Alle Artikel mit dem Schlagwort: amerika

Tanguy Viel – Das Verschwinden des Jim Sullivan

Ein Franzose kann einfach keinen amerikanischen Roman schreiben. Einen, in dem es um gescheiterte Existenzen und die großen Fragen des Lebens vor lässigem und irgendwie kosmopolitischem Hintergrund geht. Oder doch? Tanguy Viel beweist in seinem neuen Roman beachtliches Fingerspitzengefühl für ein literarisches Genre, das sich seinen Platz tapfer erkämpft hat. Und er nimmt es dabei nicht immer ganz ernst. Dwayne Kosters Leben meint es im Augenblick nicht gut mit ihm. Der Universitätsprofessor für Literatur (Fachbereich: Moby Dick) hat eine Affäre mit einer seiner Studentinnen, während sich seine Frau mit einem seiner Kollegen vergnügt. Er trinkt zu viel und fährt ein klappriges altes Auto, in dem er über das Leben und den Punkt sinniert, an dem sich das Blatt für Dwayne Koster gewendet hat. Eine Geschichte, wie sie viele von uns kennen und lieben, der große amerikanische Roman zusammengedampft auf knapp 120 Seiten. In der Romeo Street, schrieb ich in meinem Roman, gab es nur ein einziges Ding, das nicht an seinem Platz war, das einzige Ding, das Dwayne zufolge nie an seinem Platz sein würde,nämlich …

Kathrin Aehnlich – Wenn die Wale an Land gehen

Kathrin Aehnlich ist eine deutsche Autorin. Sie studierte 1985-1988 am deutschen Literaturinstitut Leipzig, nachdem sie drei Jahre in einem Baubetrieb gearbeitet hatte. Nach dem Fall der Mauer schrieb sie als freie Journalistin für eine unabhängige Wochenzeitung, seit 1992 ist sie beim MDR beschäftigt. Ihr letzter Roman ,Alle sterben, auch die Löffelstöre‘ gilt heute als beliebte Schullektüre. ,Wenn die Wale an Land gehen‘ erschien kürzlich im Kunstmann Verlag. Bücher über die DDR gibt es viele. Sie reichen von der Schilderung eher amüsanter Alltagsanekdoten mit MuFuTi (Multifunktionstisch) bishin zu authentischen und schwerverdaulichen Berichten über das Leben im Überwachungsstaat. Kathrin Aehnlich gelingt in ihrem Roman die Verqickung beider Betrachtungsweisen, was ihn diesen Herbst ohne Frage zu einem der ganz Großen macht. Nicht zuletzt weiß Kathrin Aehnlich ganz genau, wovon sie redet, wenn wir Roswitha, die Protagonistin ihres Buches, kennenlernen. Ich befinde mich auf einer Scheidungsreise? Was war eigentlich das Gegenteil von Honeymoon? “The dark side of the moon?” Roswitha ist auf dem Weg nach Amerika, frisch geschieden von ihrem Mann Wladimir. (nur mit Mühe und vielen Diskussionen konnte …

Dina Nayeri – Ein Teelöffel Land und Meer

Dina Nayeri ist eine iranische Schriftstellerin. Während der Islamischen Revolution im Iran geboren, emigriert sie als Zehnjährige mit ihrer Familie in die USA. Sie studierte in Harvard und arbeitete zeitweise in der Modebranche, als Unternehmensberaterin und Investmentbankerin, bis sie für sich entschied, Romane zu schreiben. Heute arbeitet Nayeri bereits an ihrem zweiten Roman und leitet Schreibkurse des Iowa Writers’ Workshop. Ein Teelöffel Land und Meer erscheint im mare Verlag, in der Übersetzung von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Zwillinge sollen manchmal eine fast überirdische Verbindung zueinander haben. So stark und innig, dass die eine spürt, was der anderen widerfährt, selbst wenn viele Kilometer die beiden trennen. Alles, woran sich Saba Hafezi noch verschwommen erinnert, bevor ihre Zwillingsschwester Mahtab und ihre Mutter spurlos verschwanden – in ein Flugzeug stiegen nach Amerika? – ist eine Frau mit dunkelblauem Manteau, ist ihre Schwester an der Hand eines Fremden, ist ein grünes Kopftuch. Doch ihre Erinnerungen sind trügerisch, irgendwas muss falsch an ihnen sein. Warum haben ihre Mutter und ihre Schwester sich niemals gemeldet, wenn sie das Flugzeug nach …

