Alle Artikel mit dem Schlagwort: matthes und seitz

Wolfgang Sofsky – Einzelgänger

Wolfgang Sofsky ist ein deutscher Soziologe, Essayist und Autor. 1993 erhielt er den Geschwister-Scholl-Preis für sein Werk ‘Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager.‘ Er studierte Soziologie, Philosophie, Politikwissenschaften und Geschichte. In seinen Schriften beschäftigt er sich vielfach mit der Einschränkung von Freiheit durch Politik, hier auch nachzulesen in einem Interview in der FAZ, in dem er über Veränderungen in der Sicherheitspolitik angesichts der Gefahr von Terroranschlägen spricht. Einzelgänger ist sein Prosadebüt, kürzlich erschienen im Matthes & Seitz Verlag. “Zur Ehre der Menschheit ist wenig zu sagen”, stand auf dem Zettel. So beginnt eine Erzählung Sofskys, die uns einen Menschen zeigt, der sich von allem und allen abgewandt hat. In sich zurückgezogen lebt er in einem alten Landhaus und verschwindet eines Tages einfach, vom Erdboden verschluckt. Man könnte fast meinen, dieses kurze Zitat sei die implizite Überschrift in allen Erzählungen, vom Menschen kann man nicht viel erwarten, er ist wie er ist, kein Anlass zum Optimismus, zur Philantropie. Wolfgang Sofskys Einzelgänger ist eine hochliterarische Komposition von Momentaufnahmen. Ein Panoptikum einsamer Gestalten, einsam aus vielerlei Gründen, manchmal selbstgewählt, …

Jonathan Littell – In Stücken

Jonathan Littell ist ein französischer Schriftsteller amerikanischer Herkunft. Er ging in Paris zur Schule und studierte in Yale. Seinen größten Erfolg hatte Littell bisher mit seinem Monumentalwerk Die Wohlgesinnten, für das er mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. Es beschäftigte sich detailliert mit den Gedanken und Gefühlen eines SS-Offiziers und sorgte 2008, nach seinem Erscheinen in Deutschland, für heftige Debatten. Das hier vorliegende Werk wurde übersetzt von Heiner Kober, der neben Littell auch Bücher von Oliver Sacks und Stephen Hawking übersetzte. Ich gestehe – das hier ist mein erster Littell. Zwar machte mich die mediale Furore, die es vor einigen Jahren um Die Wohlgesinnten gab, ein bisschen neugierig, aber ich habe das Lesen damals auf einen späteren Zeitpunkt verschoben, schließlich ist die Reise in die Gedankenwelt eines Nazi-Funktionärs nicht eben kurz. Ganz im Gegenteil zu In Stücken, das gerade neu im Matthes und Seitz Verlag erschienen ist. 59 Seiten umfasst es, diese Momentaufnahme eines namenlosen Protagonisten, der, von einer Situation in die nächste gleitet, getrieben wird wie von einer unsichtbaren Kraft, sich selbst niemals gewiss. …

Goce Smilevski – Freuds Schwester

Goce Smilevski ist ein mazedonischer Schriftsteller. Er studierte Literatur – und Kulturwissenschaft und schrieb mehrere Theaterstücke und Romane. Für Freuds Schwester wurde er 2011 mit dem European Union Prize for Literature ausgezeichnet. Selten habe ich so etwas Eindringliches, Beschwertes und Poetisches gelesen. Selten habe ich etwas gelesen, das mich gleichzeitig so gefesselt und deprimiert hat. So, als wollte das Buch die eigenen psychischen Grenzen ausloten. Und damit findet sich eine ganz amüsante Parallele zum dem Buch innewohnenden Thema: Freud. Dem, was Freud untersuchte und dachte, dem, was seiner Zeit eigen war und dem, was sich in seiner Zeit durch ihn und neben ihm veränderte. Erzählerin ist seine Schwester Esther Adolfine Freud, über die nur sehr wenig bekannt ist. Ich habe versucht, das ein oder andere im Internet zu recherchieren, doch diese Recherche ist fruchtlos geendet. Bekannt ist, dass Sigmund Freud seine Schwestern nach der Annexion Österreichs nicht mit nach London nahm. Es sei ihm gestattet gewesen, eine Liste derer zu erstellen, die ihm am wichtigsten seien und die mit ihm ausreisen dürften. An seinen Hund dachte …