ältere Frau scheitert am Verkauf ihres Hauses, bei dem ihr niemand zur Seite stehen kann. Ihre fortschreitende Demenz macht es ihr unmöglich, alle Formalitäten zu organisieren, ihre schleichend aber beständig ausgreifende Verwirrung treibt …

Juri Sternburg – Das Nirvana-Baby

Was ist Widerstand in einer Zeit, in der selbst konsum – und gesellschaftskritische Statements als Sticker bei Nanu-Nana verkauft werden? Es ist vergleichsweise gleichgültig, gegen was man zu protestieren gewillt ist, der Protest gehört zum System und kann ihm kaum ernsthaft gefährlich werden. Engagement erschöpft sich nicht selten in energischen Klicks auf Facebook, dem Unterzeichnen von Online-Petitionen oder einem modifizierten Benutzerbild. Der Protagonist in „Das Nirvana-Baby“ hingegen plant etwas Größeres, – einen Anschlag, nackte Gewalt, Sinnlosigkeit. Wenn er nur erstmal das Bekennerschreiben formulieren könnte. Der kürzlich neu gegründete Korbinian Verlag will mit seinen literarischen Schützlingen anecken, wie er auf seiner Homepage zu Protokoll gibt. Katharina Holzmann, Sascha Ehlert und David Rabolt haben den Verlag gegründet, den sie sich selbst wünschen. Frei nach dem Motto: Wenn noch nicht existiert, was du dir vorstellst, mach es selbst. Sie sind sich bewusst, dass eine Verlagsneugründung im Jahr 2015 nicht unbelastet oder leichtfüßig geschieht, aber mit dieser speziellen Mischung aus Leidenschaft und Wahn haben sie dann doch vorerst die Zweifel unschädlich gemacht. Die erste Veröffentlichung, „Das Nirvana-Baby“ von Juri …