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Wortreiche Geschenke

Das Weihnachtsfest naht schnellen und festen Schritts. Und wieder einmal stellt sich jeder von uns die bange Frage nach dem passenden Weihnachtsgeschenk. Trotzdem immer wieder hartnäckig der Niedergang des Lesens, des gedruckten Buches insgesamt, prophezeit wird, landen jedes Jahr eine Menge literarische Geschenke unter den heimischen Weihnachtsbäumen. Allen Unkenrufen zum Trotz verschenken wir immernoch Eintrittskarten in fremde Welten, Passierscheine für die Brücken, die aus dem Alltag hinausführen und uns andere Perspektiven eröffnen. Dennoch alljährlich dieselbe Frage: Welche Bücher verschenken? Bei rund 90.000 Neuerscheinungen jedes Jahr fällt die Entscheidung nicht leicht – und da sind noch nicht einmal die zahlreichen Klassiker eingerechnet, die bereits seit Jahrzehnten beliebt und begehrt sind. Von mir nun ein kleiner Überblick schenkenswerter Werke, von humorvoll bis tragisch, von unterhaltsam bis literarisch. Was Weihnachten unter der nadelnden Nordmanntanne liegen darf, kann, muss oder sollte. Der Einfachheit halber in Kategorien eingeteilt. Geschichte Bücher, die sich historischen Gegebenheiten widmen oder ihre Erzählung bewusst in einer bereits vergangenen Epoche ansiedeln, gibt es viele. Ich habe drei verschiedene zusammengetragen, die auf ganz unterschiedliche Art und Weise …

James Salter – Alles, was ist

James Salter ist ein amerikanischer Autor. Er studierte an der Militärakademie West Point und trat 1945 in die Air Force ein. Zwölf Jahre diente er dort, in den USA, im Pazifik und in Korea. 1956 erschien sein erster Roman ‘The Hunters‘, der vor dem Hintergrund von rund 100 Einsätzen in Korea geschrieben wurde. 1998 erhielt Salter den Faulkner Award. Alles, was ist, erschienen im Berlin Verlag, übersetzt von Beatrice Howeg, kam beinahe übrraschend, hatte Salter doch seit acht Jahren kein Buch mehr veröffentlicht. Ganz unbestritten ist James Salter ein großer Erzähler. Von manch einem bereits auf eine Stufe gestellt mit Flannery O’Connor und Tennesse Williams weiß er in ruhigem und gemäßigtem Ton sein Publikum zu fesseln, kann er mit klassisch traditioneller Erzählkunst begeistern. In seinem neuen Roman gibt Salter uns Einblick in das Leben Philipp Bowmans. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er als Teil der Navy in der Schlacht um Okinawa. Er ist geachtet und respektiert, daran lässt Salter keinen Zweifel aufkommen, als er mit genau dieser Schlacht seinen Roman beginnen lässt. Der Krieg im Pazifik …

Katharina Hartwell – Das fremde Meer

Katharina Hartwell ist eine deutsche Autorin. Sie studierte Anglistik und Amerikanistik, seit 2010 ist sie Studentin des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig. 2009 erhielt sie den MDR-Literaturpreis, 2013 wurde sie Sylter Inselschreiberin. Das Fremde Meer ist Katharina Hartwells erster Roman, erschienen im Berlin Verlag. Ich gehöre zu den Menschen, die glauben, dass sie sich schützen können, wenn sie mit dem Schlimmsten rechnen, dass die Katastrophen immer nur die treffen, die nicht auf sie vorbereitet sind. Dass man ihnen entkommen kann, wenn man sie erwartet. Jan und Marie lernen sich unkonventionell kennen; fast prosaisch erscheint es, als er aus dem steckengebliebenen Universitäts-Paternoster springt und auf ihr landet. Er sei plötzlich vom Himmel gefallen, sagen sie manchmal, wenn man sie nach ihrem ersten Zusammentreffen fragt, das für Marie mit einer leichten Gehirnerschütterung im Krankenhaus endet. Es ist eine dieser Liebesgeschichten, die wie für Hollywood geschrieben zu sein scheinen, die eigentlich auch nur in Hollywood so passieren. Wären da nicht der Unfall und die Notwendigkeit, zu erzählen. Von Anfang an, sich langsam dem Unaussprechlichen nähernd. In zehn verschiedenen Geschichten …

David Markson – Wittgensteins Mätresse

David Markson (1927-2010) war ein amerikanischer Autor. Er war und ist bekannt für einen höchst experimentellen Schreibstil, wenngleich seine Frühwerke auch wenig des postmodernen Virtuosen in sich trugen, der er für viele einmal werden sollte. Zwar wurde David Markson oft bewundernd rezensiert, gar für genial und seiner Zeit weit voraus gehalten, bekannt war er allerdings nur wenigen, zumeist solchen, die selbst schrieben. Seine unkonventionelle Art, Romane zu konzipieren, hielten ihn immer in ausreichendem Sicherheitsabstand zum Mainstreampublikum. Wittgensteins Mätresse (“Wittgensteins Mistress”) erschien erstmals 1988 und wurde nun im Berlin Verlag auf Deutsch veröffentlicht, aus dem Englischen übersetzt von Sissi Tax. Bisweilen, wenn ich nicht wahnsinnig war, wurde ich poetisch stattdessen. Wie um alles in der Welt beschreibt man diesen Roman? Wie beschreibt man dieses Konglomerat aus Eindrücken, Ideen, Empfindungen und Anspielungen? Es handelt sich hier jedenfalls, soviel kann man einleitend sagen, mitnichten um einen herkömmlichen Roman gängiger Struktur, mit gut ausgearbeiteten Charakteren und einem in sich logischen Erzählstrang oder gar mehreren, die, miteinander verflochten, eine unterhaltsame Geschichte ergeben. Wer so etwas erwartet, wird seine Erwartungen bereits …

Inger-Maria Mahlke – Rechnung offen

Inger-Maria Mahlke ist eine deutsche Autorin. Sie studierte Rechtswissenschaften an der FU Berlin und arbeitete dort am Lehrstuhl für Kriminologie. Für ihr Debüt Silberfischchen (hier ein Verweis auf die Rezension bei Schöne Seiten) gewann Mahlke den Klaus-Michael-Kühne Preis, ihr sei, so die Jury, ein nahezu perfektes Prosawerk gelungen. Man stelle sich ein ganz gewöhnliches Miethaus vor, in irgendeinem nicht zwielichtigen, aber doch schwierigen Stadtviertel, derer es viele gibt in unseren bundesdeutschen Großstädten. Da Mahlke in Berlin lebt, liegt es nahe, an Berlin zu denken, aber jeder wird in der Stadt, in der er gerade wohnt, ähnliche Viertel kennen oder selbst dort eine Wohnung haben. In diesem Miethaus leben verschiedene Menschen, prallen Lebenswirklichkeiten manchmal so hart aufeinander, dass es weh tut. Da ist Frau Streml, die alte und demente Frau, die immer weiter in ihr früheres Leben abdriftet, während sie sich im Jetzt nicht mehr zurechtfindet. Das Rührgerät war nicht unter dem Schrank unter der Arbeitsplatte, Elsa stellte die Zitronenpresse wieder zurück, richtete sich auf. Sie verschwanden, die Dinge. Der Kehrbesen, ihr Bademantel, Fön, Bügeleisen, Sparschäler. …