Alle Artikel mit dem Schlagwort: kiepenheuer und witsch

Alina Bronsky im Interview!

© Bettina Fürst-Fastré In ihrem aktuellen Roman erzählt Alina Bronsky von der alten Baba Dunja, die nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl in die radioaktiv verseuchte “Todeszone” zurückkehrt. In diesem Dorf hat sie vor dem Unglück gelebt und sie will dort sterben. Alina Bronsky erzählt im Interview, was sie zu der Geschichte einer Rückkehrerin bewegte und wie sich sich selbst an das Unglück erinnert. Frau Bronsky, Sie waren bei dem Reaktorunglück in Tschernobyl acht Jahre alt und lebten noch in Russland. Was haben Sie in Erinnerung von damals? So seltsam es klingt: Ich erinnere mich an gar nichts. Ich kann heute gar nicht sagen, ob das Verdrängung ist oder ob die sowieso eher spärlichen Informationen einfach nicht zu mir durchgedrungen sind. Ich habe erst viel später angefangen, das Ausmaß der Katastrophe, die mit dem Wort Tschernobyl assoziert wurde, zu begreifen Baba Dunja tut mit der Rückkehr in die sogenannte „Todeszone“ ja etwas eigentlich Unbegreifliches. Dennoch gibt es ja auch außerhalb der Fiktion diese Rückkehrer. Was, glauben Sie, bewegt die Menschen dazu, sich dieser Gefahr auszusetzen? Ich …

Alina Bronsky – Baba Dunjas letzte Liebe

Die alte Baba Dunja ist eine Tschernobyl-Heimkehrerin. Nach der Katastrophe im Reaktor 1986 verwaisten ganze Dörfer und Landstriche, eigentlich sollte niemand in diese Gefahrenzone zurückkehren, von der keiner genau sagen kann, wann und ob sie jemals ungefährlich, gesundheitlich unbedenklich sein wird. Baba Dunja hat Vieles aufgegeben für diese Rückkehr, aber sie tut es im Bewusstsein ihres hohen Alters. Alina Bronsky hat mit diesem Roman ein unheimlich anrührendes Porträt einer Frau gezeichnet, die trotz aller Widrigkeiten Herrin über ihr eigenes Leben bleibt. Baba Dunja war die erste, die sich in dem kleinen Dorf Tschernowo nach dem Reaktorunglück wieder ansiedelte. Die Spinnen hatten ihre Hütte in seidene Fäden gewickelt, es war still. Nur die Vögel zwitscherten lauter als früher. Das, erklärte man ihr später, läge vor allem daran, dass hauptsächlich die männlichen Exemplare der Population überlebt hätten, die nun verzweifelt nach einem Weibchen riefen. Ihre Katze wirft missgestaltete Jungen. Nach und nach kommen auch andere ehemalige Anwohner zurück. Baba Dunjas Nachbarin Marja, deren Hahn jeden Morgen die Idylle in einem Landstrich vernichtet, in dem sonst kein Leben …

Steine im Bauch

Eine Mutter entdeckt ihre Berufung in der Aufnahme von Pflegekindern. Ihr leiblicher Sohn droht daran zu zerbrechen. Jon Bauers Debütroman ist eine Geschichte so intensiv wie ungewöhnlich. Er stellt nicht die Frage nach dem Schicksal der Pflegekinder, er fragt nach dem Kind, das dafür zurücksteckt, immer wieder. Für ,Steine im Bauch’ erhielt Jon Bauer 2011 u.a. den Indie Award For Debut Fiction. Weil seine Mutter schwer an Krebs erkrankt ist und ein aggressiver Hirntumor sie bereits in einen Menschen verwandelt, der ihm fremd wird, kehrt der namenlose Protagonist nach Hause zurück. Seine Mutter kann kaum noch sprechen, ist dringend auf Pflege angewiesen und kann ihm wenig entgegensetzen als er angesichts ihrer so offensichtlichen Schwäche wieder gedanklich in die Vergangenheit zurückkehrt. Nicht immer war sie so schwach und hilflos, viel mehr war er es oft, der ein offenes Ohr und Unterstützung gebraucht hätte. Stattdessen schenkte seine Mutter den wechselnden Pflegekindern ihre Liebe und Aufmerksamkeit, denen, die es nicht so gut hatten wie er. Und schafft damit ironischerweise eine Art Pflegefamiliensituation für ihr eigenes Kind, das sich …

Hans Herbert Grimm – Schlump

Der Erste Weltkrieg ist in diesem Jahr in aller Munde, 100 Jahre sind seit seinem Beginn vergangen. Beinahe jeder größere Verlag veröffentlichte in den letzten Monaten ein Buch zum Thema, überwiegend Sachbücher, aber auch den ein oder anderen Roman. Einen Roman wie Schlump, der nun wahrlich keine Neuerscheinung, sondern eine Wiederentdeckung ist. Erstmals 1928 veröffentlicht, konnte er sich bereits zu damaliger Zeit nicht gegen seinen größten Konkurrenten durchsetzen. Es begann – so steht es auch im Buchumschlag – mit Volker Weidermanns Erwähnung in seinem ,Buch der verbrannten Bücher‘. Jahrzehntelang galt der Schlump als vergessen und verschütt gegangen, von seinem größten Konkurrenten ,Im Westen nichts Neues’ abgedrängt, von den Nazis mit unzähligen anderen Werken verbrannt. Es war nicht abzusehen, dass sich an seinem Verschwinden vom literarischen Horizont etwas ändern würde, nicht zuletzt auch deshalb, weil Hans Herbert Grimm sich bis nach Kriegsende nicht offen zu seiner Autorenschaft bekannte. Er fürchtete um sich, seine Lehrtätigkeit, sein Leben. Ursprünglich von Kurt Wolff verlegt, fristete der Schlump also ein Schattendasein – bis Volker Weidermann (,Ostende‘) ihn gemeinschaftlich mit Kiepenheuer …