Alle Artikel mit dem Schlagwort: aufbau verlag

Philipp Winkler – Hool

“Intensiv”, “eindringlich”, “wie ein Schlag” – das sind nur einige der Attribute, mit denen Philipp Winklers Debütroman über Hannoveraner Hooligans journalistisch angepriesen wird. Liest man den Roman selbst, wird man jedoch das Gefühl nicht los, dass ihm in den Augen mancher bereits die Tatsache zur Ehre gereicht, ein literarisch bisher wenig verwertetes Thema aufgegriffen zu haben. Wie er erzählt ist, gerät plötzlich vor der Begeisterung darüber, von was er erzählt, weit in den Hintergrund. Den wenigsten von uns dürfte bisher ein erhellender und erfahrungsgesättigter Einblick in die deutsche Hooliganszene gelungen sein. Von den meisten noch immer mit Ultras, Neonazis oder anderen organisierten Schlägertrupps gleichgesetzt, sind sie vor allem für ihre Gewaltbereitschaft im Umfeld von Fußballturnieren bekannt. Der gemeine, im Sinne von gewöhnliche, Hooligan ist ein verletzter, verlassener und aus prekären Familienverhältnissen stammender Orientierungsloser, der in der inszenierten und glorifizierten Gewalt Stabilität findet, Sinn und Bedeutung. So stellen wir uns das vor. Und so erzählt Philipp Winkler es uns auch. Heiko Kolbe ist Anfang zwanzig, hat zwei mal den Schulabschluss verpasst und keinerlei Perspektive. Seine On-Off-Freundin …

Willem Elsschot – Käse

1933 erschien „Kaas“ im Original, 1952 erstmals auf Deutsch. Der flämische Autor Willem Elsschot – eigentlich: Alfons de Ridder, – erzählt in diesem Klassiker von den Aufstiegsträumen eines einfachen Mannes und seinem tragischen Scheitern. Ein hintersinnig-komischer Roman, der nichts von seiner Schärfe verloren hat. Willem Elsschot war, so konstatiert auch das Nachwort dieses Buches, nie ein Mann großer Worte. Niemals wäre von ihm ein 800-seitiger Familienroman zu erwarten gewesen, viel mehr lässt sich sein ganzes schriftstellerisches Werk in einem Buch diesen Umfangs versammeln. Elsschot schreibt präzise, dicht und pointiert. In Fall von „Käse“ hätte mancher vielleicht einen Romanzyklus über Aufstieg und Fall eines kleinen Edamer-Unternehmens geschrieben, Elsschot aber begnügt sich mit den vermeintlichen Schilderungen aus erster Hand. Frans Laarmans, eigentlich Büroangestellter einer Schiffswerft, ist mit seinem Leben nicht unzufrieden – auch wenn er, wie viele einfache Männer seiner Zeit, insgeheim vom gesellschaftlichen Aufstieg träumt. Dieser kleine Hoffnungsschimmer, eines Tages zur besseren Gesellschaft zu gehören, lässt den ansonsten eher angepassten Laarmans auf ein wagemutiges Angebot eingehen. Mijnheer van Schoonbeke, ein Freund seines Bruders, offeriert ihm eine …

Ronja von Rönne – Wir kommen

Ronja von Rönne genießt, aufgrund ihrer kontrovers diskutierten Artikel, mit ihrem Debüt einen Aufmerksamkeitsvorschuss. Joachim Lottmann spricht laut Buchrücken sogar von einer Erzählstimme, die nicht nur “schnoddrig”, sondern auch “überlegen” sei, –  was immer das bedeutet. Wem überlegen? Und ist literarisch zelebrierte Überlegenheit wirklich so lobenswert, so lesenswert? Abzüglich des ganzen Brimboriums ist Ronja von Rönne ein durchschnittlicher Debütroman geglückt, dessen Lektüre bei weitem weniger sensationell ist als mancher vielleicht gehofft hat. Die Geschichte ist schnell erzählt. Im Mittelpunkt stehen Ich-Erzählerin Nora, Karl, Jonas, Leonie und ihre schweigende Tochter Emma-Lou. Die vier leben partnerschaftlich zusammen und verweigern sich mit dieser offenen Viererbeziehung plus Kind nicht nur der Eifersucht, sondern auch koventionellen Beziehungskonzepten. Jeder darf mit jedem von ihnen, vier gegen den Rest der Welt. Es ist eine Idee, die nicht ausschließlich jugendlicher Experimentierfreude entspringt, sondern auch minutiöser Vorsorge für den Fall, dass einer von ihnen ausschert. Selbst wenn das passiert, bleiben noch immer zwei, die entstandene Lücken schließen könnten. Nora weiß um den Schmerz, der durch Lücken und Abschiede entsteht. Als sie vom Tod ihrer …

