Graphic Novel
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10 Graphic Novel Tipps

Viele würden sich gern mal an das Genre Graphic Novel heranwagen, finden aber den richtigen Einstieg nicht. Die Auswahl ist groß, die Qualität ist, wie überall, schwankend. Kürzlich erst habe ich die eher experimentell gestaltete Graphic Novel ,Jimmy Corrigan‚ vorgestellt, die sich vermutlich mehr an ein etwas geübteres Publikum richtet. Nun habe ich zehn weitere Tipps zusammengetragen, Klassiker und neuere Exemplare, die den Einstieg in die Welt der Comics erleichtern und ihre Vielfältigkeit abbilden.

1. Marjane Satrapi – Persepolis

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Ein absoluter Klassiker unter den Graphic Novels mit politischem Hintergrund. Marjane Satrapi wächst in Teheran zur Zeit der Islamischen Revolution auf. Viele ihrer Verwandten sind inhaftiert worden, Unruhen bestimmen das Land. Mit 15 verlässt sie den Iran und geht nach Wien, um dort in stabileren Verhältnissen eine Ausbildung zu beginnen. Doch was anfangs wie eine große Chance erscheint, entpuppt sich als sehr viel schwieriger als gedacht. ,Persepolis‘ wurde sogar zu einem Animationsfilm gemacht. Politisch, autobiographisch, authentisch!

Marjane Satrapi – Persepolis, Süddeutsche Zeitung Edition, 347 Seiten, 9783866158719, 19,90 €

2. Will Eisner – Ein Vertrag mit Gott

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Nicht umsonst gibt es den Eisner-Award. Will Eisner ist ein Meister seines Fachs, sowohl im Erzählen von ganz alltäglichen und menschlichen Geschichten wie auch in der grafischen Umsetzung. Die klassischen Panels werden bei ihm immer mal wieder durch seitenfüllende Kunstwerke aufgelöst, die Szenen fließen ineinander, hier herrscht richtig Bewegung im Bild. Exemplarisch habe ich mich hier für ,Ein Vertrag mit Gott‘ entschieden, grundsätzlich kann man allerdings mit Will Eisner nichts falsch machen.

Will Eisner – Ein Vertrag mit Gott, Süddeutsche Zeitung Edition, 508 Seiten, 9783866158726, 19,90 €

3. Jiro Taniguchi – Vertraute Fremde

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Jiro Taniguchi ist ein japanischer Zeichner, der jedoch einen deutlich europäischen Einschlag hat. Wenig vom klassischen japanischen Mangastil, stattdessen sehr ruhige und berührende Geschichten aus dem Japan der Vergangenheit und Gegenwart. Taniguchi zeichnet häufig Familiengeschichten oder wie in ,Der spazierende Mann‚ Miniaturen kleiner Alltagssituationen. Ein ganz besonderer Zeichner, den man sich ansehen sollte. Zum Einstieg empfehle ich ,Vertraute Fremde‚, sein vermutlich bekanntestes Werk.

Jiro Taniguchi – Vertraute Fremde, Carlsen Verlag, 409 Seiten, 9783551777799, 19,90 €

4. Guy Delisle – Pjöngjang

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Der kanadische Zeichner Guy Delisle ist ein hervorragender Beobachter. Mögen seine Zeichnungen auch erst einen eher simplen Eindruck erwecken, sie sind sehr informativ und mit einer guten Portion Selbstironie gewürzt. Delisles Frau ist Mitglied bei Ärzte ohne Grenzen und reist im Zuge ihrer Arbeit oft in Gegenden, die auf vielerlei Weise, politisch, geographisch, kulturell so ihre Besonderheiten haben. Jerusalem, Birma, Pjöngjang, Shenzhen, – Delisle kommt mit ihr weit herum und bringt seinem Leser die jeweiligen Länder nachhaltig näher. Meine Einstiegsempfehlung hier: Delisles Reise nach Pjöngjang, Nordkorea.

