Alle Artikel mit dem Schlagwort: Manesse

Herman Melville – Bartleby, der Schreiber

Unbestritten ist es einer der berühmtesten Sätze der Literaturgeschichte: ,Ich möchte lieber nicht.’ oder – im englischsprachigen Raum – ,I would prefer not to.’ Mittlerweile gibt es gar T-Shirts und Stoffbeutel mit dieser Aufschrift zu kaufen, sie hat sich gewissermaßen aus ihrem literarischen und kulturellen Kontext befreit und geistert nun, wie ihr Urheber, ein bisschen seelenlos und blässlich durch die Lande. Oder hat es womöglich Gründe, warum wir uns gerade heute dieses Ausspruchs wieder vermehrt erinnern? Eine Form der Protestkultur? Herman Melville schreibt seine Erzählung 1853, wo sie zunächst in Putnam´s Monthly Magazine veröffentlicht wurde. Ein alternder Anwalt erzählt in der Ich-Perspektive von einem sonderbaren Kopisten namens Bartleby, den er in seiner Kanzlei in der Wall Street anstellt, um sich und seine Mitarbeiter zu entlasten. Schon ihr erstes Zusammentreffen verläuft steif, ohne Herzlichkeit. Bartleby wirkt blass, ausgezehrt, zu keinerlei gefühlvoller Regung imstande. Zuerst brachte Bartleby eine erstaunliche Menge Schreibarbeit hinter sich. Als sei er geradezu ausgehungert nach Material zum Kopieren, fraß er sich an meinen Akten voll. Zum Verdauen ließ er sich keine Zeit. Er …

Mark Twain – Knallkopf Wilson

Mark Twain (1835-1910, eigentlich Samuel Langhorne Clemens) gehört wohl zu den bekanntesten amerikanischen Realisten. Berühmtheit erlangte er vorallendingen durch seine Geschichten um Tom Sawyer und Huckleberry Finn und seine Reisebeschreibungen. Seine humoristischen Erzählungen erfreuten sich großer Beliebtheit, jedoch gab es auch den gesellschaftskritischen und zynischen Twain, den man neben den gefälligen Abenteuergeschichten leicht vergisst. Knallkopf Wilson ist hierfür ein gutes Beispiel. Mark Twain ist der bei weitem bedeutendste amerikanische Schriftsteller … Ich spreche mehr von dem Soziologen als von dem Humoristen Twain. Sicherlich ist er in fast derselben Lage wie ich. Er muss die Dinge so darstellen, dass die Leute, die ihn andernfalls hängen würden, glauben, er mache Spaß. … sagte George Bernard Shaw über Mark Twain und hatte damit vermutlich nicht Unrecht. Knallkopf Wilson ist, trotz seines relativ geringen Umfangs, eine sehr vielschichtige und gewissermaßen auch genreübergreifende Erzählung. Man kann es als Kriminalgeschichte lesen, als bissige Satire auf den Südstaatendünkel zu Zeiten der Sklaverei, man kann es lesen als Streitschrift gegen eben jene Sklaverei oder als Geschichte eines Lebens, das bleibt jedem selbst überlassen. …