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Schmuckstücke aus Papier: Das Atelier Tetebrec

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Petra van Cronenburg ist Autorin, Redakteurin, Texterin, Übersetzerin und – seit kurzem – mit ihrem in Frankreich beheimateten Atelier tetebrec auch Schmuckdesignerin. Sie arbeitet mit ganz verschiedenen Materialien, von alten Büchern und feinem Papier über Glas, Perlen und sogar Fungi, eine Art Pilz. Alles, was sie anfertigt, ist Handarbeit. In jedem Einzelstück stecken viele Stunden des Entwerfens, der Materialbeschaffung und schließlich der Herstellung. „Edel-Upcycling“ nennt sie das auch. Ich habe Petra van Cronenburg zu ihrem Atelier und ihrer Arbeit befragt.

Was ist das Atelier Tetebrec und wie kam es zu seinem Namen?

Tetebrec ist ein keltisches Wort und bedeutet etwa „funkelnder Schatz“. In der irischen Mythologie wurde so eines der drei Häuser des Königssitzes Emain Macha genannt, des heutigen Navan Fort. Wo einst Krieger ihre Waffen deponierten, ließ sich der irische „Ulysses“ Cú Chulainn niederlegen, als er vom Feenzauber getroffen war. Ein magisches Jahr verbrachte er in Tetebrec, jenem funkelnden Schatz-Ort zwischen Realität und Anderswelt. Hier erlebte er die „Feenzeit“, in der Raum und Zeit aufgelöst scheinen und Grenzen verschwimmen. Alles ist möglich in jenem bunt funkelnden Schwebezustand, der den Schatz des Träumens birgt. Ich liebe keltische Kultur und irische Literatur. In jungen Jahren bastelte ich ein „Kunstwerk“ aus Naturfundstücken und Elektronikschrott, hängte es an die Wand und schrieb darunter „Kommunikation. Atelier Tetebrec“. Ich weiß nicht mehr, was das damals sollte, aber mir kam der Gedanke: Warum dieses Atelier nicht aus der Feenzeit in die Realität holen? Es passt gut, weil ich im Naturpark Nordvogesen im Elsass in einer Gegend keltischer Relikte lebe und die Franzosen das Wort aussprechen können. Und wenn Schmuck nicht ein funkelnder Schatz ist!

Du fertigst u.a. aus alten Büchern und Papier verschiedene Schmuckstücke. Was fasziniert dich am Upcycling?

Die Idee kam mir sehr schräg in einer schwierigen Phase und als Befreiungsschlag. ( https://cronenburg.blogspot.com/2016/05/altersstarrsinn-langstrumpf-gene.html ) Ich beschloss, eine Weile keine Bücher mehr zu schreiben, weil mir der Buchmarkt aus diversen Gründen auf die Nerven ging. Da entdeckte ich, dass man Bücher nicht nur zerreißen, sondern auch zu herrlichen Perlen wickeln kann. Das ist weniger langweilig als Meditieren. Ich liebe es, alten und kaputten Büchern ein zweites Leben in Schönheit zu verschaffen und aus „Müll“ und angeblich Wertlosem kleine Preziosen zu basteln. Als Autorin bin ich papiersüchtig und kann es nicht mit ansehen, wenn einer eine Kiste mit Büchern aus dem 19. Jahrhundert einfach in die Tonne wirft. Die muss ich retten. Dabei sind für mich wie für die meisten meiner KundInnen E-Books völlig selbstverständlich. Die Haptik verlagert sich an den eigenen Körper, als Schmuck! Lustig ist mein neuer Zugang zum gedruckten Buch. Mich interessieren plötzlich chemische Eigenheiten der Papiere, der Ligningehalt oder die Qualität der Lackierungen, denn jedes Papier reagiert anders im Herstellungsprozess. Premiumtaschenbücher kann ich gar nicht gebrauchen, die sind nur ärgerlich, aufgepumptes Wattezeug. Billige Schmöker aus dünnem Papier reagieren dagegen absolut perfekt. Ich beurteile inzwischen Verlage danach, ob ich ihre Bücher gern zwischen den Fingern kneten mag oder erst kleinhäckseln müsste. Das befreit die Buchautorin in mir …

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Mit welchen Materialien arbeitest du?

