Alle Artikel mit dem Schlagwort: suhrkamp verlag

Heinz Helle – Eigentlich müssten wir tanzen

In Heinz Helles neuem Roman “Eigentlich müssten wir tanzen” ist die Welt, wie wir sie kennen, aus den Fugen geraten. Sie gleicht einem zerstörten Kriegsgebiet, wenn die Ursache der verheerenden Zerstörung auch im Unklaren bleibt. Für die fünf jungen Männer, die ihr Wochenende auf einer Berghütte verbringen, ist dieser Ausflug lebensrettend. Aber wie lebt es sich in einer Welt, die nur noch aus Zerstörung, Elend und Einsamkeit besteht? Was bleibt übrig von Mensch, Kultur und Zivilisation? Ein eindringliches, lakonisches und trotz aller Ödnis sehr intensives Buch. Kürzlich ließ ein Wetterdienst verlauten, in naher Zukunft könnte ein Meteorit die Erde auslöschen. Die Ankündigung des nahenden Weltuntergangs hat Tradition, auch wenn sie überwiegend friedfertig belächelt wird. Die Welt ist selbstverständlich, solange wir nicht vom Gegenteil überzeugt werden. So wie Drygalski, Fürst, Gruber, Golde und der Ich-Erzähler in Heinz Helles “Eigentlich müssten wir tanzen”. Eigentlich wollten sie auch nur ein Wochenende auf einer verschneiten Berghütte verbringen und retten sich damit unwissentlich, ja zufällig ihr Leben. Als sie die Hütte verlassen, um den Nachhauseweg anzutreten, sehen sie das Dorf …

Ralf Rothmann – Im Frühling sterben

Er ist derzeit in aller Munde und Feuilletons, der Roman von Ralf Rothmann. Die Geschichte des jungen Melkers Walter, der sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs mit seinem Freund Fiete mehr oder weniger unfreiwillig der SS anschließt und schließlich gezwungen ist, ihn zu erschießen, weil er desertierte, erntet frenetischen Beifall. Nicht nur, weil sie eine exemplarische Familiengeschichte der Zeit beleuchtet und einen Konflikt zwischen Pflicht und Neigung auf die Spitze treibt. Höchstwahrscheinlich auch aufgrund von Rothmanns vermeintlich empathischer Herangehensweise, die jedoch vielfach etwas kitschig und erstaunlich distanziert daherkommt. Viele von uns wissen wenig über ihre Eltern und Großeltern im Krieg. Was sie getan haben, wo sie gewesen sind, welche Schuld sie womöglich auf sich geladen haben, welche Erinnerungen sie quälen. Es wird geschwiegen aus diversen Gründen: Pietät, Angst, Scham, mangelnde Worte. Ähnlich ergeht es auch dem Erzähler der Rahmenhandlung in Rothmanns Roman, dessen Beziehung zu seinem Vater Walter immer distanziert im Vagen verbleibt. Einerseits ist der Vater zwar anwesend, andererseits hüllt er sich über persönliche Dinge, die Vergangenheit und Gefühle stets in Schweigen. Er ist …

Valerie Fritsch – Winters Garten

In der Geschichte der Menschheit wurde oft genug der Weltuntergang prophezeit. Was aber geschieht, wenn er tatsächlich eintritt – und man noch imstande ist, bewusst dem Ende entgegenzuleben – erzählt Valerie Fritsch in ihrem poetisch-apokalyptischen Roman ,Winters Garten’. Anton Winter wächst in einer nahezu paradiesischen, aber von städtischer Modernität vollkommen unberührten Gartenkolonie auf. Gemeinsam mit seinen Geschwistern, Eltern und Großeltern erlebt er dort eine unbeschwerte Harmonie, ein Lebensgleichgewicht, das es so später nicht mehr geben wird. Anton ist, selbst als Kind, auf nahezu spirituelle Weise eins mit der Welt, erlebt Geburten und den Tod gleichermaßen, erkennt den Lauf der Dinge als gegeben und akzeptiert ihn widerstandslos. Während seine Eltern ihm eher in sich gekehrt und abwesend erscheinen, kann er von den Geschichten seiner Großeltern kaum genug bekommen. Sie formen ihm eine Welt außerhalb des Gartens, denn den verlässt er nicht. Zwar gibt es weiter entfernt eine Stadt am Meer, doch die kennen die meisten nur vom Hörensagen. Niemanden zieht es dorthin. Unsere Gesellschaft, wie wir sie kennen, hat sich ohnehin längst aufgelöst. Die Gartenkolonie war …

Phil Klay – Wir erschossen auch Hunde

Für die meisten finden Kriege im Fernsehen statt. In der Zeitung allenfalls. Weit entfernt von alltäglichem Dauerstress und dem verzweifelten Versuch, sich zu entspannen. Phil Klay, der selbst als US-Marine im Irak stationiert war, liefert mit seinem Erzählband ,Wir erschossen auch Hunde‘ den Krieg und seine Sinnlosigkeit mit Wucht und Eindringlichkeit direkt ins heimische Wohnzimmer. Krieg ist heute automatisiert, die Feindbilder sind klar. Man tut gut daran, weder Mission nach Handeln zu sehr zu hinterfragen. Und auch wenn man nach Hause zurückkehrt, bleibt man dort. In zwölf Erzählungen aus Truppenlagern in Afghanistan oder dem Irak beschreibt Phil Klay auf vielfältige Weise den Umgang mit Krieg, Tod, Gewalt und Befehlen. Viele seiner Figuren haben das selbstständige und kritische Denken längst aufgegeben und sich einer Idee unterworfen, die sie für gut und ehrenhaft halten. Viele fürchten einfach nur um ihr Leben, auch wenn keiner von ihnen es zugeben kann. Sie handeln so automatisch wie die Waffen und Geschütze, die sie bedienen. In dem Moment denkt man nicht darüber nach. Da überlegt man, wer in dem Haus ist, …