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Michel Houellebecq – Unterwerfung

Es hat unlängst hohe Wellen geschlagen – Michel Houellebecqs neuer Roman ,Unterwerfung’. Im Jahr 2022 wird Frankreich von gemäßigten Muslimen regiert; nach den Anschlägen vom 07. Januar auf das französiche Satiremagazin ,Charlie Hebdo’ wirkt der Roman fast prophetisch, Houellebecq selbst steht unter Personenschutz. ,Unterwerfung’ allerdings ist keine islamophobe Prophezeiung nostradamischen Ausmaßes, sondern eine politisch-philosophische und spielerische Auseinandersetzung mit unserer Gesellschaft.

Wer von ,Unterwerfung’ erwartet, dass es ein islamistisches Schreckensszenario beschwört, das unsere Ängste und Ressentiments schürt, der wird in Houellebecqs neuem Roman höchstwahrscheinlich kaum fündig werden. François ist Literaturprofessor an der Sorbonne, hat über Joris-Karl Huysmans, Autor im Umkreis von Émile Zola und Guy de Maupassant, dissertiert und im Allgemeinen wenig Interesse an Politik. Er ist in seinen besten Jahren, Anfang vierzig, und hält sich mit zeitlich begrenzten Gelegenheitsaffären zu Studentinnen über Wasser. Die politischen Vorgänge zur aktuell laufenden Wahl erlebt er mehr als Außenstehender, Unbeteiligter. Um eine Regierung des Front National unter Marine Le Pen zu verhindern, schließen sich die Sozialisten mit der Bruderschaft der Muslime zusammen, deren Vorsitzender Mohammed Ben Abbes besetzt den Präsidentschaftsposten. Was das für Frankreich bedeutet, ist François lange nicht klar.

(…) ein Ort macht einen schlichtweg deshalb wehmütig, weil man dort gelebt hat, egal, ob gut oder schlecht, die Vergangenheit ist immer schön, ebenso übrigens wie die Zukunft. Nur die Gegenwart schmerzt, nur sie trägt man mit sich wie einen schmerzhaften Abszess, den man zwischen zwei Unendlichkeiten stillen Glücks nicht loswird.

Durch Ben Abbes und seine Bruderschaft verändert sich im sonst so laizistischen Frankreich das Zusammenleben grundlegend. Wo die Trennung von Staat und Religion vor den Wahlen eine grundsätzliche gesellschaftliche Überzeugung war, werden religiöse Grundregeln unter Abbes Gesetz. Frauen werden ohnehin aus allen Berufen entlassen, ihnen wird verschleiernde Kleidung nahegelegt. Die Polygamie wird  gängige Praxis und die EU dehnt sich immer weiter Richtung Orient aus. Bei Houellebecq ist der Türkeibeitritt zur EU bereits beschlossene Sache. Mit dem Distributionismus (Ein leidenschaftlicher Verfechter war u.a. Chesterton, dem wir die Pater Brown Romane verdanken) wird zunächst theoretisch ein wirtschaftsphilosophischer Ansatz wiederbelebt, der sich als Gegenentwurf zu Kapitalismus und Sozialismus verstand. Alles, worauf unsere Gesellschaft fußt, was ihr Selbstverständnis bildete, über Jahrhunderte, wird mit einer Wahl dahingerafft. Und die meisten, auch die Intellektuellen an der Universität, sehen weitgehend tatenlos zu, nur noch Schatten ihrer selbst. Die Journalisten sind in Schockstarre, niemand hat das kommen sehen.

Inwiefern braucht eine Existenz eine Berechtigung? Sämtliche Tiere und der überwältigende Großteil der Menschen existieren, ohne jemals das geringste Bedürfnis nach einer Berechtigung zu verspüren. Sie leben, weil sie leben, und basta, das ist ihre Denkweise, und sie sterben, weil sie sterben, nehme ich weiter an, womit die Analyse in ihren Augen abgeschlossen ist. Als Spezialist für Huysmans fühlte ich mich verpflichtet, mir wenigstens ein bisschen mehr Mühe zu geben.

Es ist wohl kein Zufall, dass Houellebecq sich ausgerecht für Huysmans als literarischen roten Faden entschieden hat. Jahre hat François in der Auseinandersetzung mit diesem Mann verbracht, der als große Symbolfigur der Dekadenz gilt. In ,Gegen den Strich‘, das noch heute wohl bekannteste Werk, zieht sich ein an der Gesellschaft krankender Adliger aus ihr zurück, um die Kunst und den Genuss zum Mittelpunkt seines Lebens zu machen. Es ging um Autonomie, Vereinzelung, radikale Ablehnung einer Massenkultur, eines Massengeschmacks. Nicht nur ist François in seiner Zurückgezogenheit, seiner gelegentlich aufkeimenden Misanthropie und seinem exquisiten Literaturgeschmack ein modernes Abbild dessen, auch eine Gesellschaft insgesamt, die den Individualismus zum höchsten Gut erhoben hat, könnte sich in Huysmans’ Bibel der Dekadenz spiegeln.

Mir war aber bereits klar geworden, dass der sich seit Jahren verbreiternde, inzwischen bodenlose Graben zwischen dem Volk  und jenen, die in seinem Namen sprachen – also Politikern und Journalisten -, notwendigerweise zu etwas Chaotischem, Gewalttätigem, Unvorhersehbarem führen musste.

,Unterwerfung’ ist kein Buch über den Islam, es ist ein Buch zugespitzter gesellschaftlicher Verhältnisse, die in kunstfertiger Art und Weise durch politische Umwälzungen in ihr Gegenteil verkehrt werden. Brilliant geschrieben , lässt Houellebecq in seinem Szenario die Fragen: Woran glauben wir (nicht nur im religiösen Sinne)? Wem oder was unterwerfen wir uns? sich auflösen in einer Rückkehr zu archaischen Traditionen und Werten; mithin auch zur Religion, die mit ihren klaren Regeln und Erfüllungsversprechen wieder Boden gutmacht. Das muss man nicht gut finden, das muss man keineswegs für berechtigt und unabwendbar halten; die Einladung zu einem kleinen Gedankenexperiment aber kann man einmal annehmen, um zu sehen, wohin sie führt. ,Unterwerfung’ ist an keiner Stelle so islamophob, wie es ihm vorgeworfen worden sein mag, und selbst wenn es das wäre, so teilte der Roman auch in sämtliche andere Richtungen mit ähnlicher Schlagfertigkeit aus. Lesenswert, dikussionswürdig, mit dieser Prise Sex und Skandal, die Houellebecq schon seit Jahren eigen ist!

Michel Houellebecq: Unterwerfung, aus dem Französischen von Norma Cassau und Bernd Wilczek, DuMont Verlag, 272 Seiten, 9783832197957, 22,99 €

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