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Immer diese Literaturblogger.

© Sascha Kohlmann, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Eines der beliebtesten Themen dieser Tage scheint (wieder) die Frage zu sein, was Literaturblogs für wen und warum aus welcher Motivation heraus leisten können. Sie gelten jetzt weniger als feindlich gesinnte Invasoren des Feuilletons – mittlerweile weiß man ja, dass auch professionelle Literaturkritiker hin und wieder die Vorzüge eines eigenen Blogs zu schätzen wissen und zu nutzen verstehen. Sie sind viel eher – sieht man von den professionell Behintergrundeten ab – eine noch zu entdeckende Spezies Mensch im Literaturbetrieb. Sie stecken voller Leidenschaft und Glaubwürdigkeit, die sie ohne Gegenleistung ganz altruistisch im Netz ausstellen. Sie erlauben sich einen persönlichen und emotionalen Zugang zu Literatur, sie sind offen und bisweilen ansteckend begeisterungsfähig. Inwiefern sie tatsächlich verkaufsfördernd wirken, kann bisher nicht gemessen werden. Man nimmt es an und behandelt sie dementsprechend. Sie sind gern gesehene Multiplikatoren, einige wenige vielleicht sogar diese vielbeschworenen „Influencer“, deren Meinung tatsächlich Gewicht hat.

Inwiefern sie tatsächlich verkaufsfördernd wirken, kann bisher nicht gemessen werden.

Der NDR hat kürzlich mit einem Beitrag im Kulturjournal die Debatte „Facebook oder Feuilleton“ eröffnet, die sich u.a. um die Frage dreht, woher der handelsübliche Leser seine Buchtipps holt, sofern er der Meinung ist, dass er überhaupt welche braucht und nicht allein entscheiden kann. Die meisten beantworteten diese Frage ganz klassisch: Feuilleton, Radio, Fernsehen, Buchhandel. Nun darf man natürlich mit Recht auf die schiefe Formulierung „Facebook oder Feuilleton“ hinweisen, die dem wenig internetaffinen Leser einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Facebook und Blogs suggeriert. Insgesamt ist aber doch erkennbar, dass Literaturblogs für die Orientierung des normalen Lesers weitgehend unbedeutend sind. Man schätzt doch in einer gewissen Gruppe nach wie vor nicht etwa das demokratische Prinzip eines vielstimmigen Literaturdiskurses, der eindeutig auch die einschließt, die über keinen profunden wissenschaftlichen Background verfügen, sondern die Autorität des namhaften Kritikers mit Charakter und Profil. Aber auch ein Literaturblog kann sich klar profilieren und positionieren und damit Nischen besetzen: So wie Petra Wiemann, eine Literaturbloggerin, die sich ausschließlich des Sachbuchs annimmt, das in den meisten Blogs unterrepräsentiert ist.

Warum nicht ,the best of both worlds’?

Die Berichterstattung über Literaturblogs schwankt sehr oft irgendwo zwischen bloßem Infotainment („Seht her, das ist ein Blogger und er schreibt online über Bücher“), Kulturpessimismus („Die Demokratisierung verflacht den Diskurs und verwässert die Urteile“), dem Versuch, einem relativ heterogenen Phänomen Allgemeingültigkeit abzuringen und einem duldsam-motivierendem Lächeln („Sie sind halt einfach leidenschaftlich!“). So interessant es auch ist, grundsätzliche Debatten über die Grenzen und Möglichkeiten von Literaturblogs zu führen, – als deutlich sinnvoller empfinde ich einen aktiven Austausch und das praktische Erproben. Sieglinde Geisel, die mit einigen anderen Journalisten das Literaturmagazin ,Tell‘ plant, möchte Blogger explizit einbinden und einen fruchtbaren Austausch, eben eine Zusammenarbeit ermöglichen. The best of both worlds. Nicht mehr übereinander reden, sondern miteinander arbeiten und voneinander lernen. Das scheint mir ein bedenkens – und lohnenswerter Ansatz, der das Phänomen nicht mehr nur aus der Ferne zu beschreiben versucht. Es ist mittlerweile müßig festzustellen, dass es „den Literaturblog“ nicht gibt, dass sich Qualität, Motivation, Hintergrund und Ausrichtung gelegentlich sehr unterscheiden. Alles alte Hüte. Wenngleich sich innerhalb der Bloggerszene hinsichtlich der Inszenierung des Lesens auch eine gewisse Uniformität beobachten lässt (Stichwort: Heißgetränk, Buch, Instagramfilter).