Die Papierkunst entsteht aus Pappe und Papieren, die ich von Hand verarbeite. Das dauert mit allen Zwischentrocknungen 8-14 Tage, je nach Witterung. Ich beziehe aber auch Papiergarn aus einer kleinen Manufaktur. Die besonders wertvollen Rohlinge werden aus Künstler-Aquarell-Karton gefertigt, alles andere ist Recycling. Keine Kartonverpackung landet mehr im Müll bei mir. Ich liebe Kontraste. Also passt dazu besonders Edles: Glaskunst und Kristallglas aus Böhmen oder Venedig, handbemalte russische Holzperlen, japanische Rocailles. Materialien aus der Natur wie Beinperlen, Holz oder meine Pilze. Kein Massenschund, kein Plastik und am liebsten aus Manufakturen oder Familienbetrieben, soweit möglich.

Du verwendest u.a. Fungi, weder Tier noch Pflanze, aber doch Lebewesen. Was hat dich dazu gebracht und wie verarbeitest du Fungi?

Meine Pilzkollektion heißt „Fungimania“, weil ich tatsächlich fasziniert von Pilzen bin. In einem Wald, der zu einem der wichtigsten Biosphärenreservate Europas gehört, stolpert man unweigerlich ständig über Pilze. Sie sind in der Tat ein bisschen wie Aliens, mit einem eigenen Reich innerhalb der biologischen Klassifikation. Früher galten sie als Pflanzen, weil sie ortsfest sind und ihre Fruchtkörper so wachsen. Heute weiß man, dass sie einige Eigenschaften mit Tieren teilen, etwa dass sie organische Nährstoffe mit Enzymen aufschließen. Ihre Zellwände bestehen oft aus Chitin, was bei Pflanzen nicht vorkommt. Und doch sind sie auch keine Tiere, ihre Zellen sind z.B. anders gebaut.

Brosche aus Fungi

Brosche aus Fungi

Mein Beagle-Bracken-Mix Bilbo brachte mich auf die Idee: Er stöbert gern Pilze auf – leider keine Trüffel. Als er mir ein Holzscheit mit Schmetterlingstrameten vorführte, war ich hin und weg. Die heißen auf Englisch Turkey Tail, Truthahnschwanz, weil sie wirklich so aussehen. Ich sah in Gedanken sofort eine dieser Schönheiten an meinem Hals baumeln. Es gab übrigens nicht nur in Frankreich eine sehr alte Tradition, bestimmte Pilze zu Hutschmuck zu verarbeiten. Bis zum Schmuckpilz war es aber ein weiter Weg, etwa zwei Monate intensive Recherchen, wie man einen Pilz dazu bringen könnte, so hart wie das Holz zu werden, das er zerfrisst, unempfindlich gegen Feuchtigkeit. Das bleibt auch mein Geheimnis. Ihr Stoffwechsel hat faszinierend viele Berührungspunkte mit den Eigenschaften sehr alten Papiers. Pilze entziehen dem Holz Lignin – dann zerbröselt ein Baumstamm weich wie Watte. Andere impfen bestimmte Schimmelarten ins Holz. Lignin wiederum ist der Stoff, der alte Bücher vergilben lässt, da fühlt man noch den Baum im Buch. Ich ernte die Fruchtkörper von Totholz, bevor sie absterben. Der Pilzkörper, das Myzelium, lebt im Holz oder Boden weiter und treibt woanders neu.

Pilze sind in der modernen Forschung eins der vielversprechendsten Wesen für die Zukunft. Man forscht an Bioplastik und Verpackungen aus Fungi und hat vor kurzem einen Lederersatz aus speziell gezüchtetem Pilzgeflecht gewonnen, der ohne Chemie gefärbt und geprägt werden kann. Im Labor wachsen Myzelien zu ökologischen Baustoffen und sogar Möbeln. Einem Designer ist es gelungen, ein Gemisch mit Pilzmyzel per 3-D-Drucker auszudrucken – zu schicken Möbeln. Die sind hart wie Holz; aber wenn man sie nicht mehr mag, kann man sie einfach im Garten kompostieren. Ich könnte jetzt stundenlang erzählen …

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Die Beschaffung mancher Materialien ist, wie ich öfter von Dir gelesen habe, unerwartet kompliziert. Ich nehme an, du bist jetzt Expertin für manch abseitiges Thema in Zusammenhang mit Holz, Glas, Farben etc.?

