Alle Artikel mit dem Schlagwort: wallstein verlag

Ludwig Laher – Bitter

Ludwig Laher ist ein österreichischer Autor. In Linz geboren, studierte er Germanistik, Anglistik und Klassische Philologie und arbeitete zunächst als Gymnasiallehrer. Seit 1998 ist er als freier Schriftsteller tätig und erhielt zahlreiche Literaturpreise und Stipendien. 2011 stand er mit seinem Roman ,Verfahren’ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. ,Bitter‘ ist sein neuester Roman und erschien im Wallstein Verlag. Es ist kein Geheimnis, dass viele hochrangige NS-Funktionäre nach Gründung der Bundesrepublik ihre jeweiligen Karrieren in Amt und Würde weitgehend ungehindert fortsetzen konnten, so sie sich nicht, wie zum Beispiel Adolf Eichmann und Josef Mengele, ins Ausland abgesetzt hatten. Diese lockere bis (bewusst) schlampige Verfahrensweise galt als eine der Triebfedern der 68er-Bewegung. Während die alte Generation die Vergangenheit ruhen lassen wollte, forderten die Kriegskinder vehement Aufklärung. Ludwig Laher führt uns nun einen schnittigen und wendigen Juristen vor, der als Sturmbannführer bei der SS und Gestapo-Offizier den Tod vieler Menschen zu verantworten hatte – und dafür weitgehend ungestraft blieb. Der junge Fritz Bitter ist einer von Tausenden Hingerissenen, ein Erweckungserlebnis ist der Linzer Riesenauflauf jedoch nicht für ihn. …

Ernst Glaeser – Jahrgang 1902

Ernst Glaeser (1902-1963) war ein deutscher Autor. Er studierte Philosophie, Gemanistik und Literaturwissenschaft und war schon in jungen Jahren Redakteur der Frankfurter Zeitung sowie von 1928 bis 1930 Leiter der literarischen Abteilung des Südwestdeutschen Rundfunks. Diese Position dürfte Glaeser in nicht unwesentlichem Umfang dem Erfolg seines erstmals 1928 erschienenen Romans ,Jahrgang 1902′ zu verdanken haben, der ihn über Nacht bekannt und zum Sprecher einer ganzen Generation machte. Angesichts des Gedenkjahres 2014 entschloss sich der Wallstein Verlag, dieses Stück romanhafte Zeitgeschichte neu zu veröffentlichen. Im Folgenden berichte ich, was meine Freunde und ich vom Krieg gesehen haben. Es sind nur Episoden. (…) Meine Beobachtungen sind lückenhaft. Es wäre mir leicht gewesen, einen “Roman” zu schreiben. Ich habe mit diesem Buch nicht die Absicht zu “dichten”. Ich will die Wahrheit, selbst wenn sie fragmentarisch ist wie dieser Bericht. Mit diesen Worten unterbricht Ernst Glaeser den Fluss seines Romans und verdeutlicht, dass nicht das Stilisieren, sondern das Dokumentieren sein Anliegen als Schriftsteller ist. So will Glaeser sein Werk offensichtlich schon damals mehr als Zeitpanorama begriffen wissen denn als …

Das Frühjahr kommt immer früher.

Eigentlich sind wir ja erst mit einem Bein den Herbstprogrammen der Verlage entstiegen. Längst haben wir nicht alles gelesen, was wir uns vorgenommen haben, da trudeln schon wieder die nächsten Kataloge ein. Unermüdlich und in völliger Nichtachtung der Sachlage werden uns bereits neue Bücher präsentiert, die in Bälde erscheinen – und gelesen werden wollen. Ich habe die Weihnachtstage genutzt und Verlagsvorschauen gewälzt, um euch – gewissermaßen als Ausklang des Jahres – vorfreudig in das neue Jahr zu entlassen. Die DVA legt im nächsten Jahr gleich mehrere interessante Bücher vor. So zum Beispiel Fiona McFarlanes ,Nachts, wenn der Tiger komt’, das mit seiner Handlung durchaus in Konkurrenz zu einem Hitchcockstreifen treten könnte. Eine alte Dame in einem abgelegenen Haus und die ihr entgleitende Realität. Andreas von Flotow erzählt in ,Tage zwischen gestern und heute’ von der gewaltsamen Auflösung einer Familie und dem Jungen, auf dessen Rücken sie ausgetragen wurde. Im Piper Verlag erscheint mit Ramona Ausubels ,Der Anfang der Welt’ ein Roman, der fast wie ein Märchen anmutet. Ein kleines Dorf am Rande der Welt versucht, …

