Alle Artikel mit dem Schlagwort: berlin verlag

Über Apollokalypse: Ein Streitgespräch

“Apollokalypse” ist ein polarisierender Longlistkandidat. Entweder, man bricht angesichts seiner verwinkelten und überdrehten Machart in Lobeshymnen aus oder man lehnt seine Maniriertheit und zahllosen Anspielungen auf Literatur, Kultur und Historie ab. Mit dem begeisterten Buchpreisbloggerkollegen Gérard Otremba habe ich über das sprachgewordene Enfant terrible gesprochen. Er ist voll des Lobes, ich bin von den überkandidelten Spirenzchen des Romans ermüdet. Sophie: Was würdest du als größte Qualität des Romans bezeichnen? Gérard: Die intellektuelle Herausforderung, die “Apollokalypse” zweifellos darstellt. S: Ja, ich gebe dir insofern Recht, dass der Text seinen Lesern durch den Anspielungsreichtum eine Menge abverlangt. Ihn zu dechiffrieren, ist schon eine Herausforderung. Ab irgendeinem Punkt aber waren mir all diese Anspielungen und Verweise zu anstrengend, zu gewollt, zu konstruiert. Als wollte jemand unbedingt all sein Wissen in einen einzigen Roman pressen und alles auf wahnwitzige Weise miteinander verbinden. Falkner hat sehr lange an diesem Roman gearbeitet, ein paar Jahrzehnte, – so liest er sich. Als hätte er zu viel Zeit zum Reifen gehabt und wäre dadurch ungenießbar geworden. G: Deine Ausführungen sind vollkommen richtig, bis …

Bitte übernehmen Sie, Katharina Hartwell!

© Tobias Bohm Das Schreiben begann für mich.. als ich Buchstaben gerade so in die annähernd richtige Reihenfolge bringen konnte. Ein Buch muss.. erst mal gar nichts. Sollte aber viel können. Wenn ich keine Bücher schreiben würde, könnte ich.. – hier fällt mir überhaupt nichts ein. Das sagt ja auch was aus. Ein Kindheitstraum von mir war.. ein mindestens dreiteiliges Fantasy-Epos zu schreiben, mit Landkarten. Und Glossar. Wenn ich nicht schlafen kann,.. höre ich Podcasts, wahrscheinlich „This American Life“. Völlig unterschätzt wird.. Pathos. Wenn ich Musik höre,.. kann ich mich besser aufs Arbeiten konzentrieren. Ich erfülle folgendes charmantes Autorenklischee: Manchmal trage ich ausgeleierte Cardigans und eine Brille wie alle Schriftsteller in allen Filmen. Eine meiner seltsamsten Angewohnheiten ist es.. zu Filmsoundtracks zu schreiben. Literatur kann.. mich gut aus dem Alltag hebeln. Katharina Hartwell, 1984 geboren, studierte Anglistik und Amerikanistik sowie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Sie war u.a. Gewinnerin des MDR-Literaturpreises und Stipendiatin des Landes Hessen und des Freistaates Sachsen. 2013 war sie die Sylter Inselschreiberin. Ihr erster Roman »Das Fremde Meer« wurde begeistert aufgenommen …

Katharina Hartwell – Der Dieb in der Nacht

Als Paul in Prag bei einem seiner Fotoaufträge auf einen jungen Mann trifft, verändert sich schlagartig sein bisheriges Leben. Dieser Mann, der sich Ira Blixen nennt, erinnert ihn in seinen Bewegungen und Gesten frappierend an Felix, seinen Schulfreund, der vor vielen Jahren an einem Sommertag spurlos verschwand. Je länger er diesen Ira Blixen betrachtet, desto sicherer ist er sich, dass es sich dabei um Felix handelt. Und in dieser Überzeugung öffnet er ihm sein Leben. Ein spannendes Spiel mit Identität und Realität beginnt. Als vor knapp zwei Jahren Katharina Hartwells Debütroman ,Das Fremde Meer’ erschien, löste er vielerorts, insbesondere online, große Begeisterung aus. Ihre packende Sprache und das nahezu mühelose Spiel mit Perspektiven hat den Roman getragen und aus der Masse herausgehoben. Auch in ,Der Dieb der Nacht’ geht es um ein Spiel, allerdings weniger mit Perspektiven als mit Realitäten. Als Louises Bruder Felix kurz nach dem Abitur spurlos verschwindet, ist nichts mehr wie es war. Nicht nur mit dem Verschwinden muss die Familie fortan leben, sondern auch mit der quälenden Ungewissheit. Was genau geschehen …