Guy Delisle – Pjöngjang, Reprodukt, 176 Seiten, 9783938511312, 20,00 €

5. Art Spiegelman – Maus

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Viel ist über dieses Über-Comic schon gesagt worden. Es hat den Pulitzer-Preis gewonnen. Es ist ein Stück Comicgeschichte. Art Spiegelman erzählt die Geschichte seines durch Krieg und Verfolgung traumatisierten Vaters. Die Spiegelmans sind Juden, das Trauma sitzt tief. Er zeichnet das, was gewesen und das, was zurückgeblieben ist. Das Besondere: Die Protagonisten haben tierische Gestalt, was damals angesichts einiger Zuschreibungen zu wüsten Diskussionen führte. Sehr erschütternd, aber unbedingt empfehlenswert!

Art Spiegelman – Maus, Fischer Verlag, 300 Seiten, 9783596180943, 14,95 €

6. Craig Thompson – Habibi

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Craig Thompson steht stilistisch eher auf der Seite Will Eisners. Panelsprengende und sehr detaillierte Zeichnungen sind immer wieder eine Freude für’s Leserauge. Mit Habibi hat Thompson fast einen Comic-Epos geschaffen, eine Geschichte aus 1001 Nacht über Freundschaft und Liebe, aber auch Gewalt und Beherrschung. Ein Ziegelstein von Comic, der aber angesichts seiner Machart und seiner fast besessenen Liebe zum Detail jeden Blick wert ist.

Craig Thompson – Habibi, Reprodukt, 655 Seiten, 9783941099500, 39,00 €

7. David Small – Stiche

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Eine Graphic-Novel neueren Datums, die eine dramatische und traurige Familiengeschichte erzählt. Seine hypochondrisch veranlagte Mutter zwingt ihren kleinen Sohn zu regelmäßigen Röntgenuntersuchungen, von deren Schädlichkeit man in den 50er Jahren noch wenig wusste. Mit fatalen Folgen für den Jungen – für David Small. Ein besonderes Buch, das mir noch lange nach der Lektüre im Gedächtnis blieb, mit einem Zeichenstil, der oft nur die Schemen von dem zeigt, was damals war.

David Small – Stiche, Carlsen Verlag, 322 Seiten, 9783551713735, 14,90 €

8. Keiji Nakazawa – Barfuß durch Hiroshima

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Wo Jiro Taniguchi vergleichsweise unjapanisch zeichnet, findet man bei Keiji Nakazawa den klassischen Mangastil wieder. Etwas hektisch, etwas überdreht. Dennoch ist auch ,Barfuß durch Hiroshima‘, das aus vier Bänden besteht, ein Klassiker geworden. Es beschreibt das Leben einer Familie nach dem Abwurf der Atombombe über Hiroshima in all seinen Facetten. Auch wenn der Zeichenstil einem zunächst missfällt, gewöhnt man sich schnell daran und nimmt Anteil am Schicksal dieser Familie.

Keiji Nakazawa – Barfuß durch Hiroshima, Bd.1: Kinder des Krieges, Carlsen Verlag, 299 Seiten, 9783551775016, 12,00 €

9. Stephen Collins – Der gigantische Bart, der böse war

collins

Eines meiner diesjährigen Highlights! So viel Weisheit steckt in diesem Buch und diesem Mann namens Dave, dem urplötzlich ein Bart wächst, den er nicht mehr kontrollieren kann. Wunderschöne Illustrationen erzählen eine ganz besondere Geschichte über die Unvorhersehbarkeit. Und darüber, wie wichtig sie sein kann.

Stephen Collins – Der gigantische Bart, der böse war, Atrium Verlag, 240 Seiten, 9783855350735, 29,99 €

10. Apostolos Doxiadis & Christos Papadimitriou – Logicomix

logicomix

Doxiadis und Papadimitriou gelingt mit Logicomix das Kunststück, vom Leben Bertrand Russels und gewissermaßen auch von der Mathematik und der Philosophie zu erzählen: und das hochspannend! Ein ungewöhnliches Thema zwar für eine Graphic Novel, doch bravourös gemeistert. Hier zeigt sich die Vielfältigkeit des Mediums. Ein bisschen Biographie, ein bisschen Lehrbuch, ein bisschen Philosophie, so kann es sein, wenn es gut gemacht ist!

Doxiadis & Papadimitriou – Logicomix, Süddeutsche Zeitung Edition, 352 Seiten, 9783864970047, 14,90 €

Wer jetzt glaubt, da fehlen noch eine ganze Menge begnadeter Künstler – Joe Sacco, Robert Crumb, David Mazzuchelli (..), der hat Recht! Wenn ihr möchtet, postet doch eure Favoriten gern in die Kommentare!

