Rezensionen, Romane
Kommentare 6

Jan Drees – Sandbergs Liebe

Als die Dating-App Kristian Sandberg mit Kalina verknüpft, deutet wenig auf die Katastrophe hin, die das zufällige Aufeinandertreffen im digitalen Raum zur Folge haben wird. Rückwirkend gelesen gibt der Roman kleine Leuchtsignale: Sandbergs Zahnschmerzen sind gerade mittels provisorischer Füllung zum Schweigen gebracht worden, aus den Kopfhörern dringt das Album Borderline eines Kölner Produzentenduos. Jan Drees erzählt davon, was Menschen sich antun können im Namen von Liebe und Gemeinsamkeit und er beleuchtet die fatalen Folgen emotionaler Gewalt.

Kristian ist ein mitteljunger Literaturagent auf der Suche nach einer tragfähigen, innigen Beziehung. Kalina ist Zahnärztin und, so scheint es auf den ersten Blick, eine aktive und feinfühlige Frau. Ein bisschen mystisch vielleicht, geheimnisvoll. Sie verabreden sich zum Essen, reden offen und lange. Die Anziehung, die beide füreinander empfinden, lässt sie schnell näher zusammenrücken und schon nach kurzer Zeit sagt Kalina zu Kristian: „Du darfst nie wieder gehen.“ Beide sind sie Versehrte, Bindungstraumatisierte, die im anderen etwas suchen, das sie nicht aus eigener Anschauung kennen: Geborgenheit, Akzeptanz, tiefe Verbundenheit, Liebe. Sie spielen, was es bedeutet, sich einem anderen Menschen anzuvertrauen und offenzulegen. Und dieses Spiel, von ihnen beiden manchmal fast zum Pathos überhöht, führt geradewegs in den Abgrund.

“Über jeden Menschen”, sage ich, “gibt es einen Satz, der sein Leben zum Einsturz bringt, einen Satz, den wir aus Höflichkeit verschweigen.”

Erst in jüngster Vergangenheit beginnt sich, auch durch einige Studien zum Thema, die Erkenntnis zu verbreiten, dass emotionale Gewalt aufgrund ihrer unsichtbaren Spuren nicht etwa harmloser wäre als körperliche Gewalt; viel mehr richtet beides ganz ähnliche Schäden an im eigenen Selbstverständnis und dem Vertrauen zu anderen. Jan Drees, Redakteur beim Deutschlandfunk, legt, vor dem Hintergrund persönlicher Erfahrungen, in Sandbergs Liebe ein besonderes Augenmerk auf das Phänomen des Gaslighting. Im Fall von Kristian und Kalina beginnt es harmlos mit vermeintlich doppeldeutigen Situationen und verfehlter Kommunikation. Es sind Dinge, die noch nicht ohne Zweifel als Gewalt erkennbar sind. Stück für Stück aber entfaltet Drees in seinem Roman eine hochgradig dysfunktionale Beziehungsstruktur, die Kristian in seinen Grundfesten erschüttert. Was er auch tut, Kalina negiert seine Wahrnehmung, sie unterstellt ihm Gewalt, sie beginnt, sein Umfeld und seinen Freundeskreis zu kontrollieren, weil er ihr vermeintlich Anlass dazu gibt. Es wird, isoliert, wie Kristian ist, immer schwieriger, Situationen einzuschätzen. Wer damit lebt, dass die eigene Wahrnehmung immer wieder verzerrt und untergraben wird, lernt, an sich und seinen Sinnen zu zweifeln. Erinnere ich mich wirklich richtig? Hatte ich nicht vielleicht doch dieses oder jenes im Sinn, als ich das zu ihr sagte? Bin ich vielleicht wirklich der Mensch, den der andere aus mir macht? Der Roman zeichnet beklemmend die Erschütterung dieses Vertrauens nach. Man möchte „Urvertrauen“ schreiben und weiß, dass es beiden an genau dieser Form des Glaubens an wohlwollende Umstände und Menschen mangelt. Auch dadurch kann geschehen was in dieser Beziehung geschieht.

Ich rekapituliere den Tag und frage mich in Schleifen: Hat Kalina von diesem Abendessen erzählt, habe ich nicht richtig hingehört? Und weshalb ist es mir nicht möglich aufzustehen, um mich zu erklären?

Kristian nimmt in dieser Beziehungskonstellation die Position der Leinwand ein, auf die Kalina ihre Szenarien projizieren kann. Er ist eigentümlich passiv und unterwürfig, verzweifelt darum bemüht, zu gefallen und den Lebensstil zu imitieren, von dem er hofft, Kalina finde ihn nicht „zu studentisch“. Diese Transformation und das Ausradieren des eigenen Selbst im Angesicht einer vermeintlich erfüllenden Beziehung mitzuverfolgen, ist schmerzlich und erschreckend. Das Beieinandersein ist von einer erstickenden Ausschließlichkeit, Kristian und Kalina leben so stoisch aufeinander bezogen, dass von außen kaum in dieses destruktive Räderwerk eingegriffen werden kann. Sandbergs Liebe schildert, wie eine Beziehung entgleist und welche verheerenden Verletzungen psychische Gewalt hinterlassen kann. Nicht nur in der vordergründig geschilderten Beziehungskonstellation, sondern auch in den Beziehungskonstellationen, die ihr vorausgegangen sind. Der Roman macht es sich glücklicherweise nicht so einfach, die Katastrophe aus dem Nichts zu imaginieren, er macht auch ihre Wurzeln sichtbar. Es ist ein Roman, der nachwirkt.

Jan Drees: Sandbergs Liebe. Secession Verlag. 190 Seiten. 20,00 €.

Weitersagen

6 Kommentare

  1. Pingback: Sandbergs Liebe – Lesen mit Links

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert