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Jürgen Bauer – Ein guter Mensch

Der südafrikanischen Metropole Kapstadt geht nach einer anhaltenden Dürre das Wasser aus. Sollte der Regen weiterhin ausbleiben, so der Spiegel, könnte die Stadt schon in diesem Jahr das Wasser abdrehen und rationieren. Eine Zukunft, in der extreme Klimabedingungen ebenso wie profitorientierte Unternehmen den Zugang zu Wasser erschweren und gigantische Fluchtbewegungen auslösen, ist keine, die man sich erst mühsam aus den Fingern saugen müsste. Wasser als Ressource ist ebenso wenig unendlich und selbstverständlich wie jede andere. Aber sie ist überlebenswichtig. Jürgen Bauers Roman Ein guter Mensch spielt zu einer Zeit, in der die prophezeiten Klimakatastrophen schließlich  Realität geworden sind.

Seit Jahren hat es nicht geregnet. Manchmal wirbelt Asche durch die vor Hitze flirrende Luft und kündet von einem Brand, ausgelöst vielleicht durch eine unbedacht ins Unterholz geworfene Zigarette oder einen fanatischen Gegner der Regierungspolitik. Ein winziger Funke genügt, um einen Feuersturm zu entfachen, im knochentrockenen Gelände der Region ebenso wie in der aufgeriebenen, verzweifelten Bevölkerung. Wasser gibt es nur noch auf Zuteilung. Die Mengen sind kaum ausreichend. In gigantischen Flüchtlingscamps werden Menschen versorgt, die sich ein besseres Leben erhofft haben. Sie sind nicht vor Krieg geflohen, sondern vor klimatischen Bedingungen, die kein Leben mehr erlauben. Wo es kein Wasser gibt, gibt es kein Leben. Einheimische sammeln sich an Wasserausgabestellen, Kranke werden in riesigen Zeltkomplexen behandelt, die längst nicht mehr dem nötigen Standard für Gesundheitsversorgung entsprechen können. Marko und Berger fahren gemeinsam im Auftrag der Zentrale Wassertanks durch die Region und versorgen die Menschen mit weniger als dem Nötigsten. In Bauers Roman ist es nicht nur das Wasser, das fehlt, es sind auch zunehmend die gesellschaftlichen Strukturen, die ins Wanken geraten. Es existieren kaum mehr ein normales und geregeltes Alltagsleben oder eine Infrastruktur. Läden haben längst geschlossen und über viele Kilometer sehen die beiden in ihren Trucks nichts als Ödnis und verzweifelte “Durstige”, die auf der Suche nach Wasser durch die Gegend streifen.

Jürgen Bauer fächert so hellsichtig wie einnehmend nicht nur die unmittelbaren Folgen der Wasserknappheit auf, sondern extrapoliert auch die Verwerfungen auf einer größeren Ebene. Der Wassermangel hat auch zu der Gründung einer Gruppierung geführt, die öffentlichkeitswirksam die Verschwendung von Wasser propagiert. Durch den großen Anteil jugendlicher Mitglieder kann die sogenannte Dritte Welle sich auch größere Wasserrationen sichern, die dann für flashmobartige Happenings genutzt werden. Die Gruppe symbolisiert das sprichwörtliche Balancieren am Abgrund. Als eine Art hedonistische Spaßguerilla führen sie denen, die an das mühselige Instandhalten des Status Quo glauben, die Katastrophe und ihre Unabwendbarkeit vor Augen. Vielleicht muss erst alles zerstört werden, bis etwas Neues entstehen kann. Vielleicht müssen wir erst tanzend in der Zerstörung aufgehen. In Marko, der selbst fest davon überzeugt ist, mit dem, was er tut, richtig zu handeln und ein guter Mensch zu sein, lösen die Aktivisten glühende Wut und Aggression aus. Die Bewegung wird es schließlich sein, die ihn und seinen Freund Berger spaltet, sie an den unterschiedlichen Polen des Spektrums positioniert. Wie kann man überleben in einer Welt, in der jeder mühsam ums Überleben kämpft? In einer Welt, in der es keine Hoffnung mehr gibt? Weder politisch noh ideell. Wie leben in einer Welt, es der alles zerfallen ist? Bauers Vision ist auch der Endpunkt einer Lebensart, die vieles, von dem ihre Existenz abhängt, so lange als selbstverständlich betrachtet, bis es verloren ist und erschüttert.

Wasser und klimatische Bedingungen, unter denen ein Überleben denkbar und wünschenswert ist, sind dafür nur zwei Beispiele. Stabile politische und gesellschaftliche Strukturen, die ein Gemeinwesen ermöglichen, weitere. Man kann Bauers Roman natürlich dystopisch nennen, insofern als er eine Zukunft entwirft, die mit negativ noch sehr wohlwollend umschrieben ist. Ähnlich aber wie auch Marc-Uwe Kling in QualityLand muss Bauer dafür nicht in eine weit entfernte Zukunft flüchten und viel Phantasie aufbringen, es genügt, davon auszugehen, was passiert, wenn  sich jetzt nichts verändert. Das schildert Jürgen Bauer ohne jeden moralischen Impetus, ohne erhobenen Zeigefinger. Dafür mit einer feinen Beobachtungsgabe für die Entwicklungen der Jetztzeit und deren mögliche Folgen für uns alle. Auch über Kapstadt heißt es, dass die Ursachen der Katastrophe weit mehr mit den Auswirkungen des Klimawandels zu tun haben als mit dem unverantwortlichen Verbrauch von Wasser seitens der Bevölkerung. Kapstadt liege in einer Provinz, in der sich das Wetter in den vergangenen Jahren dramatisch verändert habe. Es wird Zeit, dass sich auch die Literatur mit den umwälzenden Konsequenzen des Klimawandels beschäftigt. Jürgen Bauer jedenfalls hat das getan; mitreißend und beängstigend zugleich.

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Jürgen Bauer: Ein guter Mensch. Septime Verlag. 224 Seiten. 22,00 €.

4 Kommentare

  1. Liebe Sophie,
    wie schön, endlich wieder eine Buchbesprechung von dir zu lesen! Die auch noch gleich wieder einen unwiderstehlichen Sog auf das Buch entfaltet. Einen guten Start ins neue Jahr wünscht Claudia.

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  3. Hallo Sophie,

    schön, dass du über dieses Buch schreibst. Es hat mich über Weihnachten ähnlich gefesselt wie dich und ich konnte es kaum aus der Hand legen. Ein Horrorszenario, welches nicht mehr fern scheint. Also eine Dystopie ist das schon nicht mehr.
    Ich sammele noch meine Gedanken dazu und bringe meine Gedanken dazu in den nächsten Tagen heraus.

    Liebe Grüße
    Marc

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