Alle Artikel mit dem Schlagwort: hoffmann und campe

Christopher Isherwood – A Single Man

George ist Literaturprofessor und mit sich und seiner Welt seit dem Tod seines Freundes allein. Sein Leben ist zusammengeschrumpft auf tägliche Verrichtungen, die er fast im Autopilot erledigt, er ist “George, der Chauffeur”, “George, der Professor”, ein Mann, der sich inmitten seiner Rollen und Gewohnheiten selbst zurücklässt. Christopher Isherwoods erstmals 1964 erschienener Roman ist weit mehr als die tragische Geschichte eines alternden Professors, – es ist die Geschichte eines zurückgestoßenen Einzelgängers und einer bigotten Gesellschaft. I really admire the sort of person that George is: It isn’t me at all. Here is somebody who really has nothing to support him except a kind of gradually waning animal vitality, and yet he fights, like a badger, and goes on demanding, fighting for happiness. That attitude I think rather magnificent. Ich bewundere Georges Persönlichkeit sehr: Er ist mir gar nicht ähnlich. Er hat wirklich nichts, das ihn aufrechterhält außer einer nach und nach abnehmenden tierischen Lebenskraft,  und dennoch kämpft er wie ein Dachs, fordert weiter, kämpft für das Glück. Ich glaube, so eine Einstellung ist ziemlich großartig. …

Stephanie Bart – Deutscher Meister

Der junge Johann ,Rukelie’ Trollmann ist im Deutschland der 20er und 30er Jahre ein Superstar des Boxsports. Wendig, gerissen, gut trainiert, ein Entertainer im Ring. Doch im Zuge der stetigen Unterwanderung der Gesellschaft durch die Nationalsozialisten wird Trollmann zum Problem. Er ist Sinto, ein “Zigeuner”, den es unbedingt vom Meisterschaftstitel fernzuhalten gilt. Stephanie Bart schreibt mit ,Deutscher Meister nicht nur ein ganz persönliches Sportlerdrama, sie entwirft eine Momentaufnahme nationalsozialistischer Diktatur und Gesellschaft. Der Führer sagte, er goutiere das Boxen. Gäbe es unter Jugendlichen mehr gestählte und vom Boxsport trainierte Körper, die Gesellschaft wäre eine bessere, das Boxen galt ihm als Königsdisziplin. Zuvor eine Sportart, die zwar interessiert verfolgt, gesellschaftlich aber nicht höher gehalten wurde als andere, wird sie unter Hitler zur nationalen Sache. Der Boxsport muss reformiert werden, das glaubt auch der Verband deutscher Faustkämpfer. Scheinbar ohne jeden moralischen Skrupel beginnt der Erste Vorsitzende des VDF also, jüdische Boxer, Sekundanten und Veranstalter systematisch aus dem Verband auszuschließen. Gewissenhaft streicht er durch, wer die nationale Sache an dieser Stelle nicht mehr vertreten kann, – er hat …

Susan Sontag – The Doors und Dostojewski

Es gibt spannende und eher langwierige, enthüllende oder eher verschleiernde Arten von Interviews. Und es gibt solche, die in sich so viel mehr tragen als das, was auf den ersten Blick sichtbar ist, die so viel mehr sind als bloß die Worte, die in ihnen gesprochen werden. So ergeht es einem mit dem von Jonathan Cott geführten Gespräch mit Susan Sontag, das, nachdem es 1979 im Rolling Stone in stark gekürzter Fassung erschien, nun erstmals vollständig in Buchform vorliegt. Susan Sontag ist, als Jonathan Cott sie zum Interview trifft, fünfundvierzig Jahre alt und eine bekannte wie geschätzte Autorin, Essayistin und Regisseurin. Die beiden waren sich verschiedentlich schon vor ihrem Gespräch begegnet, doch nie hatte sich die Möglichkeit für ein Interview in dieser Form ergeben. Gerade war Sontags Buch ,Krankheit als Metapher‘ (1978) erschienen, das von ihrem Kampf gegen eine Krebserkrankung beeinflusst, Krankheit auf verschiedenen Bedeutungsebenen untersuchte und sich letztlich mit der vielfach vertretenen Überzeugung auseinandersetzte, eine Krankheit sei bloß der körperliche Ausdruck von etwas ganz anderem. (so zum Beispiel der Krebs ein Ausdruck der Unfähigkeit, …

Bitte übernehmen Sie, Benjamin Lebert!