24 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] 10 Graphic Novel Tipps - #Bücher | netzlesen.de

  2. ein paar Empfehlungen von mir, ohne Reihenfolge:

    Jan Bauer: „Der salzige Fluss“,
    https://www.goodreads.com/book/show/20803684-der-salzige-fluss

    Alison Bechdel: „Fun Home“,
    https://www.goodreads.com/book/show/3024367-fun-home-a-family-tragicomic

    Daniel Clowes: „Ghost World“,
    https://www.goodreads.com/book/show/62953.Ghost_World

    Judd Winick: „Pedro and me“,
    https://www.goodreads.com/book/show/548934.Pedro_and_Me

    Sarah Leavitt, „Tangles“,
    https://www.goodreads.com/book/show/8468008-tangles

    Arne Bellstorf, „Baby’s in Black“,
    https://www.goodreads.com/book/show/12510887-baby-s-in-black

    Brecht Evens, „The Making of“,
    https://www.goodreads.com/book/show/13166706-the-making-of

    Fabio Moon, Gabriel Ba, „Daytripper“
    https://www.goodreads.com/book/show/8477057-daytripper

  3. Sonja sagt

    Julie Maroh fehlt – leider kenne ich nur „La vie d’Adele“, das jedoch ist einfach grandios & berührt. Erstaunlich wie Maroh in ihren ansonsten vorwiegend schwarz-weißen Bildern mit der Farbe Blau spielt. Bekannt ist die Geschichte jetzt durch die Verfilmung geworden („Blau ist eine warme Farbe“).

  4. Ein super Post, liebe Sophie! Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass man sich an das Lesen in Bildern erstmal wieder gewöhnen muss – wie selbstverständlich kam uns das als Kind vor und wie ungewohnt ist es für uns als Erwachsene! Aber wenn man erstmal anfängt, wundert man sich, dass man je mit den Comics lesen aufgehört hat 🙂 Lg, Karo

    • literaturen sagt

      Oh ja, Karo, schön gesagt .. 😉 ..“warum man überhaupt mit dem Comiclesen aufgehört hat“ ..

  5. Ein Beitrag genau nach meinem Geschmack. Bin wohl eher noch in einer Einstiegsphase, was Graphic Novels angeht, daher passen mir deine Tipps gut in den Kram.
    Bisher gehören „Persepolis“ (daran kommt man wohl einfach nicht dran vorbei) und „Blankets“ von Craig Thompson zu meinen Favoriten. Abgesehen davon habe ich weitere zwei bis drei gelesen, die mich leider alle nicht wirklich umhauen konnten. Hoffentlich werden mich deine Vorschläge wieder genauso begeistern können. 🙂

    • literaturen sagt

      Liebe Karo,

      freut mich, dass meine Tipps dir gerade gut passen! 🙂 Wenn du Craig Thompson mochtest, probier’s auf jeden Fall mal mit Will Eisner und Jiro Taniguchi!
      Liebe Grüße.

  6. Sehr schöne Auswahl! ‚Habibi‘ gehört zu meinen absoluten Lieblingen.

    Meine Empfehlungen wären desweiteren:

    – Für geschichtlich Interessierte: Die Berlin-Bände von Jason Lutes (ich warte seit Jahren verzweifelt auf den nächsten Band), oder ‚Die Sache mit Sorge‘ von Isabel Kreitz
    – Für Musikbegeisterte: ‚Cash – I see a darkness‘ von Reinhard Kleist und das oben genannte, großartige ‚Babys in Black‘ von Arne Bellstorf
    – Sommerblond von Adrian Tomine für die twenty-somethings
    – Ein bisschen abstruser geht es in Lukas Jüligers ‚Vakuum‘ und ‚Jenseits‘ von Kerascoet zu
    – ‚Rembetiko‘ bietet sehr atmosphärische Bilder und es geht auch hier um Musiker, hier aber zur Zeit der griechischen Militärdiktatur
    – undundund…

    Wer Bücher mag und Filme mag, der kann eigentlich auch nur Graphic Novels mögen, die bieten ja quasi das Bindeglied.

