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Annika Reich – Die Nächte auf ihrer Seite

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Wäre einem der Auftrag erteilt worden, diesem Roman von Annika Reich ein Motto voranzustellen, müsste es lauten: ,Alles ist unzulänglich‘. Die Liebe, die Familie, Gesellschaften, das Leben im Allgemeinen und Besonderen. So sehr wir uns bemühen, unseren Platz zu finden, unsere Rollen auszufüllen, irgendetwas wird immer diesen leisen Misston erzeugen, den man nicht überhören kann.

Ada und Farid leben getrennt. Was sie noch verbindet, ist ihre Tochter Fanny, die abwechselnd mal bei dem einen und mal bei dem anderen zu Besuch ist. Was als eine leidenschaftliche und stürmische Liebe begonnen hat, ist merklich abgekühlt, immer öfter geraten die beiden über Kleinigkeiten in Streit. Adas Wohnung liegt direkt gegenüber eines Yogazentrums und der Praxis eines Paartherapeuten. Durch den Innenhof laufen täglich Paare, die hoffen, etwas Verlorengeglaubtes mit fremder Hilfe zu retten, Zerbrochenes wieder zu kitten. In ihrem Wohnzimmer hat Ada eine Kamera platziert, die das stetige Kommen und Gehen aufzeichnet. Skurril, alltäglich, haltlos, verzweifelt – die Bandbreite menschlicher Begegnungen und Beziehungen im Innenhof ist enorm. Diese ,Reigen‘, wie Annika Reich sie nennt, ziehen sich wie ein roter Faden durch den Roman, bilden gewissermaßen seinen Überbau.

Sie haben sich nur einen einzigen Blick zugeworfen, aber dieser eine hat genügt, um eine solche Gehässigkeit auszudrücken, wie sie nur Menschen in petto haben, die alle Hoffnungen in der Pfanne des anderen verbraten haben.

Darüber hinaus wird in Rückblenden die Geschichte von Farids Schwester Sira erzählt, die zum Zeitpunkt der Tahrir-Proteste in Ägypten war. Sie erlebt die angespannte Stimmung, die unter der Oberfläche schwelende Gewaltbereitschaft beider Seiten, die großen Hoffnungen und schließlich deren Enttäuschung. Sie läuft bei den Demonstrationen mit, kämpft um den Rücktritt Mubaraks und entdeckt unerwartet ihre Leidenschaft für die Sache, ihre Identität als Ägypterin. Sie kehrt schließlich verändert nach Deutschland zurück, ohne, dass jemand ihr entlocken könnte, was genau in Kairo passiert ist. Auch in der Gegenwart geht es um eine Revolution, genauer: um den Fall der Berliner Mauer. Ada, Regina, die aus der DDR stammt, Olaf und Sira arbeiten gemeinsam an einem Filmprojekt, das unter anderem die westdeutsche Perspektive der Wiedervereinigung abbilden soll. Die gefilmten Gespräche sollen später auf einer Großleinwand im Theater laufen, während Schauspieler die Dialoge nachsprechen.

Nur Ada hatte sich in Sicherheit gewähnt, ihr ganzes Leben lang, weil es Schule, Bücher und Filme gegeben hatte. Das hatte es alles gegeben, aber nie einen Gedanken, dass sie Teil einer Geschichte war, die nicht nur ihre verkorkste Familie bebilderte. Immer nur: Vater, Mutter, Kind. Sie hatte das Weltgeschehen schlicht nicht mit sich in Verbindung gebracht.

Im Zuge der Dreharbeiten wird diese passive Beobachterposition Adas stückweise aufgeweicht, sie beginnt zu begreifen, dass sie keine unbeteiligte Außenstehende ist. Auch wenn sich ihr Leben bedeutend häufiger danach anfühlt als nach dieser Selbstbestimmung, von der immer alle reden. Annika Reichs Roman verflechtet verschiedene Zeiten, Erzählstränge und Positionen miteinander, sodass sich ein unheimlich vielschichtiger Blick auf die Akteure ergibt. Mal steht Ada selbst im Mittelpunkt, dann ist es Sira in Ägypten, die kleine Fanny in mehreren Tagebucheinträgen und selbstverständlich die alles umschließenden und durchziehenden Reigen. Was sich zunächst wie der waghalsige Versuch liest, an allen Ecken und Enden des Romans gleichermaßen präsent zu sein und die Fragmente logisch miteinander zu verbinden, ergibt zuletzt ein homogenes Stimmungsbild. Eben eines der Unzulänglichkeit, eines von nur mühsam erfüllten Erwartungen und ausgefüllten Rollen, von Selbstzweifeln. Partnerschaften scheitern, Familien scheitern, Eltern scheitern und Revolutionen. Das kann aber mitnichten ein Grund sein, sich von allem loszusagen und nichts mehr zu riskieren. Leben heißt kämpfen und manchmal gewinnen. ,Die Nächte auf ihrer Seite‚ ist ein einfühlsam geschriebenes, aber kein leicht zu durchdringendes Buch. Es ist schnell gelesen, die Gedanken aber regt es noch weit über die Lektüre hinaus an. Dafür verdient es, gelesen zu werden.

Also trennten sie sich und gingen aus der Nacht heraus in ihre Tage.

Annika Reich: Die Nächte auf ihrer Seite, Hanser Verlag, 224 Seiten, 9783446247666 , 18,90 €

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