Vendela Vida – Des Tauchers leere Kleider

Eine Frau reist nach Casablanca, um ihrem in Auflösung begriffenen Leben zu entkommen. Ihre Ehe steht vor dem Aus, eine Absprache mit ihrer Schwester hat sich wider Erwarten als Sprengstoff innerhalb der Geschwisterbeziehung erwiesen. Sie muss abschalten. In der flimmernden Hitze Marokkos aber wird sie wie fremdbestimmt in immer neue Umstände verwickelt, denen sie sich anpassen muss. “Es gibt Phasen in der Evolution”, heißt es in einem Gespräch im Roman, “in denen manche Arten in ihrer Entwicklung stagnieren, weil es keine Notwendigkeit für Veränderung gibt. Aber dann, meistens aufgrund von Umweltveränderungen, müssen sie sich ganz schnell anpassen. So entstehen neue Arten.”  Auf geschickte Weise ist dieser Ausflug in die Evolutionstheorie auch eine Charakterisierung von Vendela Vidas windiger Protagonistin und ihres Aufenthalts in Casablanca. Bereits zu Beginn läuft nichts nach Plan. Beim Einchecken ins Hotel wird ihr der Rucksack mit allen wichtigen Dokumenten, ihrem Laptop und ihrem Geld geklaut. Die Ermittlungen laufen schleppend, die Hotelangestellten scheinen großteils nicht willens oder fähig, sich des Diebstahls anzunehmen. Als man sie endlich doch zu einer Polizeistation bringt, händigt man …

F. Scott Fitzgerald – Die Straße der Pfirsiche

Scott und Zelda Fitzgerald waren sowas wie das literarische Glamourpaar der 20er Jahre. Keine Party, die ohne das gewisse Etwas der beiden ausgekommen wäre, kein Drink, den sie von Vernunft und Arbeit getrieben abgelehnt, kein Exzess, den sie ausgelassen hätten. Hinter der glitzernden Fassade aber, die fraglos auch Teil einer Selbstinszenierung war, steckte selbstredend etwas Anderes: Zeldas psychische Erkrankung, Scotts Alkoholproblem. Mit „Diesseits vom Paradies“ landet Fitzgerald beachtliche Erfolge. „Die Straße der Pfirsiche“ wird 1924 ohne viel Aufhebens in einem Magazin namens ,Motor’ veröffentlicht, um danach in der Versenkung zu verschwinden. Wie man jetzt sich jetzt überzeugen kann, zu Unrecht. Wenn die Frau eines gefeierten Autors und frühes It-Girl der literarischen High-Society eines Morgens aufwacht und sich Biscuits und Pfirsiche wünscht, muss umgehend Abhilfe geschaffen werden. Insbesondere, wenn es nicht um irgendwelche beliebigen Esswaren geht, sondern um eben jene aus Zeldas Heimat Alabama. Die beiden entscheiden sich schließlich so schnell wie unkompliziert zu einer Reise in ihrem alten Expenso, den sie liebevoll und realistisch „Rolling Junk“ (dt. rollender Schrott) nennen. Die Reiseroute ist klar: es …

Bitte übernehmen Sie, Mercedes Lauenstein!

© Juri Gottschall Das Schreiben begann für mich… sehr früh mit der Sehnsucht nach großen Schwestern, die auf mich aufpassten und mir die Welt erklärten und die ich aber nicht hatte und deshalb erfinden musste. Ein Buch muss… meinen Vibe treffen – ist ein bescheuertes, aber irgendwie auch geiles Wort. Ich denk da immer an Kendrick Lamars „Bitch don’t kill my vibe“, da weiß man doch sofort was gemeint ist. Wenn ich keine Bücher schreiben würde, könnte ich… malen. Ein Kindheitstraum von mir war… Schauspielerin zu werden und Vagabundin. Wenn ich nicht schlafen kann… räume ich auf, gehe spazieren oder male. Oder reiße zwanzig Bücher aus meinem Regal und lese wild drauf los, hier mal rein, da mal rein, bis ich eine Stelle finde, die mich umhaut. Die lese ich dann immer und immer wieder und dann setze ich mich hin und fange selbst an zu schreiben. Völlig unterschätzt wird… das Golfspiel. So ein weiser, lebensphilosophischer Sport, der viel zu oft als spießiges Seniorenhobby oder Snobscheiße für Neureiche verspottet wird. Wenn ich Musik höre,… wirkt …

Mercedes Lauenstein – Nachts

In der Nacht dreht sich die Welt langsamer. Die Menschen sind auf sich zurückgeworfen, genießen oder fürchten die Einsamkeit. In brilliant beobachteten und eindrücklich beschriebenen Miniaturen geht Mercedes Lauenstein dem Wesen der Nacht und der in ihr Schwärmenden nach. Was macht die Stille der Dunkelheit mit den Menschen? Was treibt sie um, wenn sie nicht schlafen können? Es sind Geschichten für (Pardon, Max Goldt!) Nächte am offenen Fenster. Wer sich jemals mitten in der Nacht in ein Gespräch hat verwickeln lassen, weiß, dass die Tiefe eines Austauchs in nächtlicher Stelle wächst je später es wird. Fassaden, Masken, Manierismen und Ablenkungsmanöver werden bedeutungslos, wenn die Außenwelt auf ihr Minimum reduziert ist. “Nachts” beschreibt die vermeintlichen Forschungen einer jungen Frau durch die erleuchteten Wohnungen ihrer Stadt. Zwischen 2 und 5 Uhr nachts klingelt sie bei denen, die noch wach geblieben sind. Während der Großteil der Menschen um diese Uhrzeit kollektiv in tiefem Schlummer liegt, gibt es auch solche, die mehr oder weniger rebellisch die Stellung halten, aus den unterschiedlichsten Gründen. So mancher genießt die Einsamkeit, die Ruhe, …