Inger-Maria Mahlke – Wie ihr wollt

In Inger-Maria Mahlkes neuem Roman geht es königlich zu. Im Mittelpunkt royaler Verstrickungen steht Mary Grey, kleinwüchsige Großnichte Heinrichs VIII und Schwester der ,Neuntagekönigin’ Jane Grey. Weil sie unerlaubt geheiratet hat, wird sie unter Hausarrest gestellt, wo sie 1571 versucht, ihrer scheinbar ausweglosen Situation wenigstens eine Retrospektive für die Nachwelt abzuringen. Anfang 2013 schrieb Inger-Maria Mahlke noch über die Trostlosigkeit eines Mietshauses und seine Bewohner (“Rechnung offen“), knapp zwei Jahre später über die Trostlosigkeit von Königshäusern und deren strengen, atemraubenden Reglementierungen moralischer Art. Mary Grey steht zum Zeitpunkt ihrer Aufzeichnungen unter Hausarrest, nachdem sie heimlich den Pförtner Thomas Keyes geheiratet hat. Bereits ihre Schwester Catherine Grey war wegen einer heimlichen Heirat in Ungnade gefallen, sie war also gewarnt. Zwar hätte Mary Grey, die als hässlich und verkrüppelt galt, mutmaßlich niemals als Thronerbin in Frage gekommen, Eheschließungen mussten aber dennoch mit Königin Elisabeth abgesprochen sein. Sie wird also aufgrund ihres royalen Ungehorsams bei Thomas Gresham, einem königlichen Diplomaten im Ruhestand, auf dem Landsitz Bishopsgate, einquartiert. Den Landsitz darf sie nicht verlassen, oft genug verlässt sie nicht …

James Salter – Jäger

1956 erschien ,Jäger’ zum ersten Mal und ist seit Oktober 2014 auch in deutscher Sprache zu haben. Basierend auf seinem Einsatz im Koreakrieg schrieb James Salter einen Roman voller Rivalität, Kampfgeist und Aufopferung für die Truppe von Kampffliegern, die einem feindlichen Phantom und dem eigenen Heldentum hinterherjagen. 1958 verfilmt kennt man die Geschichte unter den Titeln ,Kampfflieger‘ oder ,Kampfgeschwader Kobra’. James Salter flog mehr als hundert Einsätze als Kampfpilot in Korea. Basierend auf diesen Erfahrungen schrieb er seinen ersten Roman, bevor er seinen Dienst quittierte und sich gänzlich dem Schreiben zuwandte. Cleve Connell ist im Roman ein erfahrener und dekorierter Flieger als er in Korea eintrifft. Er wird als Schwarmführer eingesetzt und befehligt eine kleine Gruppe von Männern, mit denen er regelmäßig auf die Jagd geht. Die Jagd nach feindlichen MiGs, deren Abschuss den Fliegern große Anerkennung und Bewunderung einbringt. Fünf MiGs abgeschossen zu haben, bedeutet ein Ass zu sein, ein Fliegerass, ein Bewunderter unter vielen, die dasselbe wollen. Und während einige sich wagemutig zum Helden aufschwingen, gelingt Cleve Connell einfach kein Abschuss. Es war …

Kerstin Preiwuß – Restwärme

Eine junge Frau kämpft mit ihren eigenen und den Dämonen ihrer Familie, deren Ursprünge tief in deutscher Geschichte verwurzelt sind. Was in der Lesung von Kerstin Preiwuß beim diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis vielmehr wie eine Einführung in die Nerzzucht vor dem fast schmerzlich hervortretenden Hintergrund des Holocaust anmutete, präsentiert sich im Ganzen als eine Familiengeschichte wie es viele gibt. Überschattet von Erinnerungen, die selbst Jahrzehnte später das Handeln beeinflussen. Wenn man über den Titel ,Restwärme’ nachdenkt, beschleicht einen das Gefühl, dass es nur ein kleiner Rest Wärme sein kann, der in dieser Familie zurückgeblieben ist. Genug, um das Weiterleben zu ermöglichen, gerade so. Kein Quäntchen zuviel Herzlichkeit. Protagonistin Marianne fährt aus Berlin in die mecklenburgische Provinz, um ihre Familie zu besuchen. Anlass ist der Tod des Vaters, der die Familie über Jahre hinweg mit seinem Jähzorn, seinem Alkoholkosum und seiner Eifersucht terrorisierte. Bei Nachbarn und Dorfbewohnern ein geschätzter und anerkannter Mann, für seine Angehörigen ein Löwe, der in der Höhle nun endlich Luft zum Atmen lässt. Im Wechsel zwischen Rückblenden und Gegenwart gewährt Kerstin Preiwuß Einblick in …