Die Sache mit Onkel Tom

Heute vor 117 Jahren starb die amerikanische Schriftstellerin Harriet Beecher-Stowe. Trotzdem Beecher-Stowe nahezu zwanzig Romane und gelegentlich religiöse Lyrik verfasste, ist und bleibt Onkel Toms Hütte doch ihr bekanntestes Werk. Vermutlich, weil es zu damaliger Zeit geradezu skandalös, aus heutiger Sicht aber erschreckend lau in seinen vertretenen Ansicht ist. Harriet Beecher-Stowe wurde als siebtes von dreizehn Kindern eines presbyterianischen Theologen in Litchfield, Connecticut geboten. Sie trat früh als Lehrerin in die von ihrer Schwester gegründete Mädchenschule ein und mit 21 Jahren, nun allerdings in Cincinnati, dem Semi-Colon-Club bei, sowas wie einem Verein für junge und talentierte Autoren. Beecher-Stowe schrieb nicht nur in der Annehmlichkeit ihres Schreibtisches über Sklaverei, mit ihrem Mann, der ebenfalls erklärter Gegner der Sklaverei war, besuchte sie Pflanzungen im Süden und Sklavenmärkte in New Orleans. Aus ihren gesammelten Eindrücken entstand Onkel Toms Hütte, vermutlich das Werk über die Sklaverei in den Südstaaten Amerikas. Wenigstens das, was man heute meistens parat hat, wenn man sich mit diesem Thema auseinandersetzt. Beecher-Stowes Roman über den guten Onkel Tom, der all das Elend, das ihm widerfährt, …

Sloan Wilson – Der Mann im grauen Flanell

Sloan Wilson (1920-2003) war ein amerikanischer Autor. Mit nur achtzehn Jahren segelte er einen Schoner von Boston nach Havanna. Er studierte in Harvard und diente im Zweiten Weltkrieg. Er arbeitete als Reporter, unter anderem für Time-Life und den New Yorker. Insgesamt veröffentlichte Wilson fünfzehn Bücher. Der Mann im grauen Flanell wurde erstmals 1955 publiziert, 1956 u.a. mit Gregory Peck verfilmt und war viele Jahre danach nicht lieferbar. Nun legt der Dumont Verlag diesen amerikanischen Klassiker der Fünfziger Jahre in neuer Übersetzung (Eike Schönfeld) und mit einem Nachwort von Jonathan Franzen vor. Der Mann im grauen Flanell ist in den USA zu einem geflügelten Wort, zu einem Symbol für den Konformismus der Fünfziger Jahre geworden. Wann immer es jemanden zu charakterisieren gilt, der selbstvergessen gesellschaftlichen Konventionen folgt, vor dem Chef katzbuckelt und sein Leben rundum Ansehen und Prestige gruppiert, egal um welchen Preis, kommt die Rede auf grauen Flanell. Bei uns fände sich dazu vermutlich eine Entsprechung in bügelfaltigen Hosen, einem akkurat gepflegten Vorgarten. Nach den Entbehrungen des Krieges geht es jetzt um den gesellschaftlichen Aufstieg. Nicht …

Amy Waldman – Der amerikanische Architekt

Amy Waldman ist eine amerikanische Autorin und Journalistin. Sie arbeitete lange bei der New York Times, leitete dort das Südasien-Büro und war Korrespondentin für The Atlantic. Der amerikanische Architekt ist ihr Romandebüt, erschien im Verlag Schöffling & Co und wurde von Brigitte Walitzek ins Deutsche übersetzt. Amy Waldman arbeitet bereits an ihrem zweiten Roman. Ich habe selten einen so dichten, psychologisch raffinierten und durchdachten Roman gelesen. Man merkt Amy Waldman an, dass sie aus dem Journalismus kommt, ihre Charaktere sind realistisch, die Geschichte perspektivenreich. Wie ein Potpourri aus Eindrücken und Meinungen erscheint der Roman, verwebt  zu einer beeindruckenden Studie Amerikas und seiner Bewohner nach dem 11.September 2001. Ausgangssituation der Geschichte ist die Planung einer Gedenkstätte, die zu Ehren der Opfer des 11.Septembers gebaut werden soll. Man hat die Öffentlichkeit dazu aufgerufen, sich mit ihren Entwürfen anonym an der Ausschreibung zu beteiligen. Die New Yorker spüren, dass der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist. Aber es gab auch patriotische Erwägungen. Je länger das Gelände ungenutzt blieb, desto mehr wurde es zum Symbol der Niederlage, der Kapitulation, etwas, …