Da wissen andere sicher mehr als ich! Kompliziert war eher die Kosten-Nutzen- und Logistikrechnung. Deshalb fertige ich meine Verpackungen noch selbst und muss z.B. seit den Sanktionen gegen Russland handbemalte Holzperlen nach russischer Tradition über Indien beziehen. Mit den Lacken und Leimen haben mich unwillige Einzelhändler vor Ort reihenweise auflaufen lassen. Und deutsche Firmen liefern einfach nicht mehr nach Frankreich, aus einer völlig überflüssigen Angst vor Terrorismuskontrollen. Seit der Abstimmung zum Brexit sind sogar manche Firmenkontakte der Briten zum Festland gekappt. Klingt verrückt, aber es gibt weltweit nur zwei, drei Produkte, die absolut umweltfreundlich sind und alle Bedingungen bei der Verarbeitung erfüllen. Meine Rettung war wie so oft das Internet. Die Päckchen aus den USA brauchen lange, aber keiner zögert damit, zu liefern. Und dann ist mein französischer Online-Grossist für einen Teil eingesprungen und hat mir ein Angebot gemacht – der hat jetzt eine sehr treue Kundin!

Was beeinflusst dich künstlerisch bei deiner Arbeit?

Farben, Formen, Texturen. Als Synästhetikerin bin ich in meinem Element: Ich höre Farben, seh-fühle Musik, Gerüche haben eine Struktur und Farben … Schreiben ist deshalb die eher eindimensionale Kunst, Schmuckdesign ist rund, da ist alles dabei. Natur und Kunst inspirieren mich. Ich bin verrückt nach der Kunst um die Ballets Russes zwischen 1909 und 1929, liebe Kandinsky und Miró. Darum wohl mein Farbenrausch. An archäologischen Schmuckfunden und Ethnoschmuck komme ich nicht vorbei. Und Frauen. Jede Frau hat dieses sehr eigene innere Leuchten, das aus ihrer Geschichte, ihrer Persönlichkeit kommt. Wie ein Buch in einer Buchperle schimmert. Ich stelle mir manchmal vor, dass mein Schmuck heimlich in der Schachtel flüstert und mit seiner Trägerin Geschichten austauscht.

Wie entwirfst du neue Schmuckstücke, wie gehst du vor?

Chaotisch wie beim Bücherschreiben. Ich besitze ein Ideenkritzelheft. Ich sauge Schönes von außen in mir auf, sehe da eine besondere Kurve, dort eine seltene Farbe. Ich kann mich stundenlang in Perlenkatalogen verlieren. Letztendlich verhalten sich aber die Materialien wie Romanfiguren, der Faden wird zur Plotline: Die erzählen mir, mit wem sie können oder nicht. Und wie beim Buch steckt natürlich mehr Handwerk und Schweiß dahinter, als man vermutet. Techniken, Materialkunde, Mathematik, viel Geometrie. Geduld und eine ruhige Hand.

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Damit ich die Geduld nicht verliere, arbeite ich an mehreren Stücken gleichzeitig. Manchmal liegt eine Kette drei Wochen lang fast fertig herum, weil ich mit einer letzten Idee nicht zufrieden bin. Ich habe auch schon eine Kette aufgeschnitten und völlig neu gefädelt, weil mir ihr Klang nicht gefallen hat, den außer mir niemand wahrnehmen wird. Aber dann weiß ich, es stimmt einfach etwas nicht. Oder ich springe mit dem Frühstückskaffee an die Arbeit, weil mir plötzlich eingefallen ist, welcher Verschluss passen könnte. Inzwischen fertige ich auch auf Bestellung. Da liegt ein Auftrag für den Bühnenauftritt zweier Sängerinnen: Ich habe nur Längenmaße, ungefähre Farbwünsche und natürlich Fotos von den beiden. Ich darf völlig frei werkeln – das ist natürlich ein Traum! Ich darf nur nicht wie Cú Chulainn ein Jahr verträumen, sondern muss ran. Eine einzelne Papierperle wird zweimal behandelt, bevor ich sie mit drei Lackschichten überziehen kann … das dauert.

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