Leif Randt – Schimmernder Dunst über Coby County

Eine Stadt, in der die Glückseligkeit auf der Straße liegt, eine Stadt, deren Erfolgsverwöhntheit man genauso wenig hinterfragt wie seine eigene. Leif Randt führt ein in das Pleasantville der Literatur, an dem keine Zweifel gestattet sind. Wim Endersson ist Literaturagent in Coby County. Einem Ort, an dem die Menschen ausgelassen feiern, wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet, an dessen Strand sie sich sonnen, in dessen angrenzendem Meer sie sich abkühlen. Es ist, so sind die Bewohner überzeugt, die beste aller möglichen Welten.

Herbstausblicke – Junge Literatur

Wer hat noch keinen Blick geworfen in die neuen Herbstprogramme der Verlage? Wer hat sich schon ein bisschen inspirieren lassen für die kalte Jahreszeit, während er mit Shorts und Ventilator auf der Couch der Hitze davonfloss? Ich werde in den nächsten Wochen in loser Folge Tipps und Empfehlungen loslassen und ein paar Bücher ausgraben, auf die man sich freuen kann. Diesmal –

Das Frühjahr kommt immer früher.

Eigentlich sind wir ja erst mit einem Bein den Herbstprogrammen der Verlage entstiegen. Längst haben wir nicht alles gelesen, was wir uns vorgenommen haben, da trudeln schon wieder die nächsten Kataloge ein. Unermüdlich und in völliger Nichtachtung der Sachlage werden uns bereits neue Bücher präsentiert, die in Bälde erscheinen – und gelesen werden wollen. Ich habe die Weihnachtstage genutzt und Verlagsvorschauen gewälzt, um euch – gewissermaßen als Ausklang des Jahres – vorfreudig in das neue Jahr zu entlassen. Die DVA legt im nächsten Jahr gleich mehrere interessante Bücher vor. So zum Beispiel Fiona McFarlanes ,Nachts, wenn der Tiger komt’, das mit seiner Handlung durchaus in Konkurrenz zu einem Hitchcockstreifen treten könnte. Eine alte Dame in einem abgelegenen Haus und die ihr entgleitende Realität. Andreas von Flotow erzählt in ,Tage zwischen gestern und heute’ von der gewaltsamen Auflösung einer Familie und dem Jungen, auf dessen Rücken sie ausgetragen wurde. Im Piper Verlag erscheint mit Ramona Ausubels ,Der Anfang der Welt’ ein Roman, der fast wie ein Märchen anmutet. Ein kleines Dorf am Rande der Welt versucht, …

Jochen Rausch – Krieg

Jochen Rausch ist ein deutscher Autor, Musiker und Journalist. In den 80er Jahren war er für den Westdeutschen Rundfunk tätig, seit 2000 ist er Wellenchef des Hörfunkprogramms von 1live. Sein Debütroman Restlicht erschien 2008, 2011 die Kurzgeschichtensammlung Trieb. Sie erschienen,wie auch sein neuester Roman, im Berlin Verlag. Eine abgelegene Hütte hoch in den Bergen, Schnee, widrige Wetterverhältnisse, graue Wolken, ein Mann und ein Hund. Aus diesen Bestandteilen setzt sich zunächst die Kulisse von Jochen Rauschs neuem Roman zusammen. Auf den ersten Seiten sammelt sich bereits eine Beklemmung, die fast mit Händen zu greifen, eine Einsamkeit, die schmerzlich zu spüren ist. Arnold Steins hat sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen, lebt in Isolation und Vergangenheit, die einander bedingen. In den Nächten hört er Schüsse, wenn es denn Schüsse sind. Manchmal hört er auch Schreie. Aber wenn Arnold die Tür aufzieht, nicht weiter als einen Spalt nur, dann sind da nichts als die Dunkelheit und das Rauschen des Waldes, das harmlose Gluckern des Bachs und ein gelegentliches Knacken im Geäst. Hin und wieder schwingt sich ein Vogel …