Tennessee Williams – Die Katze auf dem heißen Blechdach

Tennessee Williams (1911-1983, eigentlich Thomas Lanier Williams III) war ein amerikanischer Schriftsteller. Den Spitznamen Tennesse verdankte er einigen Collegefreunden, da er den Akzent sprach, der rund um den Bundesstaat Tennessee üblich war. Mit Die Glasmenagerie landete Williams seinen ersten Bühnenerfolg. Jeweils 1948 und 1955 erhielt er jeweils für seine Stücke Endstation Sehnsucht und Die Katze auf dem heißen Blechdach den Pulitzerpreis. Die Katze auf dem heißen Blechdach wird den meisten wahrscheinlich durch den Film mit Elizabeth Taylor und Paul Newman bekannt sein, aber auch hier gibt es wieder eine Literaturvorlage, die sich anzusehen lohnt.  Der alte Big Daddy Pollitt, ein Südstaatenfarmer, wie er im Buche steht, lädt zu einer Geburtstagsfeier. Er ist schwer und unheilbar an Krebs erkrankt und wird in naher Zukunft sterben, allerdings weiß er das nicht und auch einige Familienmitglieder bekommen zunächst das Märchen von Darmkrämpfen aufgetischt, die qua einer Untersuchung Big Daddys einziges Leiden darstellen sollen. Big Daddys Sohn Gooper und dessen Frau Mae wissen allerdings um seinen schlechten Zustand und versuchen auf wenig subtile Weise, das Erbe an sich zu …

Craig Thompson – Blankets

 Craig Thompson ist ein amerikanischer Comiczeichner. Thompson wurde 2005 auf der Frankfurter Buchmesse für Blankets mit dem Preis für das Comic des Jahres ausgezeichnet. Er lebt und arbeitet in Michigan. Blankets war mehr so ein Zufallsgriff aus einem Bibliotheksregal und ich kann einleitend sagen, dass es sich als absolut lohnenswert herausgestellt hat. Der gleichnamige Protagonist wächst in einer Kleinstadt in Wisconsin auf. Seine Eltern sind streng religiös und als unsicherer und schüchterner Junge findet er nirgendwo Anschluss. Selbst im christlichen Feriencamp verlacht man ihn wegen seines Haarschnitts und seiner Kleidung. Teenagergemäße Gesprächsthemen wie Sex, Klamotten und Partys interessieren ihn wenig und so bleibt er Außenseiter, selbst in einer Welt, die ihm qua ihrer Glaubenslehre offen begegnen sollte. Im Feriencamp lernt er in der Außenseiterecke ein Mädchen namens Raina kennen und freundet sich mit ihr an. Die beiden unternehmen Spaziergänge im Schnee, führen lange Gespräche und erkennen nicht nur, wieviel sie gemeinsam haben, sondern auch, wieviel Halt sie sich geben können. Aus einer zunächst sehr vorsichtigen Annäherung wird eine Liebesgeschichte, die Craigs Leben verändert und den …

Joey Goebel – Heartland

Joey Goebel ist ein US-amrikanischer Autor, der mit Vincent und Freaks bereits zwei sehr besondere und beeindruckende Romane geschrieben hat. 1980 geboren spielte er, bevor er 2003 seinen ersten Roman veröffentlichte, in der Punkband The Mullets als Frontmann und Gitarrist. Goebel studierte Anglistik. Viele bezeichnen Heartland als Goebels bisher schlechtesten Roman. Diesem Urteil kann und will ich mich nicht anschließen. Es ist ein sehr amerikanischer Roman, der neben der Geschichte der Familie Mapother auch viele Themen berührt, die in der politischen Landschaft Amerikas von großer Bedeutung sind. Goebel gelingt eine Verflechtung aus dem skurillen Witz Irvings und der politischen Treffsicherheit, die man sonst von Dokumentarfilmern wie Michael Moore kennt. Aber mehr zur Geschichte. Blue Gene (eigentlich Eugene) Mapother ist ein gelangweilter und müder Mittzwanziger, der sich von seiner Familie losgesagt hat und nun, wie es immer sein Traum war, einen Flohmarktstand besitzt, auf dem er altes Spielzeug aus den Achtzigern verkauft. Blue Gene ist Wrestlingfan und sieht aus wie der typische Unterschicht-White-Trash Typ aus dem Trailerpark. Schnauzbart, tätowiert, ärmellose Shirts und Baseballcap, niemand würde ihm …