Alle Artikel mit dem Schlagwort: literatur

Ein (Blog)Jahr 2013 endet

Allerorten wird man dieser Tage erschlagen mit Jahresrückblicken und possierlichen Infografiken, die in möglichst komprimierter Form das letzte Jahr widergeben sollen. Auf dass wir uns alles nochmal wohlmeinend ins Gedächtnis rufen, um es dann, überwiegend, guten Gewissens von der Festplatte zu löschen. Nächstes Jahr geht schließlich alles von vorn los. Auch ich möchte auf mein 2013 zurückschauen, denn es hatte so einige literarische und persönliche Überraschungen parat, die nicht unerwähnt dem Vergessen anheimfallen dürfen. Mein Lesejahr begonnen habe ich mit Ingvar Ambjørnsens ,Den Oridongo hinauf‘. Es war ein Weihnachtsgeschenk und eine sehr lohnenswerte Lektüre. Sprachlich außerordentlich intensiv nahm das Jahr seinen Anfang auf einer abgelegenen norwegischen Insel. Kurz darauf folgten zwei absolute Ausnahmen in meiner bisherigen Blogtätigkeit. Habe ich doch den hochgelobten und vorallendingen äußerst rentablen Roman von Jojo Moyes gelesen, ,Ein ganzes halbes Jahr‘. Und mich bewusst entschieden, es nicht zu rezensieren. Zwar habe ich einen Text geschrieben, irgend etwas hat mich dann aber doch davor zurückschrecken lassen, es zu veröffentlichen. Hier ein kurzer Auszug: Man mag es kaum glauben, da lese ich doch …

Da steh’ ich nun, ich armer Thor ..

… und bin so klug als wie zuvor. (Johann Wolfgang von Goethe, Faust I) Unbestritten hat sich unsere Wissenskultur und vorallendingen der Zugang zu Informationen seit Goethes Zeit drastisch verändert. Seit das Internet nahezu standardmäßig zur Ausstattung deutscher Haushalte gehört und sich dank Smartphones auch angenehm portabel gestaltet, ist kaum eine Information noch zu abseitig, um sie zu finden, kaum eine Frage bleibt länger als einen Klick unbeantwortet. Wikipedia hat den guten alten Brockhaus abgelöst,der früher noch in epischer Breite die Schrankwand im Wohnzimmer okkupierte wie einst die großen Entdecker fremde Länder. Er gehörte zur Inneneinrichtung und wurde wohlwollend von Generation zu Generation weitergereicht. Wir alle, auch Goethe, waren uns schon immer im Klaren darüber, dass es so viel mehr zu wissen gibt als wir jemals lernen und begreifen können. ,Ich weiß, dass ich nichts weiß‘ war zu Sokrates’ Zeiten womöglich noch ein demütiges Eingeständnis, eine Verbeugung vor der Welt und all ihren kleinen und großen Rätseln und Geheimnissen. Heute stünde dieser Satz mutmaßlich am Ende einer jeden erfolgreichen Selbstreflexion. Ich weiß nichts – und …

John Williams – Stoner

John Williams (1922-1994) war ein amerikanischer Autor und Herausgeber. Er studierte Englische Literatur, lehrte an der University of Denver und unterrichtete bis zu seiner Emeritierung 1985 im Rahmen desdortigen Creative Writing Programs. Williams war außerdem Gründer der Literaturzeitschrift Denver Quarterly. Für Augustus, einen historischen Roman über Kaiser Augustus, wurde Williams 1973 mit dem National Book Award ausgezeichnet. Stoner erschien erstmals 1965 und wurde nun, fast fünfzig Jahre später, von Bernhard Robben ins Deutsche übertragen. Es erscheint im Deutschen Taschenbuchverlag. Stoner ist ein Roman, wie ihn das Leben schreibt. Wer sich einen Moment Zeit für die Biographie John Williams’ nimmt, wird feststellen, dass ihn sehr viele Gegebenheiten mit dem etwas lakonischen Professor für Englische Literatur verbinden. Aufgewachsen auf der Farm seiner Eltern war es für William Stoner ein ungeschriebenes Gesetz,eines Tages seinem Vater als Farmer nachzufolgen. Nahezu widerwillig lässt er sich auf den Vorschlag ein, an der Universität Agrarwirtschaft zu studieren, es ist weniger eine Leidenschaft, denn eine Notwendigkeit, die ihn dazu treibt. Mit Interesse und Pflichtbewusstsein absolviert er sein Studium, bis er eines Tages in …

Immer auf die Kleinen

Knapp einen Monat ist es jetzt her, dass ich die Aktion “Die Kleinsten werden die Größten sein” ins Leben gerufen habe. Die Resonanz war überraschend. 267-mal auf Facebook und 24-mal auf Twitter verbreitet, das schien mir ein ganz guter Schnitt zu sein und ich war ganz begeistert, wie viele diesen Aufruf für eine gute Idee hielten. Mich erreichten aber auch enttäuschte Nachrichten, Erfahrungen aus Buchhandlungen, die so natürlich Ressentiments schüren. Abschätzige Blicke von Buchhändlern, die eher im Literarischen beheimatet sind, eine Art von Nostalgie und Rückwärtsgewandtheit, die ein Verschließen gegen gewisse Veränderungen in der Branche bedeutet. Ich habe mir die kleinen und großen Nöte angesehen und versucht, zu einem neuerlichen Besuch einer anderen Buchhandlung zu raten. An anderer Stelle – und nicht im Rahmen meiner Aktion – wurde dem Buchhändlerberuf gar attestiert, völlig überflüssig und nutzlos zu sein. Auch im Berufsalltag höre ich auf mein freundliches Angebot “Ich kann Ihnen das Buch aber gern zu morgen bestellen” ein fast pikiertes und kaltschnäuziges “Das kann ich auch selber.” Vielerorts scheint die Auffassung Fuß zu fassen, dass …

Lewis Always oder 1984

Heute wäre Eric Arthur Blair, den wir alle unter dem Namen George Orwell kennen, 112 Jahre alt geworden. Ab einem bestimmten Zeitpunkt wirkt dieses konstante Weiterzählen der Lebensjahre nach dem unumkehrbaren Dahinscheiden etwas realitätsfremd, aber vermutlich werden wir auch zukünftig irgendwann schreiben: Heute wäre Elvis 200 Jahre alt geworden – selbst wenn das auch unter normalen Umständen wohl niemals der Fall gewesen wäre. Wie dem auch sei, sich an George Orwell, einen der bedeutendsten englischen Schriftsteller zu erinnern, wird niemals nutzlos oder antiquiert sein. Ganz im Gegenteil. George Orwell wurde 1903 in Indien geboren. Sein Vater war Kolonialbeamter des Indian Civil Service und als solcher für die Opiumernte zuständig. Als er ein Jahr alt ist, nimmt seine Mutter ihn und seine Schwestern mit zurück nach England, nach Henley-on-Thames in Oxfordshire. Er besuchte die anglikanische Kirchenschule in Henley-on-Thames und wechselte 1917 ans Wellington bzw. Eton College. Seine schulischen Leistungen waren so gut, dass seinen Eltern die Hälfte seines Schulgeldes erlassen wurde. 1921 ging Orwell zur britischen Kolonialpolizei – wie sein Vater – und wurde im Dienste …

Deborah Levy – Heim schwimmen

Deborah Levy  ist eine britische Schriftstellerin. Bis 1981 besuchte sie das Dartington College of Arts, dann begann sie Theaterstücke sowie Beiträge für Radio und Fernsehen zu verfassen, die großen Anklang fanden. 1986 veröffentlichte sie mit Beautiful Mutants ihren ersten Roman. Heim schwimmen landete 2011 auf der Shortlist des Booker Prizes. Im Früher dieses Jahres ist es, von Richard Barth ins Deutsche übersetzt, auch im Wagenbach Verlag erschienen. Dichter und Schriftsteller Joe Jacobs, seine Frau Isabel, deren pubertierende Tochter Nina und ein befreundetes Ehepaar fahren in ein Ferienhaus nach Frankreich. Joe und seine Frau haben sich schon lange nichts mehr zu sagen. Isabel ist Kriegsreporterin und dementsprechend häufig überall in der Welt, nur nicht zuhause. Ihre Tochter hat sich an ein Leben ohne ihre Mutter gewöhnt, zwischen ihnen herrscht kühle Distanz. Die Freunde Mitchell und Laura sind mitgefahren, um ihrem ganz eigenen existentiellen Desaster zu entgehen. Mitchell ist hoch verschuldet und die beiden werden ihren Laden für außergewöhnliche und kostspielige Souvenirs aus Afrika und Umgebung bald schließen müssen. Es ist kein Urlaub, wie man ihn sich …

Gérard Otremba – Die geheimen Aufzeichnungen des Buchhändlers

Gérard Otremba entnimmt seine herrlichen Anekdoten dem Arbeitsalltag einer großen Frankfurter Buchhandlung, in der er tätig ist. In zwei Kladden hat er über längere Zeit witzige bis absurde Begegnungen zwischen Kunde und Verkäufer zusammengetragen, die er in diesem kleinen Heftchen (39 Seiten) und dessen Nachfolger Ein weiterer Tag im Leben des Buchhändlers präsentiert. Dieses Heftchen ist eine Besonderheit, die ich der lesenden Bevölkerung, insbesondere denen, die irgendwie beruflich mit dem Buchhandel verbandelt sind, nicht vorenthalten möchte, denn es ist einfach urkomisch und dabei überraschend authentisch. Wer sich schon immer einmal fragte, wie es wohl ist, in einer Buchhandlung zu arbeiten, der wird mit Gérard Otremba einen Einblick gewinnen, der ihm hoffentlich das nächste Mal ein bisschen Warmherzigkeit und Verständnis gegenüber seinem Buchhändler abnötigt. Ich habe bei der Lektüre merhfach schallend gelacht und war hin und wieder nahezu schockiert von … dem, was manche Kunden so fragen. Aber spätestens, nachdem mich ein Kunde fragte: ‘Ich suche das Buch ‘Der Hundertjährige, der aus dem Fenster sprang und starb’, können Sie mir da helfen? habe ich keinerlei Zweifel …