Simone Lappert – Wurfschatten

Ada liebt Fische. Sie beneidet sie um ihren Gleichmut, ihre innere Ruhe. Eine Ruhe, die Ada seit einiger Zeit nicht mehr kennt, die ihr abhanden gekommen ist. Ada hat Angst, vor so vielem – wovor eigentlich nicht? – und lebt in der ständigen Bedrohung einer neuen Attacke. Simone Lappert schreibt in ihrem Debüt die einfühlsame und eindrucksvolle Geschichte einer Frau, die um ihr Leben kämpfen muss. Ada, die eigentlich Adamine heißt, aber so verständlicherweise von niemandem genannt werden will, hat Angst. Angst vor Krankheit, vor Unberechenbarkeit, vor Einsamkeit, vor alltäglichen Katastrophen, die meistens irgendwo anders passieren, – aber jederzeit auch vor ihrer Haustür Halt machen könnten. Um ihrer Angst die nötige Trotzigkeit entgegenzusetzen, hat sie sich eine Collage aus Bildern gebastelt, ihre ,Angsttapete‘, die ihre Befürchtungen in konkrete Bilder übersetzen. Ein zerfetztes Bein, ein Tumor, eine Naturkatastrophe. Ada hält es jederzeit präsent – und vielleicht ist das das Problem. Die blasse Februarsonne spielte den Passanten auf dem Gehsteig ihre Schatten zu, synchron und maßstabgerecht, jedem sein Quäntchen Schablonenschwarz. Alles wie es sich gehörte, zumindest draußen, …

Ein Interview mit Peter Henning

Anlässlich meiner Besprechung von Ein deutscher Sommer habe ich Peter Henning einige Fragen zu seinem Roman stellen dürfen, die ihr im Folgenden von ihm beantwortet findet. 1.Herr Henning, Ihr Roman ,Ein deutscher Sommer‘ behandelt das Gladbecker Geiseldrama von 1988. Was hat Sie dazu veranlasst, ausgerechnet ein solches Ereignis zum Thema eines Romans zu machen? Ich habe das Ganze, ich war damals 28, via Fernsehen miterlebt, in einer Mischung aus Schaulust und völliem Irritiert-,ja Angewidertsein. Und ich  sagte mir: Dazu würde ich mich dereinst einmal schriftstellerisch äußern, wenn ich denn mal einer sein würde. Die Bilder von damals haben mich nie mehr losgelassen. So gesehen habe ich 25 Jahre auf dieses Buch gewartet. 2.Wie haben Sie das Geiseldrama damals erlebt? Waren Sie journalistisch involviert? Nein, ich studierte damals ziemlich lustlos Philosophie und Germanistik, und war von der späteren journalistischen Tätigkeit (ich habe mich nie zu Fragen der Politik oder des Zeitgeschehens sondern immer nur zu Fragen und Problemstellungen des literarischen Lebens geäussert) noch denkbar weit entfernt. 3.Was unterscheidet die Herangehensweise beim Schreiben über ein reales Ereignis …

Peter Henning – Ein deutscher Sommer

Peter Henning ist ein deutscher Schriftsteller. Er studierte Germanistik und Philosophie in Frankfurt, seit 1985 war er als Journalist für verschiedene deutsche Zeitungen tätig. In ,Ein deutscher Sommer‘ beschäftigt er sich mit dem Gladbecker Geiseldrama von 1988, das als eines der größten Kriminaldramen in die deutsche Nachkriegsgeschichte eingegangen ist. ‘Ein deutscher Sommer’ erschien im Aufbau Verlag. Vielen Deutschen dürften die Bilder des Sommers 1988 noch lebhaft vor Augen stehen. Die Bilder zweier Männer, Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski, die Polizei, Journalisten und Zivilbevölkerung 54 Stunden in Atem hielten. Die Bilder der Geiseln, die Bilder des fünfzehnjährigen Emanuele de Giorgi, der bei dem Versuch, seine Schwester zu beschützen, erschossen wird, die Bilder der damals achtzehnjährigen Silke Bischoff, die bei der Beendigung des Dramas ebenfalls zu Tode kommt. Es ist ein Wagnis, das Peter Henning mit seinem Roman eingeht. Sich an Erinnerungen entlangtastend, die sich ins kollektive gesellschaftliche Gedächtnis eingegraben haben, entwirft er ein Panorama dieser 54 Stunden, gleichzeitig aber auch eines ganzen Sommers, eine literarische Bestandsaufnahme, die nicht mit kritischen Seitenhieben auf den geifernden, jeder Empathie …