Nicht mehr übereinander reden, sondern miteinander arbeiten und voneinander lernen.

In einer Diskussion auf der Frankfurter Buchmesse sagte Autor Juan S. Guse, er sei insofern enttäuscht von den Literaturblogs, die er sich angesehen habe als sie in der Auswahl der besprochenen Titel überwiegend wenig vom Feuilleton abwichen. Dabei könnten Blogs doch alte Schätze heben, vergessenen oder vernachlässigten Juwelen wieder oder erstmals eine Plattform bieten. Da rühmen sich Blogger schon ihrer Unabhängigkeit und redaktionellen Freiheit, aber nutzen sie nicht! An dieser Beobachtung ist sicher Bedenkenswertes, wenn man sich vor Augen hält, wie häufig es Überschneidungen nicht nur zwischen den einzelnen Blogs selbst, sondern auch zwischen Blogs und dem klassischen Feuilleton gibt. Ein Blog allerdings ist angewiesen auf eine hohe Sichtbarkeit, eine nennenswerte Reichweite, wenn er auf ein Publikum Wert legt und sich einen Ruf erarbeiten möchte. Die Literaturbranche ist hektisch, Neuerscheinungen sind rasend schnell omnipräsent und verglühen dann irgendwo in der Bedeutungslosigkeit, weil die nächste Sau das Dorf betreten hat. Wer sich vergessenen und vernachlässigten Juwelen widmet, braucht schon einen langen Atem, um in einer Branche wahrgenommen zu werden, die von aktuellen Debatten lebt. Insofern sind die Blogs vielleicht scheinbar unabhängiger, kaprizieren sich aber dann doch häufig auf aktuelle Titel, weil sie (vermeintlich) von größerem Interesse sind. Ich habe selbst bereits festgestellt, dass Besprechungen zu älteren Büchern in der Regel wenig Klicks und Aufmerksamkeit generieren. Nun könnte man natürlich sagen: „Was interessieren mich denn Klicks und Likes“ – tut man in der Regel aber aus nachvollziehbaren Gründen nicht.

Für die Zukunft wäre es wünschenswert, weniger grundsätzlich über Onlinekritik und deren zahlreiche Gesichter zu debattieren. Weniger Schubladen zu eröffnen, in die die Protagonisten sich zu fügen haben. Weniger Vorurteile zu pflegen und Handlungsmaximen auszugeben, die klar definieren, wie ein Blogger lesen sollte und vor allem was. Blogs weniger diesem Nützlichkeitsdogma zu unterwerfen, das vornehmlich die Frage stellt, wem sie irgendetwas bringen und warum. Lasst sie ihre Nischen besetzen, lasst sie ihr Publikum finden, seid ihnen gegenüber neugierig, aber nicht voreingenommen. Kritisch, aber nicht elitär. Lasst es ein aufrichtiges Miteinander und kein Gegeneinander werden, in dem einer dem anderen die Schaufel klaut. Kein Jahrmarkt der Eitelkeiten, keine Murmeltierdiskussion, die sich endlos perpetuiert. Es wird am Ende keine allgemeingültige und zufriedenstellende Antwort darauf geben, was sie wem bringen und warum. Das entscheidet jeder Besucher für jeden Blog jedes Mal aufs Neue: entweder, indem er ihn wieder besucht oder indem er ihn aufgibt.

Zusammenstellung aktueller Berichterstattungen und Diskussionen über Literaturblogs und Onlinekritik:

“Der Feuilletonist, das unbekannte Wesen.”, FAZ Blog

“Blogger dir einen – der Online-Kritiker-Check”, SWR2

Zwischen Feuilleton und Haul“, Diskussionsrunde auf der Frankfurter Buchmesse mit Felix Wegener, Wibke Ladwig, Stefan Mesch, Nora Gomringer und Jan Drees

Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“, Literaturhaus München, Kathrin Passig, Karla Paul, Marie Schmidt und Katja Engelhardt über Literaturkritik

Literaturblogs oder klassisches Feuilleton?”, NDR Kulturjounal

Facebook oder Feuilleton? Wer entscheidet, was wir lesen?”, NDR Redezeit, Radiobeitrag mit Karla Paul, Sieglinde Geisel und Martin Lüdke

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