Kultur
Kommentare 1

Auf der Couch nach anderswo: die Fernlese-Onlinebuchhandlung

Vor einigen Monaten stieß ich zufällig auf die Fernlese, eine Online-Buchhandlung für Reiselektüre. Ich war sofort von der Idee begeistert, kleine Bücherbündel passend zu verschiedenen Reisezielen zu schnüren. Für jede Region gibt es das richtige Buch, das einführt in die Fremde. Initiatorin Cindy Ruch studierte Internationale Literaturen und arbeitet seit fünf Jahren als Reisejournalistin, Übersetzerin und Fotografin. Sie wohnt in Berlin, wenn sie nicht gerade die Taschen packt. Reisen und Literatur bedeuten ihr viel, die Fernlese ist also die Verschmelzung zweier Leidenschaften. „Fernlesen“, schreibt Cindy in ihrer Einleitung zum Fernlesen, „geschieht, wie jede Reise und jeder Urlaub, in drei Schritten: Vorfreude, Dortsein und Erinnern. Fernlesen kann eine Endlosschleife sein.“
Weil ich von der Idee so entzückt bin, habe ich Cindy ein paar Fragen zu ihrem – hoffentlich bald noch viel bekannteren – Projekt gestellt.

Wie ist das Projekt der Fernlese entstanden?

Als ich nach Australien ging, hatte ich Bruce Chatwins „Traumpfade“ in meinem Rucksack, in Argentinien las ich Julio Cortázars „Rayuela“ und in Barcelona Mercè Rodoredas „Plaça del diamant “ – schon immer versuche ich meine Reiselektüre auf das jeweile Land abzustimmen. Dann begann ich Freunden ortspassende Literatur zu empfehlen, oder las mich selbst woanders hin, wenn ich nicht unterwegs war. Ich bemerkte, wie man mit der Literatur ein besseres Gefühl für das Land bekommt. Das wollte ich auch anderen weitergeben, und sie mit der richtigen Lektüre in die Ferne schicken. Und so entstand Fernlese. Es gibt allerdings nicht nur ein Buch pro Land, sondern ganze Länderbündel aus zwei bis drei Büchern. Das ganze Literatur-Urlaubs-Packet sozusagen. Dann kann man ein Buch zur Einstimmung vor der Reise lesen und die anderen zwei mitnehmen. Oder das dritte dann nach der Rückkehr lesen, um den Urlaub länger nachwirken zu lassen.

Weshalb lohnt es sich, ein Land auch über seine Literatur zu entdecken?

Es ist eine hervorragende Möglichkeit, die Geschichte, den Alltag und Besonderheiten fremder und auch bekannter Kulturen zu verstehen und zu sehen. Indien war beispielsweise sehr aufregend und bunt – aber auch überfordernd. Wir lasen das Buch von Sarah MacDonald, einer Australierin, die nach New Delhi zog und ebenso überfordert war. Wir erkannten vieles wieder und konnten das Land ein bisschen besser einordnen. Für mich bedeutet ortspassende Literatur nicht, dass der Autor aus dem Land kommen muss – das Land kann von Einheimischen und Reisenden beschrieben werden.

Gibt es ein Land, dessen Literatur du besonders schätzt?

Für mich ist das Australien. Ich habe zweieinhalb Jahre dort verbracht und ein Semester Australische Literatur in Brisbane studiert. Es gibt so großartige Bücher, die von der Weite des Outbacks, der ständigen Anwesenheit des Meeres und den multikulturellen Städten erzählen. Leider wurden einige wunderbare Bücher noch nicht ins Deutsche übersetzt – wie das Kultbuch „Monkey Grip“ von Helen Garner. Vielleicht muss ich mal ein englischsprachiges Bücherbündel zusammenstellen…

Man kann sich auf fernlese.de auch sein eigenes Buchpaket schnüren lassen, wenn das Reiseziel noch nicht auf dem Blog vertreten ist. Wie gehst du da vor?

Als erstes schaue ich in mein eigenes Bücherregal, dann maile ich auch mal einem literaturbegeisterten Freund im gesuchten Land und lasse mich von Blogs und Webseiten wie Literary Hub und Perlentaucher inspirieren. Ich recherchiere einfach unglaublich gerne, vor allem, wenn ich dabei neue Bücher und Autoren entdecken kann. Fernlese fühlt sich manchmal wie mein zweites Literaturstudium an.

Cindy Ruch

Was glaubst du, lesen wir zu wenig über den Tellerrand hinaus?

Das glaube ich eigentlich nicht. Viele Menschen lesen, um mehr über andere Kulturen und Länder zu erfahren, oder sich einfach mal irgendwo anders hinzulesen. Lesen kann ja auch eine bequeme Art des Reisens von der Couch aus sein. Oder eine Vorbereitung auf das Land.

Kürzlich habe ich gelesen, Literatur wäre eine hervorragende Möglichkeit, z.B. mehr über das Leben in Syrien, Afghanistan oder insgesamt dem Nahen Osten zu erfahren. Eine Möglichkeit der Annäherung der Kulturen, die zu wenig genutzt wird. Kannst du für diese Region etwas empfehlen?

Das stimmt, Literatur ist eine sehr gute Möglichkeit für mehr Verständnis. Da wird nicht mit Zahlen geworfen, sondern es werden persönliche Geschichten erzählt. Ich bin ehrlich gesagt selbst noch auf der Suche im Nahen Osten – und habe da gerade die Bücher von Khaled Khalifa, Dima Wannous und Samar Yazbek auf meiner Leseliste.

Kannst du schon etwas über die nächsten Reiseziele verraten, zu denen du Bücherpakete zusammenstellst?

Ich habe schon die zwei Bücherbündel für Indien und Sri Lanka vor mir liegen – in den nächsten Tagen möchte ich sie online stellen. Und danach kommt vielleicht Südafrika…

Drei gute Argumente für das Reisen?

1. Platz für Entwürfe
2. Neusehen, mehrsehen
3. Freiheitsgefühl und Traumerfüllung

Warum ich reise beantwortete ich auch ausführlicher auf meinem Reiseblog.

Zu Cindys Onlinebuchhandlung gelangt ihr hier. Auch auch Facebook und Instagram ist sie mit tollen Tipps und Fotos vertreten.

Fotos: Cindy Ruch

1 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Auf der Couch nach anderswo: die Fernlese-Onlinebuchhandlung – #Bücher

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.