Alle Artikel mit dem Schlagwort: deutscher buchpreis

Hans Platzgumer – Am Rand

Es heißt, von oben habe man einen besseren Überblick. Bloß folgerichtig also, dass der Protagonist in Hans Platzgumers Roman den Gipfel des Bocksbergs erklimmt, um von dort auf sein Leben zu blicken. Es war geprägt von Verlust und endet mit der Erkenntnis, dass ein lächerlich schmaler Grat zwischen Leben und Tod verläuft. Die Grenzen sind fließend, manchmal fast unsichtbar – das suggeriert schon die Typographie des Titels. Gerold Ebner wächst in einer sogenannten Südtirolersiedlung auf. Errichtet in den 1940ern boten diese architektonisch einheitlichen Wohnanlagen denen Obdach, die sich entschlossen hatten, vor dem italienischen Faschismus unter Mussolini ins Deutsche Reich auszuwandern. Seine Mutter arbeitet als Prostituierte, bevor sie sich nach seiner Geburt für die Demut und Aufopferung entscheidet. Sie pflegt die Alten und Kranken, ihrem Sohn gegenüber bringt sie nicht viel Fürsorge auf. Schon früh wird Gerold mit dem Tod und der Möglichkeit seines plötzlichen Eintretens konfrontiert. Zuerst mit dem Tod des alten Nachbarn Gufler, der nach rund einem Jahr fast mummifiziert vor laufendem Fernseher gefunden und fortan hinter vorgehaltener Hand nur “Tuntenchgufler” genannt wird. Mit …

Ein neugieriges Gemurmel: Buchhändlerstimmen zum Deutschen Buchpreis

Innenansicht von cohen + dobernigg, Hamburg Nicht mehr ganz zwei Wochen und die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2016 wird bekanntgegeben. Ich habe das zum Anlass genommen, bei Buchhändlern nachzuhaken: wie stehen sie zum Buchpreis? Was assoziieren sie damit? Haben sie Tipps für die Longlist? Das Stimmungsbild ist überwiegend positiv, wenn auch nicht unkritisch. Auch im elften Jahr seines Bestehens wird der Buchpreis nicht frenetisch gefeiert. Die einen schimpfen ihn Marketingpreis ohne literarische Aussagekraft, die anderen empfinden die jährliche Auswahl als zu publikumsfern, zu verkopft. Die Wahrheit liegt womöglich irgendwo dazwischen. Angelika Abels, Angelikas Büchergarten (Ruppichteroth) Was assoziieren Sie ganz spontan mit dem Deutschen Buchpreis? Bücher die ausgezeichnet werden, weil sie etwas “Besonderes” sind. Für mich sind das Bücher die aus der “Norm” fallen, sei es sprachlich oder thematisch. Inwieweit spielt er in Ihrer Buchhandlung und bei Ihren Kunden eine Rolle? Da ich erst letztes Jahr im September eröffnet habe, kann ich dazu noch nicht viel sagen. Ich habe jedoch vor, die Bücher der Longlist in meiner Buchhandlung zu präsentieren. Sehen Sie eine Veränderung über …

Longlist des Deutschen Buchpreises 2015

© Rainer Rüffer; Die Jury von links nach rechts: U. Sárkány, C. Kramatschek, M. Hinterhäuser, U. Kloke, R. Keussen, B. Schulte, C. Schmidt Die Jury des Deutschen Buchpreises 2015 hat entschieden und wieder einmal zwanzig Romane herausgepickt, die die besten des Jahres sein könnten. Fraglos keine leichte Aufgabe, unter 167 Titeln 20 auszuwählen, die diese Ehrung vermeintlich verdienen und die die literarische Öffentlichkeit in den nächsten zwei Monaten mit Spekulationen, Kritik und Analysen beschäftigt halten können. Nichtsdestotrotz, alea acta est, hier sind sie nun, mit einem jeweils kurzen Kommentar: Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe Gerade erst erschienen und schon der Sprung auf die Longlist. Ein lohnens – und lesenswerter Roman über die alte Baba Dunja, die nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl aller Warnungen zum Trotz in ihr ehemaliges Heimatdorf zurückkehrt. Eine Rezension findet ihr hier, außerdem habe ich kürzlich ein kleines Interview mit der Autorin veröffentlicht. Ralph Dutli – Die Liebenden von Mantua Bereits 2013 stand Ralph Dutli mit ,Soutines letzte Fahrt‘ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. In seinem neuen Roman geht es …

Franz Friedrich – Die Meisen von Uusima singen nicht mehr

In seinem verschachtelten Debütroman erzählt Franz Friedrich von den so plötzlich und unerklärlich schweigenden Lapplandmeisen der finnischen Landschaft Uusima, von einer amerikanischen Studentin, einer verschwundenen Dokumentarfilmerin und einem Flugzeugabsturz. Alles zwar in sich logisch und miteinander verwoben, doch man hätte aus diesem Roman mühelos mehrere einzelne machen können. Man munkelte, die Meisen hätten ihren Gesang auf den Weg zu den Sternen verloren. Wer zu hoch hinaus will, muss Verluste in Kauf nehmen. Tatsächlich sind sich aber die Wissenschaftler in höchstem Maße uneins darüber, weshalb der kleine Vogel im Federkleid des Alters plötzlich so still geworden ist. Weil man eine vom Menschen verursachte Umweltkatastrophe vermutet, wird der Landstrich evakuiert. Menschen müssen ihre Heimat verlassen, bleiben im Unklaren darüber, ob und wann sie zurückkehren können. Einzig die Forscher und Dokumentarfilmerin Susanne Sendler dürfen sich in Uusima aufhalten, Messungen durchführen und die kleinen Vögel beobachten, denen es mit ihrem plötzlichen Schweigen, letztlich mit ihrer Untätigkeit gelungen ist, viele Menschen auf einmal zu vertreiben. Susanne Sendler, die kurz darauf verschwindet, nennt ihren Dokumentarfilm: Die Meisen von Uusima singen nicht …

Die Longlist des Deutschen Buchpreises

Es ist wieder soweit, das Rennen um den Deutschen Buchpreis 2014 beginnt. Gerade wurde die Longlist veröffentlicht und die Arena zur lebhaften Diskussion freigegeben. Viel Kritik musste der Deutsche Buchpreis seit seiner Einführung 2005 schon einstecken, besonders Buchhändler bemängeln immer wieder, dass so manch ein Buch zwar literarisch wertvoll sein mag, in ihren Läden jedoch kaum über den Ladentisch geht. Zu artifiziell, zu sehr geschrieben für ein ausgewählt intellektuelles Publikum. Letztes Jahr gewann Terézia Mora mit ,Das Ungeheuer‘ den Preis und setzte sich damit gegen literarische Größen wie Urs Widmer, Daniel Kehlmann und Clemens Meyer durch. Die diesjährige Jury des Deutschen Buchpreises – hat sich für folgende Kandidaten entschieden: ·        Lukas Bärfuss: Koala (Wallstein, März 2014) ·        Ulrike Draesner: Sieben Sprünge vom Rand der Welt (Luchterhand, März 2014,) ·        Antonio Fian: Das Polykrates-Syndrom (Droschl, Februar 2014) ·        Franz Friedrich: Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr (S. Fischer, August 2014) ·        Thomas Hettche: Pfaueninsel (Kiepenheuer & Witsch, September 2014)  ·        Esther Kinsky: Am Fluß (Matthes & Seitz Berlin, August 2014) ·        Angelika Klüssendorf: April (Kiepenheuer …

Ein (Blog)Jahr 2013 endet

Allerorten wird man dieser Tage erschlagen mit Jahresrückblicken und possierlichen Infografiken, die in möglichst komprimierter Form das letzte Jahr widergeben sollen. Auf dass wir uns alles nochmal wohlmeinend ins Gedächtnis rufen, um es dann, überwiegend, guten Gewissens von der Festplatte zu löschen. Nächstes Jahr geht schließlich alles von vorn los. Auch ich möchte auf mein 2013 zurückschauen, denn es hatte so einige literarische und persönliche Überraschungen parat, die nicht unerwähnt dem Vergessen anheimfallen dürfen. Mein Lesejahr begonnen habe ich mit Ingvar Ambjørnsens ,Den Oridongo hinauf‘. Es war ein Weihnachtsgeschenk und eine sehr lohnenswerte Lektüre. Sprachlich außerordentlich intensiv nahm das Jahr seinen Anfang auf einer abgelegenen norwegischen Insel. Kurz darauf folgten zwei absolute Ausnahmen in meiner bisherigen Blogtätigkeit. Habe ich doch den hochgelobten und vorallendingen äußerst rentablen Roman von Jojo Moyes gelesen, ,Ein ganzes halbes Jahr‘. Und mich bewusst entschieden, es nicht zu rezensieren. Zwar habe ich einen Text geschrieben, irgend etwas hat mich dann aber doch davor zurückschrecken lassen, es zu veröffentlichen. Hier ein kurzer Auszug: Man mag es kaum glauben, da lese ich doch …

[5 lesen 20] Judith Kuckart – Wünsche

Judith Kuckart ist eine deutsche Autorin, Regisseurin und Choreographin. Sie studierte Literatur – und Theaterwissenschaften in Köln und Berlin, arbeitete als Assistentin am Choreographischen Theater in Heidelberg und gründete das Tanztheater Skoronel. Seit Anfang der Neunzigerjahre veröffentlicht sie auch Romane und Erzählungen. Für ihre Werke wurde Kuckart mehrfach ausgezeichnet, so u.a. 2012 mit dem Anette-von-Droste-Hülshoff-Preis. Wünsche erscheint im DuMont Verlag und steht neben neunzehn anderen Romanen auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2013. Wir alle erinnern uns noch an den Werbespot eines bekannten Optikers, in dem zwei Männer mittleren Alters völlig entspannt und im Einklang mit sich selbst in einem kleinen Boot sitzen und die Natur betrachten. ,Wenn du dein Leben noch einmal leben könntest, würdest du alles nochmal genauso machen?’ ist die ketzerische Frage, die letztlich ganz nonchalant zum Werbeslogan leitet. Der Gefragte antwortet überraschend mit ,Nein‘, was uns, die wir doch im Alter die Weisheit zu erlangen trachten, alles, was geschehen sei, sei schon gut so gewesen, ein bisschen stört. Vielleicht beneiden wir aber auch den Mut, mit der bisher “weggelebten” Lebenszeit so …