Alle Artikel mit dem Schlagwort: vergangenheit

Rachel Joyce – Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte

Rachel Joyce ist eine britische Schriftstellerin. Sie studierte Englisch und besuchte die Royal Academy of Dramatic Art in London. Außerdem war sie Schauspielerin der Royal Shakespeare Company und gewann sogar einen Award für ihre Rolle in Henrik Ibsens Nora oder Ein Puppenheim. 2012 hatte sie mit ,Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry‘ einen völlig unerwarteten Welterfolg. Auch ihr neuer Roman erscheint im Fischer Verlag, aus dem Englischen übersetzt von Maria Andreas. Manch ein Roman tut, ohne jeden intellektuellen Anspruch, einfach gut. Wie ein Bad am Abend, heißer Kakao und – eingedenk der Jahreszeit – in weich-wollene Socken gehüllte Füße. Schon mit ihrem ersten Roman hat Rachel Joyce bewiesen, dass es zu ihren unbestrittenen und herausstechenden Talenten gehört, solche Romane zu schreiben. Ungewzungen, natürlich fügt sich ein Wort an das andere und lässt genau dieses wohlige Gefühl entstehen, zu dessen Erzeugung Literatur, neben allerlei Sinnkrisen, auch imstande ist. Rachel Joyce erzählt die Geschichte einer Freundschaft und eines Unglücks, dessen Beginn ohne Zweifel in zwei Sekunden fällt, die es eigentlich gar nicht gab. James Lowe und Byron …

Als der Wind von Abend wehte

Sprache ist im Wandel. Und so wie manch ein Wort unversehens Eingang in den täglichen Sprachgebrauch findet, von dem wir uns fragen, wie es so plötzlich aus dem Nichts auftauchen konnte, verschwinden mit fortschreitender Zeit auch immer wieder vereinzelt Ausdrücke, mit denen wir nichts mehr anfangen können. Wenn der Wind früher von Abend wehte, war das nicht etwa eine tageszeitabhängige meteorologische Ausnahmeerscheinung, sondern die schlichte Feststellung, das Lüftchen wehe von Westen her. Und wer des Abends nach getaner Arbeit scherzhaft einen Arbeitersekt verlangte, bekam ein schlichtes Mineralwasser verabreicht. Bescheidene Verhältnisse, bescheidene Getränke. Wir alle kennen noch Worte, die man eigentlich nicht mehr verwendet, manch einer ist sprachlich nahezu krankhaft nostalgisch. So wie Preising, einer der Protagonisten in Jonas Lüschers Roman ,Frühling der Barbaren’. “Pass auf”, sagte er, “ich werde es dir beweisen, und zu diesem Behufe werde ich dir eine Geschichte erzählen.” Das war auch so eine von seinen Angewohnheiten, Worte zu verwenden, von denen er sicher sein konnte, dass er der Einzige war, der sie noch im Repertoire hatte.” Allerenden, danieden, derohalben, forthin, lustwandeln, …

Franz Hohler – Gleis 4

Franz Hohler ist ein Schweizer Autor, Kabarettist und Liedermacher. Er studierte an der Universität Zürich Germanistik und Romanistik. Schon während des Studiums führte er sein erstes Soloprogramm pizzicato auf, das sich als so erfolgreich erwies, dass Hohler beschloss, das Studium abzubrechen und von seiner Kunst zu leben. Im März feierte Hohler seinen 70.Geburtstag, ihm zu Ehren veröffentlichte der Luchterhand Verlag bereits Anfang des Jahres den Erzählband “Der Geisterfahrer”. Stellen wir uns vor, wir befänden uns mit schwerem Gepäck auf einem gut besuchten Bahnhof. Vor uns eine unerhört steile Treppe, neben uns ein Koffer, den wir lieber durch die Luft dirigieren als diese steile Anhöhe hinaufschleppen wollen. Unversehens taucht neben uns ein älterer Herr auf und bietet an, den Koffer zu tragen. Ein Gentleman der alten Schule, denken wir und willigen nach einigen Sekunden Bedenkzeit erfreut ein. Es gibt sie noch, die guten Menschen, die Helfer ohne Hintergedanken, werden wir denken, während der Mann uns voraus nach oben schreitet. Scheinbar mühelos und guter Dinge. Der Mann rollte den Koffer zum Rand des Bahnsteigs, ließ ihn stehen …

Ein Interview mit Björn Bicker!

Ergänzend zu meiner Rezension zu Björn Bickers ‘Was wir erben‘ hier ein kleines Interview, zu dem sich Herr Bicker freundlicherweise bereit erklärt hat! In Ihrem Roman ‘Was wir erben’ geht es um die dunklen Flecken im Konstrukt Familie, um das, was sie uns mit auf den Weg gibt, wenn sie uns ins Leben entlässt. Was bedeutet Familie für Sie? Ich kann mir mich selbst ohne Familie gar nicht vorstellen. Das ist eine sehr zwiespältige Angelegenheit. Die Familie, in die ich hineingeboren wurde, konnte ich mir nicht aussuchen. Das ist Verwandtschaft, der man ausgeliefert ist, die einen prägt, positiv wie negativ. Alles spätere wird in diesem Verbund angelegt. Manchmal kommt es mir so vor, als bestünde das ganze Leben darin, sich von bestimmten familiären Bindungen zu lösen. Aber dann kommt ja auch noch die Familie, die man sich selbst aussucht. Wahlverwandtschaft. Und dann kommen Kinder und diese Verstrickungen gehen weiter. Ob wir wollen oder nicht. Kann schön sein. Kraft geben. Liebe ist wohl das Entscheidende und eine gute Portion Wissen über sich selbst. Damit es gelingt. …