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Reso Tscheischwili – Die Himmelblauen Berge

Ein Autor will in einem Verlagshaus sein Manuskript unterbringen. Was wie ein ganz alltäglicher Vorgang anmutet, wird bald zu einer absurden Posse über Bürokratie und Unbeweglichkeit. Reso Tscheischwilis Satire Die Himmelblauen Berge ist ein georgischer Klassiker, der nun erstmalig auf Deutsch erschienen ist.

Eigentlich will Sosso bloß seinen Roman Die Himmelblauen Berge oder Tian Shan veröffentlichen lassen. Er bittet dafür um die Begutachtung seines Manuskripts und gerät in die gleichgültig mahlenden Getriebe eines Ortes, an dem nichts ist wie es scheint. Vor dem “pseudoklassischen Gerbäude aus den Dreißigerjahren” wird Motoball gespielt (auf knatternden Motorrädern sitzend spielt man sich den Ball hin und her), “hitzegeplagte” Autofahrer schauen mit “kühler Gleichgültigkeit” zu. Im Inneren des Gebäudes bröckelt der Putz von den Wänden. Sosso betritt, scheinbar nach längerer Abwesenheit, das Verlagshaus – in dem wenig von verlegerischem oder intellektuellem Esprit zu spüren ist – und bringt sein Manuskript unter die Leute. Mit Fortschreiten des Buches wird es gänzlich in seine Einzelteile zerlegt werden, einer liest den Anfang, der nächste zwei Drittel vom Schluss, ein anderer die Mitte, von der er ohne den Rahmen nichts versteht. Ein Urteil über den Text kann sich niemand erlauben, was jedoch mitnichten ein Hinderungsgrund für große Reden ist.

Wie man in mich hineinruft, so schallt es heraus. Nicht, weil ich alles glaube, oder weil ich keine eigene Meinung habe, sondern weil es das Leben so mit sich gebracht hat. Wenn man mir sagt, es ist so, dann ist es so, wenn man mir sagt, es ist anders, dann ist es anders, so ist es nun mal, Onkel Wasso…

Reso Tscheischwili ist ein Meister des (w)irren, absurden Dialogs, der das Konzept von gelungener Kommunikation mit feiner Feder zu entlarven versteht. In Die Himmelblauen Berge finden selten zwei Menschen im Gespräch zusammen, es regiert der Unsinn, das Vorbeireden aneinander, das unebwegliche Verharren in den eigenen Rollen und Gewohnheiten. Während Sosso den Marsch durch die Abteilungen antritt, im Kampf für sein Manuskript, hat sich auch ein “schmächtiger Bürger” im Gebäude eingefunden, von dem niemand genau weiß, wer er ist und was er will. Er bittet um ein Gespräch mit dem Direktor, der sich konsequent verleugnen lässt. Als sich herausstellt, dass der schmächtige Mann mit Aktenkoffer Vulkanologe ist, wird er umstandslos als Fachfremder in den Betrieb eingemeindet, auch wenn er dafür nicht qualifiziert ist. Ob qualifiziert oder nicht, spielt für alle Beteiligten ohnehin eine geringe Rolle. Der ganze Roman strotzt nur so vor Untätigkeit, halbseidenen Absichtserklärungen, sich wiederholenden Fragen nach Prämien und einem Kollegen, der eigentlich schon seit Wochen im Urlaub ist oder auch nicht, jedenfalls hat er das vor. Niemand tut irgendetwas, aber das ziellose Unbeschäftigtsein verleiht dem Chaos Struktur. Wenigstens sieht es so als als täte sich etwas. Und sei es nur, dass die verstreuten Fragmente des Manuskripts wieder zusammengeführt werden müssen.

“Ich bin faktisch im Urlaub!”, verzieht Irodion das Gesicht.
“Das macht nichts, so geht es uns allen…”, antwortet Otar achtlos.

Die Himmelblauen Berge kann man lesen, man kann dabei lachen und gleichzeitig verzweifeln. Ein Dialog erstreckt sich über eine Seite, auf der ein Handwerker gebeten wird, das Bild einer grönländischen Schneelandschaft zu entfernen. Immer wieder sagt er, es sei egal, er würde es entfernen, wann immer Wasso Tschorgolaschwili es wünsche. Nur um bei jeder Antwort des Angestellten zu erwidern, dass er zum vorgeschlagenen Termin leider nicht da sein könne. “Wann Sie wollen.” Wasso Tschorgolaschwili prahlt damit, “bis zum Krieg” Panzerfahrer gewesen zu sein. Man stellt außerdem einen “Rückstand im Defizit” der Firma fest, ein Fahrstuhl bleibt stecken, es dröhnt und bebt im Untergrund, sodass sich ein Riss immer weiter über die Wand des baufälligen Gemäuers ausbreitet. Niemand tut etwas dagegen. Überlastung attestiert man sich trotzdem. Man hat Tscheischwilis Satire natürlich immer wieder als Satire auf das unbewegliche System des Kommunismus sowjetischer Provenienz gelesen. Im Original 1980 erschienen, zeigten sich bereits zum damaligen Zeitpunkt deutlich die Risse im Mauerwerk der sozialistischen Utopie. 1984 verfilmte man Tscheischwilis Roman. Zwei Jahre später lief er auch unter dem Titel Das Blaue vom Himmel in Kinos der DDR. Die Himmelblauen Berge ist eine lesens- und lohnenswerte Entdeckung, für alle, aber besonders für die mit einer Vorliebe fürs Absurd-Komische und Widersinnige.

Reso Tscheischwili: Die Himmelblauen Berge. Aus dem Georgischen von Julia Dengg und Ekaterine Teti. Edition Monhardt. 160 Seiten. 22 €.

Eine weitere Rezension gibt es im Blog schiefgelesen.net.

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