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Robert Seethaler – Ein ganzes Leben

Aufgewachsen in der dörflichen Abgeschiedenheit um die Jahrhundertwende,ohne Zuwendung und mit den Gertenschlägen des Ziehvaters – Andreas Eggers Leben nimmt keinen guten Anfang. Robert Seethalers neuer Roman erzählt vom einfachen Leben, von Fortschritt und Veränderung. Von einem Einzelgänger, der die schützenden Grenzen seines Bergdorfes niemals hinter sich lässt.

Andreas Egger ist noch jung, vier oder fünf Jahre vielleicht, als seine Mutter an Schwindsucht stirbt. Es ist der Anfang des 20.Jahrhunderts und während in den Großstädten langsam hektische Geschäftigkeit das Beschauliche ablöst, scheint in dem Bergdorf, in das Andreas nun gebracht wird, die Zeit stillzustehen. Er findet Obdach beim Großbauern Kranzstocker, der ihn jedoch nicht aus Mildtätigkeit, sondern des Geldes wegen aufnimmt, das Andreas in einem ledernen Beutel um den Hals trägt. Er ist eine willkommene Arbeitskraft und dem Jähzorn des mürrischen Alten von Anfang an ausgeliefert. Der mit Wasser geschmeidig gehaltenen Haselnussgerte begegnet er öfter als einem liebevollen Wort.

Der Mann erschafft Leben durch die Kraft seiner Lenden, und er nimmt Leben durch die Kraft seiner Arme. Der Mann ist das Fleisch und er ist der Boden und er ist ein Bauer und heißt Hubert Kranzstocker. Wenn es ihm gefällt, gräbt er seinen Acker um,packt sich eine aufgewachsene Sau auf die Schultern, setzt ein Kind in die Welt oder hängt ein anderes über die Ochsenstange, denn er ist der Mann, das Wort und die Tat. „Herrgottverzeih“, sagte Kranzstocker und ließ die Gerte sausen. „Herrgottverzeih“.

Einmal schlägt der Bauer mit solcher Wucht, dass Andreas‘ Oberschenkelknochen bricht. Notdürftig geschient vom Klammerer, dem Dorfarzt, verbringt er Wochen liegend. Fortan wird er hinken, seine Knochen sind schief zusammengewachsen. Als Andreas alt genug ist, sich gegen Kranzstockers Prügel zur Wehr zu setzen, verlässt er den Hof und heuert bei Bittermann & Söhne an. Die aufstrebende Firma im dörflichen Idyll zeichnet sich für den Bau zahlreicher Seilbahnen verantwortlich, die um diese Zeit plötzlich groß in Mode kommen. Schneisen werden durch den Wald geschlagen, den Bergen wird mit Stahl und Hammer zu Leibe gerückt wie einer steinernen Skulptur. Und Andreas Egger weiß, wie man arbeitet. Trotz seines Hinkens ist er kräftig und geschickt. Andere haben weniger Glück, Arbeitsunfälle sind an der Tagesordnung, Arbeitsschutz ein Fremdwort.

„Es ist eine Sauerei mit dem Sterben“, sagte er. „Man wird einfach weniger mit der Zeit. Bei dem einen geht es schnell, beim Nächsten kann es dauern. Von der Geburt an verlierst du eines nach dem anderen: zuerst einen Zeh, dann einen Arm, zuerst einen Zahn, dann das Gebiss, zuerst eine Erinnerung, dann das ganze Gedächtnis und so weiter und so fort, bis irgendwann nichts mehr übrig bleibt. Dann hauen sie den letzten Rest von dir in ein Loch und schaufeln es zu und fertig.“

Andreas Egger ist ein genügsamer und stiller Mann. Einer, der lieber zuhört statt selbst zu reden. Einer, der selbst in den Fünzigerjahren noch immer etwas hilflos vor dem Fernseher der dörflichen Kneipe sitzt, weil der damit nichts anzufangen weiß. Einer, der sich nur einmal im Leben verliebt und diese Frau bei einem Lawinenunglück verliert. Robert Seethaler zeichnet den Weg eines einfachen Mannes. Eines Mannes, wie es viele in den Bergdörfern um die Jahrhundertwende gegeben hat. Der Natur verbunden, etwas eigenbrötlerisch, Einzelgänger mit einem Herz, das manchmal im Verborgenen schlägt. Nur einmal verlässt er sein Dorf – als Krieg ist.

Robert Seethalers Roman, der auf nur hundertfünzig Seiten tatsächlich ein ganzes Leben erzählen kann, strömt wie ein leise plätschernder Bergfluss voran, ruhig, gleichförmig und klar. Es ist, als flössen die Worte mit einer Selbstverständlichkeit auf’s Papier wie manch ein anderer atmet. Seethaler weiß, wie man schreibt, wie man berührt, mit den einfachen Dingen, mit dem gewöhnlichen Leben. Die Ursprünglichkeit der Natur und des Dorflebens bilden einen starken Kontrast zum immer stetiger Einzug haltenden Fortschritt, das Dorf und die Welt verändern sich, Eggers selbst muss irgendwann kapitulieren. ,Ein ganzes Leben‚ ist ein stiller, ein ruhiger Roman, so wie sein Protagonist selbst. Sehr lesenswert!

Der Tod gehörte zum Leben wie der Schimmel zum Brot. Der Tod war das Fieber. Er war der Hunger. Er war eine Ritze in der Barackenwand, durch die der Winterwind pfiff.

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben, Hanser Verlag, 160 Seiten, 9783446246454, 17,90 €

8 Kommentare

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  2. Super Buch. Und nach dem riesigen Efolg seines „Trafikanten“ ein ganz anderes. Sehr sehr lohnenswert. Tolle besprechung.

  3. Oje, Herr Seethaler ist irgendwie an mir vorbeigegangen, obwohl mir der Trafikant immer wieder begegnet ist – ich habe ihn einfach ignoriert. Langsam beginne ich zu ahnen, dass mir da etwas Großes entgeht. Sind beide Romanen in deinen Augen gleich stark? Mit welchem sollte man anfangen?

  4. Deine Besprechung macht Lust aufs Lesen – und erinnrt mich an den immer noch ungelesenen „Trafikanten“. Aber nun mache ich mich erst einmal auf in den nächsten Buchladen…
    Viele Grüße, Claudia

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  7. Die Rezension trifft den Nagel auf den Kopf. Das Buch geht einem wirklich unter die Haut. Ich habe es zufällig gelesen, als ich selbst bei einem Wandertrip in einem Bergdorf war (dünn genug zum Mitnehmen ist es ja). Abends, mit Blick aus dem Fenster, hat es für viele Gänsehaut-Momente gesorgt. Am Ende war ich angesichts der Intesität sprachlos. Das passiert mir bei so schmalen Büchern eher selten.

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