  7. Das ist eine gute Liste zum Einstieg. Persepolis und Pyongyang verschenke ich gerne selber an aufgeschlossene Leser. Und „Barfuss in Hiroshima“ war wohl eins der intensivsten Leseerlebnisse, die ich hatte. Hab den zweiten Band wirklich nur häppchenweise gelesen. Wen bei Deiner Liste nicht das Lesefieber packt…

    Ich finde Sachen von Jason sehr gut, die sind im Deutschen im Reproduk Verlag erschienen. Jason ist ein norwegischer Comickuenstler und kommt fast ohne Worte aus. Inspiriert wird er oft von Film Noir und B-Movies. Und gerade wegen der verwendeten Farben auch ein Augenschmaus….

    Dann Luke Pearsons Hilda-Serie. Eigentlich ein Comic für Kinder, aber erinnert mich vom Charme her sehr an die Moomis und auch hier ist die Farbauswahl ein Augenschmaus. Empfehle ich immer im Buchladen.

    Ich lese auch viel auf Englisch und einer meiner absolut liebsten Comics ist

    „Swallow me whole“ von Nate Powell. Ich glaube, der wird gerade nachgedruckt. Ist über ein Mädchen, das psychotisch ist und über ihre Familie. Zeichnerisch auch sehr gut umgesetzt

    Dann noch „Percy Gloom“ von Cathy Malkasian – selten so viel verschrobene und liebenswerte Charaktere gesehen.

    „The Property“ von Rutu Modan ist ebenfalls sehr gut. Hat auch zu Recht einen Eisner Award dieses Jahr bekommen.

    Ach ja und natürlich „Bone“ gezeichnet von Jeff Smith. Das ist so mein Herr der Ringe, obwohl ich damit vielleicht andere Leute auf die falsche Fährte führe. Das Buch hab ich zugeklappt und wollte es sofort noch einmal lese.

    Ansonsten wurden ja auch schon gute andere Sachen genannt! Persönlich ziehe ich Blankets Habibi vor.

  8. Ich kann mich dem Lob der Vorredner nur anschließen. Ein schöner Artikel. Einiges von deiner Liste kenne ich schon, einiges werde ich sicher bald kennenlernen. Insgesamt eine gelunge Zugabe zu deinem Jimmy-Corrigan-Artikel. Thumbs up (wie es so schön heißt)!

  9. Pingback: graphic-novel-empfehlungen

  10. Bin quasi auch eher ein Einsteiger, aber es ist erstaunlich, was sich nach und nach für außerordentliche Werke finden lassen.

    Im Gegenzug würde ich noch Reinhard Kleist „Der Boxer“ und Jacques Tardi empfehlen.

    • literaturen sagt

      Reinhard Kleist ist großartig, das stimmt. Schon mit seiner Cash-Biographie! Von Tardi habe ich bisher noch nichts gelesen.

      • Die ich auch noch unbedingt haben muss, genau wie „Castro“.

        Mir ist noch ein weiteres Exemplar eingefallen, das ich mal durchgeblättert habe, mir aber im Laden etwas zu teuer war: Russ Kick (Hrsg.) – „The Graphic Canon – Weltliteratur als Graphic Novel“. Diese Adaptionen empfinde ich ebenso als überaus spannend.

  11. Pingback: Blogophilie August 2014 | miss booleana

  12. Wow, das ist eine tolle Übersicht, und noch zusammen mit den ganzen Empfehlungen in den Kommentaren bietet das viiiel Inspiration. Danke dafür!
    Ich habe gerade ‚Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen‘ gelesen und es gern gemocht. Jiro Taniguchis Sachen liebe ich. Und ‚Jane, der Fuchs und ich‘ hat mir auch sehr gut gefallen. reprodukt macht überhaupt so tolle Sachen…

    http://www.mairisch.de/programm/sohyun-jung-vergiss-nicht-das-salz-auszuwaschen/

    http://www.reprodukt.com/produkt/graphicnovels/jane-der-fuchs-und-ich/

    Liebe Grüße! Malu

  13. Hallo Sophie,
    dieser Beitrag ist damals völlig an mir vorüber gegangen.
    Bisher wurde ein Klassiker der Graphic Novel-Literatur noch gar nicht genannt: „Watchmen“ angelehnt an die SupSuperheldencomics, die man kennt, wird einem hier eine dreckigere Version von diesen präsentiert und ist außerdem für Geschichtsbegeisterte richtig intetessant.
    Gruß
    Marc

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