Alle Artikel mit dem Schlagwort: wirklichkeit

Luigi Pirandello – Sechs Personen suchen einen Autor

Es gibt viele Romane, die auf einer höher geordneten Ebene ihre eigene Existenz thematisieren. Ein Klassiker dieses Fachs dürfte noch heute Laurence Sternes Tristram Shandy sein, das als Lebensgeschichte, auf epische Breite angelegt, bereits die ersten hundert Seiten kaum über die Geburt des Tristram Shandy hinauskommt. Immer wieder mischt der Erzähler sich ein, wird als Erzähler erkennbar. Das aktuellste Beispiel eines solchen literarisch-erzählerischen Verwirrspiels lieferte Tilman Rammstedts ,Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters‘. Die faszinierende Lust am Spiel mit Realitäten ist beinahe mit bloßen Händen greifbar, es macht Freude, sich von Autoren um den Finger wickeln zu lassen. Luigi Pirandello war ein Meister auf diesem Gebiet. 1867 in Agrigent geboren, gilt er heute als einer der bedeutendsten Dramatiker des 20. Jahrhunderts. 1934 erhielt er für Einer, Keiner, Hunderttausend den Literaturnobelpreis. Sechs Personen suchen einen Autor gehört zu den meistinszenierten Stücken an großen Häusern, enthält es doch ganz zentrale Punkte Pirandellos philosophischer Überlegungen. Seit vielen Jahren – und doch, so scheint es, erst seit gestern – steht eine sehr geschwätzige, des Handwerks aber darum nicht weniger kundige …

Julia Deck – Viviane Élisabeth Fauville

Julia Deck ist eine französische Autorin. Geboren in Paris studierte sie Literatur, unterrichtete Französisch und besuchte eine Journalistenschule. Heute arbeitet sie bei dem Magazin Livres Hebdo. Viviane Élisabeth Fauville ist ihr Debütroman und erscheint in der Übersetzung von Anne Weber im Wagenbach Verlag. Sie ist vierzig, Mutter eines Kindes und an einem Scheideweg ihres Lebens angekommen. Ihr Mann hat sie für eine andere, eine jüngere Frau, verlassen, ihre Mutter ist tot. In Viviane verdichtet sich aller Verlust, der sich in einem Menschenleben anhäufen kann. Einzig ihr Kind, das sie stets wie eine Versicherung des Lebens mit sich auf dem Arm trägt, scheint wie ein Symbol der Beständigkeit in einem Leben, das sich in seine Bestandteile auflöst. Und doch … Sie sind nicht ganz sicher, aber Sie haben das Gefühl, vor vier oder fünf Stunden etwas getan zu haben, was Sie nicht hätten tun sollen. Sie versuchen, sich die Abfolge Ihrer Gesten in Erinnerung zu rufen, deren Faden wieder aufzunehmen, aber jedesmal, wenn Sie einen zu fassen bekommen, fällt sie, statt automatisch die Erinnerung der nächsten …

Jonathan Littell – In Stücken

Jonathan Littell ist ein französischer Schriftsteller amerikanischer Herkunft. Er ging in Paris zur Schule und studierte in Yale. Seinen größten Erfolg hatte Littell bisher mit seinem Monumentalwerk Die Wohlgesinnten, für das er mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. Es beschäftigte sich detailliert mit den Gedanken und Gefühlen eines SS-Offiziers und sorgte 2008, nach seinem Erscheinen in Deutschland, für heftige Debatten. Das hier vorliegende Werk wurde übersetzt von Heiner Kober, der neben Littell auch Bücher von Oliver Sacks und Stephen Hawking übersetzte. Ich gestehe – das hier ist mein erster Littell. Zwar machte mich die mediale Furore, die es vor einigen Jahren um Die Wohlgesinnten gab, ein bisschen neugierig, aber ich habe das Lesen damals auf einen späteren Zeitpunkt verschoben, schließlich ist die Reise in die Gedankenwelt eines Nazi-Funktionärs nicht eben kurz. Ganz im Gegenteil zu In Stücken, das gerade neu im Matthes und Seitz Verlag erschienen ist. 59 Seiten umfasst es, diese Momentaufnahme eines namenlosen Protagonisten, der, von einer Situation in die nächste gleitet, getrieben wird wie von einer unsichtbaren Kraft, sich selbst niemals gewiss. …