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Desmond Morris – Eulen

In gewohnt wunderbarer und buchherzbeschleunigender Aufmachung erschien unlängst die neue Naturkunde zum Thema ,Eulen‘. Nicht nur werden diese Tiere häufig als inoffizielles Wappentier des Viellesers benutzt, im Laufe der Jahrtausende hat die Eule als Symbol einige Berg – und Talfahrten erlebt. Geächtet, gefürchtet, verehrt und schließlich im Trend – eine kleine Kulturgeschichte der Eule.

Es wäre wahrscheinlich spannend zu untersuchen, weshalb die Eule heutzutage ein Tier geworden ist, das für die Allgemeinheit als Symbol relativ unverbraucht in sämtlichen Bereichen zu finden ist. Es gibt Eulendecken, Kleidung mit Eulenmuster, Eulenstempel, Stiftetuis in Form einer Eule, Geschirr mit Eulen – die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Umgibt die Eule noch immer die Aura des Weisen und Bedächtigen? Oder woher rührt unsere offensichtliche Begeisterung für ein Tier, das die wenigsten bisher leibhaftig gesehen haben? Käme nun ein einfacher Mann aus dem alten Rom auf verschlungenen zeitlichen Pfaden zu uns, er wäre vermutlich ängstlich und irritiert. Denn nicht immer war die Eule als Tier so angesehen und verbreitet. Man hielt sie aufgrund ihrer Nachtaktivität, ihres lautlosen Jagens und ihres charakteristischen Schreis eher für Boten des Todes und Unheils. In sich vereint die Eule jedenfalls über die Jahrhunderte zahllose Widersprüche.

So besagte ein Aberglaube im alten Rom, dass sich Hexen in Eulen verwandeln, auf schlafende Babys herabstürzen und ihnen das Blut aussaugen, eine Vorstellung,die spätere Jahrhunderte eher mit Vampiren verbanden. Hörte man den Ruf einer Eule, musste folglich eine Hexe im Anflug sein, oder aber der Tod eines Menschen stand unmittelbar bevor.

Der Römer könnte vielleicht annehmen, wir versuchten mit all diesen Eulenabbildungen das Schicksal milde zu stimmen und die Bösartigkeit der Eule durch ihre Huldigung zu besänftigen. Nicht so der Grieche – er benannte seine Hauptstadt Athen nach ihrer Schutzgöttin Athene, der die Eule heilig war. Über Jahrhunderte war auf athenischen Münzen eine Eule abgebildet und auch heute findet sie sich auf dem griechischen Euro wieder. Aber nicht nur symbolisch war die Eule im antiken Griechenland sehr präsent, auch als Vogel sebst musste man sie nicht lange suchen. Daran erinnert noch heute die Bezeichnung ,Eulen nach Athen tragen‚ für eine gemeinhin als sinnlos erachtete Tätigkeit.

eulen

Desmond Morris, seines Zeichens britischer Zoologe und Verhaltensforscher, beleuchtet in seiner Kulturgeschichte die Eule aus ganz verschiedenen Perspektiven, versucht diesem symbolträchtigen Tier und seinen zahllosen Facetten gerecht zu werden. Nicht ganz uneigennützig, gibt er zu, denn als Junge fand er am Rand eines Feldes eine schwerverletzte Eule, die offensichtlich gerade im Begriff war, zu sterben. Morris, von der Situation völlig überfordert und schockiert, erschlägt das verendende Tier, um ihm weiteres Leiden zu ersparen. Das hat er nie vergessen und schreibt in seiner Einleitung: ,Dieses Buch habe ich vielleicht geschrieben, um den Tod der Eule am Feldrand in Wiltshire wiedergutzumachen.‘ Morris‘ Kapitel handeln von Eulen in der Literatur und Kunst, der Eule als Symbol und Emblem, Eulen im Volksglauben und bei Naturvölkern, aber auch von den ihr nachgesagten Heilkräften. Nicht wenigen Tieren – oder besser: ihren Teilen – wurden heilsame Wirkungen nachgesagt, oft jedoch wirken diese Überzeugungen aus heutiger Sicht skurril bis vollkommen absurd.

Die bizarrste aller Heilmethoden auf Eulenbasis dürfte jedoch seinerzeit in Deutschland übliche Praxis gewesen sein, der zufolge sich die Ansteckung mit Tollwut bei einem Hundebiss vermeiden ließ, wenn man in der linken Achselhöhle das Herz und den rechten Fuß einer Eule trug.

,Eulen‘ gelingt – wie eigentlich allen Naturkunden – der imposante Spagat zwischen vergnüglicher und hochinteressanter Lektüre, die Wissen(schaft) vermittelt. Angereichert mit wundervollen Illustrationen in der am Ende dem Haupttext folgenden Eulentypologie sowie der jeweils erwähnten Kunstwerke innerhalb des Textes, ist dieses Buch, ebenso wie seine Vorgänger, ein Augenschmaus für jeden Bibliophilen. Es ist ein Quell interessanter historischer, biologischer und kultureller Fakten über ein Tier, das uns – im Gegensatz zu manch anderem – kaum besonders exotisch erscheint. Und doch lassen sich an ihm und seiner Symbolträchtigkeit viele Rückschlüsse auf Entwicklungen der Menschheitsgeschichte ziehen. Und überhaupt – muss noch jemand wirklich von den Naturkunden überzeugt werden?

Was nun die heutige Omnipräsenz der Eule zu bedeuten hat; darüber kann jeder für sich selbst einmal nachdenken.

„And if anyone knows anything about anything, it’s Owl who knows something about something…“

(Winnie the Pooh)

Desmond Morris: Eulen, aus dem Englischen von Meike Herrmann und Nina Sottrell, herausgegeben von Judith Schalansky, Matthes & Seitz, 167 Seiten, 9783957570888, 18,00 €

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