[LiteraTour Nord] Ralph Dutli – Soutines letzte Fahrt

Nachdem Abbas Khider vor drei Wochen mit seiner Lesung aus ,Brief aus der Auberginenrepublik’ (hier mein Bericht) die diesjährige LiteraTour Nord in Lübeck eröffnen durfte, folgte am gestrigen Abend Ralph Dutli. Mit dem gebürtigen Schweizer ging auch der erste Buchpreisanwärter dieses Jahres ins Rennen um den Preis der LiteraTour Nord. Im Kellergewölbe des Lübecker Buddenbrookhauses las Ralph Dutli aus seinem ersten Prosawerk ,Soutines letzte Fahrt’, aus seiner geschickten Verquickung von Realität und Fiktion rund um den weißrussischen Maler Chaim Soutine. Soutine blieb zeit seines Lebens eher unbekannt und unentdeckt. Einige wenige sahen zwar bereits zu Lebzeiten sein Talent, insgesamt blieb der stille und gequälte Chaim Soutine doch immer im Schatten seiner großen Weggefährten – Modigliani, Picasso, Chagall. An einem offenen Magengeschwür leidend wird Soutine im Winter ’43 in einem Leichenwagen zu einer lebensnotwendigen Operation nach Paris gebracht. Um den französischen Kontrollen zu entgehen, wählte man ein eher ungewöhnliches Vehikel, – die Aussagen darüber, ob es sich nicht doch um einen konventionellen Krankenwagen gehandelt habe, gehen, wie Dutli selbst sagt, an der einen oder anderen Stelle …

[5 lesen 20] Ralph Dutli – Soutines letzte Fahrt

Ralph Dutli ist ein Schweizer Lyriker, Essayist, Übersetzer und Autor. Er studierte Romanistik und Russistik in Zürich und Paris und wurde zunächst als Übersetzer und Herausgeber der Werke Ossip Mandelstams, einem russischen Dichter, bekannt. Schrieb Dutli bisher eher poetologische Abhandlungen oder literatur – und kunsthistorische Essays, legt er mit ‘Soutines letzte Fahrt‘ nun seinen ersten Roman vor, der gewissermaßen verschiedene seiner Themen vor dem Hintergrund des Malers Chaim Soutine verbindet. Der Roman erschien im Wallstein Verlag und steht mit neunzehn anderen Romanen auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2013. Verglichen mit seinen Wegbegleitern Picasso, Chagall oder Modigliani ist Soutine eher ein Maler, der seine Spuren weniger nachhaltig in den Boden der Kunsthistorie geprägt hat. Kennern ist er freilich ein Begriff, sind seine Gemälde sich windender Landschaften und unproportionierter Modelle wohl bekannt. Der Laie aber dürfte mit Dutlis Roman zum ersten Mal von diesem schweigsamen, weißrussischen Maler hören, der in den späten 20ern in Paris, in der flirrenden Atmosphäre von Montparnasse tatsächlich mit seinen Bildern perspektivischer Verzerrung zu beachtlicher Berühmtheit gelangte. Als Sohn eines Flickschneiders 1893 …

Patrick Roth – Meine Reise zu Chaplin

Patrick Roth ist ein deutscher Schriftsteller und Regisseur. Nach dem Abitur ging er nach Paris, um die französische Sprache zu lernen, danach studierte er, zurück in Deutschland, Anglistik, Germanistik und Romanistik. Er erhielt ein Stipendium für die University of Southern California, wo er Filmproduktion und Regie studierte. Er produzierte eigene Kurzfilme, absolvierte eine Schauspielausbildung, schrieb Hörspiele und Theaterstücke. Meine Reise zu Chaplin erschien erstmals 2002, nun hat es der Wallstein Verlag zum 125.Geburtstag Chaplins neu aufgelegt. Wir alle haben Idole. Vorbilder. Menschen, zu denen wir aufblicken und die wir bewundern. Künstler, die uns mit dem, was sie taten, unwissentlich viel näher kamen als unsere engsten Verwandten und Freunde. Die uns auf eine Art und Weise auf unserem Weg begleitet haben, die schwer in Worte zu fassen ist. Für den jungen Patrick Roth ist das fraglos Charlie Chaplin. Der Tramp, der Star des Stummfilms, der “große Diktator”. Schon als Kind begann seine Liebe und Bewunderung, die sich mit seinen cineastischen Studien eher fortsetzte und vertiefte. In der Schule verliebt er sich in ein Mädchen, weil sie …

Sabine Peters – Narrengarten

Sabine Peters ist eine deutsche Autorin. Sie studierte Literaturwissenschaft, Politikwissenschaft und Philosophie. Seit 2004 lebt sie als freie Schriftstellerin in Hamburg. Sie erhielt bereits zahlreiche Preise und Stipendien, so z.B. den Ernst-Willner Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb sowie letztes Jahr den Georg-K.-Glaser-Preis. Narrengarten ist ihr mittlerweile siebtes Buch und erscheint im Wallstein Verlag. Großstädte sind asphaltierte Abgründe. Wer hat sich nicht schon einmal gewünscht, einen kurzen Moment durch die Gedanken seiner Mitmenschen zu flanieren? Nicht durch die offensichtlichen, sondern die versteckten und verborgenen, durch die, die aus gutem Grund im Verborgenen stattfinden. Sabine Peters ermöglicht dem Leser mit Narrengarten genau solche Spaziergänge, Spaziergänge durch die Gefühls – und Gedankenwelten ganz normaler und alltäglicher Menschen. Die Heimat gab es lange vor mir. Um sich ihr wieder zu nähern, könnte man in einem Bild vielleicht sagen, sie ging leicht gebeugt, ihr Gesicht war faltig. War sie alt? Auf jeden Fall hat sie viel gesehen. Und bestimmt war sie so, wie alle Heimaten sind, manchmal stur, engstirnig und verschlossen. Dann wieer öffnete sie unerwartet Türen zu ihren Kammern, Räumen, Ländereien, …