Das Schreiben begann für mich.. …mit der Übermacht aller Empfindungen. Ein Buch muss.. …überhaupt nichts. Leid erwächst aus dem Gefühl des Müssens. Ein Buch beschenkt uns im besten Falle mit Freiheit. Wenn ich keine Bücher schreiben würde, könnte ich.. …gemäß Wolfgang Borchert – eine Laterne vor deinem Fenster sein und den fahlen Abend überstrahlen. Ein Kindheitstraum von mir war.. …Kindheitsträume  w a r e n  nicht, sie  s i n d. Wenn ich nicht schlafen kann.. …habe ich Alpträume. Völlig unterschätzt wird.. …die Ferne. Wenn ich Musik höre.. …geben meine Moleküle eine alte Ordnung auf. Ich erfülle folgendes charmantes Autorenklischee.. …ich habe selten einen Stift zur Hand, wenn ich ihn bräuchte. Eine meiner seltsamsten Angewohnheiten ist es.. …bedeutungsvoll zu schweigen. Literatur kann.. …unser Lächeln jemand anderem schenken und jemand anderes Lächeln uns. Benjamin Lebert lebt in Hamburg. Er hat mit zwölf Jahren angefangen zu schreiben. 1999 erschien sein erster Roman Crazy, der in 33 Sprachen übersetzt und von Hans-Christian Schmid fürs Kino verfilmt wurde. Sein zweiter Roman, Der Vogel ist ein Rabe, erschien 2003, danach …

Benjamin Lebert – Mitternachtsweg

Benjamin Lebert ist ein Mann der leisen und nachdenklichen Töne. In seinem neuen Roman ,Mitternachtsweg’ erzählt der Autor eine weit zurückliegende Geschichte, die auf ihre ganz eigene Weise die Gegenwart beeinflusst. Er erzählt von einer Liebe einerseits und einem tragischen Unglück andererseits, das zwei Menschen über alle Zeiten hinweg verbindet. Peter Maydell ist pensionierter Journalist der Lübecker Lokalzeitung. Trotzdem kehrt er noch immer zweimal in der Woche an seinen alten Schreibtisch zurück, um kleine Kolumnen über die Skurrilitäten der Provinz zu schreiben, die schon während seiner aktiven Zeit als Redakteur sehr beliebt waren. Einen nicht unwesentlichen Teil zum Erfolg trugen hierbei die mysteriösen Geschichten von Johannes Kielland bei; einem jungen Mann in rabenschwarzer Kluft, den Peter Maydell nur ein einziges Mal in einem Hamburger Café leibhaftig zu Gesicht bekommt. Und doch ein Mann, dessen letzte Geschichte in Manuskriptform untrennbar mit Peter Maydell und seinem Leben in Zusammenhang steht. Es gab Nächte, die den Tag auf sanfte Weise in die Schatten führten. Und es gab Nächte, die herankamen wie Jäger und kurz und schmerzlos auslöschten, was …

Toby Barlow – Baba Jaga

Ein flirrendes, surrendes und wahnsinniges Abenteuer im Paris der 50er-Jahre. Ein Spionage-Urban-Fantasy-Action-Liebesroman wie ihn Jasper Fforde, Terry Pratchett und Michail Bulgakow geschrieben hätten, wenn sie sich je begegnet wären. Die Baba Jaga ist eine slawische Märchengestalt. Bei oberflächlicher Betrachtung unserer europäisch buckligen bösen Hexe nicht unähnlich, hat Baba Jaga im Laufe der Geschichte einen Bedeutungswandel erfahren. Galt sie in frühen Zeiten als Heilerin und durchaus harmlose Kräuterkundige, stieg sie im Laufe der Zeit zur Teufelsverbündeten auf. Zu einer, die Menschen verspeist, ihren Gartenzaun mit Schädeln dekoriert und deren kümmerliche Hütte auf Hühnerbeinen errichtet ist. Kurz: Zu einer ganz und gar fürchterlichen Gestalt, der man nicht im Hellen, geschweige denn im Dunkeln begegnen möchte. Toby Barlow, selbst Creative Director einer Werbeagentur und freier Journalist, verpflanzt die alte Baba Jaga nun in das pulsierende Paris der 50er Jahre, obgleich der Glanz der alten Metropole bereits hier und da zu flackern beginnt. Baba Jaga heißt nun Elga, ihre gleichfalls männermordende, wenn auch um ein Vielfaches ansehnlichere Komplizin hört auf den Namen Zoja. Die beiden Hexen, deren Lebensalter mit …